Wie wichtig kreative Weggefährten für mich und meine Arbeit sind, begriff ich durch die ein paar sehr spannende Bloggerinnen, die mich in den letzten Monaten interviewt haben.  Daher ein herzliches Danke an: Susanne Ackstaller (die mir Fragen über Mode und Schönheit stellte), Ulrike Zecher (die mich mit ihren Blaumacherfragen zu neuen Gedanken über Prokrastination  inspririerte), Simone Harland  ( deren Fragen zu meiner Verlagsgründung den Anlass für meinen Text „Sieben gute Gründe für einen eigenen Verlag“ formten) und Christa Goede (deren kluge Fragen mir deutlich machten, wie sehr sich meine Auffassung von „Authentizität“ sich in den letzten Jahren doch verändert hat). Ohne Euch würde es diese Ode nicht geben.


An meine kreativen GefährtInnen

Ohne meine kreativen Weggefährten würde ich meinen Weg nicht mit der gleichen Kraft gehen.  Ob sie gleich hier um die Ecke wohnen, in Berlin oder Amsterdam oder am anderen Ende der Welt, das ist egal. Denn was uns verbindet, ist der kreative Prozess. Wir haben uns derselben Aufgabe verschrieben: Unsere kreative Arbeit zu machen, mit allem was dazugehört. Mit der Angst, dem Spaß, der kurvigen Biografie, den Glücksmomenten, dem manchmal lange ausbleibenden Erfolg, dem Unverständnis der Umgebung, der Inspiration, der Fragen, den Zweifeln und der Ungewissheit, wo unser Weg uns hinführen wird. So unterschiedlich unsere Arbeiten sind, wir teilen dieselben Werte. Weil wir die kreative Arbeit wichtiger finden, als Geld, als Karriere, als Status.
Kreative Weggefährten sind für meine Arbeit wichtiger als Pinsel und Tusche, Verkäufe oder Auszeichnungen. Sie sind gleichzeitig Voraussetzung und Gewinn meiner Arbeit. Was sie für mich und meine Arbeit tun ist unersetzlich und sie tun es auf fünf wichtige Weisen:

1. Kreative GefährtInnen stellen Fragen und sie fragen aus echter Neugier

Das ist wichtig. Fragen stellen kann jeder, aber oft hören wir Fragen wie: „Willst du das wirklich machen?“ „Willst du dir nicht mal einen richtigen Beruf suchen?“ oder „Meinst du, du kannst davon leben?“. Solche Fragen saugen der Kreativität ihre Kraft ab und sie haben nichts mit wahrem Interesse zu tun. In ihnen ist die vermeintliche Antwort schon versteckt, es sind rhetorische Fragen, nur dazu gedacht, uns im Rahmen der Normalität festzuhalten oder uns auf den geebneten Weg zurückzuleiten.
Ganz anders fragen kreative Gefährtinnen. Sie folgen unseren Entwicklungen, weil sie sich für  uns und unsere Arbeit interessieren. Tun wir etwas, das sie nicht begreifen, dann fragen sie, um den Anschluss nicht zu verlieren, um unseren Wegen weiter folgen zu können. Manchmal fragen sie auch, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Aber damit meinen sie nicht den Weg, den andere für uns vorgesehen haben, sondern unseren eigenen. Sie fragen: „Bist du noch auf deinem Weg?“ „Tust du noch das, was dir wichtig ist?“ „Hast du nicht vergessen, wofür dein Herz brennt?“ Und erinnern uns damit an das, was wir uns selbst versprochen haben.
Ein paar der wichtigsten Entwicklungen in meinem Leben, wurden durch die Fragen von anderen in Gang gesetzt. An die Allerwichtigste erinnere ich mich noch ganz genau: Es war in einem Café in der Amsterdammer Pijp, wir aßen Penne mit Pinienkernen und redeten über Kinder und Karriere. Und dann kam da plötzlich dieses: „Bist du glücklich in deinem Beruf? Ich denke immer, du solltest etwas Kreatives machen“.
Rückblickend kann ich sagen, dass die Frage genau zum richtigen Zeitpunkt kam. Aber damals war sie unbequem. Ich hatte gerade erreicht, was in meiner Familie zu erreichen wichtig war: Eine Stelle in einem wissenschaftlichen Institut, meine ersten Veröffentlichungen, die Aussicht auf eine kluge Karriere, ein gutes Gehalt. Weswegen ich auch nicht begeistert rief: „Dank je wel, Marja, für diese großartige Frage“. Sondern erklärte, dass die Wissenschaft durchaus sehr kreativ ist und dass mir meine Arbeit ja sehr viel Spaß machte und anderes Blablabla, bei dem ich schon während ich es äußerte spürte, dass es nicht stimmte. Seit dem Tag hatte ich natürlich keine Ruhe mehr. Wofür ich Marja, von ganzem Herzen dankbar bin. Kreative GefährtInnen haben den Mut unbequeme Fragen zu stellen.

