Autorin am Laptop mit Leuchtturm auf dem Kopf

Kreative Strategien 2: Ein Gerüst für dein Projekt bauen

Bei größeren kreativen Projekten ist es wichtig, ein Gerüst für dein Projekt zu bauen, das ihm Halt gibt, ohne es einzuengen. Das klingt leicht und logisch, ist aber praktisch oft ganz schön komplex. Um das richtige Gerüst zu finden, solltest du vier Aspekte abwägen.

1. Wie viel Freiheit hast du? Das Gerüst als Liefergarantie

Hier geht es um Grenzen, die dir von der Außenwelt gesteckt werden. Wer ganz frei arbeitet, braucht sich darum nicht zu kümmern (lies weiter bei 2). Aber in der Praxis verdienen viele AutorInnen ihren Lebensunterhalt mit Projekten, die ein bestimmtes Genre oder eine bestimmte Form und Länge vorgeben. Hast du dem Verlag ein Buch von 200 Seiten versprochen, dann wird deine Lektorin keinen Freudentanz machen, wenn du mit der doppelten Anzahl Seiten ankommst. Hält man dir einen Programmplatz in der Rubrik „Kinderroman“ frei, erwartet man keinen blutigen Thriller. Dazu kommt, dass es ja meist einen Abgabetermin gibt. „Einfach drauflos schreiben“ bringt hier sehr viel unfreiwillige Spannung, mit der nicht jede(r) gerne umgeht.Beim Schreiben auf dem Weg bleiben - ein Bretterzaun hält vom Umsichschauen ab
Solange du es dir mit dem Verlag nicht verderben willst, sollte dein Gerüst dafür sorgen, dass du die Vorgaben einhalten kannst. Viele Autorinnen entwickeln darum erst einen Plot und denken die Hauptfiguren bis ins Detail durch, damit sie nicht am Ende plötzlich merken, dass die Geschichte nicht funktioniert oder die Grenzen des Programmplatzes sprengt. Wie detailliert du dabei vorausplanst und wie viel Freiraum du dir lässt, hängt auch von deinem Sicherheitsbedürfnis ab.

 

2. Wie viel Halt brauchst du? Das Gerüst als Sicherheitsnetz.

Wie viel Sicherheit du brauchst, liegt einerseits an deiner Persönlichkeit, andererseits am konkreten Projekt. Ein kleines Projekt, braucht vielleicht nur ein vages Konzept im Kopf. Viele Kreative erfahren vor allem am Anfang der Arbeit eine Menge Schwung und sind in dieser Phase dann auch relativ immun gegen Zweifel und andere Gefahren. Desto umfangreicher und schwieriger die Aufgabe ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass du von Zweifeln heimgesucht wirst, auf Durststrecken landest oder vom Kurs abkommst. Bei mir funktioniert das ungefähr so: Für eine einzelne Zeichnung oder einen einzelnen Blogpost brauche ich keine Absicherungen, die sind fertig, bevor Zweifel bei mir ankommen können. Aber bei der Arbeit an einem Buch oder auch dem jahrelangen Führen eines Blogs, droht der Absturz, wenn ich mir kein Sicherheitsnetz baue. Was nicht heißt, dass ich immer eines baue, oft fange ich mit dem Gerüstbau erst nach dem ersten Absturz an. Das wiederum hat mit meiner Persönlichkeit zu tun: Ich arbeite nicht gerne mit einer vorher festgelegten Struktur und meine immer, es ohne zu schaffen. Jeder hat da eben so seine Ticks. Manche Menschen mögen gar keine Abenteuer und arbeiten am liebsten in einem sehr straffen Rahmen. Andere suchen immer die Spannung und blühen bei Gefahren auf. Und wieder andere arbeiten wie ich einfach zu intuitiv, um am Anfang der Arbeit überhaupt über so was wie ein Gerüst nachzudenken. Es gibt hier kein gut oder falsch, aber wer seine eigenen Sicherheits- oder Spannungsbedürfnisse ignoriert, wird wahrscheinlich nicht viel Spaß beim Schreiben haben. Autorin schreibt im sicheren Bereich und lässt ihrer Phantasie freien LaufFühlt man sich bei der Arbeit unsicher oder überfordert, ist es schwer, in den Flow zu kommen. Hier hilft, das Gerüst zu verstärken und hier und da noch ein paar Balken einzuziehen. Paradoxerweise können solche Begrenzungen manchmal mehr Geistes-Freiheit ermöglichen. Denn wenn du weißt, dass der Rahmen des Plots dich auf dem richtigen Weg hält, kannst du dich innerhalb der einzelnen Szenen dann gerade gehen lassen und deine Phantasie von der Leine nehmen.

