Zeit-Befreiung statt Zeitmanagement

Letztens habe ich über den Leerlauf im Kopf geschrieben, der so wichtig für die kreative Arbeit ist.

Im Alltag ist es gar nicht so leicht, diese Freiräume fürs Denken aufrechtzuerhalten. So schnell lasse ich mich vom Tempo der Umgebung mitreißen. Im Leerlauf geht es darum, ohne Ziel zu arbeiten –  doch wir leben in einer Zeit, in der alle immer irgendwo hin unterwegs sind. Zeitmanagement, Produktivität, volle Kalender – alles perfekte Mittel, der Kreativität den Garaus zu machen.  Was wir brauchen, ist ein umgekehrtes Zeitmanagement: Eins, das Zeit nicht plant und füllt, sondern leert und befreit.

Vorhin saß ich im Café und kritzelte, um meinen Kopf leer zu machen. Die Frau neben mir schaute ein paar mal interessiert auf mein Blatt, fragte dann, was ich mache.
„Ich kritzle nur so vor mich hin“.
„Wofür?“.
„Weil ich für die Kreativität einen freien Kopf brauche“.
„Arbeiten Sie in der Werbung?“
Höflich wie ich bin antwortete ich auf die erste Frage, aber danach wurde es auch nicht leichter, mich wieder aus dem Gespräch zurückzuziehen. Dabei hätte es natürlich ganz einfach sein können: Ein bestimmtes „Ich bin am Arbeiten“ hätte der Frau wohl gleich signalisiert, dass sie mich nicht weiter stören sollte. Aber ich bin eben ein netter Mensch. Es gehört zu meinem Selbstbild nett und freundlich zu sein. Und verdient, wer höflich fragt, nicht eine höfliche Antwort?

Das Nettigkeits-Problem

Warum setzt du dich dann auch ins Café, wenn du in Ruhe arbeiten willst?, fragst du jetzt vielleicht. Weil das Nettigkeits-Problem in dieser Woche zuhause noch größer ist. Meine beiden ältesten Töchter sind da, erst der Freund der einen, dann der Freund der anderen zu Besuch, Freundinnen kommen vorbei. Normalerweise lasse ich das private Telefon bei der Arbeit klingeln, aber die Töchter nehmen an und schon wird mir der Hörer mit einer Verwandten dran ans Ohr gedrückt. Dann  kommt die eine oder andere Tochter und fragt, wo dies oder das ist und ob ich weiß, wie man jenes oder dieses macht. Und ich bin halt auch als Mutter nett. Und als Tochter, Freundin, Nachbarin und Kollegin. Ich möchte eine sein, die nett zu allen ist, die hilfsbereit und aufmerksam ist. Und ich freue mich ja auch, dass alle gerade mal wieder Zuhause sind, wir sehen uns so selten und sollte man die Feste nicht feiern, wie sie fallen?  Aber nächste Woche  sind es dann meine Eltern, die Hilfe brauchen, eine Freundin, die ihr Herz ausschütten will, oder eine Kollegin, die Rat braucht. Und wenn ich nicht aufpasse, vergeht Tag um Tag, Woche um Woche und ich komme mit meinen eigenen Gedanken, meiner eigenen Arbeit nicht weiter.

Nett-produktive-Doppelbelastung

Im Leerlauf fällt mir dieses Abgrenzen besonders schwer. Wenn ich an etwas Sichtbarem arbeite, kann ich besser „Nein“ sagen und anderen fällt es dann auch leichter, das Nein als notwendig zu akzeptieren. „Ich arbeite an einem Auftrag für einen Kunden, der muss heute noch raus“, führt dazu, dass man sich schnell schweigend aus meinem Zimmer zurückzieht. Wenn ich aber scheinbar entspannt auf dem Bett vor mich hin kritzele, …

Hm, sind es wirklich die anderen, die da einen Unterschied machen? Oder bringe ich in solchen Momenten mein Nein auch schon etwas weniger bestimmt rüber? Weil in mir ein Stimmchen ruft „Du kannst schon helfen, du kritzelst ja nur ein bisschen rum (oder liegst nur auf dem Bett und träumst, hast schon seit Stunden nichts Produktives gemacht…. )“.

