Der Super-Kraftstoff für eine haltbare Vision

1. Was brauche ich für den Visions-Kraftstoff?

Kreative Menschen brauchen andere Methoden, auch für ihr Vision Statement. Ein kreatives Projekt ist schließlich immer ein Abenteuer mit offenem Ende. Und darum braucht es eine Vision, die trotz Überraschungen und Kurswechseln bestehen bleibt. So eine Vision kann man natürlich nicht mit den gewohnten Methoden aus den Business-Ratgebern basteln. Wir brauchen dafür das dynamische Denken der rechten Hirnhälfte.

Vorab: Dies wird lang, ich erkläre eine Methode, mit der ich sonst einen ganzen Workshop-Tag fülle. Vielleicht hast du ja Zeit, dir für die Arbeit an deinem Visions-Kraftstoff auch einen Tag freizumachen? Die Arbeit an der Vision wirkt am Anfang eines Projektes irgendwie überflüssig: Meine Begeisterung scheint mir Flügel zu verleihen, was kann schon passieren?  Doch sobald die Zweifel zuschlagen, kann ich mir oft gar nicht mehr vorstellen, was ich am Anfang an meiner Idee so toll fand. Darum ist es so wichtig, noch im Zustand der Begeisterung den Kraftstoff zu brauen, mit dem ich meine Vision später auftanken kann. Warum das Auftanken so wichtig ist, habe ich hier beschrieben. 

Ein Vision Statement für kreative Projekte braucht eine flüssige Form

Konvergente Listen versus divergente Szenen

Die linke Hirnhälfte ist die Heimat des konvergenten Denkens und das liebt allgemeine Fakten, To-Do-Listen, Terminpläne und Zahlen. Wenn dieser Denkstil eine Vision entwickelt, macht er das detailliert und mit konkreten Zielen: In 5 Jahren habe ich Umsatz x erreicht oder y-tausend Bücher verkauft oder bin die zweitbekannteste Expertin für verschwundene Socken in Deutschland. Solche Art Visionen sind sicher toll, wenn man eine Messe planen oder einen Online-Shop für Reservesocken einrichten will. Für kreative Projekte taugen sie nicht.

Wenn ich mich mit so einer konkreten Vision an ein kreatives Projekt mache, komme ich nicht weit. Entweder wird meine Vision wird schon an der ersten Straßenecke unbrauchbar, weil die Punkte auf der Liste den Entwicklungen in meinem Hirn hinterherhinken. Oder aber ich ersticke mit dieser festen Vision meinen kreativen Prozess. Wenn die Vision schon feststeckt, wo ich am Ende landen werde, sind schließlich keine Überraschungen möglich. Dann kann ich keine unbekannten Wege einschlagen, nichts wirklich Neues machen, nicht kreativ sein.

Es ist deutlich – ich brauche eine Vision, die flexibel genug ist, um kreative Überraschungen und Kurswechsel auszuhalten. Eine haltbare Vision gibt meinen Ideen Raum und Kurs zugleich. “Wie soll das gehen?”, fragt mein logisches Denken? Und da sieht man mal wieder, dass wir Logik hier nicht gebrauchen können. Wir brauchen stattdessen unsere wunderbare Fähigkeit, Stimmungen und Szenen zu erinnern.

Wie bastle ich mir dieses kreative Vision-Statement?

Um meine Vision vor Zweifeln zu schützen, muss ich sie regelmäßig mit Visions-Kraftstoff auftanken. Den kann ich mir nicht brauen, wenn ich schon von Zweifeln überfallen bin. Ich muss dafür noch begeistert sein, meine Vision in mir flimmern, funkeln, kribbeln spüren. Denn diese Gefühle will ich einfangen, sie sind es, die mir nachher in düsteren Momenten den Weg aus der Zweifelwolke weisen werden. Ich muss einen Weg finden, dieses Flimmern, Funkeln, Kribbeln festzuhalten und in meine Tankstelle zu füllen. Dabei hilft mir das episodische Gedächtnis.

2. Das Vision Statement aus dem Kopfkino

Unser episodisches Gedächtnis hat Wunderkräfte. Es kann Erfahrungen speichern, und zwar als Episoden – du kannst sie dir wie Filmszenen vorstellen. Allerdings sind diese Filmszenen nicht in 2D oder 3D, sondern in 7D aufgenommen. Denn das episodische Gedächtnis speichert nicht nur Bilder, sondern auch die Wahrnehmungen der anderen Sinne: Geräusche, Gesprächsfetzen, Gerüche, Bewegungen, Geschmack,  räumliche Wahrnehmung,  das was wir ertasten, mit der Haut und in und am Körper spüren, Um das Ganze noch spannender zu machen, werden in diesen Szenen auch noch Gefühle erinnert. Das episodische Gedächtnis ist ein wunderbarer Schatz, aus dem unserer Kreativität schöpft. Doch nicht nur das, es ist auch die Grundlage unserer Intuition.

Das episodische Gedächtnis ist ein riesiger Erfahrungsschatz, in dem unendlich viele solcher Szenen miteinander verknüpft sind.

