und ist dann eigentlich gar kein Prokrastinieren. Beim kreativen Brüten wird nichts aufgeschoben, sondern das gemacht, was im kreativen Prozess nicht nur eine große Rolle spielt, sondern auch viel Zeit braucht: meine Ideen reifen lassen. Wie ein Hefeteig eine warme und zugfreie Umgebung braucht, um zu wachsen, so brauchen auch Ideen eine bestimmte Art Raum. Diesen Raum schaffe ich in meinem Kopf. Raum zum kreativen Brüten.

Zum Brüten gehört auch eine große Portion Liebe

Ideen brauchen die Sicherheit, dass sie nicht ausgelacht werden. (Illustration: Nathalie Bromberger)

Dafür muss ich meinen Kopf in doppeltem Sinn frei machen: Erstens muss ich ihn frei halten von Erwartungen und Ansprüchen. Ideen können sich nur zeigen, wenn sie wissen, dass ich für sie offen bin und sie nicht auslache. Dass ich noch keine Leistung von ihnen erwarte, keine Ansprüche an ihr Aussehen oder ihre Form stelle. Sie wollen so geliebt und angenommen werden, wie ein kleines Kind. Es heißt ja auch nicht ohne Grund “mit einer Idee schwanger gehen”: Mein Kopf ist die Fruchtblase, in der das Neue geschützt wachsen kann, von liebevollen Gedanken begleitet.
Zweitens muss ich meinen Kopf freihalten von allen anderen Prozessen, die geistige Energie verbrauchen. All meine Hirnkalorien sind für mein Geistesbaby reserviert, da ist jetzt kein Raum für Grübeleien über die unfreundlichen Nachbarn oder den Fehler in meiner Steuererklärung. Wenn solche Kraftfresser auftauchen, schiebe ich sie liebevoll zur Seite. Erinnere mich daran, dass ich die Mama dieses Geistesembryos bin, dass meine wichtigste Aufgabe ist, für sein Wohlergehen zu sorgen. Wenn ich dieses Bild im Kopf habe, fällt es mir leichter, streng aufzutreten.
Und streng auftreten muss ich! Denn alles in mir ist darauf getrimmt,

Löwenmutter schützt die Ideen beim kreativen Brüten

Dafür sorgen, dass meine Ideen beim kreativen Brüten sicher sind, gehört auch zum kreativen Prozess (Illustration: Nathalie Bromberger)

Leistungen zu produzieren, die nach außen sichtbar sind, von anderen gesehen werden können. Darum habe ich die Neigung, immer das oben auf die To-Do-Liste zu stellen, was sichtbare Resultate bringen wird. Damit ich am Ende des Tages mir und anderen zeigen kann: Sieh her, das habe ich heute geleistet. Oft genug betrüge ich mich dabei allerdings. Denn 50 Pins bei Pinterest oder eine stundenlange Recherche bei Google sind nicht wirklich etwas auf das ich stolz sein könnte. Aber während ich mich durch die Bilderwelten bewege und hier und da begeistert auf ein Bild klicke, kann ich mich immerhin produktiv fühlen. Und das fühlt sich besser an als Nichtstun. Darum habe ich die Neigung, auf die falsche Weise zu prokrastinieren. Eine die dem kreativen Brüten nicht wirklich Raum bietet. Wenn ich mich mit Bildern oder Fakten vollstopfe blockiere ich den Raum, lenke mein Hirn ab. Statt dafür zu sorgen, dass es in den Leerlauf findet und die kostbaren Prozesse im Hinterkopf sich in Ruhe entfalten können. Wie eine Löwenmama muss ich darum auf der Lauer liegen und den Freiraum bewachen. Weg ihr Stimmen, die nach Leistung schreien oder Sichtbares fordern. Weg ihr Google-Bilder und Recherchier-Gedanken. Her mit den Ohrstöpseln, ich will die Klingel nicht hören, wo wieder mal einer der Paket-Besorger weiß, dass ich tagsüber zuhause bin und für den gesamten Häuserblock

Autorin beim kreativen Brüten

Such dir die passende Prokrastinier-Methode zum kreativen Brüten – nicht alles funktioniert gleich gut (Illustration: Nathalie Bromberger)

die Paketstation spielen könnte. Weg mit dir Telefon, auch wenn liebe Menschen anrufen: Ich bin jetzt nicht da. Körperlich ja, aber mein Geist nicht. Denn der schwebt auf Wolke K und brütet. Damit mein kreatives Küken bald aus dem Ei

brechen kann.

Dies ist der dritte Teil der Serie über das Prokrastinieren. Die Einleitung über die Missverständnisse übers Prokrastinieren findest du hier und den ersten Teil darüber, wie das Prokrastinieren beim Fokussieren hilft hier..

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