Demgegenüber steht, dass Langeweile auch nicht gerade inspirierend ist. Wem beim Anblick des durchgeplanten Plots nur noch das Gähnen kommt, dem werden keine genialen Einfälle und spritzigen Dialoge einfallen. In solchen Fällen hilft nur die Säge: Schneide Öffnungen in das Gerüst oder schmeiß es ganz um und setze statt auf Balken und Streben lieber auf das Leuchtfeuer.

3. Wofür brenne ich? Das Gerüst als Leuchtfeuer

Ich glaube, dass wir Kreativität in zwei Formen erleben können. Einerseits die angewandte Kreativität bei der wie unsere kreativen Kräfte nutzen, um ein bestimmtes Produkt zu machen. Ich nehme mir vor, einen Frankfurt-Krimi zu schreiben und führe das Vorhaben dann aus. Meine kreative Freiheit bewegt sich innerhalb dieses Rahmens und verfolgt das Ziel, das ich mir am Anfang stecke. Auf der anderen Seite steht die freie Kreativität, bei der das Ende offen ist. Hier arbeite ich nicht auf ein Ziel hin, sondern folge einem innerlichen Brennen. Ich suche eine Antwort, will ein inneres Thema untersuchen, einer Spur folgen, die vielleicht nur mit ein paar Worten oder einem Gesicht beginnt. Bei dieser Art Kreativität geht es nicht darum, dem Verlag zu behagen oder bestimmte Lesergruppen zu bedienen, sondern um authentischen Ausdruck. Jeanette Winterson formuliert es so:
„We cannot demand that writers write particular kinds of books (though that is, what the market place and reviewers often do), and we cannot demand that writers write in the way we might prefer them to do (laments about the State of Fiction, blah blah). All we can ask is that the work should be authentic; that is, it should be true to the writer, true to language, true to the necessary development of form, and true to itself“.
Jeanette Winterson, Interview in „Lighthousekeeping“, Harper Perennial 2005

Kann es bei solch freier kreativer Arbeit überhaupt einen Rahmen oder ein Gerüst geben? Ich denke schon, aber das Gerüst besteht dann nicht aus Plot- und Formvorgaben, sondern aus Funken. Und es sorgt nicht für äußeren Halt, sondern hält dich auf deinem inneren Weg.
Nachts den Roman schreiben im Licht des inneren Leuchtturms Ein einzelner Funke kann als Gerüst für dein Projekt reichen. Winterson hatte für ihr Buch den ersten Satz im Kopf und hat diesem Satz nachgespürt, bis hinter diesem Satz eine wunderbare Geschichte auftauchte. Sie hat sich weder Form noch Handlung vorgegeben, sondern immer wieder gefragt, ob sie noch auf dem Weg zu der Geschichte ist, die sie hinter diesem ersten Satz spürte. Andere Autoren folgen beim Schreiben der Ahnung von einer Figur, einem Bild, einem Gefühl. Was auch immer es ist, es brennt in uns. Es brennt so warm oder funkelnd, so spannend oder drängend, dass es uns in Bewegung bringt, uns unser Bündel schnüren und aufbrechen lässt. Bei dieser Art zu arbeiten gibt es keine äußeren Wegweiser. Niemand weiß mehr über unsere Geschichte als wir selbst und deshalb kann uns auch niemand sagen, in welche Richtung wir uns begeben sollen. Unser Weg wird von dem bestimmt, was wir in uns spüren. Brenne ich mehr für diese oder für jene Richtung? Wenn ich einen Absatz geschrieben habe, spüre ich, ob er stimmt oder nicht, ob er mich zu meiner Geschichte führt oder von ihr ablenkt. Diese Art zu arbeiten ist eine Suche, bei der ich mir jeden Schritt erstasten muss: Wie fühlt es sich an, meinen Fuß hier aufzusetzen? Wie beim “Topfschlagen”, wo ein Kind mit verbundenen Augen den Weg zum Topf sucht und die anderen es mit „heiß“ oder „kalt“-Rufen in die richtige Richtung bewegen. Nur dass beim Leuchtfeuer die Rufe von innen kommen: Du fühlst, was „heiß“ ist und was „kalt“ und ertastest dir den Weg zu deiner Geschichte, zu dem, was sich in dir erzählen will.

