Die anderen Merkmale von Hochbegabung 2: Top-down im Turbotempo

Bevor sie begreifen, dass sie schnell denken, machen viele Hochbegabte eine andere Erfahrung, die mit dem top-down Lernen zu tun hat: sie merken, dass sie die Neigung haben andere zu unterbrechen. Manche geben ihrer Neigung nach, andere halten sich mit viel Mühe zurück. Beide werfen sich vor, sie seien ungeduldig und unhöflich. Den anderen aussprechen zu lassen gilt schließlich als eine selbstverständliche Grundregel unserers Miteinanders.

Auch hier kommt für viele Hochbegabte das Aha-Erlebnis, wenn sie endlich Menschen begegnen, die ähnlich sind. Die auch schon nach drei Wörtern wissen worauf der andere hinaus will. Die auch dazu neigen andere zu unterbrechen. Mehr noch: die sich daran nicht stören, sondern sich an dem Turbotempo solcher Gespräche freuen.

“Das Buch von dem Architekten…”
“mir gefällt das andere besser, das wo…”
“genau und er widerspricht sich darin…”
“wie die Californierin…”
“ich glaube es könnte trotzdem klappen…”
“hast du von dem Versuch in Holland gelesen..”
“dass der gescheitert ist bedeutet ja nicht..”
“genau!”.

Lücken scheint dieses Gespräch nur dann zu haben, wenn man eine chronologische der-Reihe-nach-und-Schritt-für-Schritt-Denkweise hat. Wer aber top-down denkt, wie viele Hochbegabte, nämlich vom Abstrakten zum Konkreten, in großen Linien und wer oft auf Metaniveau reist, der kann viele dieser kleinen Schritte überschlagen. In so einem Gespräch genügen dann oft minimale Hinweise, um zu begreifen, in welche Richtung der andere denkt.

Werden solche In-großen-Linien-Denker zum schrittweisen Denken gezwungen, laufen sie nicht nur Gefahr einem akuten Ungeduldsinfarkt zu erliegen, sondern verlieren auch den Überblick. Denn ihnen sind die kleinen Zwischenschritte oft gar nicht deutlich und sie verirren sich dann in den Fakten, die dabei präsentiert werden. Schlechte Resultate bei Rechenaufgaben, Multiple Choice Tests und mündlichen Prüfungen können hiermit zu tun haben. Statt der eigenen Logik zu folgen, lassen sie sich von ihren Denkwegen abbringen. Versuchen ihren Gedanken das top-down zu verbieten und schneiden ihnen damit die Flügel ab.

Darum ist es so wichtig, dass Hochbegabte – am besten schon in jungen Jahren – ihren Denkstil entdecken und darüber kommunizieren lernen. Wieviel Energie läuft sonst ins Leere, wie viele Gedanken werden nicht gedacht! Und wie viele wunderbare Denker fangen sonst an ihrer eigenen Denkfähigkeit zu zweifeln an!

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11 Antworten auf “Die anderen Merkmale von Hochbegabung 2: Top-down im Turbotempo”

  1. Oh, das kenne ich nur zu gut. Von Lehrern wurde ich häufig zurechtgewiesen, ich solle mal einen Gang runterschalten und nicht so schnell lesen und sprunghaft reden, da käme ja sonst keiner hinterher. Ich dachte stets, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank. Ab der 7. Klasse, waren meine bis dahin sehr guten Noten dann endgültig Geschichte, ich war völlig frustriert, schaltete ab, war oft "krank", alberte mit meinem Sitznachbarn etc. Die Noten dazu kann man sich denken… Zum Glück ist mein Freund genauso schnell im Denken und Reden
    und mittlerweile empfinde ich mein Anderssein
    als Gabe aber auch als Verantwortung. Seit meinem IQ-Test und diversen Büchern über Hochbegabung bin ich froh, die zu sein, die ich bin.

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  2. Ist das nicht toll, wenn man dann endlich andere Menschen trifft, bei denen das Turbotempo normal ist? Man sich nicht mehr bremsen muss?
    Und die Gedanken endlich sprühen und blühen können…

    Grüße, Nathalie

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  3. Beim Lesen dieses Blogs halt mir konstant jemand den Spiegel vorgehalten. Früher hat ein Lehrer zu mir gesagt (ich hatte Spanisch-LK), die Arbeit wäre sprachlich top, aber von der logischen Verknüpfung der Ideen eine Katastrophe ("manchmal denke ich, du hättest nicht alle Tassen im Schrank!"). Mir wurde angeraten, ich solle mich mit einer klar-strukturierten Klassenkameradin zusammen setzen, um zu lernen, wie man seine Vorgedanken strukturiert im Rahmen eines Konzept-Papieres niederlegt, um sie dann auch so in der Arbeit entsprechend logisch-sequenziell zu verarbeiten. Bei mir lief das in den 5-stündigen Arbeiten so, dass ich sofort den Griffel in der Hand hatte und durchgeschrieben habe. Das hat sonst keiner gemacht.