Intuitions-Netz

Das divergente Denken kann sich rasendschnell durch unseren Erinnerungsschatz bewegen. So begreifen, spüren oder erfassen wir Dinge oft schon lange bevor unser Verstand sie mit seiner Logik verstehen wird. Unsere Intuition ist eben viel mehr, als ein vages Bauchgefühl: Sie ist Erfahrung. Diese Erfahrung drückt sich jedoch vor allem mit nonverbalen Mitteln aus wie Körpergefühlen, Bildern, hier und da mal einem einzelnen Wort.

Für die kreative Arbeit ist das intuitive Wissen darum ganz besonders wichtig. Denn sie erlaubt uns, die Logik auszuschalten und trotzdem auf Wissen zuzugreifen. Sie erlaubt uns den analytischen Verstand abzuschalten, und trotzdem den für uns richtigen Weg zu finden. Mit ihrem riesigen gesammelten Erfahrungs-Schatz kann die Intuition uns im kreativen Prozess den Weg weisen, ohne uns in die Enge des logischen Denkens zu zwängen.

Szenen-Kraft

Damit die Intuition mir helfen kann, meine Vision festzuhalten, muss ich ihr aber erst mal erzählen, was diese Vision ist. Und da meine Vision nicht in abstrakten Begriffen denkt, sondern in Szenen, muss ich ihr das mit Szenen erzählen. So eine szenische Vision ist zwar etwas umständlicher zu erstellen, aber sie bietet auch sehr viel mehr Halt und Energie als ein paar Stichworte es könnten.

Dafür mache ich mich auf die Suche nach passenden Szenen zu den drei Aspekten meiner Vision:  Szenen, mit denen ich meine  Begeisterung für die Vision festhalten kann, Szenen, die mich die Wirkung der Vision erfahren lassen und Szenen, die mich an die Werte meiner Vision erinnern.

3. Drei Szenen für meine Vision

3.1. Begeisterungs-Szenen

Die erste Zutat für meinen Visions-Kraftstoff ist meine Begeisterung. Aber genau die verfliegt auch schnell, wenn die Zweifel zuschlagen. Ich muss sie also haltbar machen, bevor sie von Zweifeln getrübt ist. Dafür muss ich sie erst mal spüren. Das klingt leicht, aber die wenigsten von uns haben gelernt, ihre eigene Begeisterung ernst zu nehmen. Schließlich lernen wir spätestens am ersten Schultag, dass es im Leben nicht darauf ankommt, was uns begeistert. Sondern darauf, was Lehrer und Lehrpläne von uns erwarten. Bald bemerken wir gar nicht mehr, wann wir begeistert sind und wovon unsere Begeisterung uns erzählen will.

Begeisterungs-Szenen für ein kreatives Vision Statement

Persönlich bleiben

Am Anfang musste ich das richtig üben: Erst mal die Begeisterung überhaupt wieder zu registrieren (He, da kribbelt was in mir, ich kann vor Aufregung nicht stillsitzen, ich habe Begeisterungs-Schmetterlinge im Bauch). Dann immer genauer hinzufühlen. Nicht zu früh versuchen, mit dem Verstand zu begreifen, was da passiert. Sondern den Szenen nachspüren, die in mir flimmern. Begeisterung ist etwas ganz Persönliches. Sie hat mit unseren Erfahrungen zu tun und lässt sich dadurch anderen oft schwer vermitteln. Wenn wir anderen von unserer Idee erzählen wollen, versuchen wir daher oft, sie in eine Form zu gießen, die für andere verständlich ist. Aber so nehmen wir ihr die Kraft. Die Kraft liegt nämlich oft gerade in dem, was so persönlich und für andere unbegreiflich ist. Auch etwas, das ich erst lernen musste: Meinen ganz persönlichen Szenen zu vertrauen.

Beispiel

  Zu einem Kinderroman hatte ich am Anfang ein bestimmtes Gefühl im Bauch, wenn ich an meine 10jährige Hauptfigur dachte. Es war ein leichtes Zwicken, nicht wirklich ein schönes Gefühl – wieso begeisterte mich genau das? Beim Nachfühlen entdeckte ich, wovon mir das Zwicken erzählte: Das Mädchen erfuhr ein leichtes Unbehagen, wenn sie ihre Eltern dabei beobachtete, wie sie sich auf der Arbeit verstellten, nur halbe Wahrheiten erzählten oder Masken aufsetzten. Ihr Unbehagen war noch nicht so deutlich, dass sie darüber reden oder ihre Eltern ansprechen konnte. Aber doch schon so stark, dass klar war: Das wird nicht mehr lange dauern! Sie wird sich aus dem Lügengewebe ihrer Umgebung befreien.  Dieses Gefühl hat mir beim Schreiben wunderbar den Weg gewiesen: Ist es noch da? Ist es heftiger geworden? Und wieso zwickt es gerade jetzt, wo der neue Schüler in die Klasse kommt? Aha, er hat auch was zu verbergen.

Den Kern der Begeisterung finden…

Wenn ich komplexere Projekte anfange, wie einen Roman oder ein Sachbuch, dann scheinen mich oft viele Aspekte gleichermaßen zu begeistern. Ich hab gemerkt, dass ich mir dann die Zeit nehmen muss, nach dem Kern meiner Begeisterung zu suchen. Dazu schmeiße ich die Aspekte in Gedanken einzeln raus. Ist es denkbar, dass ich dieses Buch ohne das Mädchen mit dem Zwicken im Bauch schreibe? Könnte das Buch trotzdem funktionieren? Nein, auf keinen Fall. Ich brauche sie unbedingt. Und ich erkenne das Unbehagen, das kleine Mädchen im mir hat es gespürt, aber sich keinen Rat damit gewusst. Da ist viel Material mit dem ich arbeiten kann und ganz viel Begeisterungs-Flimmern. Ja, das Bauchzwicken und das Mädchen müssen unbedingt ins Buch und ich suche nach einer Szene, mit der ich dieses Flimmern gut wieder aufrufen kann.

