Wenn ich eine Weile gebrütet habe, kommt irgendwann der Impuls, die Idee aus dem geschützten Kopfraum zu holen und etwas mit ihr anzufangen. Mich hinzusetzten und das Kapitel zu schreiben, die Zeichnung zu machen, den Businessplan zu schreiben. Manchmal spüre ich dann die volle Ladung kreative Energie und mein kreativer Prozess sprüht nur so vor Funken. Aber manchmal ertappe ich mich stattdessen wieder beim Prokrastinieren. Seltsam, die Idee ist doch gut, warum steh ich dann jetzt hier und ordne mein Bücherregal nach Farben? Das kann zwei Gründe haben.

1. Die kreative Energie ist weg, weil ich zu ungeduldig bin.

Zum Beispiel weil ich so neugierig bin auf das, was da in meinem Kopf sprüht. Oder weil ich von mir erwarte, endlich zu Potte zu kommen. Drei Tage Brüten, das muss reichen! Doch dann signalisiert mein Bauchgefühl mir, dass ich noch nicht ganz so weit war. Dass der Bogen noch nicht voll gespannt ist und ich besser noch ein bisschen warte. Denn mit der vollen Energie arbeitet es sich besser und kraftvoller und werde ich mein Projekt eher zu einem tollen Ergebnis bringen. Prokrastinieren hilft mir dabei, mich mit meinen kreativen Energievorräten zu beschäftigen, nicht zu früh loszulegen, sondern zu warten, bis ich reif bin für den Sprung, den Sprint, den Auftritt, den Funkenregen.

2. Die kreative Energie ist weg, weil ich keine Lust habe – und das ist gut!

Kreative mit positiver und negativer Energie

Mein Unlust-Ich ist mir noch nicht so sympathisch, daran arbeite ich noch :-). (Illustration: Nathalie Bromberger)

Früher hat mich Unlust erschreckt. Das klingt doch wirklich nach faul und unmotiviert? Womöglich gar ambitionslos? Pfui, hab ich so ein Wesen in mir? Zu meinem optimistischen Temperament passt die Lust viel besser. Und lange habe ich mir “Ich habe keine Lust”- Gedanken dann auch verboten.  Oder mich in Unlust-Fällen sofort zum Weiterarbeiten verdammt. Inzwischen weiß ich, dass Unlust genau so wichtig ist wie Lust.

Die Lust zu arbeiten ist ein tolles Signal. Die Unlust aber auch. Sie sagt mir, dass mir etwas fehlt. Dass da ein Knoten in meinem kreativen Prozess ist. Dass etwas auf der Leitung steht, die meinen kreativen Geist mit Energie versorgt. Dass mir das Vertrauen fehlt oder der Mut. Dass ich mich langweile oder mir der Spaß abhanden gekommen ist. Alles wichtige Signale. Nicht nur, weil sie mir erzählen, dass ich innehalten und mich um meinen kreativen Prozess kümmern muss. Sondern auch, weil diese schwierigen und dunklen Themen meiner Kreativität mehr Tiefe geben. Weil sie mich auf die Spur von Fragen bringen, mit denen auch andere zu kämpfen haben. Weil sie mir zeigen, wo Probleme sind und Lösungen gebraucht werden. Wo Sorgen sind und Ermutigung gebraucht wird. Wo Kämpfe passieren und was da verhandelt wird.

Kreative sprüht nur so vor Unlust

Unlust ist ein wichtiger Antrieb für die kreative Arbeit. (Illustration: Nathalie Bromberger)

Es lohnt sich, deiner Unlust nachzuspüren. Du wirst dabei eine Menge über dich und andere entdecken. Das ist nicht nur für Kreative wichtig. Wir alle sollten uns mehr Zeit nehmen, darüber nachzudenken, wann es uns gut geht. Wie wir mehr davon in unser Leben einbauen können. Und wie wir eine Welt bauen können, in der es allen gut geht. Und das ist noch was, das du entdecken wirst, wenn du deiner Kreativität mehr guten Raum gibst: Sie hält sich nicht Grenzen. Nicht an die Grenzen deiner To-Do-Liste, nicht an die Grenzen von Genres oder Papierformaten und auch nicht an die Grenzen der kreativen Arbeit. Sie begnügt sich nicht damit, sich auf dem Papier oder in Worten auszutoben. Wenn du sie freilässt, kommt sie auch mit anderen Ideen: Für eine autofreie Stadt. Für Schulen ohne Angst. Für eine Welt, in der alle Menschen ihren kreativen Geist entfalten können. Aufschieben bedeutet: Nicht weitermachen, wenn du merkst, hier stimmt was nicht. Nicht weitermachen, wenn das System kaputt ist. Prokrastinieren hilft, dich daran zu erinnern.

Dies war der vierte Teil der Serie übers Prokrastinieren. Im ersten Teil geht es um drei Missverständnisse über das Prokrastinieren. Teil 2 und 3 handeln davon, wie Prokrastinieren dir beim Fokussieren und beim kreativen Brüten hilft.

 

Das könnte dich auch interessieren