2. Kreative Wegggefährten legen ihren eigenen kreativen Prozess offen

Sie zeigen uns nicht nur die Ergebnisse, die Preise, die fertigen Meisterwerke. Sondern lassen uns auch an ihren Zweifeln und Suchen, ihren Irrwegen und Umwegen, ihrem Scheitern und Wieder-von-vorne-anfangen teilhaben. Sie beschönigen nicht, weil es ihnen nicht darum geht, dass wir sie anhimmeln. Sie wissen, wie wichtig Austausch unter Kreativen ist, wie wichtig es ist, Weggefährten zu haben. Und darum ermöglichen sie uns mit ihrer Offenheit, den wirklichen Prozess zu sehen und nicht nur die schillernde Oberfläche. Manche meiner kreativen GefährtInnen kenne ich schon seit Jahrzehnten wie Jürgen  oder Milena. Es ist faszinierend, kreative Entwicklungen über so lange Zeit mitzuerleben – aber eben nur, wenn man nicht nur die Erfolge, sondern auch die Fragen, die übermalten Leinwände, die rausgeschnittenen Szenen, die Fehlentscheidungen, die Unsicherheiten zu sehen bekommt. Nur dann kann ein gemeinsamer Prozess entstehen, kann man gemeinsam Kreativität untersuchen und immer besser begreifen. Ein Strich auf dem Papier, eine kreative Arbeit bekommt mehr und andere Bedeutung, wenn man sie im Kontext eines lebenslangen Strebens sehen kann. Kreative Weggefährten machen sich die Mühe, diesen Kontext im Blick zu behalten und sehen darum mehr als nur das einzelne Werk. Und weil sie uns erlauben, auch den Schattenseiten ihres Weges zu folgen, können wir ihnen vertrauen. Wir wissen, dass sie keine Abkürzungen nehmen, es sich nicht leicht machen, dass sie ihre eigenen Beweggründe immer wieder hinterfragen und dass sie das gleiche auch von uns erwarten. Die  Entwicklungen meiner Gefährtinnen dienen mir als Referenzpunkte, wenn ich unsicher bin, ob ich noch auf, dem richtigen Weg bin: meinem.

3. Kreative Weggefährten überraschen uns

Auch wenn wir ihren Wegen noch so nah folgen, wir haben keine Ahnung, wo er hinführt. Weil Menschen, die sich wirklich auf den kreativen Prozess einlassen, nie das machen, was wir erwarten. Wenn ich vorhersagen könnte, was die nächste Phase, das nächste Projekt einer Künstlerfreundin ist, dann würde ich anfangen mir Sorgen zu machen. Denn kreative Arbeit ist nun mal nie geradlinig. Kreativität entsteht in einem komplexen Zusammenspiel aus psychischen und ästhetischen Prozessen, aus Assoziationen und Gedächtnisspuren, Wünschen und Experimenten. Im Nachhinein, das fertige Bild betrachtend, mag der Weg logisch und konsequent wirken, aber wenn das neue Thema auftaucht, scheint es oft erst mal ein Bruch mit allem bisher Gemachten. Das geht nicht nur den Betrachtern, sondern auch den Kreativen selbst so. Wie oft hab ich nicht neben einem Künstler in seinem Atelier gestanden, der, seine Arbeit betrachtend, rief: „Keine Ahnung wo das herkommt“. Oder im Manuskript einer Kollegin eine überraschende Wendung entdeckt. „Ich dachte, er bringt sie um?“. Und dann kommt als Antwort so was wie: „Ich war auch überrascht“. Auch daran kann man kreative Gefährtinnen erkennen: Sie können solche Überraschungen akzeptieren. Sie erwarten nicht von sich oder von mir, dass wir alles, was wir tun, erklären können, unserem „Stil“ treu bleiben, tun was im Exposé steht oder irgendwelchen Regeln folgen. Sie wissen, dass der kreative Weg immer erst im Nachhinein als Weg zu erkennen ist. Dass das  Ziel der kreativen Arbeit nicht ist, späteren Generationen die Interpretation unseres Weges zu erleichtern, indem wir als die Meisterin der lila Phasen in Erinnerung bleiben. Sondern im Hier und Jetzt und mit ganzem Herzen unsere Arbeit zu machen, wo immer sie uns auch hinführen will.

