Die anderen Merkmale von Hochbegabung: Merkmal 13 Perfektionismus

Warum geh├Ârt Perfektionismus zu Hochbegabten, wie Kalorien zur Sahnetorte oder Brennesseln zu meinem Perfektionismus ist nicht nur nie zufrieden seinGarten?
Perfektionismus hat als Wurzel eine gro├čartige F├Ąhigkeit, n├Ąmlich das Verm├Âgen sich etwas in allen Details vorzustellen. Sich auszumalen, wie genau die Farb├╝berg├Ąnge bei der Zeichnung verlaufen, wie die Torte schmecken, der Stuhl sich unter der Hand anf├╝hlen, wie das Lied klingen, das Buch sich lesen wird.
Diese F├Ąhigkeit ist die treibende Kraft hinter vielen gro├čen und spannenden Projekten. Sie ist aber auch das, was die enorme Entt├Ąuschung hervorruft, wenn die Farb├╝berg├Ąnge nicht ganz so geschmeidig, der Tortenboden nicht so m├╝rbe, die Creme nicht so luftig, der Stuhl nicht so glatt – und so weiter und so weiter – wenn also die Wirklichkeit nicht ganz mit der Vorstellungskraft schritthalten kann.
Teils weil – wie unter “Komplexit├Ąt” schon beschrieben – man sich in der Vorstellung Dinge von so hoher Komplexit├Ąt vorstellen kann, dass die Ausf├╝hrung schier unm├Âglich ist. Teils auch, weil die intellektuelle Hochbegabung nicht immer mit handwerklicher Hochbegabung einhergeht. Oder sogar selten. Denn wer tausend Interessen hat, neigt eher dazu vieles ein bisschen zu ├╝ben, als sich auf ein Gebiet zu konzentrieren. Und bestimmte F├Ąhigkeiten erreicht man nur ├╝ber viel ├ťben, jahrelanges Wiederholen, jene Hochbegabten oft verhasste Routine eben. Deshalb k├Ânnen sich Hochbegabte oft grandiose Dinge vorstellen, diese nicht unbedingt jedoch auch ausf├╝hren.

Perfekt allein

Und hier kommt eine andere Art Perfektionismus ins Spiel: die Vorstellung, man m├╝sse das, was man sich vorstellt, auch selbst ausf├╝hren. Arbeitsteilung ist f├╝r viele hochbegabte Perfektionisten ein Fremdwort; dabei liegt gerade hier eine m├Âgliche L├Âsung. Doch Ideen werden in unserer Kultur noch immer nicht als Produkte gesehen. Eine Idee produzieren wird nicht an sich schon wertgesch├Ątzt. Dem Wort Idee haftet etwas fl├╝chtiges an, immer noch ├╝berwiegt die Vorstellung vom Geistesblitz der mal so eben abgelassen, aus heiterem Himmel dahergeblitzt wird. Dass Ideen das Produkt oft jahrelanger Besch├Ąftigung – mit eben jenen tausend Interessen und Projekten – ist, scheint noch nicht bis in den Arbeitsprozess durchgedrungen zu sein. Sonst w├Ąren ,in denen “Ideenmacher”, “Vorsteller” oder “Problemw├Ąlzer” gesucht werden, l├Ąngst an der Tagesordnung.

Nein, wer Ideen produziert muss sich immer noch in anderen Berufen verstecken. Texter, Zeichner, Projektmanager oder Designer hei├čen solche Berufe. Dass man Ideen mitbringt und immer wieder neu produziert, wird dabei oft ganz unausgesprochen vorausgesetzt oder mit dem zugef├╝gten Wort kreativ quasi beil├Ąufig erw├Ąhnt. Der hochbegabte Perfektionist jedoch, der eine solche Stelle annimmt wundert sich dann, dass ein Gro├čteil seiner Arbeitszeit mit technischen, administrativen oder sonstwie ausf├╝hrenden T├Ątigkeiten gef├╝llt ist. Dass weder Arbeitsraum, noch Arbeitszeit oder Arbeitsathmosph├Ąre das Ideen-Produzieren beg├╝nstigen, Dass insgesamt eine Arbeitshaltung erwartet wird, die mit kreativ nur am Rande zu tun hat.

Perfekt wertlos

Es ist ein Irrtum, dass Ideen nebenbei k├Ąmen oder von selbst. Ja, sie k├Ânnen sich ganz pl├Âtzlich beim Abwasch oder beim Spazierengehen zeigen. Aber┬á dem gehen oft schlaflose N├Ąchte, tagelanges scheinbar fruchtloses Gr├╝beln, intensive Auseinandersetzung mit dem Thema und spannende Diskussionen mit Kollegen voraus.┬á Diese Tatsache wird aber in den meisten Stellenumschreibungen ignoriert und dementsprechend weder gef├Ârdert noch bezahlt. Die schlaflosen N├Ąchte darf dann auch kaum ein kreativer Arbeiter mit Nickerchen am Arbeitsplatz kompensieren. Nein, statt dessen soll er oder sie sich jetzt schleunigst daran machen, die Idee auszuf├╝hren. Wir sollen perfektes Produkte abliefern, aber mit dem daf├╝r n├Âtigen Perfektionismus blo├č nicht die Zeitplanung durcheinanderbringen. Nur das was sichtbar oder greifbar ist, wird wirklich als Resultat oder Leistung gewertet. Und wenn das Ausf├╝hren nicht im gew├╝nschten Tempo gelingt (z.B. weil unser perfektionistischer Geist noch gern ein bisschen daran herumfeilt oder die technischen M├Âglichkeiten der Idee noch nicht ganz gewachsen sind) dann wird schnell der Verdacht ge├Ąu├čert, die ganze Idee tauge nichts. Denn wer “nur Ideen” hat, aber diese nicht umsetzen kann, dem wird in unserer Kultur misstraut. Dem wirft man gern vor Luftschl├Âsser zu bauen. Dass der Weg vom Luftschloss zur Verwirklichung oft Jahre, wenn nicht gar Generationen braucht interessiert in unserer auf kurzlebigen Umsatz und Konsum ausgerichteten Wirtschaft nicht.

Perfekt verbrannt

Kein Wunder, dass viele Hochbegabte irgendwann ausgebrannt sind. Denn ihr Produkt – eben die Idee, die Weltverbesserungsvorstellung, der neue Gedanke – scheint wertlos, wenn sie nicht ein tastbares, sichtbares oder messbares Produkt hinzuf├╝gen.
Und weil sie weder in Schule, noch in Studium oder Leben gelernt haben, die Ideenproduktion an sich als Wert zu erfahren, finden sie sich selbst wertlos, wenn der Stuhl nicht glatt, die Torte nicht luftig, der Farb├╝bergang nicht elegant ausfallen.
Statt zum Telefon zu greifen, den n├Ąchsten Farb├╝bergang/Sahnetorten/Holzbearbeitungs-Profi anzurufen und eine gro├čartige Zusammenarbeit zu beginnen…

A propos – ich suche noch einen Chemieprofi f├╝r ein interessantes Projekt… : )

 

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