    Im Job ist es jetzt so, dass mein Leistungspotential mit steigender Betriebszugehörigkeit immer besser ausgeschöpft werden kann. Ich führe das auf die holistische Denkweise zurück. Erst das für mich "Ganze-Relevante" erfassen. Mir fällt aber auch auf, dass ich im Gegensatz zu anderen meine Aufgabenstellungen bzw. Projekte nicht so isoliert betrachte (kein Bewegen im Mikrokosmos), sondern stets Verknüpfungen zu anderen Teildisziplinen herstellen kann. Ich bin der Meinung, dass dieses übergreifende Denken zwingend notwendig ist, damit die mit einzelnen Projekten definierten Ziele auch tatsächlich erreicht werden bzw. realisiert werden können. Im Sinne eines in sich funktionierenden Gesamtgetriebe (die Elemente sind dann die einzelnen in Projekten entwickeltn Tools). Ich sehe immer und überall Input-Output-Beziehungen. Für meine Kollegen ist diese Denkweise oft überhaupt nicht nachvollziehbar. Ich habe oft die dollsten Ideen und bringe diese auch zu Papier. Aber wenn es darum geht, die (Zwischen-)Projektergebnisse anderen verbal zugänglich zu machen, treffe ich regelmäßig auf Schwierigkeiten. Ich schaffe es einfach nicht, die für mich intuitiv und über eine holistische Denkweise erzielten Projektergebnisse allgemein-adressaten-gerecht zu vermitteln (wobei mein Gefühl der Unzulänglichkeit hier nicht unbedingt immer tatsächlich bestätigt worden ist. Ich vermute dies eher aufgrund der angelernten Unsicherheit). Ich habe dann aber stets ein Gefühl von "Unvollständigkeit" und in Konsequenz von "Schlechtheit", da ich mein Potential verbal nicht sichtbar machen kann.

    Naja, soviel dazu…

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  4. Interessant, was Du über die Schwierigkeit (oder Unsicherheit) die eigenen Gedanken "allgemein-adressaten-gerecht) zu vermitteln schreibst.
    Ich erkenne das, auch die Frage, wieviel davon angelernte Unsicherheit ist. Aber ich merke auch oft, dass ich bei Vorträgen einen Teil der Zuhörer überfordere, wenn ich zu schnelle Sprünge mache. Sprünge, die für assoziative Denker selbstverständlich sind, für die sequenziellen nicht nachvollziehbar. Desto mehr Erfahrung ich dabei habe, desto besser kann ich darauf antizipieren und wo nötig die Zwischenschritte kurz darstellen. Trotzdem ein Thema um weiter drüber nachzudenken, welche Form des Präsentierens ist für beide Lernstile kompatibel…

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  5. Hallo Lux,
    Ja scheinbar sind auch Professoren der Pädagogik nicht unbedingt offen für Intelligenz, wenn sie sich durch kritischen ( oder gelangweilten) Geist zeigt :-). Schade, wäre ja gerade die Chance für zukünftige Generationen bessere Pädagogen heranzuziehen.

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  6. Mädels, ihr seid nicht allein. Willkommen im Klub. 🙂

    Als ich in der DDR zur Schule ging, wurde mir meine Art zu denken, in den Zeugnissen mit dem Wort "intelligent" quitiert.
    Die meisten meiner Lehrer in den BRD-Schulen warfen mir diese Eigenschaft vor. Sie sagten, ich wäre "unhöflich", würde den Unterricht "stören", "andere beleidigen" und mich "über die anderen stellen".
    Offensichtlich erwartete man von mir, zu allem Ja und Amen zu sagen, mich dem untersten Niveau in der Klasse anzupassen und mich dumm zu stellen.

    Noch heute wirft man mir in den Dienstbesprechungen meine "gedankliche Abwesenheit" vor. Das, obwohl ich stets dazu in der Lage bin, den Inhalt des bereits Gesagten widerzugeben.

    Nehmen wir meinen Vorgesetzten. Wenn der einem etwas erzählt, dann macht er keinen Unterschied, ob er zu einem vierjährigen Kind redet oder zu einem Mann vom Fach. Er gehört zu denen, die sich gerne selbst reden hören und es für besonders intelligent halten, die einfachsten Dinge kompliziert und in Schachtelsätzen mitzuteilen. Er fällt übrigens allen ins Wort, die ihm rhetorisch und intellektuell überlegen sind und nicht zu seinen Vorgesetzten gehören. Frei nach dem Motto, solange ich rede, kann mir keiner widersprechen.

