Merkmale von Hochbegabung – 8 c: Extra-Introvert-Spezialmix und wie man ihn findet…

Warum brauchen viele kreative und begabte Menschen so viel Zeit für sich, für das Verarbeiten ihrer Erfahrungen, für das Entdecken und Entwickeln ihrer eigenen Gedanken und Gefühle?

1. Weil sie viel wahrnehmen (siehe Merkmal 3: Sensitivität).
Unzählige feine Antennen nehmen unzählige Massen an Informationen wahr.
So oft erzählen mir hochbegabte oder hochkreative Menschen davon, dass es sie sehr erschöpft sich länger in Gruppen aufzuhalten.
Eine Gruppe ist ein komplexes Geflecht und vor allem diejenigen, die starke soziale Antennen haben nehmen wenn sie sich in einer Gruppe aufhalten, oft schon in Minuten so viel wahr, dass sie Tage darüber nachdenken könnten.

2. Weil sie Information intensiv verarbeiten.
Jede neue Information muss auf komplexe Weise mit all den Informationen verknüpft werden, die schon im Hirn aktiv sind.

3. Weil sie so vieles interessant finden (siehe Merkmal 7).  Und wer stark assoziativ denkt sieht auch viele Zusammenhänge. Während andere Menschen oft mit einem deutlichen Fokus auf bestimmte Themen durch die Welt gehen, ihre Gesprächspartner und – themen danach auswählen, was sie vorher schon interessiert hat, sind die assoziativen und globalen Denker darin offener: wenn alles miteinander zu verbinden ist, ist alles interessant (und umgekehrt).

Wer so offen und interessiert durch die Welt läuft, lernt viel und kreiert immer mehr Verbindungen im Hirn. Andererseits aber droht dabei auch der Informations-Overkill:
dass man so viele Informationen gespeichert hat, dass man sie in diesem Leben nicht mehr verarbeiten kann.

Darum ist es wichtig, dass das Aufnehmen von Information einen starken Gegenpart hat: die eigene Motivation (Merkmal 6). Die eigene Motivation kann man aber nur fühlen und kennen, wenn man sich die Zeit nimmt, sich mit den eigenen Gefühlen und Gedanken zu beschäftigen.

Viele Hochbegabte leben in Eile, weil sie das Gefühl haben, nicht hinterherzukommen. All die interessanten Dinge, die es gibt, nicht lesen, sehen, machen oder auf andere Weise erfahren zu können.
Sie sind so mit Information beschäftigt, dass sie vergessen, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Das kann ein Grund für Burn-Out sein. Oder die Mid-life-Krise.
Es ist eine Sinn-Krise.
Denn der Sinn des Lebens kann nie nur im Aufnehmen liegen. Wer sein Leben nur damit verbringt Wissen zu sammeln, Information aufzunehmen, Bücher zu lesen oder Reisen zu machen, der hat sich die Welt gründlich angeschaut – aber nichts Eigenes in die Welt gebracht.

Der richtige Rhythmus zwischen Innen- und Außenwelt ist jener, bei dem auch das Eigene zu seinem Recht kommt. – der eigene Beitrag, die eigene Vision, das eigene Bild, die eigene Geschichte, das eigene Wissen – etwas, dass nur ich, nur du, nur dieser eine Mensch machen kann, weil nur dieser eine Mensch diese Erfahrung gemacht hat.

Wer besonders viel von der Welt wahrnimmt braucht manchmal besonders viel Zeit, um das Eigene zu finden. Denn vor so viel Interessantem um uns sehen wir oft das Interessante in uns nicht mehr.
Wer seine eigene Motivation kennt, wer sich bewusst ist, was er bisher erfahren hat, was er tief von innen weiß und kennt, der kann anders um sich schauen. Muss sich nicht mehr für alles begeistern, kann seiner Intuition vertrauen, kann sortieren und aktiv steuern.
Dadurch wird die Wahrnehmung nicht weniger intensiv, aber viel fruchtbarer. Statt einfach alles aufzunehmen, findet sich jetzt intuitiv der Weg zu dem, was wichtig ist.

Zeit für die eigenen Gedanken und Gefühle, Zeit um die eigene Motivation zu finden ist die Voraussetzung dafür, dass man das Potential, das man in sich trägt wahrmachen und das ganz persönliche Wissen, das man gesammelt hat in die Welt bringen kann.

Sich zurückziehen bedeutet nicht scheu oder sozial verkümmert zu sein.
Es bedeutet, sich selbst Ernst zu nehmen, die eigene Erfahrung wertzuschätzen und an der Entfaltung der eigenen Fähigkeiten zu arbeiten.

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3 Antworten auf “Merkmale von Hochbegabung – 8 c: Extra-Introvert-Spezialmix und wie man ihn findet…”

  1. Ich kann gar nicht glauben, wie sehr mir diese Worte aus dem Herzen sprechen. Ich habe mich so oft gefragt, warum ich die einzige Person in meinem Umfeld bin, die sehr extrovertiert ist und gleichzeitig ein enormes Bedürfnis danach hat, alleine zu sein. Früher fühlte ich mich oft hin- und hergerissen zwischen diesen Bedürfnissen, heute höre ich meinen Körper und Geist immer deutlicher und stärker, wenn er nach Alleine-Sein ruft. Ein gutes Gefühl. Getting there…Vielen Dank für deine Worte.

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  2. Mh, mich irritiert, dass ich hier eine Vermischung der Begriffe Hochbegabung und Hochsensibilität sehe. Beide können sich in grundsätzlichen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsattributen überschneiden, unterscheiden sich jedoch zumeist durch eine in manchen Punkten differenzierbare Art der Informationsflutverarbeitung. [größere Focussiertheit des Interessensgebiets gemäß der vorliegenden Begabung, hohe Konsistenz im Verfolgen des Ziels, vorwiegend bewusst-logische (auch bei sozialen und musischen Hochbegabungen), stark kognitiv (durch den IQ > 130 bedingt)] …unabhängig der Temperamentsausprägung. Natürlich ist das insgesamt ein Thema, dass sich nicht gänzlich kategorisieren lässt, und daher sicher auch insbesondere seinen Reiz hat. Jeder Fall ist sehr individuell. Es scheint mir jedoch hier in erster Linie um die Beschreibung eines ambivertierten hochsensiblen Typs zu gehen. Von Merkmalen einer Hochbegabung habe ich zumindest in diesem Text nichts gefunden. Oder irre ich mich? (ein erhöhtes Bedürfnis nach Ruhe & Rückzug trotz extrovertierter Tendenzen können beide haben)

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  3. Hallo Anonymous, danke für deinen Kommentar. Die Abgrenzung der Begriffe Hochbegabung, Hochsensitivität und Kreativität muss jede(r) für sich vornehmen, die Hirnforschung kann uns da noch keine exakten Linien vorgeben. Ich glaube auch nicht, dass das je kommen wird, denn jedes Gehirn, jede Seele ist so wunderbar einzigartig, dass es unsinnig wäre Typen zu beschreiben oder harte Kategorien zu formulieren. Ich schreibe in diesem Blog daher sehr persönlich über das, was ich von den vielen Hochbegabten, mit denen ich mich austausche oder die ich coache, höre und was ich selbst erfahre. Und das ist eben, dass viele sowohl den intensiven Austausch mit anderen suchen, als auch viel Zeit für sich brauchen. Einen "ambivertierten Typ" möchte ich das aber nicht nennen, das würde der Vielfalt dieser Menschen nicht gerecht.

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