4. Kreative Gefährtinnen haben keine Angst vor Intensität

Die Begegnungen mit anderen Kreativen können enorm intensiv sein. Das habe ich besonders in der Arbeit mit anderen Autorinnen erfahren. Gerade weil das Schreiben so ein einsamer und langwieriger Prozess ist, besteht die Gefahr, sich im eigenen Wortgebilde zu verfangen. Meine geistige Gesundheit lege ich dabei vertrauensvoll in die Hände von Ulrike, Jordis  und Dagmar, weil sie mit klugen Kommentaren und Fragen an der richtigen Stelle, vor allem durch ihren wunderbaren Humor dafür sorgen, dass ich mich selbst nicht zu ernst nehme und mich immer wieder aus Verknotungen befreie.
Kreative Gefährtinnen sind Menschen, die relativieren und um die eigenen Fehltritte lachen können. Sie wissen aber auch, wann Ernst angesagt ist und es ums Ganze geht. Sie wissen, dass Kreativität kein Hobby ist, sondern etwas, das mit Haut und Haar berührt, das aus dem Innersten kommt und darum heftig und ernst sein kann – auch wenn man an einem fröhlichen Roman oder einem Fantasybuch schreibt. Die Leichtigkeit, die beim Leser ankommt, das Lachen beim Lesen, der Spaß beim Eintauchen in eine andere Welt, wurde von der Autorin selten mit Fingerschnippen und im Dauerspaß erschaffen. Auch ein fröhliches Buch ist manchmal auf Tränen gebaut (ja wächst nicht der wunderbarste Humor oft auf Widerständen?), auf schlaflosen Nächten und verzweifelten Manuskriptzerstückelungen. Kreative Gefährtinnen wissen all das und wissen auch, wie sie es nehmen sollen, wenn ich ins Telefon klage, dass mein Buch Mist ich oder ich doch lieber Wissenschaftlerin geblieben wäre. Sie streicheln mir dann ein paar mal über den Kopf und schicken mich wieder an den Schreibtisch. Oder in die Sonne.

5. Kreative Weggefährten fordern uns

Sie fordern nicht, dass wir reich oder schön, dünn oder belesen, vernünftig oder sittsam sind. Aber sie fordern, dass wir unsere kreative Arbeit machen, dass wir uns für diese Arbeit anstrengen und dass wir sie mit dem Herzen machen. Sie fordern es nicht mit Manifesten oder Vorwürfen, nicht mit Anklagen und nicht mit Kündigung. Sie fordern es mit Nähe. Sie wissen, dass allein schon ihre Anwesenheit, die Tatsache, dass sie da sind und dass wir ihr Interesse spüren, uns ermutigt und anfeuert.
Jede von uns ist für jemanden auf diese Weise wichtig. Wir alle sind einander mögliche kreative WeggefährtInnen und davon kann man nie zu viele haben. Macht nicht allein das zu wissen schon Mut zur kreativen Arbeit? Dass jeden Morgen auf dieser Erdkugel viele viele Menschen aufstehen und sich auf ihren Weg machen, zweifeln und lachen, heulen und neu anfangen, aus echter Neugier Fragen stellen, uns ihre unfertigen Arbeiten zeigen und ihre misslungen Entwürfe, uns überraschen und begeistern und mit ihrem Mut immer wieder daran erinnern, dass auch wir mutig sein können und dass wir nicht mehr und nicht weniger machen müssen als genau dies: unserem kreativen Herzen folgen.

 

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Post von nathlieb

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