    Ich erinnere mich gerade an einer Unterrichtsstunde in Pädagogik. Wenn 20 Pädagogen diskutieren, werden oft mindestens 21 Meinungen vertreten. In besagter Stunde nahm ich mir eine Zeitung vor und löste nebenbei ein Kreuzworträtsel. Darauf wurde ich vom Lehrer ermahnt. U.a. wurde mein vermeintliches Desinteresse angeprangert. Das hatte zur Folge, dass mir der Kragen platzte und ich das Wort ergriff. Den Vorwurf meines Desinteresses und meiner gedanklichen Abwesenheit entkräftete ich schon mal damit, in dem ich in 2, 3 Sätzen den kompletten Inhalt der Redebeiträge der letzten 20 Minuten wiedergeben konnte. Daraufhin wurde mir Unhöflichkeit (!) vorgeworfen. Worauf ich damit konterte, dass ich es unhöflich finde, wenn Menschen zu mir sprechen, ohne mir etwas mitzuteilen. Ich meinte zum Lehrer, er solle doch zufrieden sein, wenn ich mich mit der Zeitung ablenke. Ich störe schließlich niemanden damit. Das brachte den Lehrer auf die Palme und ich erntete die nächsten Vorwürfe. Unter anderem wurde mir meine Direktheit, meine schnelle Auffassungsgabe und meine Logik vorgeworfen.

    So lange er, der Lehrer, als Moderator nicht dazu in der Lage wäre, die inhaltslosen Monologe einzudämmen, werde ich mich nebenbei mit anderen Dingen beschäftigen. Ich sagte: "Ihr könnt euch stundenlang über eine Sache unterhalten und sie breitwalzen, die ein intelligenter Mensch mit einem Wort beschreiben würde: nämlich mit >Scheiße<. Und das ist für mich unerträglich."

    Von einigen Wenigen erntete ich verständliches Lachen. Ich sprach wohl auch in ihrem Interesse. Doch die meisten schauten mich wütend an.

    Das ägert mich aber nicht. Denn ich weiß, dass ich in einer Kultur lebe, wo die Dummheit geheiligt wird. Eine Kultur, in der solche Einzeller wie Verona Blubb Feldbusch als intelligent gelten. Dies ist schließlich nur möglich, wenn die große Masse noch nicht einmal Mittelmaß besitzt. Und, um das Mittelmaß nicht zu überschreiten, bereichert man das Volk mit "Frau hinterm Spiegel", mit "Blöd" und wie all die unerträglichen, doch erfolgreichen Produktionen heißen.

    P.S. Ich werde nun öfters hier hereinschauen. Habe Deine Seite verlinkt.

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    1. Wilma Haschen Smoka Lotta 4. Mai 2019 bei 16:17

      Hhh, ich danke dir für deinen Kommentar 🙂 Ein echter Schenkelklopfer und exakt das was ich auch denke und empfinde .

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  7. danke für diese seite.
    ja das kenne ich sehr gut.
    dache ich wär komisch weil ich so schnell denke und rede.

    mag sich jemand mti mir austauschen?
    kenne sonst keine "gleichgesinnten"

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  8. Cool….und ich dachte, ich wäre immer zu schnell….die gucken mich meistens komisch an….witzig….schöner Beitrag….;-D

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  9. Das erklärt mir mein Verhalten in den letzten 35 Jahren. Ich habe so oft das Problem, dass andere etwas lang und breit erklären und es doch so einfach wäre es mit 2 Worten zu sagen. Wenn mir jemand sagt, ich solle ihn doch mal ausreden lassen, dann bin ich meist dankbar, weil ich es selbst nicht merke. Allerdings schalte ich dann meist für einige Zeit einfach ab, bis derjenige am Ende ist und ich endlich antworten darf. Wirklich gleichgesinnte sind mir noch nicht wirklich begegnet. Und hätte meine Tochter nicht auch diese Angewohnheit und mich überhaupt auf das Thema Hochbegabung sensibilisiert, dann würde ich mich selbst immernoch nicht verstehen. Bisher habe ich noch keinen Test gemacht, aber ich bin schon neugierig, was da rauskommen würde.

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    1. Nathalie Bromberger 30. Januar 2019 bei 22:18

      Liebe Kathrin, das geht vielen so, dass sie erst durch ihre Kinder auf dasThena Hochbegabung kommen – bei mir war das damals auch so.
      Ich finde das mit dem Ausreden lassen immer noch ein schwieriges Thema. Ich möchte geduldig zuhören können, weil das ja auch was mit Respekt zu tun hat. Aber gleichzeitig ist es wichtig, manchmal ganz im eigenen schnellen Tempo kommunizieren zu können, ohne mich zu bremsen. Aber es hilft, mir das im Kopf bewusst zu machen: Rede ich gerade mit einer Top-Down-Denkerin und kann mich „los“ lassen, oder sitzt mir jemand gegenüber, mit dem ich in ganzen Sätzen reden sollte 🙂

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