Merkmale von Hochbegabung: 7. Tausend Interessen, tausend Projekte

Hochbegabte (und Hochkreative!) sind enorm neugierig, finden die unterschiedlichsten Themen und Aktivitäten interessant und haben eine ellenlange To-do-Liste.
Diese breite Orientierung und Offenheit hat einerseits mit ihren vielen und fein abgestimmten Antennen zu tun (sie Merkmal 3: Sensitivität), aber auch mit Kreativität und Komplexität, Merkmale auf die ich in dieser Serie noch eingehen werde.

Nun ist es aber auch in diesem Fall wieder so, dass dieses besondere Merkmal Hochbegabter in unserer Kultur nicht gerade hochgeschätzt wird. Drei oder vier Interessengebiete stehen recht nett im Bewerbungsbrief, wer mehr aufschreibt läuft schon Gefahr als ein Mensch eingeschätzt zu werden, der sich nicht entscheiden kann. Und Sich-Nicht-Entscheiden-Können ist äußerst verwerflich. Wer sich nicht entscheiden kann ist womöglich unentschlossen oder zögerlich, oder er hat den Ernst des Lebens noch nicht begriffen, nämlich, dass man im Leben nunmal nicht alles machen kann, was einem Spaß macht und dass man sich nunmal entscheiden muss und dass es alles kein Zuckerschlecken ist und dass man irgendwann ja auch mal zur Sache kommen und Nägeln mit Köpfen machen muss und bloß nicht ewig herumexperimentieren ohne dass etwas Nützliches dabei herauskommt.

Diese Botschaften werden hochbegabten Kindern schon früh vermittelt, mal mehr mal weniger subtil.
Du kannst dich immer noch nicht für ein Thema bei deinem Referat entscheiden? Nun mach aber mal!
Dein Aufsatz ist viel zu lang, weil du so viele unterschiedliche Themen angeschnitten hast – schlecht!
Du möchtest Jonglieren lernen? – letztes Jahr wolltest du Chinesisch lernen und du hast gerade erst mit Gitarrespielen angefangen – jetzt bleib endlich mal bei einer Sache!!!

Erst sind es Eltern und, später Freunde und Bekannte, die den Tausendsassa darauf weisen, dass er ihnen mit seinen wechselnden Interessen, Studienfächern oder Berufen auf den Nerv geht. Sie erfahren es als eine Belastung, dass sie sich immer wieder auf neue enthusiastisch vorgetragene Projekte einlassen müssen nur um – gerade wenn sie endlich verstanden haben um was es dabei geht – festzustellen dass das Projekt schon längst wieder vorbei ist. Jetzt ist etwas ganz anderes angesagt, und das wird auch wieder mit jener 100% Begeisterung vorgetragen.

Warum sind Tausendsassas so lästig und nervtötend?
Weil es schwer ist sie einzuordnen und sich von ihnen ein Bild zu machen. Statt eines normalen Photos bräuchte man hier schon so wunderbare Abbildungen, wie es sie in Harry Potters Zauberwelt gibt – Bilder, auf denen die Figuren sich bewegen und verändern können.

Doch dies ist nur die halbe Antwort. Denn die Begeisterung, die der Tausendsassa für jedes seiner Projekte aufbringt, ist vielen Leuten an sich schon suspekt. Wahrscheinlich, weil sie sich selbst nie zu solchem Engagement verleiten lassen. Und wenn ein anderer es kann – bedeutet das nicht, dass mir etwas abgeht? Der Tausendsassa scheint vor Begeisterung Flügel zu bekommen, das Glück über seine Neuentdeckung strömt ihm geradezu aus den Poren und er legt eine schier unerschöpfliche Energie an den Tag. Wem solche Energieströme und Begeisterungswellen unbekannt sind, in dem muss sich wohl der Verdacht regen, dass dem eigenen Leben etwas Wichtiges fehlt.
Doch niemand fühlt sich gern unvollständig. Neid ist kein schönes Gefühl und wird meist schnell umgewandelt: statt sich dieselbe Begeisterungsfähigkeit, zu wünschen werden Begeisterung, Wandelbarkeit und Vielseitigkeit an sich für suspekt erklärt. Die Lebendigkeit des Tausendsassas – denn genau darum handelt es sich – wird lächerlich gemacht, als dumm, ungeschickt, kindlich, verrückt oder naiv dargestellt.

