Ist Unternehmen schmutzig?

Nach meiner Ankündigung, dass ich Unternehmerin werden will, bekam ich eine Menge überraschte Reaktionen von FreundInnen und BlogleserInnen. Manche waren richtiggehend entsetzt: „Das hätte ich von dir nie erwartet!“ Darin schwang etwas mit wie: „dass du jetzt zur Gegenseite wechselst“. Oder: „dass du jetzt auch eine von denen wirst“.
Ich verstehe diese Reaktionen. Denn so ähnlich hätte ich vor zwei Jahren vielleicht auch noch reagiert. Wer mich besser kennt, weiß, dass ich ein Kind der 68er bin. Dass ich inmitten von Demos, Flugblättern, besetzten Häusern und großen Idealen aufgewachsen bin. Kaum konnten wir schreiben, bastelte ich mit meiner Freundin schon unsere eigenen Flugblätter. Sie waren kein großer Erfolg.

Kinder, die Flugblätter verteilen

(Ich fürchte unsere Fähigkeit, politische Zusammenhänge zu erfassen, war noch genauso begrenzt, wie unser Reimvermögen. So kam es zu dem schrecklichen Reim: “Nasenpopler und Spekulanten sind Verwandten”. Aber das Interesse der Bevölkerung an unseren Pamphleten war ebenfalls sehr eingeschränkt. Die Zeit war eben noch nicht reif 🙂 ).

Große Ideale  habe ich immer noch und kann nichts Gutes an jenem unmenschlichen Kapitalismus finden, der die Weltwirtschaft prägt. Ich glaube ans Grundeinkommen und daran, dass jeder Mensch dieser Welt viel zu bieten hat. Ich wünsche mir, dass jeder Mensch die Chance bekommt, seine Fähigkeiten und Träume wahr zu machen und unsere Welt damit zu bereichern. Geld macht nicht glücklich, Gutes tun wohl.

Und gerade, weil mir diese Themen wichtig sind, habe ich das Gefühl, mich endlich ernsthaft mit dem Unternehmen beschäftigen zu müssen. Mir ist nämlich deutlich geworden, dass ich dadurch auf ganz andere Weise Verantwortung übernehmen und in anderem Maßstab arbeiten kann.
Alles andere habe ich übrigens auch schon probiert. Nämlich:

  • mich als Angestellte, als Ehrenamtliche und im Vorstand von Non-Profit-Organisationen zu engagieren
  • als Lerntherapeutin und Coach mit Kindern und Erwachsenen arbeiten
  • zu bloggen (vor diesem Blog habe ich 5 Jahre auf begabungswerkstatt.de/ im Begabungsblog  über Begabung, Kreativität und Lernstil geschrieben)
  • in Zusammenarbeit mit Verlagen Bücher zu  machen (u.a. das „Erfinder-Kritzelbuch“).

Bei all dem blieb das Gefühl, meine Möglichkeiten und Fähigkeiten nicht in vollem Umfang zu nutzen. Mich aus Angst oder Unsicherheit davor zu drücken, Risiken einzugehen und wahrzumachen, was mir wichtig ist. Die Arbeit in den Vereinen fand ich oft umständlich und zäh und das Bemühen um Subventionen aus öffentlicher Hand war mit viel politischer Taktiererei verbunden. Das Bloggen blieb mir zu sehr bei den Worten. Und als kleine Selbständige geht so viel Zeit an den riesigen Overhead meiner Mini-Organisation verloren (diesem Thema werde ich bald einen eigenen Blogpost widmen). Für die Verlage musste ich oft das aus meine Büchern streichen, das mir am wichtigsten war. Ist ja auch klar: Wenn ich genau das machen will, was mir selbst wichtig ist, in dem Tempo, das mir möglich scheint, dann muss ich selbst die Verantwortung übernehmen.

