Ode 4: An den kreativen Kuhfladen – Wie Kinder malen

Künstlerin malt Kuhfladen
Verzeiht mir, ihr erwachsenen Kreativen, die ihr diese Ode lest, wenn ich mit einem kleinen Schwenker in das Leben der Zweijährigen anfange. Es ergibt sich aber, dass wir von diesen Knirpsen etwas lernen können, das den meisten von uns abhanden gekommen ist. Und ja, es hat mit Kuhfladen zu tun und das ist so:

In unserer auf Produktivität gerichteten Welt wird Kindern schon früh gelehrt, ihre Kreativität in Produkten zu messen. Wie das passiert, begriff ich als ich nach der Schule ein paar Jahre in einem Kinderladen arbeitete. Mir fiel auf, wie schwer es den Eltern der Kinder fiel, den kreativen Prozess ihrer Kinder wirklich wertzuschätzen. Was sehr verständlich ist, da dieser Prozess, vor allem bei den Kleinkindern, nur im Entferntesten Ähnlichkeit mit dem hat, was wir uns unter „Kunst“ vorstellen, sondern viel mehr einer systematischen Kuhfladen-Produktion gleicht. Wenn zweijährige Kinder malen sieht ihr kreativer Prozess ungefähr so aus:

  • Mit dem Pinsel einen Krickel mitten aufs Blatt malen, vielleicht auch zwei. Wenn Farbkasten, Pinsel und Wasser zufällig sauber waren, zeigen diese Krickel klare Farben.
  • Wild darüber kritzeln. Oft verändert sich jetzt die Handhaltung, der Pinsel wird unten am Stiel festgehalten, und die Handbewegung wird schneller. Das Zwischenresultat kann in seltenen Fällen jetzt noch aussehen wie ein buntes Feuer oder ein Feuerwerk. Häufiger jedoch sind Brauntöne schon vorherrschend.
  • Die Farbe mit den Händen verschmieren, bis das ganze Blatt die Farbe eines Kuhfladens hat. Oft wird in dieser Phase der Inhalt des Wasserglases umgekippt, wodurch sich die Farbe noch gleichmäßiger über das Blatt verteilen lässt und das Papier aufweicht und man reibungslos zur nächsten Phase übergehen kann:
  • Das Blatt zerknüllen und wie ein Wodkaglas nach hinten werfen. Ab diesem Zeitpunkt ist das Blatt (sprich: Produkt) der Malaktion völlig aus der Wahrnehmung des Kindes verschwunden. Das Kind wendet sich einem neuen Blatt zu und wiederholt den Prozess, meist in beschleunigter Version (Krickel, kritzel, schmier, Wodka) oder es hat genug vom Malen und sucht sich eine andere Beschäftigung.

Künstlerin versucht wild zu schmieren

So weit so gut. Aber nicht für die Eltern der Kinder. Denn die möchten das Gefühl haben, dass wenn ihre Kinder den Tag schon ohne ihre Eltern verbringen müssen, sie dann wenigstens optimal gefördert werden. Förderung der Kreativität steht dabei hoch im Kurs. Weil aber die Eltern gelernt haben, Kreativität an ihren Produkten zu messen, wollen sie Produkte sehen. Und sind sie nicht begeistert, wenn die Kinder als Resultat ihres Kitatages nur ein paar nasse Papierknülle vorweisen können. Auch einheitlich braune Blätter enttäuschen.
Um die Eltern zu beruhigen, haben wir den Kinder regelmäßig ein paar Bilder entrissen, als sie sich noch in Phase eins oder zwei (Krickel oder buntes Feuerwerk) befanden. Wenn die Eltern diese am Ende eines langen Arbeitstages glücklich in Empfang nahmen und ihre Kinder darauf ansprachen („Das ist aber ein schönes Bild“ oder „Was hast du gemalt?“), sahen die Kinder sie oft vollkommen entgeistert an. Das durchschnittliche Zweijährige hat nämlich das Produkt seines kreativen Prozesses oder die Zwischenphasen gar nicht wahrgenommen. Ihm ging es um die Erfahrung. Das Produkt hat es schon vergessen, sobald es sich der nächsten Faszination hingegeben hat. Ich vermute, dass kleine Kinder beim Malen kaum mit dem beschäftigt sind, was auf dem Papier erscheint, sondern mit einem innerlichen Prozess. Manchmal erzählen sie sich eine Geschichte, manchmal ist es die sinnliche Erfahrung – das Kratzen des Pinsels, wie weich es sich anfühlt, mit der Hand über die nasse Farbe zu gehen – der sie nachspüren, von der sie sich überraschen und mittragen lassen.