Dies geht an jungen wie erwachsenen Tausendassas nicht ohne Spuren vorbei. Selbstzweifel, Schuldgefühle, Depressionen, das Gefühl ein Versager zu sein und tausenderlei Selbstvorwürfe sind die Folge. Diese Gefühle stehen bei vielen Hochbegabten in einem fortwährenden Widerstreit mit ihrer Begeisterungsfähigkeit. Die Lebendigkeit droht immer wieder im Keim erstickt, an der Wurzel betäubt zu werden.
Und die Schuldgefühle, selten bewusst bearbeitet, öfter ein ganzes Leben klaglos mitgeschleppt, führen dazu, dass hochbegabte Erwachsene nur sehr bescheiden und zurückhaltend auftreten. Dass sie für sich und ihre hochbegabten Kinder nur sehr bescheidene Forderungen stellen:
Ein zusätzliches Arbeitsblatt in Mathe oder nachmittags ein paar Experimente.  Statt: Eine Schule, in der Kinder lebendig sein können, begeistert und an ihren 1000 selbstgewählten Projekten arbeiten können.
Eine ruhige Nische, in der ich vor mich hinarbeiten kann, ohne dass es jemanden stört. Statt: Eine Arbeitsumgebung, die mich inspiriert und in der meine Fähigkeiten gesehen und geschätzt werden.

Kurzum: es geht darum selbstbewusst aufzutreten, sich nicht länger zurückhalten zu lassen.
Dazu braucht es:
– Austausch mit anderen Hochbegabten und Hochkreativen
– Experimentierfelder, Räume in denen die Begeisterung und Lebendigkeit der Tausendsassas sich entfalten kann und erfahrbar wird, dass man mal so richtig loslegen und losträumen kann – ohne dass dadurch irgendwas “kaputtgeht”
– Öffentlichkeitsarbeit, die nicht taktiert und sich arrangiert, sondern lauthals und deutlich fordert.

Tausendsassas dieser Erde vereinigt euch und traut euch den Anderen mal so richtig auf den Nerv zu gehen!

Praktische Tips für Tausendsassas in Barbara Shers Scannerbuch:
http://begabung.blogspot.com/2009/07/sind-sie-auch-ein-scanner.html

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5 Antworten auf “Merkmale von Hochbegabung: 7. Tausend Interessen, tausend Projekte”

