Merkmale von Hochbegabung – 5. Weltverbesser-Drang und Visionärer Geist

Letztes Mal hatte ich in dieser Serie über den Gerechtigkeitssinn geschrieben, durch den hochbegabte Kinder auffallen. Ein Sinn ist eine Antenne, die Fähigkeit etwas wahrzunehmen. Auf Dauer ist dieses passive Aufnehmen aber nicht genug. Es führt ganz automatisch zum Bedürfnis etwas zu unternehmen, zu handeln, die Welt zu verbessern.
Schon wieder Worte aus dem Lexikon der Hochbegabung, die in unserer Kultur negativ besetzt sind:
“Weltverbesserer” oder “Idealist” – mit diesen Begriffen kann man sich bei uns nicht schmücken.

Schon früh lernen Kinder und Jugendliche, von Altersgenossen, Eltern und Lehrern, dass es peinlich, lächerlich, übertrieben, störend oder bemitleidenswert ist, sich für eine Sache zu ereifern. Dass Visionen nur Hirngespinste sind. Revolutionen nur Aufruhrsähen und Idealismus schon fast eine Krankheit. Diese Umgebungseinflüsse führen dazu, dass viele Hochbegabte, junge wie alte, ihren Weltverbesserdrang auch selbst als lächerlich erfahren und soweit wie möglich zu unterdrücken versuchen.
Dadurch entstehen oft massive Ohnmachtsgefühle, gepaart mit Schuldgefühlen und Selbstzweifeln. Der/die Hochbegabte hat das Gefühl, Verrat an den eigenen Werten und Möglichkeiten zu üben, sieht jedoch oftmals keinen Weg, aktiv zu werden. Dazu kommen starke Einsamkeitsgefühle – es fehlt die unterstützende und ermutigende Umgebung. Ein Teufelskreis entsteht, der zu immer stärken Ohnmachtsgefühlen und Selbstzweifeln führt.  Depressive Stimmungen können hier ihre Ursache haben.

Anderen gelingt es nicht, den Weltverbesserdrang zu unterdrücken. Sie versuchen es, aber in regelmäßigen Abständen bricht er wie ein Geysir aus, zeigt sich als Wutausbruch oder auf andere Art verzerrtem Verhalten. Es folgt Scham. “Warum konnte ich wieder meinen Mund nicht halten”. “Warum muss ich immer aus dem Rahmen fallen”…

In beiden Fällen schämen sich die hochbegabten Schüler und Erwachsenen schließlich für genau das, was ihre größte Gabe und für unsere Gesellschaft wichtigstes Gut ist.
Gibt es Schöneres und Wichtigers als Menschen, die den Drang fühlen, die Welt zu verbessern, sich für das Gute einzusetzen und solidarisch mit Schwächeren zu sein?
Statt sie zu belächeln, sollten Lehrer und Erzieher diese Fähigkeiten ernstnehmen und fördern. Warum gibt es noch keine Weltverbesser-Akademie? Warum werden Schüler mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn nicht ebenso gefördert wie gute Fußballspieler? Warum lassen wir sie allein, statt sie zu ermutigen und tatkräftig ihrem Beispiel zu folgen?

Mein Weltverbesserdrang diese Woche: die Aktionen von 350.org zu unterstützen.

Mein Idol zur Zeit: Präsident Nasheed von den Malediven, weil er mit seiner wunderbaren Rede und tatkräftigem Handeln gezeigt hat, dass er einer der wenigen Politiker ist, die in der Lage sind, den Weg aus der Klima-Krise zu leiten – wenn wir ihn lassen.

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