Und was nicht flimmert…

Bei anderen Aspekten meiner Idee flimmert es nicht so doll. Klar, die Idee mit der verkleideten Reporterin ist ganz nett. Aber ich kann das Buch auch ohne sie spüren. Diese Idee gehört nicht zum Kern.  Der alleinerziehende Vater könnte genauso gut eine  Mutter werden und die Villa im Edelviertel ein Wohnwagen auf dem Bauernhof, alles nicht existenziell für meine Vision. So suche ich weiter, bis ich die Elemente gefunden habe, ohne die meine Vision nicht auskommt. Ohne die das Buch nicht das Buch wäre, das ich schreiben will.  Das mag ein wenig mühsam wirken, aber vergiss nicht: Diese Vision soll mich durch ein ganzes Buch tragen. Sie wird mir durch ein ganzes Buch die Richtung weisen und mich vor Zweifelwolken schützen. Dafür lohnt es sich, ein Zeit ins Szenen-Suchen zu investieren.

Tankstelle Klappe 1

Die Szenen, die mir vom Kern meiner Begeisterung erzählen, trage ich auf die linke Klappe im Inneren der Visions-Tankstelle ein. Dafür notiere ich in meinen ganz persönlichen Worten oder mit Bildern, wovon mir die Szenen erzählen. Zu meinem Kinderroman habe ich zum Beispiel notiert:  “Bauchzwicken: Sie spürt die Lügen, aber begreift sie nicht” und “Es macht Spaß, schräg zu sein”. “Wenn kein Prinz kommt, muss ich halt selbst alle wachküssen”. Wie gesagt, das sind ganz persönliche Bilder, die für andere vollkommen unverständlich sein können :-).

3.2. Wirkungs-Szenen

Wenn ich an einem Projekt arbeite, brauche ich das Gefühl, dass meine Arbeit sinnvoll ist. Aber bei der kreativen Arbeit kann ich diesen Sinn nicht so messen, wie man es bei einem Unternehmen machen würde, in Geld oder Verkaufszahlen. Darüber nachzudenken, ob sich das Buch verkaufen wird, ist Gift. Zu überlegen, auf welche Weise man es verkaufen wird, auch. Schon habe ich den Kopf in der Zwinge und kann nicht mehr frei denken. Dann denke ich über Genres oder Zielgruppen nach, statt über die Bedürfnisse meiner Idee.

Weil ich aber trotzdem das Gefühl brauche, auf einem sinnvollen Weg zu sein, muss ich Wirkung anders formulieren, eher so wie Sozialunternehmen das tun: Es geht nicht um Geld oder Verkäufe, sondern um die Wirkung, die das Projekt in der Welt haben wird. Und auch hier lohnt es sich, genauer hinzufühlen. Klar soll jedes Buch “unterhalten” und “Spaß machen”. Aber die meisten Bücher haben noch mehr zu bieten. Sie wollen eine Tür öffnen oder neue Denk-Räume aufzeigen. Auf Papier etwas erschaffen, das in der Welt noch nicht da ist. Trost spenden oder Mut machen.

Im zweiten Teil des kreativen Vision Statements geht es um die Wirkung

Ein Mini-Trailer für die Wirkung

Auch hierfür suche ich Szenen. Ich stelle mir eine kleine Leserin vor, die das Zwicken in dem Bauch erkennt. Auch sie hat noch keine Worte für das, was sie um sich herum beobachtet. Auch sie weiß noch nicht, ob und wie sie aus dem Lügengewebe aussteigen kann. Sie wird dem kleinen Mädchen durch die Kapitel meines Buches folgen und am Ende einen Weg kennen. Vielleicht nicht einen, den sie sofort nachmachen wird. Aber sie weiß jetzt, dass ihr Unbehagen berechtigt ist und sie hat Hoffnung, dass sich was verändern kann.

Zu dieser Wirkung bastle ich mir einen kleinen Filmtrailer, in dem ich mir die Veränderung vorstelle, die in meiner Leserin beim Lesen des Buches stattfindet. Wie ist sie am Anfang, was erfährt sie beim Lesen und wie fühlt sie sich, wenn sie das Buch weglegt?  Solche Wirkungs-Szenen treiben mich beim Schreiben viel mehr an, als es Verkaufszahlen je könnten. Vor allem aber lenken sie mich nicht ab und halten mich auf Kurs: meinem Kurs.

Tankstelle Klappe 2:

Auf der mittleren Klappe der Tankstelle beschreibe ich die Szenen meines Mini-Trailers, mit denen ich mir die Wirkung meines Projekts immer wieder in Erinnerung rufen kann.

3.3. Werte-Szenen

Ich habe jetzt Szenen für meine Begeisterung und für die Wirkung meiner Idee gefunden. Als Drittes untersuche ich, welchen Werte ich brauche, um den Weg zu gehen, den mir diese Szenen vorgeben. Am leichtesten fällt mir das mit der Frage: Womit würde ich euch verraten?