  1. Liebe Nathalie, du hast den Nagel auf sein Köpflein getroffen. Ich werde nie vergessen, wie mein Chemielehrer in der 9. Klasse sagte, jeder einzelne von uns, auf die Klasse bezogen, habe eine ganz durchschnittliche Intelligenz. Wenn ein Lehrer so was sagt, meinte ich damals, dann wird da was dran sein. Meine einst wirklich guten Noten wurden zuvor schon immer katastrophaler, ich glaubte irgendwann, alle um mich rum sind schlauer als ich, hielt mich für begriffsstutzig. War kurz davor, die Schule zu schmeißen.
    Mein Chemielehrer wird das so festgemacht haben, Chemie Note 1 = intelligent, Note 3 oder 4 eher minderbegabt. Heute frage ich mich, woher der gute Mann denn gewusst haben will, wie clever seine Schüler sind. Man hat nen Lehrer ja höchstens 3 bis 4 Std. pro Woche, wenn man denn selbst anwesend ist, und das oft auch nur für ein Jahr.
    Wie eindimensional kann denn jemand sein? Zu ignorant, um zu gucken, warum Noten gut oder schlecht sind? Für mich ist Lehrersein ein verantwortungsvoller, anstrengender Beruf, jeder Lehrer sollte, auch wenn es der Plan nicht vorsieht, alles dran setzen, seine Schützlinge bestmöglich
    auf das Leben da draußen vorzubereiten. Stärkere wie Schwächere gleichermaßen zu fördern.
    Viele sehen das offenbar anders, ruhen sich auf ihrem Fast-Beamtenstatus aus (oje das artet
    in Lästerei über Lehrer aus). Bitte nicht falsch verstehen, einige nehmen ihren Job sehr ernst, aber meines Wissens ist das die Minderheit.
    Ich war überzeugt, Naturwissenschaften sind nix für mich. Dazu bin ich zu blöd.
    Die Schule liegt lange Zeit zürck.
    Ich bin oft traurig und sogar sauer, weil ich zu viel auf solche Aussagen gegeben habe.
    Mittlerweile mutet das fast lustig an, weil gerade u.a. im räumlichen Vorstellungsvermögen meine Testergebnisse im oberen Extrembereich lagen, und das als Frau ;-). Das war ein echter Schock für mich.
    Inzwischen lese ich alles, was ich mir immer verboten hatte. Bücher über Astronomie, Genetik, Physik, Bio usw. Ich verschlinge sie geradezu, es ist mir selbst unheimlich.
    Durch offene kluge Leute wie dich, Nathalie, fange ich an mein Leben umzukrempeln und anderen Mut zu machen, sich zu ihrem Anderssein u. ihren Interessen zu bekennen.

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  2. Hallo Nathalie

    Ich schicke grad jeden einzelnen Post meiner besseren Hälfte. Es trifft den Nagel so auf den Kopf. Immer eine neue (teilweise abgehobene) Obsession welche mit 100% Leidenschaft temporär verfolgt wird.

    Nur: Sind wir ehrlich, es ist ein verdammter Fluch. Ich werde bei der Arbeitsstelle rausgemobbt, da es auffällt, dass ich besser und schneller arbeite wie der Chef – er fühlt sich bedroht. Manchmal fällt es mir nicht auf, dass ich andere unterbreche. Sie machen eine Denkpause, ich weiss worauf es hinausläuft und denke, der ist fertig. Hups. Mein Chef druckt meine Leistungen wo er nur kann und engt mich ein wo er nur kann. Halt etwas typisch für ein, zwei IQ Punkte mehr, mache ich einen anderen zugewiesenen Job einfach so. Und dann wurde mir ein weiterer Job angeboten, denn ich Nebenher mache. Welcher mein Chef machen wollte – ein weiterer Minuspunkt mehr. Wird zwar geschätzt (also nicht der Dritte) aber auch wieder kritisch beäugt. Einmal erhielt ich wegen einem Assesment einen Job nicht. Kombination zwischen IQ und Persönlichkeitstest. Der kann nicht stimmen. Sowas gibt es nicht. Ja, danke.

    Dann die beschissene Hypersensitivität. Ich durchschaue zu schnell, wenn jemand falsch ist. Wäre einfacher, ich würde das falsche gegrinse glauben. Ich erkenne Gruppendynamiken zu schnell. Ich hasse Gerüche aller Art, Kälte, unangenehmes Licht, zu viele Leute da zu viele Eindrücke (ich nehme auch Stimmungen überproportional wahr). Zu Anstrengend. Dann ermüdet mich das. Ich hasse starre Hierarchien, insbesondere da einem oft Personen vorgesetzt werden, die ein Problem damit haben, dass man Sachen zu schnell versteht. Und ich habe ein Problem damit, idiotische Anweisungen zu befolgen. Manchmal nicke ich dann, sage nett lächelnd “Ja danke für den Hinweis” und mache es dennoch wie ich es für Richtig halte (mit dem Wissen, ich habe ein riesen Problem wenn es schief läuft, macht es bisher nicht) An einem Fortbildungsseminar hatte ich die Lösung des Gruppenprojektes schon nach 20 Minuten (4 Stunden hatten wir Zeit) fix fertig auf Papier. Nur dem Prof. fiel auf, dass ich wohl etwas schneller Denke (und machte unter vier Augen den amüsierten Vorschlag, dass ich das nächste mal das gleich Vorstelle, dann könne alle etwas trinken gehen). Ich musste mich zurückhalten, weil ich sonst überheblich wirkte, als Resultat wurde mir unterstellt ich sei desinteressiert. Dabei übersetzte ich brav die Ansichten einer Naturwissenschaftlerin, die von den Geisteswissenschaftlern nicht verstanden wurde, da sie eine anderen Methodenansatz hatte. Ich wäre gerne dumm. Und zwar so weit, dass es einem selber nicht auffällt. Das wäre praktisch.