Ich glaube, gerade für Frauen ergänzen sich das „nette Selbstbild“ und der Produktivitätswahn in unserer Kultur auf fatale Weise: Wir können uns weniger gut abgrenzen, haben sowieso schon ein schlechtes Gewissen, wenn wir andere durch unsere Arbeit vernachlässigen. Wenn dann unsere Arbeit aber auch noch zweifelhaft ist – wie Nichtstun, Leerlauf und Kritzeln es in unserer Gesellschaft eben sind – dann wird das Abgrenzen noch schwieriger. Vor allem in Phasen, in denen die Arbeit nicht vorwärts kommt. Statt im Nichtstun auszuharren, ist es dann sehr verlockend, dem schlechten Gewissen nachzugeben und sich wieder zurück in die Rolle der nützlichen netten Mutter-Freundin-Nachbarin zu geben. Da nämlich gibt es wenigstens schnell ein Erfolgserlebnis. Der Freundin einen Tee kochen, damit sie ihren Liebeskummer über uns ausschütten kann oder der Tochter bei den Hausaufgaben helfen, führt schneller dazu, dass wir uns nützlich und geliebt fühlen, als unsere kreative Arbeit. Eine kurze Tröst-Helf-oder-Rat-Unterbrechung scheint darum immer sinnvoll. Und das Verweigern dieser Tröst-Helf-Rat-Aktionen geradezu grausam – uns selbst und anderen gegenüber.

Shakespeares Schwester

Was mir hilft, mich abzugrenzen, ist das Wissen um eine endlose Menge von wunderbaren Werken, die genau durch diese Haltung nicht geschaffen wurden. Erfindungen, die nicht entwickelt, Romane, die nicht geschrieben, soziale Projekte, die nicht gegründet, geniale Weisheiten, die nicht gedacht wurden. Shakespeare hatte eine Schw

ester –

(„I told you in the course of this paper that Shakespeare had a sister; (…) . She died young—alas, she never wrote a word. (…)  She lives in you and in me, and in many other women who are not here to–night, for they are washing up the dishes and putting the children to bed“)

– schrieb Virginia Woolf in „A Room of One’s Own“. Wir alle sind Shakespeares Schwester. Jede von uns muss Tag auf Tag wieder abwägen, wofür wir unsere Zeit einsetzen. Und oft wird unsere Liebe und unsere Menschlichkeit dazu führen, dass wir unsere persönlichen Projekte eine Zeit lang zurückstellen. Das ist gut so. Doch wir sollten die Entscheidung, ob wir unsere Arbeit unterbrechen und uns um andere kümmern, nicht den automatischen Piloten entscheiden lassen. Lebensgefährliche Notfälle ausgenommen. Aber in allen anderen Fällen, sollten wir den Grund für die Unterbrechung kurz überprüfen: Muss ich jetzt aufspringen? Kann Kind-Freundin-Kollegin-Nachbarin-Vater-oder-Hund vielleicht noch ein wenig warten? Oder gar das Problem selbst lösen? Wenn ich das so mache, lösen sich erstaunlich viele der vermeintlichen Notfälle in Nichts auf. Eine Stunde später hat meine Tochter die Hausaufgabe schon mithilfe von YouTube gelöst, die Freundin schon eine andere Adressatin für ihren Liebeskummer gefunden und der Laptop meines Vater funktioniert wieder.

Aufstellen statt anstellen

Um mich selbst und andere daran zu erinnern, dass ich – auch wenn es für andere nicht so aussehen mag – an der Arbeit bin, habe ich einen kleinen Aufsteller gebastelt. Wann immer jemand mich unterbrechen will, brauche ich jetzt nur noch auf den Aussteller zu zeigen – im Café, zuhause, im Zug. Dass dieser Hinweis schweigend stattfindet, zeigt den anderen, dass ich gerade konzentriert bin und Ruhe brauche. Damit verhindere ich gleich drei Kreativitätsvernichter: Erstens werde ich nicht gestört. Zweitens verhindere ich, dass ich mich für meinen Wunsch nach Konzentration entschuldige. (Die Neigung mich zu entschuldigen, signalisiert anderen ja wieder, dass sie eigentlich das Recht haben, mich zu stören und ich mit meiner Abgrenzung etwas tue, für dass ich mich entschuldigen sollte). Und drittens verhindert das Hinweisschild dass ich genervt bin, weil ich nicht vorwärts komme und dieses Genervtsein über mein Nicht-weiter-kommen an den anderen auslasse.

 

P.S. Das printable für den Aufsteller schick ich mit dem Newsletter mit – ich hab ihn auf Aquarellpapier gedruckt (Montval von Canson) – das funktioniert mit meinem Drucker prima.

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1 Kommentar

  1. Au fein – gut, dass ich mich bereits vor langer Zeit zum Newsletter angemeldet habe. Doch die Sache mit dem Telefon, die krieg ich immer noch nicht richtig hin … verflixt! (Und weißt du was? Wir könnten eigentlich mal wieder telefonieren, gelle? 🙂 ).

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