In deinem Kopf gibt es einen kleinen Hebel, mit dem du deine Gedanken auf Leerlauf stellen kannst. Nur vergessen wir oft, dass es ihn gibt. Ich jedenfalls.

Diese Ode handelt von einer, die mal kurz Pause machen wollte, und wie die Pause dann immer länger wurde. Am 24. Dezember hatte ich mich mit meinem letzten Adventskalender-Filmchen in die Ferien verabschiedet. Nach den Feiertagen sollten wir in unsere Kate in Holstein fahren. Weil ich dort weder Handy-Empfang noch WLAN haben würde, wollte ich die Zeit gleich auch für einen kleine Rückzug aus dem Online-Leben nutzen.

Denn ich versuche schon länger, ein Buch zu schreiben, das mir sehr wichtig ist, kam aber in den letzten Monaten nicht vorwärts.

Meine Gedanken waren zerstreut, ich fing immer wieder von vorne an, konnte mich schlecht konzentrieren. Vielleicht würden zwei Wochen ganz ohne Input von außen, mir helfen, meine Gedanken zu sortieren? Inzwischen sind 5 Wochen vergangen und ich möchte gerne mit euch teilen, was diese Zeit in mir ausgelöst hat.

1.Ruhe

In dieser hektischen Zeit, in der wir fast ununterbrochen zur Kommunikation eingeladen werden, hatte ich fast vergessen, was Ruhe wirklich ist. Ruhe ist nicht, auf dem Sofa sitzen und mit Freunden whatsappen. Ruhe ist auch nicht, ins Kino gehen, um einen entspannten Abend zu erleben. Ruhe ist nicht, beim Kaffee inpirierende Instagramm-Accounts durchzuschauen. All das ist sehr nett, aber es ist nicht Ruhe, sondern Entertainment – das deutsche Wort trifft es besser: Unterhaltung. Ich unterhalte mich oder lasse mich unterhalten. Ich befinde mich also in einer Interaktion mit der Welt, beschäftige mich mit Inhalten, nehme neue Informationen auf. Meine Sinnesorgane bekommen Reize, die verarbeitet werden wollen. Diese Reize sind im modernen Alltag viel mit elektrischem Licht, Tonaufnahmen und jeder Menge Sprache verbunden.

Was Ruhe ist, habe ich wieder erfahren, als ich auf unserer Wiese am Bach entlang lief trödelte. Ruhe ist, keine Botschaften zu hören. Geräusche schon: Das Zwitschern der Vögel, der Wind in den Weiden, das Wasser im Bach, das jeden Tag ein wenig anders klingt, mal plätschernd, mal rauschend.

Doch selbst wenn der Bach wie in den ersten Tagen dieses Jahres wild brausend den Hügel hinab strömt, ist es nie so „laut“ wie die Stimme in einem Video. Denn der Bach erzählt nicht in Sprache, will mein Hirn nicht mit einer Botschaft erreichen. Was er erzählt, kann ich mir selbst ausdenken. Und darum kehrt in meinem Kopf eine Ruhe ein, die keine Stille ist: Es ist die Ruhe, mich selbst wahrzunehmen. Mich zu spüren. Meine Sinne zu hören. Meinen Körper zu fühlen.

Und so geht es mit allen Sinnen. Meine Augen sehen die Strukturen der Bäume, die fahlen Grüntöne der Wiese, doch weder die Äste noch die Halme rufen mir etwas zu. Was auch immer mir bei diesem Anblick durch den Kopf geht, sind meinen eigenen Erfahrungen, meine eigenen Ideen.

Wenn Augen und Ohren sich beruhigen, kommen auch die anderen Sinne wieder an die Oberfläche. Der Geruch der Luft an einem kalten Morgen. Die Hände um die warme Kaffeetasse. Ich spüre, was ich brauche. Ich spüre, was ich will, was mir wichtig ist.