Der dritte Teil des Vision Statements für kreative Projekte handelt von den Werten

Am Beispiel des Kinderromans habe ich ein Mädchen, das sich Ehrlichkeit wünscht, aber von Lügen umgeben ist. Ein Zwicken, das von dem Wunsch nach Veränderung erzählt. Und eine kleine Leserin, die das Zwicken erkennt.  Womit würde ich diese drei verraten? Wenn ich es mir beim Erzählen  “zu einfach” mache oder zu Halbwahrheiten greife. Wenn ich das Zwicken aus dem Blick verliere oder es nicht zu einer Veränderung führen lasse. Wenn ich der kleinen Leserin keine Hoffnung schenke. Aber auch, wenn ich sie nicht ernst nehme und sie mit zu einfachen Lösungen abspeisen will.

Erinnerte Werte

Welche Werte gehören dazu? Ich muss meiner Leserin auf Augenhöhe begegnen. Statt nur diese Worte zu notieren, suche ich nach Szenen, in denen ich erfahren habe, wie wichtig Augenhöhe ist. Ich erinnere mich an die Empörung, die ich als Mädchen fühlte, wenn ich mich von den Erwachsenen nicht ernst genommen fühlte. Ich erinnere mich auch an einen Schüler, der sich empörte, weil er sich von seinem Lehrer “verarscht” fühlte. Diese beiden Szenen werden mich was die Augenhöhe betrifft schon auf Kurs halten! So suche ich noch Szenen für “Hoffnung schenken” und “Veränderung”.

Tankstelle Klappe 3

Auf der dritten Klappe der Tankstelle halte ich Szenen zu den Werten meiner Vision fest. Was wird mich an die Werte erinnern, die mein Projekt braucht? In der Visions-Tankstelle für meinen Kinderroman habe ich diese Werte aus der Perspektive meiner Leserin aufgeschrieben: “Nimm mich ernst und spiel nicht die Erwachsene”. “Schenke mir Hoffnung”, “Zeige mir eine Veränderung, an die ich glauben kann.”

4. Eine Tankstelle für deine Vision

Jetzt ist meine Visions-Tankstelle mit einer besonderen Essenz gefüllt: mit Szenen, die mich spüren lassen, was mir am Anfang meiner Idee so wichtig war. Die mich daran erinnern, warum ich mich auf diesen Weg mache und worauf ich auf meiner Reise achten muss. Und was am Ende herauskommen soll – egal ob es ein Krimi oder eine Drachen-Romanze wird: Am Ende muss meine kleine Leserin die Hoffnung haben, dass sie aus dem Lügengewebe entkommen kann, dass es auch als Erwachsene möglich sein wird, ehrlich und ohne Masken durchs Leben zu gehen.

Löcher im Tank

Wir kreativen Menschen sind divergente Denker in einer konvergenten Welt. Von allen Seiten strömen unaufhörlich konvergente Kommentare, Gedanken, Glaubenssätze und Ansprüche auf uns ein. Die wirken wie kleine Pfeile, die den Visions-Tank meines Raumschiffs durchbohren. So dass ich allmählich die Begeisterung verliere und die Wirkung und Werte meines Projekts aus dem Blick verliere.

Projekt verläuft im Sand weil die Begeisterung verschwindet

Dagegen hilft nur eins: Regelmäßig auftanken. Am besten funktioniert das mit einem kleinen Einstiegsritual, mit dem ich die Szenen meiner Vision in mir aufleben lasse. Mir helfen dabei Bewegungen: Ich suche zu jeder Szene eine bestimmte Körperhaltung und mache daraus einen kleinen Bewegungsablauf. Anderen hilft Musik, die Stimmung in einer Szene zu aktivieren. Oder kleine Bilder oder Verse, die schnell aufgezeichnet werden können.

Nur passiv auf deine Tankstelle zu schauen, reicht allerdings nicht: Du musst die Szenen wirklich wieder zum Sprudeln bringen, bis du sie fühlst. Das Gute ist: Du findest dadurch auch schneller in den kreativen Modus. Bist schon mitten in den Gefühlen und Stimmungen, die du zum Weiterschreiben brauchst.

Gratis dazu: Die “normale” Vision

Ganz nebenbei habe ich durch die Arbeit an den Szenen auch die Zutaten für eine ganz herkömmliches konvergentes Vision Statementgefunden. Das lässt sich nicht in Zahlen fassen, aber es beantwortet die drei berühmten W-Fragen. Die Antwort auf die Frage “Was ist das Einzigartige an meinem Projekt?” steht auf der linken Klappe . In der Mitte der Tankstelle steht die Antwort auf die Warum-Frage: Warum ist dieses Projekt wichtig? Warum hat es Nutzen für die Welt (bzw die LeserIn/Käuferin)? Und rechts in der Tankstelle ist auch das “Wie” zu finden: “Wie erreiche ich das?”

Wenn du magst, kannst du deine Szenen dafür in Sätze übersetzen, die auch das konvergente Denken versteht und ihm einen ordentliche Liste machen. Dann zieht es beruhigt ab und lässt dich ungestört auf deine kreativen Reisen aufbrechen.

