Introvertiert ist in!

Zumindest in den Medien sind die Introvertierten gerade schwer im Kommen. In Amerika, Ratgeberland par excellence, sind ganze Regale voll “Trau dich introvertiert zu sein”-BĂŒchern erschienen, meistens lĂ€sst eine Ă€hnliche Welle in Deutschland dann nicht lang auf sich warten.
Auch bei Ode – ĂŒber die Zeitschrift hab ich hier im Blog schon berichtet – sind die Introvertierten gerade Blogthema. Da wird reichlich (englischsprachiges) Lesefutter genannt und die Blogautorin Victoria Klein denkt ĂŒber die Definitionen von “introvertiert” nach. Im Standard-Wörterbuch, schreibt sie, findet man unter diesem Stichwort Begriffe wie MauerblĂŒmchen, Egoist, EinzelgĂ€nger oder GrĂŒbler, alle gleich unpassend, das einzig passende Synonym scheint ihr Selbst-Beobachter (self-observer). Und davon findet Klein hat diese Welt viel zu wenige.

Hier kommt ein Thema zurĂŒck um dass ich in diesen Blog nicht drumrumkomme, dass sich immer wieder aufzudrĂ€ngen scheint: auch hier wieder eine  Eigenschaft, die mit Hochbegabung direkt verbunden ist – das Sich-selbst-beobachten – negativ besetzt. Wer sich selbst beobachtet ist entweder Egoist oder MauerblĂŒmchen und in beiden FĂ€llen nicht ernstzunehmen.

Mich faszinieren die GedankengĂ€nge die dahinterliegen. Denn wer kann abstreiten, dass Nachdenken zu mehr Weisheit und Beobachtung zu Entdeckungen fĂŒhrt? Damit wĂŒrde sich der Abstreiter ja gleich  mit unserem ganzen Wissenschaftsbetrieb, der herrschenden Auffassung von Bildung und von Forschung anlegen. Das tut denn auch niemand. Und trotzdem ist nachdenken, vor allem das Nachdenken ĂŒber sich selbst, suspekt. Wie geht das denn?
Ähnlich unlogisch: dass derjenige, der ĂŒber sich selbst grĂŒbelt, ein Egoist sein könne. Ist Egoismus nicht gerade das Nicht-an-sich-selbst-zweifeln?
Und ist das MauerblĂŒmchen nicht grau und farblos? Wie kann aber jemand mit einem reichen Innenleben je grau und farblos sein?

WidersprĂŒche satt. Mit ein bisschen Logik kann man solche absurden Definitions-Versuche und Anspielungen schnell durchbohren. Weil sie schlichtweg dumm sind.
Wie kommte es denn dann, dass ausgerechnet Hochbegabte sich immer wieder durch solche Spielchen verwirren, verletzen und bremsen lassen? Vielleicht weil ihnen diese eine FĂ€higkeit fehlt, die in unserer Welt so nĂŒtzlich ist. Die FĂ€higkeit das Denken auf Null zu stellen, Zweifel abzustellen und den Blick nach außen zu richten. Wie heißt das Gegenteil von introvertiert im Wörterbuch?
Selbst-Lose-Dumpf-Tulpe?

Über VorschlĂ€ge freut sich bestimmt die Duden-Redaktion…

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4 Antworten auf “Introvertiert ist in!”

  1. Sehr richtig festgestellt, finde ich.

    Selbstreflektion finde ich super spannend und die stĂ€ndige BeschĂ€ftigung mit dem "außen" kann einen ganz schön von sich selbst entfernen.

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  2. Ich finde es immer schwer anderen zu vermitteln, warum Selbstreflektion so superspannend ist – das scheint so offentsichtlich. Aber vielleicht brĂ€uchten manche Leute um das zu entdecken erst einen Reiseleiter, ReisefĂŒhrer?
    "Kommen Sie mit brain-enterprises auf Entdeckungsreise in den verborgenen Kontinent".
    "Selbstreflektion fĂŒr dummies"

    WĂŒrde wahrscheinlich keiner kaufen.

