Sind Sie auch ein Scanner?

Wenn Hochbegabte eines gemeinsam haben, dann ist es vielleicht das andauernde Gefühl, zu wenig Zeit zu Zu viele Interessen haben - geht das?haben. Schon Fünfjährige höre ich darüber klagen, dass der Kindergarten ihnen die Zeit auffrisst, dass sie zuhause ihre Zeit so viel sinnvoller ausfüllen könnten. Viele hochbegabte Schüler klagen über die Hausaufgaben, weil ihnen dadurch keine Zeit mehr für ihre eigenen Projekte bleibt. Und Projekte haben sie, ob sie nun 5 oder 50 sind, und meist nicht nur eines sondern viele. Eine neue Sprache lernen, das Haus neu einrichten, Informationen sammeln und ein Buch schreiben, eine Weltreise machen, eine neue Methode erfinden, etwas erforschen, experimentieren, erfinden, ein soziales Projekt aufbauen, eine Alternativschule gründen, Flamenco lernen, einen Zeichentrickfilm machen, ist nur ein kleiner Ausschnitt der typischen To-do-Liste eines Hochbegabten.
Zum Coaching kommen oft Erwachsene, die vor lauter Projekten nicht mehr wissen woran sie arbeiten sollen und darum zu gar nichts kommen. Oder solche, die sich selbst hassen, weil sie “nie etwas fertig machen”. Und die, denen Menschen in der Umgebung einreden, sie müssten sich jetzt endlich mal für eine Sache entscheiden.

Vor kurzem viel mir ein wunderbares Buch in die Hände, von einer Autorin um die ich bisher einen weiten Bogen gemacht hatte: Barbara Sher, Bestsellerautorin und Erfinderin der “Wish-Teams” . Viel zu amerikanisch, viel zu populär, fand ich. Aber dann blieb mein Blick doch ganz aus Versehen am Titel ihres neusten Buches hängen: “Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast”. In diesem Buch schreibt Sie über Scanner, Menschen, für die “die Welt wie ein riesiger Süßigkeitenladen voller Verlockungen ist. Und am liebsten würden sie mit beiden Händen zugreifen und sich die Taschen vollstopfen”. Mir fielen gleich einige Klienten und Freunde ein, für die dieses Buch interessant sein könnte.

Was ich nicht erwartet hatte: wieviel Freude ich selbst an diesem Buch haben würde. Denn Barbara Sher hält ein selbstbewusstes und fröhliches Plädoyer für die Kraft der Ideen.
“Scanner sollten ihre Einfälle nicht wie Müll entsorgen, egal, wie viele sie haben und wie unausgereift sie sind. Respekt gegenüber Ideen ist vergleichbar dem Respekt gegenüber ihren Produzenten: Ihnen selbst. (…) Verabschieden wir uns von der Vorstellung, dass Ideen wertlos sind, solange sie nicht Geld einbringen oder irgendeinen anderen praktischen Nutzen haben”.
Aber Sher schenkt dem Scanner nicht nur Ermutigung und Trost, sondern auch reichlich gut anwendbare Tips zur Organisation des Scannerlebens.
In der zweiten Hälfte des Buches beschreibt Barbara Sher verschiedene Typen von Scannern, die fand ich nicht besonders überzeugend. Aber das schmälert für mich den Wert des Buches nicht. Denn wie die meisten Scanner lese auch ich nur selten ein Buch ganz und von vorne nach hinten.
Also, wenn Sie ein Scanner sind: scannen das Buch! Und das herausziehen, was zu Ihnen passt.

Barbara Sher “Du musst Dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast”, dtv 2008, ISBN 978-3-423-24654-5, € 15,00

Schau auch mal auf meinen anderen Seiten vorbei:

www.begabungswerkstatt.de

Bis bald! Nathalie

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6 Antworten auf “Sind Sie auch ein Scanner?”

  1. Ich finde die Aussage, wenn Hochbegabte etwas gemeinsam hätten, wäre das der Zeitmangel, wirklich pauschaliert. 'DAS Kriterium' gibt es sicherlich nicht. Zwar habe ich keine Ahnung, wie ich in einem "echten" IQ-Test abschneiden würde, aber es weisen bei mir schon viele Dinge auf eine Hochbegabung hin. Doch darüber, "wenig Zeit" zu haben, beschwere ich mich sicherlich nicht. Im Gegenteil, ich benötige extrem viel Ruhe und Zeit für mich, was u.U. aber auch an meinem ADS (ja, ohne H) liegen könnte… Ansonsten kann allerdings auch ich mich mit dem 'Scanner' identifizieren. Vor allem das Internet ermöglicht mir, mein Scannerdasein auszuleben – man kommt von einem interessanten Thema zum nächsten, googelt und googelt… hört nebenbei Musik, hat Zeichenutensilien vor sich liegen, einen Kuchen im Backofen und ordert nebenbei in verschiedenen Onlineshops Zutaten für die Erprobung neuer Hobbies. Wahrscheinlich ist das Ganze bei mir also eher theoretisch orientiert, wohingegen die meisten eher ins Praktische gehen und die Welt da draußen erkunden.