4. Wie viel Reibung brauche ich? Das Gerüst als Widersacher.

Manchmal kann die maximale Freiheit das Arbeiten auch zu leicht machen. Oder zu langweilig. Hier kann das Gerüst für dein Projekt helfen, indem es mir die gewohnten Wege versperrt oder mich davon abhält, meinen vertrauten Schreibstil zu nutzen. Das große Thema Gerechtigkeit in ein einziges Bild fassen, eine moderne Version von Julia und Romeo schreiben, dieselbe Geschichte aus drei Perspektiven erzählen – in all diesen Fällen, stecke ich bewusst meinen Rahmen eng. Jetzt es ist der Kampf mit der Form, die Begrenzung selbst, die mich reizt und zum Lodern bringt. Es geht nicht darum eine Geschichte zu erzählen, sondern meine Rolle als Autorin zu untersuchen, die Möglichkeiten meines Handwerks, die Aufgaben der Kunst: Wer bin ich, wenn ich schreibe? Was ist Schreiben und was soll das? Wofür brauchen wir Kunst und wo fängt sie an und hört sie auf? Und warum macht so ein olles Blatt Papier, dass ich mich darauf ergießen will, dass Geschichten auftauchen, das Worte tanzen wollen? Wenn du solche Reibung willst, baue dein Gerüst so, dass es dir ein würdiger Gegner ist. Nicht zu schwach und nicht zu brutal, sondern genau so stark wie du, damit du deine Kräfte nicht zurückhalten musst und eure Begegnung im Ring zu einem spannenden und inspirierenden Schlagabtausch wird.

Gerüst für dein Projekt

Wie sieht dein Gerüst für dein Projekt aus? Lässt du dich beim Schreiben von einem inneren Leuchtfeuer leiten oder baust du dir lieber einen stabilen Rahmen? Erkennst du dich in Wintersons Worten wieder oder hast du ganz andere Auffassungen von Kreativität? Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen!

Das könnte dich auch interessieren


Kommentare

  1. Liebe Nathalie,

    sehr schön, dass du diesen Beitrag in die Welt geschickt hast… ich habe mich gestern erst gefragt, wie es wohl deinem Buch geht… 😉

    Ohhh ja, die Frage nach der Struktur. Ich nenne es nicht Gerüst, sondern Struktur, für mich ist das die Form eines Buches, die dem Inhalt am besten dient. Im Falle eines Sachbuchs oder Ratgebers ist das die Form, die ich brauche, damit mein Leser mit mir auf die Reise geht. Ich überlege mir: Bei welchem Gedanken beginne ich und wie hangel ich mich von dort aus auf mein Ziel zu?

    Ich schreibe gerade ein Buch gemeinsam mit meinem Vater. Da stand tatächlich schon eine Struktur fest, als wir begonnen haben. Wir wollten uns Mails schreiben und uns gegenseitig Fragen stellen, die wir uns vorher noch nie geschrieben haben. Ein Vater-Tochter-Annäherungsexperiment. Ein Kapitel besteht aus einer Frage und der Antwort darauf.

    In diesem Fall stand kam also die Struktur mit der Idee zum Buch Hand in Hand. Aber naja, letztlich ist es dann – wie du richtig sagst – etwas komplexer. Jetzt beim Schreiben bin ich mir nicht sicher, ob der Leser dranbleibt, ob man aus dem Material, das wir gesammelt haben, nicht doch etwas anderes Formen müsste, ob es nicht doch noch andere “ordnende Prinzipien” braucht. Dann Bücher haben genau genommen zwei Strukturen: Die Gesamtstruktur des fertigen Manuskripts (die Abfolge der einzelnen Kapitel) und die Binnenstruktur des jeweiligen Kapitels (die Abfolge einzelner Gedanken).

