Ode 2: An die kreative Zeit -Rechnung

1.Wann arbeiten Kreative eigentlich? Und kann man das Arbeit nennen?

Zählt “auf der Wiese liegen” zu meiner Arbeit? Und was ist Arbeit überhaupt? Wie funktioniert die kreative Zeit?
Diese Fragen beschäftigen mich regelmäßig. Zum Beispiel wenn ich im Garten sitze und – scheinbar – den Blumen beim Wachsen zuschaue, während andere in Büros den Achtstundentag leben. Oder wenn in der Schule wieder einmal eine Mutter zum Helfen gebraucht wird und man sofort an mich denkt. Denn ich habe ja immer Zeit.
Gleichzeitig habe ich nie Zeit. Bin irgendwie immer am Arbeiten. Gehe mit Ideen schwanger, brüte Ideen aus, trage sie im Hinterkopf mit mir herum. Wann hab ich eigentlich Feierabend? Und gibt es das überhaupt: Frei von kreativ?
Künstlerin liegt auf der Wiese und denkt über die Zeitnach

Wie lange dauert eine Idee?

Manchmal dauert eine Minute sehr lang. Dann kann ich ein ganzes Buchkonzept in einer einzige Minute entwickeln. An anderen Tagen fliegen die Stunden nur so vorbei. (Und ich hab erst 107 Wörter geschrieben. Das kann nicht sein. Ist die Uhr kaputt?)
Im Flow spielt Zeit keine Rolle. Er spielt sich in einem Vakuum ab, in dem man nicht an so banale Dinge wie Minuten oder Stunden gebunden ist. In dem man schwerelos ist und das Gefühl für Raum und Zeit, für hier und jetzt, für du sollst aber und du müsstest doch, verliert. Zum Glück: Nur so ist Kreativität möglich.

Flow ist cool und schmeckt nach mehr und klingt nach Spiel. Das ist schön, aber kann auch dazu führen, dass wir Kreative Arbeit nicht genug wertschätzen. Denn, wenn wir nur spielen, dann ist das doch gar nicht wirklich Arbeit?

Die Vorstellung hält sich allerhartnäckigst, auch in den Köpfen derer, die tagtäglich kreativ sind: Dass Arbeit, die Spaß macht, keine Arbeit ist. Sondern ein Hobby. (“Also wirklich, kann man das Arbeit nennen?”). Und es gibt eben ein paar Leute, die das Glück haben, mit ihrem Hobby Geld zu verdienen (“Und Picasso hat einfach nur ein bisschen rumgekritzelt und jetzt kosten die Bilder MILLIONEN!!!!”).

Hallo: Können wir diesen Irrtum bitte ein und für allemal aus unseren kreativen Köpfen jagen?

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Hat schon Karl Valentin gesagt. Und genau so ist es: Kunst ist sehr viel Arbeit. Nur selten schreibt ein Autor seinen Roman in einem tranceartigen Spielzustand. Ja, Flow gehört dazu – das sind die großen Glücksmomente, in denen alles fließt. Aber auch dazu gehören alle jene Momente, in denen die Kreative von Zweifeln geplagt heulend in der Ecke sitzt. Oder das Manuskript zum fünften Mal überarbeitet, weil der Plot immer noch nicht ganz stimmt. Dazu gehören auch die Momente, in denen die Kreative sich mit Kollegen austauscht, Worten nachspürt, recherchiert oder experimentiert. Vor allem aber gehören dazu: die gestrichenen Seiten, die schlaflosen Nächte, die übermalten Leinwände, die unveröffentlichen Manuskripte, die von Kritikern zerrissenen Ausstellungen oder Romane, die Diskussionen mit Lektoren und Galeristen, die Momente, in denen man aufgeben, alles hinschmeißen und sich einen normalen Beruf suchen will – und es dann doch nicht tut. Denn was vor allem dazu gehört ist Mut. Der Mut, weiterzumachen. Auch wenn von den Verlagen nur Absagen kommen. Weiter machen! Auch wenn bei der Ausstellung wieder keiner was gekauft hat. Weitermachen!