Illustration konvergentes und divergentes Denken
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Warum deine kreative Vision immer wieder aufgetankt werden muss.

Als ich merkte, dass meine Zweifel immer dann auftauchen, wenn ich meine kreative Vision nicht mehr spüre,, da  dachte ich, der Rest wäre easy: Einfach ein wiederbelebendes Visions-Bad nehmen und schon ist alles wieder gut.

Kreative liegt in der Badewanne und hat eine Vision

Visions-Essenz jetzt auch mit Rosenduft

Aber so einfach war es dann doch nicht. Denn die Flasche mit der Visions-Bade-Essenz schien immer genau dann leer zu sein, wenn ich sie am allerdollsten brauchte. Ich würde mir da also selber was zusammenbrauen müssen. Das Problem war nur, dass ich, einmal in der Zweifelwolke gefangen, nur noch Zweifel im Kopf zu haben schien. Und aus Zweifeln lässt sich nur schwer ein erquickendes und revitalisierendes Tonikum herstellen. Meine Vision sah aus der Wolke heraus auch  gar nicht mehr toll aus. Sie wirkte blass und fadenscheinig. Eher wie eine Fata Morgana, die beim Näherkommen zerfallen würde, als wie ein funkelndes inneres Ziel. Wie konnte ich eine Vision wiederbeleben, an die ich in dem Moment gar nicht mehr glaubte?

Aber warum war es dann in anderen Momenten so einfach, wieder an meine kreative Vision zu glauben?  Ich hatte das ja schon oft erlebt, wie sich die Zweifelwolke von einer Sekunde auf die andere auch wieder verziehen kann und Vision und Begeisterung ganz plötzlich wieder da sind. Es war, als wäre die Vision gar nicht wirklich weg gewesen, sondern nur nicht sichtbar. Als wäre der Teil meines Hirns, der für Visionen zuständig ist,  manchmal benebelt. Oder als hätte wäre mein Hirn in ein falsches Programm gerutscht, mit dem Visionen nicht zu erkennen sind.

Waschmaschine im Kopf zeigt Warnmeldung ERROR an

Hilfe, ich habe den falschen Knopf gedrückt!

Erst kam mir dieser Gedanke albern vor. Quatsch, es gibt doch keine Programme im Hirn? Aber dann fiel mir ein, was ich so alles über Kreativität und das Hirn weiß. Und doch: Es gibt wirklich verschiedene Programme in unserem Gehirn

 

Das Visionsprogramm

Durch meine Arbeit als Lerntherapeutin habe ich mich viel damit beschäftigt, was im Gehirn beim Lernen und Arbeiten vor sich geht. Und gerade erst hatte ich eine sehr spannendes Buch gelesen, in dem Forschungsergebnisse zum Gehirn von Legasthenikern beschrieben wurden. Und da Legastheniker sehr kreativ sind und stark divergent denken, sind viele der in diesem Buch beschriebenen Studien auch für andere Kreative interessant.

In diesem Zusammenhang hier ist vor allem das wichtig: Visionen sind eine Angelegenheit des divergenten Denkens, grob gesagt also der Prozesse, die in der rechten Hirnhälfte stattfinden. Die linke Hirnhälfte kann vieles, aber Kreativität nicht. Und Visionen eben auch nicht. Das konvergente Denken kann Fakten und Analysen, kann Pünktlichkeit und Objektivität. Aber es kann sich nur vorstellen, was es schon mal gesehen oder gehört hat. Es kann das bestehende Wissen sortieren, bewerten und ordnen, alles sehr praktisch. Aber es kann eben nicht weiter denken als das, was schon besteht. Während das divergente Denken genau hier seine Stärken hat: Visionen entwickeln, Neues erfinden, Geschichten erzählen, Trends vorhersagen.

Rechte Hirnhälfte strahlt miit Vision

Wo Visionen entstehen

Die beiden Programme in unserem Gehirn sind das konvergente und das divergente Denken. Paivio hat das auch tatsächlich “Double Coding” genannt – also quasi die zwei Programmiersprachen in unserem Hirn. Die nicht immer gut zusammenarbeiten :-).

Wenn ich Probleme mit meiner Vision habe, dann bin ich tatsächlich im verkehrten Modus unterwegs. Bin im Zweifelmodus des konvergenten Denkens gelandet. Denn darin glänzt die linke Hirnhälfte: Kritikpunkte finden, an allem zweifeln, was nicht bewiesen ist, an allem zweifeln, was sie nicht mit eigenen Ohren gehört oder mit den eigenen Augen gesehen hat. In diesem Modus bin ich blind für meine eigene Vision!

Kreative hört die Vision nicht rufen

Im falschen Modus unterwegs

Divergente Denker in einer konvergenten Welt

Warum bleibe ich dann nicht einfach die meiste Zeit in der rechten Hirnhälfte? Das wäre doch leichter für die kreative Arbeit? Weil unsere Welt so unglaublich konvergent ist, dass es sehr schwer ist, nicht immer wieder aus dem kreativen Modus rauszufallen. Wenn Pünktlichkeit und Ordnung mehr zählen als kreative Lösungen, dann versucht das Denken eben, auf den Wegen zu bleiben. Wenn wir alles, was wir tun, danach beurteilen, ob es sich verkaufen lässt, können wir gar nicht ins kreative divergente Hirn wechseln. Denn wenn ich etwas tun will, das sich garantiert verkaufen lässt, dann muss ich etwas kopieren, das es schon gibt. Nur dann habe ich eine Garantie, dass das Produkt meiner Anstrengung “etwas wird”. Und wenn ich so denke, dann kann auch die tollste, schillerndste Vision von etwas Neuem nicht bestehen. Denn mein konvergentes Mäkelhirn wird immer etwas finden, das daran nicht “in Ordnung” ist. Nicht so ist, wie die schon bestehenden Dinge. Mein konvergentes Hirn findet alles, was von der Norm abweicht, suspekt.