    GrĂŒĂŸe, Nathalie

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  3. Ich finde mich so sehr in sĂ€mtlichen Artikeln wieder. Ich reflektiere eigentlich alles, was ich tue und denke. Ich entscheide mich fĂŒr etwas und stelle es im selben Moment schon wieder in Frage. Bei dem Versuch, die Welt als Ganzes zu bereifen, komme ich dabei vom Hundertstel ins Millionstel von den AnfĂ€ngen des Lebens zum gesamten Universum. Ich habe gemerkt, dass viele Menschen sich jedoch geradezu nach der BestĂ€tigung von Vorurteilen und Klischees sehnen, um sich das Leben zu "erleichtern". Und dass dies so gar nichts fĂŒr mich ist.

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  4. Ja. Ja zu deiner Wahrheit. Ja zu deinem Blog. Zu diesem Beitrag. Der mich auch persönlich betrifft. Maßgeblich wĂŒrde ich behaupten. Ich bin auf die Seite gestoßen,weil ich als Suchbegriffe “zu viel reden, schnell reden und Psychologie“ eingab nachdem mein Schwesterlein mir wĂ€hrend einer tiefsinnigen Unterhaltung sagte sie könne vieles nicht verstehen weil ich sie schlichtweg mit Worten,Themen, und LautstĂ€rke bombardieren wĂŒrde (ihre Wortwahl war schon sehr viel einfacher und kompakter). Erst spuckte Google ein paar Foren aus und dann auch deinen Blog. Und dann las ich diesen Beitrag nach so vielen anderen bei denen ich mit offenen Mund lĂ€chelnd da saß und mir ĂŒberlegt hab ob ich irgendwie mein Beitrag drunter schreiben könnte. Hab ich nicht, dafĂŒr sprudelt gerade die gesparte Energie hier raus. Mir scheint als stehen hier die Worte, die erklĂ€ren warum ich alles, insbesondere mich selbst immer so ubglaublich kritisch hinterfrag,analysiere und beobachtet hab. Als Kind war das auch oft so. Ich war das was man gerne den “Suppenkasper “ genannt hat. Oder Traumtante. Beides noch heute extrem stark vorhanden. Traumtante nennt mich zwar niemand mehr aber ich werde immer mal wieder darauf hingewiesen dass ich ja gerade wenn jemand sich geöffnet hat, anfange von mir zu sprechen. Ich hab da natĂŒrlich drĂŒber gegrĂŒbelt und bin dann wohl etwas abgeschweift. Wann beginne ich von mir zu sprechen? Was erzĂ€hle ich dann? Wie fĂŒhle ich mich beim erzĂ€hlen? Welches GefĂŒhl hat es möglichweise ausgelöst? Dann will ich die Unterhaltung fortsetzten und auf den Vorwurf eingehen und zack bekomme ich noch reingedrĂŒckt dass ich es ja schon wieder mache und das GesprĂ€ch wirkt beendet. Versuche diese Ergebnisse zu be- bzw. Verarbeiten sind eigentlich sehr selten gelungen. Und dank meiner selbstzweifel hab ich lange und viel gedacht ich sei fehlerhaft. Gerade in diesem Moment fĂŒhl ich absolut, dass ich das bin was viele einfach nicht fassen können. Mir wird klar wie bescheuert ich war, zu denken ich mĂŒsse an mir zwrifeln oder oder oder. Dieser eine Mensch is mit mir ĂŒberfordert? Und mich ĂŒberfordert manchmal die ganze Welt. Wo viel reingeht muss auch vieles wieder raus sonst platzt man doch. Jetzt hab ich den Faden verloren. Aber das is nicht wichtig. Danke fĂŒrs schreiben! Ahoi!

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