Dazu gehört auch der Mut, zu schreiben, was dem Markt nicht behagt, zu malen, was nicht gefällig ist, zu veröffentlichen, was nicht zeitgemäß ist.
Und vor allem jener Mut: Der Mut, sich lächerlich zu machen. Der Mut, von anderen belächelt zu werden. Der Mut als gescheiterte Existenz zu gelten, weil man das nicht hat, was in dieser Welt als Erfolg betrachtet wird.

Und noch ein Irrtum: dass Mut vom Himmel fallen würde.
Mut ist sehr viel Arbeit. Mut machen wir. Mut sprechen wir uns selbst zu. Mut suchen wir, indem wir Routinen folgen, die uns beim Schreiben helfen, die uns täglich wieder an die Staffelei, an den Schneidetisch, ins Atelier, auf die Bühne helfen. Mut suchen wir, indem wir uns mit Menschen umgeben, die uns ermutigen. Mut suchen wir, indem wir uns vor dem Abschließen, was uns kränkt, schwächt oder mit den falschen Zweifeln auflädt.
Mit dieser Mut-Arbeit schaffen wir die Voraussetzungen für unsere kreative Arbeit. So wie der Bäcker seinen Ofen unterhält oder der Steuerberater sich regelmäßig in die neuen Gesetzgebungen einarbeitet, so unterhalten wir unseren Kreativen Mut. Das ist unsere Arbeit. Und also ist Mutmachen und alles was sonst noch dafür sorgt, dass wir unsere Arbeit machen können, Arbeitszeit.
Und manchmal macht unsere Arbeit einfach nur Spaß. Dann können wir uns ganz besonders darüber freuen, wenn wir diesen Spaß bezahlt bekommen. Nach all der anstrengenden Mutarbeit haben wir das nämlich mehr als verdient.

2. Wieviel kosten zwei Minuten? Läuft die kreative Zeit langsamer? Oder schneller?

Kurze Zwischenfrage:
Welche Zeit zählt bei Kreativen zur Arbeit?

Oft brauche ich nur zwei Minuten um eine Zeichnung zu machen. Hin und wieder verkrampft sich mein Gehirn bei dem Gedanken: Soll ich sie deshalb mit einem Dreißigstel meines Stundensatzes berechnen? Natürlich nicht. Denn dass ich sie so schnell machen kann, liegt an der Vorbereitung. Einerseits meiner jahrelangen Übung (tägliches Zeichnen, Experimentieren und kritisches Nörgeln am eigenen Werk), wodurch ich jetzt genau weiß, was ich will und extrem schnell arbeiten kann. Andererseits die innerliche Vorbereitung auf diese spezielle Zeichnung- denn bevor ich mich ans Zeichnen mache, spiele ich im Kopf meist schon ein paar Tage lose mit dem Thema. Entwickle Ideen, verwerfe sie, schiebe vage Bilder oder Worte im Kopf hin und her.

Es gibt noch einen wichtigeren Grund meine Zeit anders zu berechnen: Das schnelle Arbeiten verlangt eine immense Konzentration. Es ist eine Bewegung, die im Unterbewusstsein angefangen und mit maximaler Konzentration auf den Punkt gebracht wird. Ich kann nicht 30 solcher Zeichnungen am Tag machen. Manchmal kann ich eine Stunde intensiv zeichnen, mehrere Zeichnungen einer Serie machen und ja es gibt auch Tage, an denen ich bis zur Erschöpfung weitermache, weil ich so unglaublich im Flow bin. Aber danach brauche ich Erholung. Manchmal ein paar Stunden, manchmal – nach so einer intensiven Flowphase – auch Tage. In denen ich wie ein Zombie vollkommen leergesogen über die Wiese wander (die Wiese spielt eine große Rolle in meinem Leben:
Die Wiese hinter unserem Haus, mein Naherholungsort).
Ich verbringe viel Zeit auf dieser Wiese

Und deshalb also kann eine Zeichnung, die in 2 Minuten auf dem Papier erscheint, trotzdem viel kosten. Wieviel, das kann ich nicht allein mit der Uhr messen. Mein Herz muss ich auch befragen. Denn das weiß am besten, was es mich gekostet hat, diese Zeichnung zu machen. Wieviel Herzblut ist eingeflossen? Wieviele schlaflosen Nächte? Wieviel Fragen habe ich mir gestellt, um zu dieser Aussage zu kommen? Wieviel für andere unsichtbare Arbeit musste ich erst erledigen, um diese Striche so setzen zu können?

