Was ist das Gegenteil von Flucht?

Wenn es um Flucht geht, gibt es drei mögliche Rollen: Die Verfolger, die Flüchtlinge und die Aufnehmenden. In unserer Familiengeschichte gab es sie alle.

Pfeile zeigen die Richtung der Flucht -Bewegungen in meiner Familie

Die Herkunft meiner Familie besteht für mich nicht aus Koordinaten, sondern aus Kultur und Lebenserfahrungen. (Illustration: Nathalie Bromberger)

Unsere protestantischen Vorfahren wurden aus Salzburg vertrieben, die Katholiken in den Niederlanden unterdrückt und die jüdischen Vorfahren in Polen bei Pogromen bedroht. Im zweiten Weltkrieg flohen meine Großeltern mit ihren Kindern von Ost nach West und von West nach Ost. Was für ein Chaos!

Wenn ich etwas daraus gelernt habe: Es ist egal in welchem Land man lebt, an welchen Gott man glaubt, welche Partei man wählt, innerhalb kürzester Zeit kann sich ein scheinbar sicheres Land in ein unsicheres verwandeln und können die Privilegien und der Lebensstandard, den man für selbstverständlich hält, sich in Luft auflösen.

Einer meiner Großväter war überzeugter Nazi, schon 1926 Mitglied der NSDAP. Er war Arzt – was hat ihn vom Menschenretten zum Menschenverachten gebracht? Wie konnte er sich von seinen jüdischen Vorfahren so abkehren?
Als Jugendliche habe ich mich gefragt, ob ich als seine Nachfahrin schuldig bin. Aber später habe ich gemerkt: Schuld oder Unschuld an Merkmalen wie Nationalität oder Religion festzumachen, ist rassistisch. Schuld ist jeder und jede, die Unrecht toleriert. Egal wo.

Als ich 1990 meinen niederländischen Mann kennenlernte, wurde ich herzlichst in seine Familie aufgenommen. Erst nachdem ich schon viele Male bei meinen Schwiegereltern zu Besuch war, erfuhr ich, dass mein Schwiegervater und sein Vater während der deutschen Besetzung im Widerstand waren. Auf dem großen Bauernhof in Nordholland wurden verfolgte Menschen für kurze Zeit untergebracht, bevor sie dann zu ihren „Untertauch“-Adressen gebracht wurden – zu Familien, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um andere zu retten. Die “Onderduikers” wurden in Kellern und doppelten Böden versteckt, man teilte das wenige Essen mit ihnen oder organisierte gefälschte Lebensmittelmarken.
Auf der großen Wiese hinter dem Bauernhof fanden nachts „Droppings“ statt – an Fallschirmen wurden Pakete mit Waffen und Kommunikationsapparatur auf die Wiese geworfen und dann schnell versteckt.

Waffen-Droppings um den Widerstand in Holland zu stärken

Dropping von Waffen in Nordholland während der Deutschen Besetzung (Illustration: Nathalie Bromberger)

Mit den Waffen wurden Gefangene befreit, Rathäuser und Vorratslager überfallen. Was für mich wie ein Stück aus einem spannenden Krimi klingt, war ernst, sehr ernst. All diese Handlungen, das Verstecken der bedrohten Menschen, das Annehmen und Verstecken der Waffen, das Verteilen von Informationen, waren für die Beteiligten lebensgefährlich – wer erwischt wurde, wurde fast immer sofort erschossen. Mein Schwiegervater, damals noch ein junger Mann, hat schreckliche Dinge sehen müssen, die ihn bis heute nicht loslassen. Aber als sein Sohn seine deutsche Freundin vorstellte, gab es keine Sekunde des Zögerns, keinen Moment der Zurückhaltung. Ich wurde nicht nach meiner Nationalität beurteilt und nicht nach den Taten und Untaten meiner Vorfahren.

Ich habe in meinem Leben immer wieder mit Ehrfurcht den Geschichten von Flüchtlingen gelauscht. Der Iranerin, die hochschwanger auf Kamelen über die Berge floh. Dem Chilenen, der die Folter überlebte. Dem alten jüdischen Mann, der den Krieg in einem Schrank versteckt überlebte. So oft habe ich mich gefragt, wie ich gehandelt hätte. Wäre ich Mitglied des BDM geworden? Hätte ich meine jüdische Nachbarin versteckt? Wäre ich aus Angst zur Verräterin geworden?

Mädchen bei den jungen Pionieren.

Wäre ich Mitglied des BDM geworden? (Illustration: Nathalie Bromberger)

Nach solchen unwillkürlichen Gedankenspielen fühle ich mich immer sehr klein. Ich habe nicht das Zeug zur Heldin und kann nur hoffen, dass,  sollte ich eines Tages in eine Situation kommen, in der ich solche Entscheidungen treffen muss, ich irgendwie über mich hinauswachse.

Zum Glück lebe ich im Moment in einem sicheren Land. Niemand erwartet von mir, dass ich unter Lebensgefahr Flüchtlinge in meinem Keller verstecke oder Waffen schmuggle. Niemand droht, mich zu erschießen, wenn ich mich menschlich verhalte und das Richtige tue. Von uns in Deutschland und den anderen sicheren Ländern dieser Welt wird nur wenig erwartet: Dass wir in unserem großen Land ein bisschen Platz machen. Dass wir von unserem großen Luxus ein bisschen abgeben. Dass wir die Sicherheit in unserem Land mit anderen teilen.

