Merkmale von Hochbegabung 5.2.: Kann man Weltverbesserdrang messen?

Hochbegabung ist mehr als ein hoher IQ. Und auffallen tun Hochbegabte – sich selbst und ihrer Umgebung – nur zum Teil wegen ihrer intelligenten Äußerungen. Viel heftiger werden oft die anderen Merkmale wahrgenommen, um die es in dieser Serie geht.
Das Gefühl nicht begriffen zu werden und die anderen nicht zu begreifen, hat weniger mit der Fähigkeit zu tun, mathematische Formeln schnell zu erfassen oder in mehreren Sprachen denken zu können. Sondern damit, dass unterschiedliche Denkstile aufeinandertreffen. Was für den einen ein Gedankensprung ist, erfährt der andere als Abkürzung. Was für den einen ein normales Tempo ist, wird für den anderen zu einer nicht nachvollziehbaren Raserei. Und wenn der eine mit hochempfindlichen Antennen Unterströme oder Spannungen wahrnimmt, tut der andere das als Einbildung ab.

Warum bekommen diese wichtigen Merkmale so wenig Aufmerksamkeit? Weil wir sie (noch!) nicht messen können! Kreativität, Sensitivität, Motivation und Soziale Intelligenz sind bisher nicht in harten Kategorien oder Variabeln zu fassen. Darum besteht die Testung Hochbegabter noch immer vorwiegend aus einer Testung jener Intelligenz, die wir einigermaßen zuverlässig messen können.

Aber warum ist die Testung überhaupt von so großer Wichtigkeit? Warum definieren Hochbegabte sich auch selbst vor allem über diese Tests und nicht über jene Eigenschaften, die im Alltag oft noch relevanter sind?
Ich denke, dass es hierfür zwei Gründe gibt, die zusammenhängen:
Erstens weil das Testergebnis leider oft der einzige Weg ist, für ein hochbegabtes Kind Förderung durchzusetzen.
Und zweitens weil viele Hochbegabte im Laufe ihres Lebens unsicher geworden sind, an ihren eigenen Fähigkeiten zu zweifeln gelernt haben und sich fragen, ob sie verrückt sind. (Denn wenn alle anderen anders sind – dann muss ich ja wohl verrückt sein!)

Diese beiden Gründe hängen zusammen und sorgen für einen Teufelskreis:
Weil die Hochbegabung sonst nicht anerkannt wird, lassen die Eltern das Kind testen – mit einem Test, der nur einen kleinen Teil des komplexen Phänomens Hochbegabung misst.
Das Kind identifiziert sich mit dem Testergebnis und stellt beruhigt fest, dass es nicht verrückt, sondern intelligent ist. Die Lehrer geben dem Kind ein paar extra Matheaufgaben und meinen, das Problem damit aus der Welt geschafft zu haben.
Weil die “Nebenwirkungen” von Hochbegabung nicht angesprochen werden, weil dem Kind nicht mitgeteilt wird, dass hohe Intelligenz mit anderen Eigenschaften verbunden ist, fängt es an sich zu wundern. Bin ich vielleicht verrückt? Wenn ich wirklich hochbegabt wäre, dann müsste ich doch besonderes leisten. Dann müsste ich doch ganz wunderbar mit anderen Menschen umgehen können, mich ihnen begreiflich machen können, meine Gedanken logisch und ohne Sprünge mitteilen können?

So entstehen die Zweifel am eigenen Denken, an den eigenen Fähigkeiten, mit denen so viele Hochbegabte durchs Leben gehen. Erst wenn das ganze Paket, das ganze komplexe Phänomen Hochbegabung gesehen wird, wenn Lehrer ihre hochbegabten Schüler mit alle ihren – manchmal auch lästigen – Eigenschaften annehmen und fördern, dann erst entsteht der offene und sichere Raum, in dem Begabung sich wirklich entfalten kann.

Mit diesem langen und etwas umständlichen Plädoyer wollte ich eigentlich nur einen Buchtip vorbereiten. Und weil das Buch mehr verdient als in der letzten Zeile erwähnt zu werden, stoppe ich hier – und gebe dem Buch seinen eigenen Post.

 

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Eine Antwort zu “Merkmale von Hochbegabung 5.2.: Kann man Weltverbesserdrang messen?”

  1. Endlich wird das mal geschrieben.

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