Ich trage schon so lange die Vision einer Unternehmung in mir, habe diese Ideen aber immer wieder auf die lange Bahn geschoben. Aus lauter guten Gründen, die im Endeffekt aber nur den einen verdecken sollen: Ich habe Angst! Angst zu scheitern, Angst etwas Lächerliches zu tun, Angst mir selbst zu bestätigen, dass ich nicht das Zeug zur Unternehmerin habe. Vielleicht auch Angst davor, dass mein Projekt ein Erfolg wird und ich damit dann leben muss :-). Mit diesen Ängsten setze ich mich jetzt auseinander, wie das habe ich hier beschrieben.

Klar kann ich mir sagen, dass jedes Kind, dem ich in meiner Praxis helfen kann, Erfolg genug ist – aber ich weiß, dass ich mehr Menschen helfen kann, wenn ich mich traue, meine Ideen größer zu machen und in Produkte zu verwandeln. Genau das ist der Grund dafür, dass ich endlich versuchen will, meine Ideen als Unternehmerin umzusetzen.

UnternehmerIn werden bedeutet erst mal: Lernen. Ich habe keine Ahnung. Darum habe ich in den letzten Wochen sehr viel gelesen. Und schon eine Menge gelernt. Manches davon hat mich ganz unglaublich überrascht. Ich hatte keine Idee davon, was der Trick beim Unternehmen ist und jetzt plötzlich verschiebt sich mein ganzes Weltbild.

Zurück zur Frage im Titel dieses Blogpost: Ist Unternehmen schmutzig? Ich glaube, dass jede Unternehmung so schmutzig ist, wie die Werte, die sie leiten. Profitorientiertes Unternehmen finde ich schmutzig und leer. Nestlés Versuche, das Wasser zu privatisieren finde ich genauso widerlich wie andere Unternehmen, die Mensch oder Natur gnadenlos ausbeuten.  Aber es gibt zum Glück auch eine Menge Beispiele von Unternehmern, die andere und soziale Werte über den Profit stellen. Wie das geht, will ich in den nächsten Wochen genauer untersuchen.

Noch mehr auf meiner To-Learn-Liste:
– Was erzählt mir meine Angst zu scheitern?
– Welche Möglichkeiten gibt es, meine Unternehmung zu organisieren? Eignen sich manche eher als andere für eine werteorientierte Unternehmung?
– Welche Vorbilder kann ich mir nehmen? Ich wollte mit Anita anfangen, nicht nur, weil sie eine Frau ist, auch weil sie schon vor fast 40 Jahren mit dem Body Shop eine soziale und umweltbewusste Unternehmung gegründet hat. Und ja, dass sie an L’Oreal verkauft hat und der Body Shop heute Mikroplastik-Peeling verkauft ist traurig – aber auch daraus kann man lernen: Wie kann man die Werte einer Unternehmung so festschreiben, dass sie auch nach dem Tod der ( viel zu früh gestorbenen ) Gründerin bestehen bleiben? Ihre Biografie habe ich bestellt – Second Hand weil sie erstaunlicherweise vergriffen ist –  gibt es so wenig Interesse an Dame Anita?

Anita Roddick hat den Bodyshop gegründet

Statt dessen habe ich jetzt das Buch von Tony Hsieh gelesen, auch sehr inspirierend. Und Gunter Pauli, auch so ein Pionier des nachhaltigen Unternehmens, steht natürlich auch auf meiner Liste von möglichen Vorbildern. Wenn euch noch welche einfallen, freu ich mich über Tipps!

Noch mehr Fragen:
– Wie kann ich dafür sorgen, dass die Werte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern alle Aspekte der Unternehmung durchdringen?
– Ist es lächerlich, einen Satz wie den gerade aufzuschreiben, wenn meine Unternehmung bisher nur in meinen Gedanken besteht?