Wenn ich von Ruhe rede, meine ich nicht Stille. Am Bach war ich immer nur kurz, es war schließlich affenkalt und nach einem kurzen Streifzug draußen lockte es mich schnell wieder an die warme Hexe. Drinnen in der großen Küche war ich selten allein und es war dort auch nie still (außer Arthur, mir und zwei unserer Töchter waren Freunde aus Holland da und immer wieder schneiten Freunde aus der Umgebung rein). Wir haben gekocht und gespielt und erzählt. Aber es gab auch immer die Gelegenheit, mich aus dem Geschehen zurückzuziehen, träumend auf dem Sofa zu sitzen oder in Gedanken verloren in der Suppe zu rühren. Schon nach ein paar Tagen fing etwas in mir zu wirken an.

2. Die Kreativlawine

Es fing harmlos an, mit vagen Ideen, die noch keine Kontur hatten. Ich nenne das kreative Gefühle, denn ich kann sie spüren, aber noch nicht in Worten benennen, auch noch nicht zeichnen. Nach ein paar Tagen wurde der Prozess heftiger und die Nächte kürzer: Wenn ein kreativer Prozess so richtig in Gang kommt, werde ich vor Aufregung früh wach. Ich muss dann aufstehen, um die Energie loszuwerden. Um fünf Uhr morgens war es noch stockdunkel draußen, ich lief hin und her durch die Küche, machte die Hexe an, sah dem Feuer zu, lief wieder durch die Küche. Noch nichts Konkretes im Kopf, nichts um aufzuschreiben. In solchen Momenten ist es wichtig, mich nicht zu drängen. Nicht zu früh zuzugreifen, nicht zu früh Form zu geben, an das, was sich noch nicht ganz gebildet hat. Wenn ich Ruhe habe, kann ich diese Geduld aufbringen. Weil ich den Prozess spüre. Spüre, dass ich auf dem Weg bin und Vertrauen fühle, dass es der richtige Weg ist. Rückblickend weiß ich, dass ich in den letzten Monaten diese Ruhe nicht hatte. Ich hatte vergessen, wie wichtig sie ist, hatte versucht, die Kreativität in meinem vollen Terminplan unterzubringen, nebenher noch irgendwie hinzukriegen. Aber so funktioniert das bei mir nicht. Kleine kreative Prozesse finden so vielleicht genug Zeit. Aber tiefere kreative Prozesse, bei denen es um wichtige Erfahrungen, große neue Erkenntnisse oder komplexe Zusammenhänge geht,  brauchen mehr Ruhe: Sie können sich nur formen, wenn ich innerlich in die Tiefe gehen kann.

Doch zurück in die Kate. Jetzt, wo ich die Ruhe eingeladen hatte, nahm mein kreatives Wesen sich, was ich ihr so lange verwehrt hatte. Sie sprühte und sprudelte und ich wurde von einer Kreativlawine überrollt. So nenne ich es, wenn ganz viel gleichzeitig kommt: All das, was sich in Monaten aufgespart und angesammelt hatte. Was sich in den hektischen Zeiten nicht hatte entfalten konnte und jetzt auf Verarbeitung wartete. Was zu komplex war, um nebenher zu bewältigen, den ganzen Kopf und Körper brauchte. Jetzt, wo Zeit und Raum, wo Ruhe da war, sprang das alles an die Luft. Es sprang so reichlich, dass ich meinen 2-Wochen-Rückzug einfach verlängern musste.

