Prokrastinieren hilft ? Das ist doch nur ein Zeichen für Faulheit! Und was du heute kannst besorgen, das sollst du doch nicht auf morgen verschieben? Wo kämen wir hin, wenn wir alle den lieben langen Tag nur noch aus dem Fenster schauen würden? Was die Kreativität betrifft, kämen wir damit sogar viel weiter. Denn Aufschieben und aus dem Fenster schauen sind für Kreative in vielen Situationen sehr gesund. In der Einleitung zu dieser Serie hab ich gezeigt, dass Prokrastinieren oft missverstanden und als schädlich formuliert wird. In diesem und in den nächsten Artikeln soll es um die guten Seiten des Aufschiebens gehen.

1. Prokrastinieren hilft beim Fokussieren

Es sorgt dafür, dass ich meine Zeit nicht an die falschen Dinge verschwende. Ich habe etwas auf meiner To-Do-Liste stehen und mein Kopf glaubt, dass ich das jetzt tun sollte. “Schreib Kapitel 3” steht da vielleicht. Oder “Fang an mit Projekt X”. Doch mein Bauchgefühl sagt etwas anderes. Es hat schon begriffen, dass ich jetzt besser eine andere Sache in Angriff nehmen sollte. Leider hört mein Kopf nicht zu. Und das hat mit meinem dritten Ohr zu tun. Auf dem ich taub bin.

Wie die meisten habe ich als Kind nicht gelernt, meinen kreativen Impulsen zu vertrauen. Oder andersrum: Ich habe das verlernt, kleine Kinder spüren ihre kreativen Impulse nämlich ganz wunderbar. Aber spätestens in der Schule lernen wir alle, dass die inneren Impulse nicht zählen. Dass sie störend oder gar gestört sind. Ich erinnere mich, dass ich in der Grundschule noch hin und wieder in der Ecke stehen musste, weil ich beim Zeichnen nicht still sein konnte. Später “konnte” ich das mit dem Schweigen und Stillsitzen, aber um welchen Preis? Wie die meisten Kinder habe ich mir das  Zappeln und Tagträume

Kreative hört ihre inneren Stimmen nicht.

Das Prokrastinieren hilft, deine inneren Stimmen zu hören. (Illustration: Nathalie Bromberger)

n abgewöhnt und gelernt, mich auf das zu konzentrieren, was andere von mir erwarten, was andere sagen, was andere mir auftragen. Meinen kreativen Körper zu ignorieren. Und jetzt hab ich den Salat: Ich bin auf einem Ohr taub geworden, auf dem dritten nämlich, das auf die inneren Stimmen spezialisiert ist.

Bauchgeflüster

Ich höre nicht, wenn mein Nacken schreit “Ich bin verkrampft”. Ich höre nicht, wenn mein Spieltrieb ruft: “Ich will nach draußen”. Und ich höre nicht, wenn mein kreatives Ich ruft: “Ich hab jetzt viel mehr Energie für ein anderes Projekt” oder “Für Kapitel drei fehlt mir noch eine Menge Info”. Und weil ich das nicht höre, brauche ich das Prokrastinieren. Es erzählt mir, dass mein Bauchgefühl was auf dem Herzen hat. Bauchgefühl hat eine Menge raffinierter Strategien, um auf sich aufmerksam zu machen. Es lenkt mich ab, indem es “Hunger” ruft oder mich zum Zappeln bringt, so dass ich es nicht schaffe den geplanten Text zu schreiben.

Kreative hat sich ein Bauch-Hörgerät gebaut

In der Badewanne mit den Ohren unter Wasser kannst du deine inneren Stimmen auch gut hören. Das kommt daher, das Wasser diese spezielle Leitfähigkeit für innere Frequenzen hat. (Illustration: Nathalie Bromberger)

Vielleicht schickt es mir auch schöne Tagträume oder Ideen für neue Projekte. Oder es spitzt meine anderen Ohren, so dass ich jeden Ton aus dem Hausflur wahrnehme oder den Gesprächen im Nachbargarten lausche. Jedenfalls tut es sein bestes, mich von dem abzuhalten, was ich mir vorgenommen habe. Und desto schneller ich das begreife, desto besser. Denn andauernd zum Kühlschrank zu rennen oder hinter dem Rechner zu zappeln sind nur Hilfeschreie meines kreativen Ichs. In Wirklichkeit braucht es etwas anderes: Die Erlaubnis, sich mit dem zu beschäftigen, was auf meiner inneren Agenda jetzt ansteht. Dem was mein kreativer Prozess jetzt braucht.

Innere Kämpfe

Wenn ich mir die Prokrastination verbiete, höre ich auch nicht, was sie mir sagen will. Dann entstehen manchmal so bescheuerte stundenlange innere Kämpfe. Diese können ziemlich erschöpfend sein. An schlechten Tagen gewinnt mein diszipliniertes Ich. Dann schreibe ich noch ein paar Stunden an meinem Text weiter. Nur um ihn am nächsten Tag in die Tonne zu hauen. An guten Tagen begreife ich schnell, was los ist. Gehe raus, spazieren. Spüre meinem Bauch nach. Mache es mir auf dem Sofa gemütlich oder rede mit einer Kollegin über meinen kreativen Prozess. Und finde so das, was ich wirklich tun will. Was mir jetzt gut tut. Was ich noch entdecken muss, bevor ich Kapitel 3 schreiben kann. Und was mein kreatives Ich mir mit dem Prokrastinieren erzählen wollte.

Im nächsten Teil dieser Serie geht es um Wolke K und die Löwenmama. Und mehr dazu wie Prokrastinieren hilft.

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