    So isses eben beim Schreiben: Man startet mit etwas – und schaut dann, ob es funktioniert. Für mich ist es wie eine Pendelbewegung, ein ewiges Hin und Her zwischen: Dem Herzensfunken folgend und mich in den Text versenken… und wieder ein paar Schritte zurückzutreten und zu fragen: Kommt mein Leser mit, ist er noch bei mir? Funktioniert das?

    Diese Pendelbewegung kann ganz schön nervig sein, manchmal fühlt es sich so an, als käme man kaum vorwärts. Auch beim Schreiben von Kurzgeschichten z.B., geht mir das so. Text weglegen, warten, Zeit vergehen lassen. Text wieder zur Hand nehmen, Neues entdecken, weiterschreiben. Text wieder weglegen… etc. uff! Oftmals passiert dann aber in den Zwischenräumen, beim Nicht-Schreiben etwas Magisches. Und sehr oft hilft es auch einfach, den Text an jemand anderes zu geben (Schreib-Buddys, Autorenkolleginnen, Literaturagentinnen… oder anderen Textprofis) und sich Rat zu holen. Die anderen sehen nämlich oft Ding, die man selbst nicht sieht.

    Insofern: Keep on writing, keep on asking!

    Ganz liebe Grüße vom Bodensee,
    Franziska

    1. Liebe Franziska, schön, von dir zu hören. Ein Tochter-Vater-Buch, das klingt sehr spannend, schön, dass ihr gemeinsam so ein Projekt wagt! Ich glaube, auch das beste Gerüst kann nicht ganz vor Pendelbewegungen oder Zweifelphasen bewahren – die gehören ja auch zum kreativen Prozess. Sonst wäre die Sache ja auch langweilig :-). Ich merke oft, dass ich zu früh versuche die Struktur des Buches festzulegen, mir quasi die Struktur als Gerüst nehmen will. Während ich immer wieder entdecke, dass für mich das beste Gerüst noch eine Ebene höher, oder eine Hautschicht außerhalb liegt. Wenn das klappt, gibt es Halt mit Energie und Vision. Und schafft so einen Rahmen, in dem ich die Struktur immer wieder verändern kann, ohne dass das Projekt sich auflöst. Oder entdecken, dass ein Teil meines Buches gar kein Buch ist, sondern eine ganz andere Form will :-). Viel Spaß beim Weiterschreiben! Liebe Grüße, Nathalie

  2. Liebe Nathalie,
    ich glaube, mir dämmert so langsam, worum es dir geht. Du meinst, das, was dir beim Schreiben die eigentliche Orientierung gibt, ist gar nicht die Struktur des geschriebenen Textes, sondern etwas außerhalb dessen? Das ist sehr sehr spannend… und klingt für mich außerordentlich plausibel.
    Hab gerade noch mal deinen Artikel gelesen und jetzt verstehe ich auch so langsam, was du mit “innerem Leuchtfeuer” meinst. “Etwas, was eine Ebene höher liegt oder eine Hautschicht außerhalb” – jep, das stimmt. Es ist, als könnte man schon etwas von dem fertigen Buch sehen, als könnte man das Herz dieses Buches schon schlagen hören, noch bevor es auf der Welt ist… und eigentlich geht es dann nur noch darum, diesem Rythmus zu folgen.
    Danke für diesen Anstoß, für diesen guten Gedanken! Jajaja, ich glaube, du hast da einen guten Punkt getroffen. Das nehme ich mit in mein Buchprojekt. Ich hab nämlich keine Ahnung, was genau dabei herauskommen soll… aber ein Teil von mir weiß sehr viel mehr als ich.
    Ganz liebe Grüße, Franziska

    1. Liebe Franziska,
      genau das meine ich! Schön es von dir noch mal anders formuliert zu hören – wie schön die Formulierung mit dem Herzschlag. Und dass ein Teil von dir schon mehr weiß, genau so denke ich oft: “Ich weiß es schon, ich kann es nur noch nicht in Worte fassen”. Kreative Arbeit wird von der Intuition geleitet und die weiß mehr als unser Bewusstsein. Viel Spaß beim Folgen des Herzschlags. Liebe Grüße, Nathalie

Füge einen Kommentar hinzu

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.