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  2. Danke für den Kommentar. Natürlich ist jede Aussage über "die Hochbegabten" eine Pauschalisierung. Aber immer zu schreiben "ein großer Teil der Hochbegabten" macht die Sache etwas anstrengend : ).
    Was den Zeitmangel betrifft: Freu dich, wenn du keinen hast! Denn gerade weil viele Hochbegabte viel Zeit für sich brauchen UND viele Ideen haben UND eigentlich gern die Welt verbessern würden, fühlen sie oft Zeitnot. Ich hab noch nicht so viele Hochbegabte getroffen, die sich nur nach außen oder ins Praktische orientieren würden. Sondern vor allem solche, die viel Zeit brauchen um all die wahrgenommenen Eindrücke und ihre eigene Haltung zu Dingen zu verarbeiten und zu durchdenken.

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  3. Liebe Nathalie, ich bin auch ein großer Fan von diesem Buch von Barbara Sher. Das Buch hat mir die Augen geöffnet, weil ich tatsächlich auch ein typischer Scanner bin mit tausend Ideen und Projekten. Ich konnte mich für keinen Beruf entscheiden. Viele Dinge interessieren mich erst brennend, dann plötzlich nicht mehr. Barbara Sher hat mir das schlechte Gewissen genommen. Jetzt gehe ich viel befreiter an meine Projekte heran :-).
    Übrigens: eine interessante Website. Hier werde ich bestimmt öfter mal reinschauen. Liebe Grüße! Sina

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  4. Ich hasse es nichts fertig zu bekommen. Wieso kann man das als positiv bewerten? Mich macht das fertig, aber die Angewohnheit drückt immer wieder durch: Konzentriere ich mich auf IT -was eigentlich mein Ziel ist-, dann hab ich dort 100 verschiedene Bereiche offen, wo ich dann auch zu nix komm. Ich persönlich wäre viel lieber konstant und "hochbegabt" an einer Sache dran, um darin richtig gut zu werden, als dass ich bei 100 Interessen einen Zirkel-Lauf habe, wo ich dann mit 50 in allen Dingen halbwegs gut bin… Stresst mich sehr. Falls es einfach meine Natur ist, dann will ich sie ändern.

    Sorry für den schroffen Ton im Kontext, aber das ist grade das erste Mal, dass ich mich drüber auslasse. Jemand ein Tipp dazu? ツ

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  5. Hallo Anonym,
    ich verstehe gut, dass es dir lieber wäre, in einer Sache 100% Talent zu zeigen und dich auf die eine Sache konzentrieren zu können. Denn in unserer Kultur werden Spezialisten mehr wertgeschätzt als Generalisten. Wahrscheinlich, weil man die Erfolge da besser erkennen kann. Die Realität ist aber, dass sehr viele begabte Menschen vielseitig sind. Und ich glaube, dass diese Vielseitigkeit das eigene Leben sehr bereichern kann – nur bleibt halt die Anerkennung von außen aus. Meine Erfahrung ist, dass es keinen Zweck hat, sich gegen die eigenen 1000 Interessen zu wehren – sie werden sich immer einen Weg suchen und das führt dann dazu, dass man zwar versucht, sich auf eine Sache zu konzentrieren, aber nicht wirklich voran kommt. Wenn man sich erlaubt, die verschiedenen Interessen auszuleben, stellt sich oft raus, dass sie doch irgendwie zusammenführen. Dass all diese Aspekte zusammen ein einzigartiges Besonderes formt – Dein Spezialgebiet, das es noch nicht gibt, das du dir selber formen musst. Das Buch von Barbara Sher will Scannersein nicht idealisieren – es hilft aber dabei, sich damit abzufinden und das beste draus zu machen!

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  6. das hört sich nach sehr viel Widerstand an. vielleicht schaust du den mal an. Barbara Sher gibt dazu Tipps in ihrem Buch: Lebe das leben von dem Du träumst.

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