Linke Hirnhälfte ruft: Was ich nicht kenn, das schmeckt mir nicht

Die linke Hirnhälfte mag keine Abenteuer

Und jetzt wird meine rechte Hirnhälfte langsam unruhig. Ist ja schön und gut als das Wissenschaftszeugs. Aber wie krieg ich Nathalie dazu, dass sie ihre kreative Vision wieder spürt? Kitzeln hilft nicht, zwicken auch nicht, alles schon probiert. Aber meine rechte Hirnhälfte wäre nicht die rechte, wenn sie nicht gleich ein paar Ideen produzieren würde, Denn das kann sie: Aus einem klitzekleinen Ansatzpunkt so viel wie möglich Ideen erzeugen. Gib ihr ein Problem und sie sprüht nur so vor Lösungen. Und Geschichten. Und kreativen Visionen.

Und plötzlich hatte ich da so eine Vision: Ich brauchte etwas, womit ich meine Vision so festhalten konnte, dass ich sie auch im Zweifelmodus erkennen konnte. Womit ich eine schlapp gewordene Vision wieder auftanken konnte. Ich brauche eine Visons-Tankstelle. Mit Super-Visionskraftstoff. 

An der Tankstelle den Visions-Kraftstoff tanken

Visions-Kraftstoff

Super-Kraftstoff für deine kreative Vision

Und als ich meiner Vision so zuhörte (mit der rechten Hirnhälfte natürlich, also mit dem linken Ohr), da wurde mir gleich noch etwas anderes klar: Meine Vision ist einer der beiden Motoren, die mein kreatives Raumschiff vorwärts treiben. Und wenn meine Vision ein Motor ist, dann braucht sie auch Sprit. Alles sehr logisch und wissenschaftlich. Und sogar für meine linke Hirnhälfte sehr verständlich. Die hat sich allerdings gleich in die Bibliothek verzogen, um nach erprobten Zusammensetzungen für Raumschiff-Kraftstoffe zu suchen. Ich hoffe sie bleibt noch eine Weile dort, dann kann ich inzwischen meinen eigenen Kraftstoff brauen. Denn ich weiß, dass nichts was meine linke Hirnhälfte produziert, meiner Vision auf die Sprünge helfen kann. Ich brauche einen Kraftstoff, der speziell für meine rechte Hirnhälfte entwickelt ist. Damit er auch dann wirkt, wenn ich mit meinem Raumschiff in der kreativen Galaxie unterwegs bin. Und dafür sorgt, dass die Zweifel mich gar nicht erst in ihre Wolke reinziehen können.

Ein Kessel voll Kraftstoff für kreative Vision

Da brodelt was…Was die rechte Hirnhälfte mag und braucht und was du für deinen Visions-Kraftstoff brauchst, erzähle ich beim nächsten mal. Aber falls du gerade eine kreative Vision hast, eine neue Idee, die in dir kribbelt oder am Horizont funkelt, dann nimm dir doch ein bisschen Zeit, ihr nachzuspüren. Wo kribbelt es? Was funkelt da genau? Wie fühlst du dich, wenn du an das fertige Produkt/ Projekt / Buch denkst? Erkunde deine Begeisterung – sie ist eine wichtige Zutat für deinen Kraftstoff.

 

 

 

Warum ich meine Zweifel erst mal ins Wartezimmer setze

Logo gegen ZweifelDie Idee mit dem Wartezimmer kam mir, weil das mit der einsamen Insel nicht geklappt hat. Vor Jahren, als ich in einer großen Wolke von Zweifeln gefangen war, las ich in einem Forum den entzückenden Vorschlag, Zweifel auf eine Insel in Urlaub zu schicken. Die Idee ging ungefähr so: Stell dir ein Ferien-Resort vor, wo deine Zweifel sich richtig gut vergnügen können und dann lassen sie dich in Ruhe. Ich fand die Idee klasse, aber sie funktionierte nicht.

Elefant bläst Herzchen

 

Zweifel ignorieren

Nicht an Zweifel denken ist wie mit den rosa Elefanten:  Wenn man versucht, sie zu ignorieren, drängen sie sich nur immer lauter in unsere Gedanken.  Oder sie schleichen sich auf anderen Wegen wieder in unser Bewusstsein und sind in der Zwischenzeit noch größer und gefährlicher geworden. Gefühle wegschieben kann durchaus hin undwieder funktionieren, aber nur dann, wenn sie nicht dringend sind. Die meisten Zweifel sind aber dringend, denn sie entstammen Ängsten und Sorgen und sind ein Teil von uns.