Noch so eine Zeit-Frage: Zähle ich jede Dusche als Arbeitszeit, oder nur die eine, bei der mir der geniale Geistesblitz kam?

3. Frühe Reife und späte Blüte

Wer kreativ sein will, braucht Zeit. So einfach ist das. Wenn du neben einer 40-Stunden-Woche in einem anderen Beruf noch kreativ sein willst, oder wenn du Kinder hast, dann hast du vielleicht manchmal das Gefühl, das kreativ sein unmöglich ist. Was feht sind nicht nur Stunden an sich, sondern solche Stunden, in denen du dich gehen lassen kannst. Kreative Zeit. Zeit für kreativ. In denen du den kreativen Prozess wirklich offen angehen kannst, ohne die Kinder oder die Abholzeiten bei der Kita im Hinterkopf zu haben, ohne Termine oder Emails, ohne Sorgen auch. (Wer kleine Kinder hat und kreativ sein will, soll sich mal den Film “Lost in Living” anschauen).

Tropenjahre

In solchen Zeiten brauchst du Geduld und einen Zettelkasten. Kreativ kann man nicht abschalten. Ideen tauchen auch im Gewühl des Alltags auf. Sammel alles, auch wenn es nur einzelne Sätze oder Skizzen, ein paar Stichworte sind. Das kommt schon und im Hinterkopf entwickelt sich was. Arbeite in kleinem Maßstab, schraube deine Ansprüche eine Weile runter, folge dem Spaß und verschiebe das Ausarbeiten und Überarbeiten auf später.

Im Laufe der Zeit haben sich ganz schön viele Ideen angesammelt.Und das hier ist mein Zettelkasten – gesammelt in Tropenjahren mit erkälteten Kindern, schlaflosen Nächten, Schul-Dramen, verzweifelten Teenagern…:
In diesen 18 Schubladen habe ich Ideen für mindestens zwei Leben gesammelt.

Aber auch jetzt, wo die Kinder größer sind und ich mehr Zeit habe, kann mich das Gefühl der Zeitnot befallen. Wie soll ich all meine Ideen in nur einem Leben verwirklichen?
(Dieses Gefühl, zu wenig Zeit zu haben, hat meine Tochter übrigens schon ausgesprochen, als sie noch ganz klein war – auch Siebenjährige können schon das Gefühl haben, keine Zeit für all ihre Projekte zu haben. Muss ich in die Schule? Die Schule kostet so viel Zeit – ich hab so viel zu tun. So werde ich nie fertig mit meinen Projekten!!!!)

In solchen Tropenzeiten hilft nur eins: Nicht so viel zweifeln. Nicht zu perfektionistisch sein. Die wichtigsten Ideen, die am allerdollsten unter den Nägeln brennen als allererstes machen. Und – wie meine Schwiegermutter sagte: Es gibt so viel Wichtigeres als den Haushalt. Streiche alles, was dir die Zeit für das Herzwichtige raubt!

Mythos Deadline

Autorin hat die Zeit im NackenAuch wenn Kreativität manchmal im Anblick einer Deadline so richtig in Fahrt kommt -im Allgemeinen lässt sich der kreative Prozess nicht verschnellen oder bremsen. Wenn eine Deadline hilft, dann war der Prozess innerlich schon abgeschlossen, der innere Schweinehund oder die durch Zweifel blockierte Autorin hat nur nicht geschafft, das Werk aufs Papier zu bringen.