3. Das böse Online?

War es wirklich die Abstinenz vom Netz, die meine Kreativlawine ausgelöst hat? Sie hat sicher geholfen, die einzige Ursache war sie aber nicht. Ich glaube, facebook und andere Online-Medien sind tatsächlich ruhestörender als analoge Medien*. Denn wenn ich facebook öffne, um zu lesen, was Freundin X oder Kollegin Y gerade macht, begegne ich, ohne es zu wollen, auch sehr viel anderen Informationen. Es ist nur schwer zu dosieren und nur schwer zu beeinflussen, was genau ich mir an Inspiration reinziehe, wenn ich zehn Minuten online bin. Gehe ich zehn Minuten in die Bücherei oder durch die Stadt, begegnet mir zwar auch vieles, aber ich kann das selbst mehr beeinflussen. Vor allem kann ich es intuitiv beeinflussen: Im Buchladen zieht es mich intuitiv in die Ecke mit den Reiseberichten und ich ignoriere den Tisch mit den Biografien. Im Museum entscheidet mein Bauchgefühl, dass ich mir heute nur drei Gemälde anschaue und den Raum mit den Skulpturen auslasse. Oder in einem Raum voller Monitore zieht es mich nur zu dem einen Video von Ulay, das mich noch Jahre später inspirieren wird, die anderen fallen mir gar nicht auf. Auch bei facebook und instragram bewege ich mich mit dem Bauchgefühl vorwärts, aber weil es die Nachrichten dort nur anhand von Bildern und Worten beurteilen kann, bekommt es nur wenige Informationen. Zudem muss es sich online oft viel schneller entscheiden. Klack, klack, klack schießen die Bilder in der Timeline vorbei, zu schnell oft, um wegzuschauen. Im Buchladen ist das einfacher. Dort kann ich mich erst mal zögernd im Raum umschauen, meinem Bauchgefühl Zeit geben, alle ersten Eindrücke zu verarbeiten, bevor es dann in eine Richtung geht. Ich möchte in Zukunft bewusster entscheiden, wann ich online gehe – nicht gleich morgens zum Beispiel, lieber nach der Arbeit an meinen kreativen Projekten. Und ich werde versuchen, auch online mehr auf mein Bauchgefühl zu achten.

Dennoch sind die sozialen Medien nicht die Ursache meines Problems. Denn  vor vielen Jahren, um 2005 hatte ich schon mal dasselbe Problem – obwohl ich damals noch kaum online war.

4. Über-Inspiration

Bevor wir 2006 aus Den Haag nach Schönwalde zogen, hatte ich auch eine Phase, in der ich unter einem Zuviel an Inspiration litt. In der intensiven kulturellen Umgebung der niederländischen „Randstad“ gab es soviel zu entdecken, dass ich mich in Gedanken zerriss. Ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie schnell neue Läden, Galerien, soziale Initiativen aus der Luft schossen. Weil ich alles interessant fand, ließ ich mich andauernd von den neuen Ideen mitreißen. So kam ich nicht mehr dazu, all die Informationen zu verarbeiten, geschweige denn meine eigenen Ideen weiterzuentwickeln.  Damals wirkte der Umzug aufs Land Wunder. In der kulturellen Ödnis Ostholsteins, tagaus, tagein nur von Natur umgeben, konnte ich gar nicht anders, als mich mit meinen eigenen Ideen beschäftigen. Natürlich fehlte mir dort dann nach einer Weile etwas anderes, das für Kreative wichtig ist: eine Umgebung, in der kreative Projekte gedeihen können und der Austausch mit Weggefährten. (Dem Internet sei Dank konnte ich diese Bedürfnisse per Skype, facebook und Online-Netzwerken befriedigen, sonst hätte ich schon viel früher wieder in die Stadt ziehen müssen).

Jetzt wohne ich seit fast anderthalb Jahren wieder in der Stadt und ich liebe es. Ich liebe die bunte, multikulturelle, kreative Umgebung, genieße jeden Tag, die Vielseitigkeit dieser Stadt. Kaum trete ich aus dem Haus, bin ich auf dem Campus der Fachhochschule, mehr als 100 Nationen Studenten lernen hier und jeden Tag  entdecke ich hier etwas Neues: Umfragen, Plakate, Einladungen zu Podiumsdiskussionen. So sehr mir die Ruhe in Holstein gut getan hat, ich war mir auch sehr bewusst davon, dass ich nie wieder in einer solchen weißen Monokultur leben will. Gleichzeitig bin ich nun aber auch wieder in einer Umgebung, in der ich von Inspiration überfallen werde. Anders als 2005 weiß ich jetzt aber, wie ich mich vor Über-Inspiration schützen  und meinen eigenen Ideen Raum zur Entfaltung geben kann: Ich brauche Leerlauf.