Ein Teil von mir

Das war für mich eine der vielen wunderbaren Erkenntnisse im Laufe meiner Gestaltausbildung: Unsere Ängste und Zweifel sind Teile von uns selbst. Und es sind Teile, die wichtig für unsere Persönlichkeit sind, die uns etwas erzählen wollen. Sie sind nicht vom Himmel gefallen, sondern entstammen unserer Erfahrung. Deshalb sollten wir nicht versuchen, sie aus uns rauszuschneiden und loszuwerden. Das geht nicht und täte uns auch nicht gut. Wir würden damit auch wichtige Aspekte unserer Person über Bord werfen.

Andererseits merkte ich aber auch, dass es keinen Sinn hat, mich mit den Zweifeln zu beschäftigen, wenn sie schon zugeschlagen hatten. Denn dann beherrschten sie mein Denken und wirkten real. Das habe ich überhaupt lange gedacht: Dass Zweifel meinem Realitätssinn entstammen. Dass sie mich auf die Wahrheit aufmerksam machen. Und ich ihnen womöglich noch dankbar sein soll, weil sie mich davon abhalten, naiv meiner Begeisterung zu folgen. Bringt man uns das nicht auch an allen Ecken und Enden bei, dass wir uns für Kritik öffnen, unsere Pläne erst mal objektiv betrachten und von allen Seiten beleuchten, bloß nicht naiv loslegen sollen?  Sind Zweifel also nicht das, was uns vorm Scheitern bewahrt? Nein, das ist Quatsch. Denn der größte Teil der Zweifel ist nicht real. Sie haben gar nichts mit der Idee zu tun. Sie entstammen Ängsten und Sorgen, die gar nichts mit dem Projekt zu tun haben!

Das fiel mir aber erst auf, als ich mir die Zeit nahm, nicht nur einzelne Zweifel zu betrachten, sondern mein ganzes Zweifelverhalten. Und dabei entdeckte ich ein Muster, ich nenne es den Tanz der Zweifel.

Zweifel tanzen

Der Tanz der Zweifel geht so:

Am Anfang war ich ganz und gar begeistert von einer Idee. Ich spürte deutlich wo ich hin wollte – die Vision in meinem Kopf leuchtete ganz hell.

Die Anfangsbegeisterung

(Was nicht bedeutet, dass die Vision auch klar und deutlich wäre, aber dazu ein ander mal mehr).

Doch dann kamen die Zweifel. Ein Zweifel führte zum nächsten. Und irgendwann sagte ich mir, dass ich mich wohl vertan hatte: Die Idee war gar nicht so toll! Sie schien mir nur am Anfang so, weil ich noch naiv war und nicht die ganze Wahrheit kannte.

DIe Idee in die Schublade legen

Und ich legte mein Projekt zur Seite und widmete mich etwas anderem.

Aber dann,

nach einer kürzeren oder längeren Weile, fing die Idee wieder in mir zu kribbeln an. Nur so ganz leicht, gerade so viel, dass ich sie mir mal wieder anschauen wollte.

Die Idee wieder aus der Schublade holen

Und jetzt kommt das Erstaunliche: Wenn ich meine Idee wieder aus der Schublade holte, waren die Zweifel verschwunden! Oder schienen plötzlich ganz unwichtig. Ich konnte jetzt gar nicht mehr verstehen, warum ich das Projekt weggelegt hatte, die Idee war doch klasse! Voller Hoffnung und Elan stürzte ich mich in die Arbeit an meinem Projekt.

Aber dann, nach einer kürzeren oder längeren Weile (meistens schneller als beim ersten mal) kamen mir wieder Zweifel.

Zweifel bei der kreativen Arbeit

Und so ging es weiter. Der Tanz der Zweifel ist nämlich ein Rundentanz.

 

Der Durchbruch

Den Tanz der Zweifel zu erkennen, war für mich der Durchbruch. Denn ich begriff jetzt, dass die Zweifel nicht von der Realität erzählten. Es war nicht so, dass ich am Anfang naiv war und dann durch die Zweifel die negativen Aspekte meiner Idee ans Licht kamen. Denn wenn ich wieder im Begeisterungsmodus war, löste sich der größte Teil der Zweifel ins Nichts auf. Und nicht, weil ich sie dann ignorierte. Sondern weil meine Vision wieder leuchtete und mich wieder an das erinnerte, was wirklich wichtig war. Was so besonders und inspirierend an meiner Idee war.

Und die paar kleinen Zweifel, die dann noch blieben, erfuhr ich jetzt nur noch als Erinnerungen an ein paar kleine Probleme, die ich noch lösen musste. Klar musste ich noch darüber nachdenken, ob das Buch nicht zu teuer werden würde und ob ich es in drei Teile oder vier aufteilen würde. Aber das waren Detailfragen. Es waren keine Zweifel an der Vision selbst. Die leuchtete mir wieder hell meinen Weg.

Eine klare Vision

Denn genau das war in der Zweifelwolke geschehen: Ich hatte die Vision aus dem Blick verloren. Sie hatte mir nicht mehr den Weg geleuchtet. Und darum war ich im Dunkel wie ein blindes Huhn hin und her gerannt, hatte mal ein bisschen in der Richtung gesucht und dann wieder in der anderen und war dabei im Kreis gelaufen bis mir schwindelig war und ich gar nichts mehr sicher wusste. Ich hatte den Kontakt mit meiner Vision verloren und damit das, was mir Energie und Mut gab, was mir die Richtung weisen und Antworten geben konnte.