In den Diskussionen über Flüchtlinge kommen so viele Zahlen vor. Wie viele nehmt ihr auf, wie viele wir, wie viele können noch kommen, wie viele kommen nächste Woche? Seit einiger Zeit auch: Wie viele sind ertrunken?
Zahlen mögen politisch wichtig sein, im Alltag sollten wir andere Fragen stellen. Wo kommst du her? Was lässt du zurück? Was vermisst du? Wir sollten den Geschichten lauschen, die von fernen Ländern erzählen, von Mut und Vernunft, von Menschlichkeit und dem Verlangen nach einer besseren Welt. Vor allem aber sollten wir sagen: Komm her, ruh dich aus nach deiner langen Reise, du bist hier in Sicherheit. Wir freuen uns, dass du es hierher geschafft hast – was können wir für dich tun?

Kunst und Flucht: Wie ein Kunstlehrer Kinder in der Ferne inspiriert.

Der Papier-Zauberer hat uns nicht von seiner Flucht erzählt. Ich habe erst später davon erfahren. Aber oft an ihn gedacht, weil ich von ihm gelernt habe, dass Kunst Spaß machen darf. (Illustration: Nathale Bromberger

Dass ich heute Comiczeichnerin bin, hat viel mit einem Lehrer zu tun. Ich hab zwar immer gern gezeichnet, aber hatte in der Grundschule eine schrecklich strenge Kunstlehrerin, die an all meinen Bildern etwas auszusetzen hatte. Mit Spaß hatte ihr Unterricht nichts zu tun. Doch in der vierten Klasse bekamen wir einen anderen Lehrer, einen kleinen Mann mit unglaublich freundlichen Augen. Für mich hat er die Tür zu einer neuen Welt geöffnet: Bei ihm war Papier nicht etwas, auf das man malte, sondern etwas, das man in Formen falten, zum Bewegen bringen konnte. Mit Musterbeutelklammern und Kordel wurde ein Hampelmann draus, mit ein paar Faltungen ein Buch. Er zeigte mir, dass Kunst nicht von Können kommt, sondern von Spaß.
Mit neun fragt man noch nicht, woher Lehrer kommen. Erst später wurde ich neugierig. Burhan Karkutli war ein in Damaskus geborener Palestinenser. Ein Künstler, der beeindruckende politische Plakate machte.
Ein Flüchtling? Ja auch. Vor allem aber ein wunderbarer Mensch.

Jeden Tag machen sich wunderbare Menschen auf eine lange schwere Reise, um hier in Deutschland Sicherheit zu finden. Ich bin dankbar, dass sie unser Land mit ihren Erfahrungen und ihrem Mut bereichern. Ich bin mir sicher, dass wir viel von ihnen lernen können.

Das Gegenteil von Flucht ist Willkommen.

 

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9 Antworten auf “Was ist das Gegenteil von Flucht?”

  1. Schön, dass ich dich entdeckt habe. Ein wunderbarer Text. Ich möchte mir einen Gedanken von dir als Anregung für einen eigenen Text nehmen (und werde selbstverständlich erwähnen, dass der Gedanke von dir stammt).

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    1. Nathalie Bromberger 24. August 2015 bei 09:59

      Ich bin gespannt auf deinen Text, Angelika

      Antworten

  2. Astrid Priebs-Tröger 24. August 2015 bei 10:38

    Dein Text hat mich sehr berührt. Er beschreibt an (d)einem persönlichen Beispiel die Migrationsgeschichte(n) von fast allen von uns – es ist höchste Zeit, sich das bewusst zu machen.

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    1. Nathalie Bromberger 29. August 2015 bei 08:38

      Danke Astrid, ich merke, dass vielen durch die vielen Flüchtlinge zur Zeit, bewusst wird, dass es ihnen selbst auch so gehen könnte oder ihren Vorfahren so ergangen ist – neben all den Dramen, die sich täglich ereignen, ist das etwas, das Hoffnung macht, wenn Menschen quer über die Kontinente sich miteinander identifizieren und solidarisieren.

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  3. Du hast mich mit deinem Text zum Weinen gebracht. Seit Tagen habe ich eine Schreibblockade, so viele Gedanken, so viele Dialoge schwirren im Kopf herum, so viele Fragen meiner Kinder… Danke für deine Worte, die mich sehr bewegen. Vielleicht kann ich demnächst auch etwas dazu schreiben.
    Liebe Grüße Ruth

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    1. Nathalie Bromberger 29. August 2015 bei 08:35

      Liebe Ruth, so ging es mir auch – wochenlang hab ich gedacht, ich muss was schreiben, aber wusste nicht, wo bei all den Sorgen und Gedanken ansetzen, und was schreiben, wenn man angesichts der Unmenschlichkeit nur heulen kann. Manchmal ist es gut, sich einfach Zeit zu lassen, bis ein Text reif ist. Liebe Grüße!

      Antworten

  4. Liebe Natalie,

    erst Okt.18 habe diesen Text von dir gefunden es ist immer wieder sehr inspirierend wie du Themen anschaust und die dann auch in Wort und Bild bringst und zu Entwicklungen anregst. Vielleicht könnte ich ihn erst jetzt wahrnehmen, weil ein paar andere Faktoren sich auch dazu geöffnet haben.
    Danke fürs teilen – ich lese sehr gerne deinen Blog.

    Antworten

    1. Nathalie Bromberger 14. Oktober 2018 bei 17:47

      Liebe Theresa, schön von dir zu hören. Ich verliere selbst auch macnchmal den Überblick bei den vielen Posts auf meinem Blog :-). Aber schön, dass man Büchern, Texten , Ideen oft genau dann begegnet, wenn man sie gerade gebrauchen kann. Liebe Grüße!

      Antworten

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