Warum erzähle ich das alles in einer Ode, in der es doch um die Kreativität Erwachsener geht? Weil unsere Kreativität nicht so viel anders ist: Was Kinder und Erwachsene brauchen, um kreativ zu werden und zu bleiben, ist die Gelegenheit, ihrer Faszination zu folgen. Das zu untersuchen, was sie reizt. Auszuprobieren, was passiert, wenn man Farben mischt – ohne eine Wertigkeit. Kuhfladen zu produzieren, wenn das gerade in uns steckt. Zu matschen und zu zerknüllen. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Unsinn zu schreiben, mit den Worten auf dem Papier zu matschen bis alles die Farbe von Kuhfladen hat oder riecht wie frisch ausgefahrener Mist. Blätter vollzukritzeln und das Wasserglas über unseren Roman zu kippen und zu schauen was passiert. Um ihn dann – ohne Umschauen oder Reue – wie ein Wodkaglas nach hinten zu werfen und uns neuen Faszinationen hinzugeben.
Künstlerin betrachtet Spinne
Mit nichts blockieren wir unsere Kreativität mehr, als mit dem Nachdruck auf Produktion, und zwar vor allem auf die Produktion von Schönheit. Oder Ästhetik, wie wir Erwachsenen sagen. Meinen tun wir aber: „Mach bloß keine Kuhfladen“. Mach nichts, das peinlich oder schmutzig, schlecht gemischt oder grob gekritzelt ist.

„Was für ein schönes Bild“ sagen Eltern zu ihren Kindern, wenn diese ihr rotes Feuerwerk zeigen, das eine umsichtige Erzieherin dem Kritzel-Knüllprozess entrissen hat. Und kennen doch nicht die Geschichte, die das Kind auf dem Papier gelebt hat. Das Kind aber sieht das Leuchten in den Augen seiner Eltern, hört das Wort „schön“ und merkt sich: Mach Dinge, bei denen die Augen deiner Eltern / deiner Rezensenten aufleuchten.

„Kind du malst toll, du wirst bestimmt mal ein berühmter Maler“ „Du hast das Zeug zum Schriftsteller“. Und schon ist frei arbeiten nicht mehr drin. Was auch immer wir machen, untersuchen wir jetzt: Hab ich das Zeug zum Schriftsteller? Zur berühmten Malerin? Nein, gewiss nicht, denn was ich mache, sieht immer nur aus wie Kuhfladen. Ich bin eine Betrügerin, ich kann nicht wahrmachen, was ihr in mir vermutet.
Mutter betrachtet ein Bild, das ihr Kind gemalt hat
„Och, jetzt hast du das schöne Bild kaputt gemacht!“, sagen die Eltern, wenn sie das zerknüllte Blatt sehen. Aha, merkt sich das Kind – es gibt schön und nicht schön. Und am Ende muss schön sein. Ab einem bestimmten Alter produzieren Kinder – vor allem Mädchen – endlose Reihen desselben Bildes: Haus, Baum, Mädchen. Heile Welt. Schön. Die Eltern beruhigt es. Die Kinder auch: Sie wissen, sie machen es richtig.In dem grässlichen Nachdruck aufs Produzieren, steckt immer der Gedanke: Kann ich hier irgendwie Geld rausschlagen? Erfolg, Ruhm, Anerkennung? Jetzt geht es nicht mehr um die Kreativität, sondern um das, was sie uns bringen kann.

Vielleicht ist in unserer auf Produktion gerichteten Welt, in der alles zum Produkt wird, von der Erziehung über die Altenpflege bis zur Kunst – Kreativität deshalb so zum Ideal geworden, weil sie sich in ihrem Wesen um Produktion nicht schert. Weil sie darüber erhaben ist: Denn Kreativität ist sich selbst genug. Ich wiederhole: Kreativität ist sich selbst genug.
Die größte Befriedigung erfahren Kreative, weil sie die Arbeit gemacht haben, die ihre innere Welt zum Ausdruck bringt, ihre Frage beantwortet. Diese Arbeit zu verkaufen kann Bestätigung bieten und vor allem unser Überleben gewährleisten. Erfüllung bringt aber nicht das Geld, sondern der vollendete kreative Prozess, der Flow, das Gefühl authentisch der eigenen Berufung zu folgen.

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Was für Weisheiten zum Thema Kreativität hast du in deiner Jugend gelernt? Durftest du Krakel-Kritzel-Schmier-Wodka machen, oder hast du früh gelernt, deine Kreativität zu zügeln?

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2 Antworten auf “Ode 4: An den kreativen Kuhfladen – Wie Kinder malen”

  1. ich bin begeistert über all die wertvollen Gedanken und Erfahrungen in schlichter anschaulicher Form!

    Antworten

    1. Nathalie Bromberger 22. September 2017 bei 17:57

      Liebe Carmen,
      danke für dieses schöne Kompliment, das freut mich sehr!

      Antworten

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