O holde Ordnung meines kreativen Hirns, die du in nichts der Ordnung Anderer gleichst. Ich bin so ganz und gar betört von deinem Charme, Aus Zettelbergen, Kaffeerändern und Gekritzel. Der Tisch beugt sanft geduldig sich der Last, Noch schimmert Holz an manchen Stellen durchs Papier, Erinnert mich daran: Dort, da und hier ist Platz für mehr.

(von Goethe, vielleicht).

Die Essenz von Kreativität ist Ordnung. Nur eben eine andere.

Denn das ist doch unsere Aufgabe, als KünstlerInnen oder Kreative: Altbekanntes neu zu ordnen. Unsere authentischen Erfahrungen und Gedanken authentisch auszudrücken. Sie in genau den Farben, Formen oder Worten zu fassen, die ihr entsprechen. Nicht zum Klischee zu greifen. Uns nicht mit abgegriffenen Floskeln zufrieden zu geben. Sondern so lange zu suchen, bis wir sie gefunden haben: Die Ordnung, die zu unserem Roman passt, zu unseren Vorstellungen. Die Ordnung, die unsere Fragen beantwort und unsere Suche befriedigt.
Wir schaffen eine neue Ordnung für unsere Erfahrungen, statt unsere Erfahrungen der bestehenden Ordnung unter-zu-ordnen.

Von jung an hab ich mich mit meiner Umgebung, vor allem mit Lehrern, über Ordnung streiten müssen. In der Grundschule war ich den Kommentaren der Erwachsenen noch hilflos ausgeliefert. Meine Hefte waren zu zerknittert, meine Handschrift zu unregelmäßig, die Backsteinmauer, die wir im Kunstunterricht malen sollten, nicht gerade genug – und ich hatte noch keine Ahnung von Kreativität. Konnte den Urteilen und Ansprüchen nichts entgegenhalten.

Ein paar Jahre später trat ich den Kampf gegen die fremden Ordnungsvorstellung wohlgerüstet an. Bis an die Zahnspange bewaffnet mit Brecht- oder Rilkezitaten (sogar Goethe wusste ich so zu verdrehen, dass er mir beistand), ließ ich mich nicht mehr ganz so beirren, aber richtig sicher war ich meiner Sache trotzdem nicht. Daheim am Schreibtisch oder an der Staffelei schlug ich mir selbst genau die Vorwürfe um die Ohren, die ich morgens noch so bravourös abgeschmettert hatte. „Schon wieder ein Tintenfleck – so kannst du nie Zeichnerin werden“. „Was für ein Geschmiere“. Mit Erfolg, ich wusste mir selbst regelmäßig sehr effektiv den kreativen Atem abzuschnüren.

Zwei Ordnungstypen: Hefter und Stapler

Wie sehr ich mir mit diesen von anderen übernommenen Ordnungsvorstellungen selber schadete, begriff ich erst so richtig, als ich über eine Studie las, die am Massachusetts Institute of Technology durchgeführt wurde (hier im Economistist ist noch darüber zu lesen). Bei dieser Studie wurde zwischen „filern“ und „pilern“ unterschieden. Also zwischen den Menschen, die Dokumente und Notizen in Ordnern abheften und jenen, die Schriftstücke in Stapeln auf dem Schreibtisch anordnen. Zunächst fanden die Forscher heraus, dass die Stapler nicht einfach ein zufälliges Chaos auf dem Schreibtisch verursachen, (wie von den Abheftern oft vermutet wurde), sondern das ein System hinter der Anordnung steckt:

„When pilers get it, they leave it on the desk—not randomly, but in concentric circles. There is a “hot” area, of stuff that the worker is dealing with right now. There is a “warm” area, of stuff that needs to be got through in the next few days: it may be there, in part, as a prompt. And there is a “cold” area, at the edges of the desk, of stuff which could just as well be in an archive (or, often, the bin)“ Economist.com.

Die vermeintliche Unordnung ist in Wirklichkeit ein Abbild des Denkens jener Menschen.

Die Forscher machten gleich noch eine weitere erstaundliche Feststellung: Stapler finden sich in ihrer Ordnung besser zurecht als Abhefter. Sie können ein bestimmtes Dokument SCHNELLER aus dem Stapelchaos heraussuchen als jene, die ihre Schriftstücke in Mappen abgeheftet haben.

Dieses Ergebnis sollten wir Stapler uns langsam auf der Zunge zergehen lassen: Unsere persönliche Ordnung, die visuell unser Denken repräsentiert, ist effektiver, als eine, die zu anerkennten Abheftmethoden greift. (Eigentlich logisch, wieso brauchte ich so lange um das zu begreifen?).

Logisch ist es, denn wenn eine Ordnung mit persönlicher Bedeutsamkeit aufgeladen ist und mein Denken repräsentiert, dann brauche ich sie mir nicht umständlich zu merken. Ich brauche nicht darüber nachzudenken, wie ich Rubriken verschlagworte. Ob Kategorien ausschließend sind. Wie ich sie auch wieder genannt habe. Und was ich mit all den Zetteln mache, die in keine oder in mehrere Kategorien passen.

Nichts gegen Kategorien, Hängemappen, Outliner. Wenn du damit glücklich bist, tobe dich aus. Aber wenn nicht – wenn deine persönliche Ordnung, das innere deines Kopfes, deines Herzens nicht so aussieht:

sondern so:


dann kannst du dich jetzt beruhigt an deinem vollgestapeltem Schreibtisch zurücklehnen: Deine Ordnung ist OK.

Noch eins haben die Forscher des MIT als Ergebnis festgehalten: Dass Manager sich damit zurückhalten sollten, ihren Mitarbeitern bestimmte Ordnungsweisen vorzuschreiben. Denn sie greifen damit ins Denken ihrer Mitarbeiter ein.

Diese Schlussfolgerung lässt sich locker verallgemeinern: Niemandem sollten wir Ordnungsvorstellungen überstülpen, vor allem uns selbst nicht. Sondern unsere eigene Ordnung mit Respekt untersuchen. Sie nicht in Mappen zwängen, in denen sie sich nicht entfalten kann. Ihr Raum gewähren und uns neugierig auf die Spuren unseres Denkens machen.

Denn Kreativität ist Ordnung – nur eben eine andere. Eine einzigartige und wunderbare. Eine neue und orginelle. Eine kreative Ordnung.

Lebe sie hoch!

Bist du Stapler oder Hefter? Hast du manchmal Schuldgefühle, weil du nicht auf die „richtige“ Weise ordentlich zu sein scheint? Und hast du Ordnungstipps, die auch für Stapler geeignet sind? Ich freu mich über Tipps!

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Post von nathlieb

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