Wenn der Prozess noch nicht so weit ist, hilft Zeitdruck –jeglicher Druck- nicht. Wer kennt das nicht: Man sitzt, verkrampft und gehetzt stundenlang am Monitor – kommt keinen Millimeter vorwärts. Wenn man dann endlich – freiwillig oder durch die Familie gezwungen – etwas ganz anderes macht, kann der Hinterkopf entspannen und der Prozess sich entfalten. Dann kommt die Idee schon mal, wenn man in der Umkleidekabine des Schwimmbads auf das Kind wartet oder beim Spülen, Backen oder Duschen. Aber auch das nicht zwingend: Ich kann nicht davon ausgehen, die geniale Eingebung zu bekommen, wenn ich mehr dusche, spüle oder backe. Was sehr schade ist.

Lebenszeit und Auferstehung

Auch die Lebenszeit wird von Kreativen anders gemessen. Sie haben oft schon in jungem Alter den Drive etwas zu schaffen – unterscheiden sich dadurch von Altersgenossen, die noch ohne innere Motivation durchs Leben gehen. Die Gleichaltrigen haben oft auch wenig Verständnis dafür, wenn man lieber am eigenen Roman arbeitet oder neue Rezepte ausprobiert, statt in die Disco zu gehen oder mit den anderen abzuhängen.
Kreativität geht auch nicht in Rente. Viele Kreative schaffen bis ins hohe Alter, manche sogar ihre besten Werke. Willem de Koning, Gerhard Richter, Astrid Lindgren um nur ein paar zu nennen…

Die meisten Kreativen können auch zwischen Jugend und Rente nicht mit einem ordentlichen Lebenslauf dienen. Ja, kann sein, dass der erste große Roman schon mit 17 fertiggestellt wird. Vielleicht braucht er aber auch 30 Jahre um zu reifen. Oder es kommt alle 15 Jahre einer. Oder jedes Jahr einer, drei Jahre lang, und dann ist erst mal Pause.

Unsere kreativen Leben in Vorstellungen von einem normalen Lebenslauf pressen zu wollen, hat keinen Zweck. Das frustriert nur. Auch kreative Höhepunkte sind objektiv nicht messbar. Es kommt vor, dass ein Autor seinen nie veröffentlichten Roman – den außer ihm niemand zu begreifen scheint – als sein Meisterwerk erfährt, während er seinen Bestseller oberflächlich und antiquiert findet. Der Quantensprung, den er in seiner eigenen kreativen Welt gemacht hat, der für ihn selbst wesentlich ist, braucht von der Umgebung nicht begriffen oder wahrgenommen zu werden. Dazu mehr, wenn wir uns mit Werten beschäftigen.

Nur eines noch, zum Abschluss: Was es wert ist, das wir unsere Lebenszeit an es weiden, das können wir nur selbst entscheiden. Und bei dieser Entscheidung helfen uns weder unsere Kontoauszüge, noch die Übersicht der Rentenkasse wirklich weiter.

Auch hier ist wieder Herz gefragt und zwar nicht irgendeins, sondern dieses eine, das du in dir fühlst, das mal lauter und mal leiser pocht und sich manchmal vor Begeisterung überschlägt. Worte wie “lang” und “kurz”, oder “früh” und “spät” haben in jedem Leben andere Bedeutung. Wir kommen also nicht drumrum, für die Phasen und Errungenschaften, die Blüten und Reifezeiten unseres Lebens ganz eigene Begriffe zu finden. Das sollte nicht schwer sein – das ist doch schließlich unsere Arbeit. Und außerdem: In der kreativen Welt ist alles möglich. Da kann die Reife vor der Blüte kommen. Die Geburt nach dem Tod. Und die Auferstehung jeden morgen um halb acht.

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In welcher Phase befindest du dich gerade? Im Dschungel der Zeitnot oder im Tal der Gelassenheit? Wofür nimmst du dir Zeit? Wieviel Zeit gönnst du deinen kreativen Ideen? Und was würdest du tun, wenn du alle Zeit der Welt hättest?

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