    Aber danke für Deine Beiträge. Ich lese hier interessiert weiter. Es ermuntert mich, damit zurechtzukommen.

    Danke und viele liebe Grüsse
    Alina

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  3. Hallo Nathalie,

    ich kann mich dem nur anschliessen. Schule in Deutschland ist ein Albtraum für Hochbegabte. In Mathe wurde mir erklärt, ich solle nicht nachdenken, sondern Formeln einfach anwenden. In Deutsch stand häufig “am Thema vorbei”,weil ich statt 5 Aspekte 15 zu Papier brachte. In Klausuren saß ich hinten oder gleich in einem anderen Raum. Irgendwann begann ich zu schwänzen. Mittelstufe bis 50%, Oberstufe nur noch zu bestimmten Fächern. Mein Moralverständnis, mein Gerechtigkeitssinn ausserirdisch. Ich habe einen IQ von 158, bin hochsensibel, höre z.B. weit im Ultraschallbereich. Mein Sprechen ständig herunterzubrechen, damit mich irgendwer versteht, nervt manchmal unglaublich. Dinge, Entwicklungen 5-10 Jahre von anderen zu sehen, bringt mir immer wieder Lächeln ein. Ab Oktober werde ich wieder zur Uni gehen (44 Jahre). Zur Auswahl standen: Medizin, Biologie, Verhaltensbiologie, Tiermedizin und Erziehungswissenschaften. Soviel zu den Interessen. Letzteres hat auch aus organisatorischen Gründen gewonnen. Ich werde in Richtung Hochbegabtenförderung/ Aufklärung/ Scouting gehen. Zuletzt habe ich Mittwoch gehört, ich sei keine normale Frau und müsse mich deshalb erklären.😂 Aha… . Zum Glück wuchs ich unter Hochbegabten auf (Vater, Oma, Onkeln und Tanten). Wer weiss, ob es mich sonst heute noch gäbe. Vielen Dank für Deine Ausführungen, hilfst Du damit doch vielen Menschen, die sich falsch fühlen.
    Liebe Grüsse
    Claudia

    Antworten

    1. Nathalie Bromberger 22. September 2019 bei 23:11

      Liebe Claudia, wie schön, dass du nicht aufhörst, dich weiterzuentwickeln. Die Vorstellung, dass man nur so und so viele Jahr lernen sollte und dann irgendwann “fertig” ist und den Rest des Lebens das gleiche machen soll, ist doch traurig. Also freu dich an deinen einzigartigen Besonderheiten <3

      Antworten

  4. Wisst Ihr, was mich am meisten stört? Euch brauche ich nicht sagen, dass wir weder Vorurteile noch Schubladendenken haben. Aber die “Normalos”. Ständig falsch verstanden zu werden, ständig einen Stempel aufgedrückt zu bekommen, der nicht im Entferntesten etwas mit mir zu tun hat. Manchmal fühle ich mich wie bei “Stiller Post”, als seien zwischen mir und meinem Gegenüber 10 Leute, die alles verdrehen. Mitlerweile bin ich aber sehr stolz darauf, hochbegabt zu sein, und würde niemals tauschen wollen. Genießt Eure Gabe, lebt sie, fühlt und empfindet wie die meisten Menschen es niemals können werden. Und versteckt Euch nicht! Liebe Grüße Claudia

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