[box] *Auch eine interessante Frage: Warum es vorallem Frauen sind, die Unternehmen schmutzig finden? Und ob das damit zu tun hat, dass Frauen stärker an Werten orientiert sind? Oder ob das Unternehmen-schmutzig-finden auch ein bisschen Vorwand ist, mit dem man sich die beängstigende Business-Welt auf Abstand halten kann? Ich glaube bei mir war das wohl so…[/box]

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7 Antworten auf “Ist Unternehmen schmutzig?”

  1. Ich liebe deinen Flugblatt-Reim – und hätte sofort ein Flugblatt genommen!

    Antworten

    1. Nathalie Bromberger 2. Juli 2015 bei 13:00

      Haha, Simone, was hast du doch für ein wildes Herz! Sehr sympathisch und sehr tröstlich für die sechsjährige Nathalie :-).

      Antworten

      1. Naja, wir wäre ja auch ungefähr gleich alt gewesen 🙂 . Aber: Natürlich hätte ich auch heute zugegriffen.

        Antworten

  2. Moin liebe Nathalie,
    ich bewundere die Hartnäckigkeit, mit der du Schritt für Schritt in das Leben als Unternehmerin gehst. Ich habe es einfach getan und dann im Machen alles gelernt. Spannend, dein Ansatz und ich hoffe, in dem Begleiten noch die ein oder andere Lektion erfahren zu dürfen.
    Die Frage nach dem “schmutzigen Unternehmertum” sehe ich letztendlich als die Frage, ob Geld schmutzig ist. Ist es nicht, finde ich. Es ist einfach Geld. Was du damit tust, entscheidet über den Grad an Sauberkeit. Insofern handeln viele KleinunternehmerInnen doch ziemlich sauber, wenn sie ihr Leben damit sichern – oder? Spannend wird es, wenn mehr da ist, als gebraucht wird. Dass du schnell dahinkommst wünsche ich dir. Denn dann kannst du Geld als eine sehr positive, nachhaltige Energieform einsetzen.
    Alles Gute auf deinem weiteren Weg. Und herzlichen Dank, dass du diesen so öffentlich gehst. Das finde ich sehr mutig und sehr bereichernd.
    Herzlich, Dörte

    Antworten

    1. Nathalie Bromberger 3. Juli 2015 bei 17:46

      Liebe Dörte, danke für deine lieben, ermunternden Worte. Da ich in meinem Leben bisher nie etwas geplant habe und nur mit dem Bauchgefühl gearbeitet habe, ist es eine sehr spannende Erfahrung, dieses mal jeden Schritt bewusst zu machen. Manchmal komme ich mir trotzdem recht bescheuert vor, weil ich so öffentlich darüber rede, wie ich meine Unternehmung plane, die ja nun mal noch sehr Mini ist :-). Da tut es besonders gut, Feedback und kluge Beiträge wie deine zu bekommen.

      Antworten

      1. Liebe Nathalie, sehr interessant und aufregend, dir beim Unternehmen gründen zuzusehen und gar nicht unbedeutend. Denn das ist ja auch schon eine Unternehmung 🙂 Ich glaube ja, dass es ein Urantrieb des Menschen ist, der gar nicht anders kann. Siehe die ersten Menschen oder Robinson Crusoe – und alles sich selbst erarbeiten macht mehr Spaß und hält die Motivation aufrecht, glaube ich. Dass Unternehmer im Italienischen “Impresario” heißt, finde ich auch bezeichnend und passend. Denn du bespielst ja ein ganzes Orchester plus Spielplan und Kassenhäuschen. Viel Glück, la impresaria!

        Antworten

        1. Nathalie Bromberger 14. Juli 2015 bei 06:29

          Liebe Eva, danke für dieses wunderschöne Bild! Eine Impresaria sein, die ein Orchester bespielt, klingt sehr viel spaßiger als “Unternehmerin sein”. Damit werde ich jetzt weiterphantasieren. Und als Impresaria darf frau bestimmt so einen schönen Zirkusdirektorinnen-Anzug mit goldenen Paspeln anziehen? Und einen Kakadu auf der Schulter? Sehr toll.

          Antworten

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