5. Gang raus

Kreativität besteht aus einem Wechselspiel aus Offenheit und Rückzug, Fokus und Leerlauf. Wenn ich offen in die Welt schaue, sammle ich einen Teil des Materials für meinen Arbeit. Der andere Teil des Materials kommt aus mir: Es sind meine eigenen Wahrnehmungen und Gefühle. Beides bildet zusammen den Schatz, aus dem Kreatives entstehen kann. Doch damit sich das Neue formen kann, brauchen wir Leere. Leere im Kopf. In solchen Phasen brauchen wir vor allem eine Ideen-und-Meinungen-Abstinenz. Damit ich meine eigenen Ideen hören kann, muss ich mich eine Weile vor den Ideen von anderen verschließen. Ich weiß erst mal genug, brauch keine neuen Infos, sondern muss all der schon gesammelten Inspiration und den schon gesammelten Erfahrungen jetzt endlich Raum und Zeit geben, sich zu setzen. Dafür brauche ich Zeit, in der me

ine inneren Prozesse sich im Leerlauf bewegen können. Es hilft mir, meinen Kopf dafür in meiner Fantasie mit einer richtigen Gangschaltung auszustatten und den Hebel bewusst auf „Leerlauf“ zu schieben. Dabei mache ich mir klar, was es bedeuten würde, einen Gang einzulegen: Ein Gang gibt ein konkretes Ziel vor. Damit will ich etwas Bestimmtes erreichen und zwar in einer bestimmten Geschwindigkeit. Doch mit einer solchen Zielsetzung kann der Prozess in meinem Kopf sich nicht mehr frei entfalten, ihm ist eine Richtung vorgegeben. In anderen Momenten im kreativen Prozess bin ich froh, dass ich auch einen vierten Gang habe (Los jetzt Nathalie, du weißt genau, was du machen willst, also bring das jetzt auch aufs Papier) und mit Fokus an der Umsetzung meiner Ideen arbeiten kann.. Aber wenn ich noch nicht genau weiß, was ich will, was alles ins Buch soll, oder wenn ich während der Arbeit merke, dass mein Konzept nicht aufgeht, dann braucht der kreative Prozess Raum. Frei-Raum, ganz frei und ohne Ziel genau das zu untersuchen, was tief in mir auf Antworten wartet. Es sucht Antworten auf Fragen, die noch nicht in Worte gefasst werden können – wie sollte ich da eine Richtung vorgeben können?

6. Leerlauf im Alltag

Ich glaube, ich brauche sowohl täglich (oder zumindest an jedem Tag, an dem ich kreativ arbeiten will) kürzere Leerlauf-Momente als auch hin und wieder eine längere Leerlauf-Phase, eine Woche am Bach oder ein Wochenende Wandern. Der tägliche Leerlauf braucht nicht lang zu sein, ich habe ein bisschen herum experimentiert und gemerkt, dass ich mit 20 Minuten schon sehr viel in mir lockern kann. Diese kurzen Leerlauf-Momente tun so gut, dass ich sie zu einer Routine machen will, mit der ich jede kreative Arbeitsphase anfange. Für mich heißt es jetzt wieder: Jeden Tag ein bisschen Leerlauf.

Damit diese Routine so richtig Spaß macht und ich nicht vergesse, warum sie wichtig ist und wie das mit dem Leerlauf funktioniert, bastle ich mir gerade etwas Schönes. Dazu bald mehr. Und Leerlauf-Wochen möchte ich jetzt fest in meinen Kalender einplanen. Dabei freue ich mich über Mit-LeerläuferInnen, die Kate bietet Raum für sechs Kreative, die Daten für die nächste Leerlauf-Woche stelle ich dann bald hier ein. Jetzt wo ich wieder weiß, wie ich mich im Alltag vor Über-Inspiration schützen kann, freue ich mich nämlich auch wieder auf den Online-Teil meines kreativen Lebens und werde sicher wieder viel hier zu finden sein.

*Ich möchte hier nicht auf die Hasskommentare und politische Hetze bei facebook eingehen. Einerseits, weil die in meiner eigenen Timeline zum Glück keine Rolle spielen (meine facebook Bubble ist offen, multikulti und kreativ, weil ich mich nur mit solchen Menschen vernetze). Andererseits, weil das Problem, das ich hier thematisiere, unabhängig davon existiert. Was die aktuelle politische Situation und die vielen rechten Pöbeleien für die Kreativität in der Welt bedeuten und wie wir mit Kreativität auf politische Probleme antworten können, ist aber ein wichtiges Thema, da komme ich demnächst noch drauf zurück.

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Post von nathlieb

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