Ohne meine Vision hatte ich an den falschen Stellen nach Antworten gesucht: mir die Bücher von anderen angeschaut oder Schreibratgeber gelesen, KollegInnen um Rat gefragt oder im Internet gesucht. Und klar können mir Gespräche mit KollegInnen oder Schreibratgeber manchmal helfen. Aber nur, wenn ich meine Vision noch im Blick habe!

Wenn ich Zweifel habe, dann hilft nur eins: Schauen, ob meine Vision noch leuchtet und was sie mir zu den Fragen der Zweifel antwortet.

ich bin deine Vision und ich sage dir

Und wenn meine Vision nicht mehr leuchtet, dann hilft nur eins: Sie wieder aktivieren und wieder zum Leuchten bringen.

Und hier kommt das Wartezimmer ins Spiel. Es gibt mir die Zeit, mich erst um meine Vision zu kümmern, bevor ich den Zweifeln zuhöre.

 

Eine Pause für die Zweifel

Ich schicke meine Zweifel also nicht weit weg auf eine einsame Insel, sondern lade sie ins Wartezimmer ein. Dort gibt es alle nur erdenklichen Angenehmlichkeiten, sodass auch der ungeduldigste Zweifel es da doch eine Weile aushalten kann: Schlaftee und Wärmflasche,  Hypnosepirale und Meeresrauschen, den langweiligsten Roman aller Zeiten und romantische Schlaflieder. Und das gibt mir alle Gelegenheit, sie zu beobachten und zu sezieren, zu analysieren und zu interpretieren. Dafür habe ich natürlich auch eine Methode entwickelt: ein praktisches Zweifel-Analysier-Instrument, dazu bald mehr.

Bis dahin kannst du dir ja selbst schon mal ein Wartezimmer für deine Zweifel basteln. Ganz nach deinen eigenen Ideen oder mit meinem Bastelbogen.

 

Der Bastelbogen

Das Wartezimmer gibt es als Bastelbogen in zwei Farbgebungen (auch Zweifel haben da so ihre Vorlieben) und mit vielen praktischen Gegenständen, die du nach deinen eigenen Wünschen kombinieren und mit einer persönlichen Note ergänzen kannst. Und natürlich ist das Wartezimmer auch ein tolles Geschenk für kreative Menschen, die auch manchmal von Zweifeln geplagt werden (und wer wird das nicht? ).

Das blaue Wartezimmer mit vielen Details, wie Wärmflasche, Tasse und Bilderrahmen

P.S. Wer mag kann das Wartezimmer auch selber ausmalen! Bestell dann den schwarz-weißen Bastelbogen.

 

 

 

 

 

 

3. Prokrastinieren hilft, deine kreative Energie zu bündeln.

Wenn ich eine Weile gebrütet habe, kommt irgendwann der Impuls, die Idee aus dem geschützten Kopfraum zu holen und etwas mit ihr anzufangen. Mich hinzusetzten und das Kapitel zu schreiben, die Zeichnung zu machen, den Businessplan zu schreiben. Manchmal spüre ich dann die volle Ladung kreative Energie und mein kreativer Prozess sprüht nur so vor Funken. Aber manchmal ertappe ich mich stattdessen wieder beim Prokrastinieren. Seltsam, die Idee ist doch gut, warum steh ich dann jetzt hier und ordne mein Bücherregal nach Farben? Das kann zwei Gründe haben.

1. Die kreative Energie ist weg, weil ich zu ungeduldig bin.

Zum Beispiel weil ich so neugierig bin auf das, was da in meinem Kopf sprüht. Oder weil ich von mir erwarte, endlich zu Potte zu kommen. Drei Tage Brüten, das muss reichen! Doch dann signalisiert mein Bauchgefühl mir, dass ich noch nicht ganz so weit war. Dass der Bogen noch nicht voll gespannt ist und ich besser noch ein bisschen warte. Denn mit der vollen Energie arbeitet es sich besser und kraftvoller und werde ich mein Projekt eher zu einem tollen Ergebnis bringen. Prokrastinieren hilft mir dabei, mich mit meinen kreativen Energievorräten zu beschäftigen, nicht zu früh loszulegen, sondern zu warten, bis ich reif bin für den Sprung, den Sprint, den Auftritt, den Funkenregen.

2. Die kreative Energie ist weg, weil ich keine Lust habe – und das ist gut!

Kreative mit positiver und negativer Energie

Mein Unlust-Ich ist mir noch nicht so sympathisch, daran arbeite ich noch :-). (Illustration: Nathalie Bromberger)

Früher hat mich Unlust erschreckt. Das klingt doch wirklich nach faul und unmotiviert? Womöglich gar ambitionslos? Pfui, hab ich so ein Wesen in mir? Zu meinem optimistischen Temperament passt die Lust viel besser. Und lange habe ich mir “Ich habe keine Lust”- Gedanken dann auch verboten.  Oder mich in Unlust-Fällen sofort zum Weiterarbeiten verdammt. Inzwischen weiß ich, dass Unlust genau so wichtig ist wie Lust.

Die Lust zu arbeiten ist ein tolles Signal. Die Unlust aber auch. Sie sagt mir, dass mir etwas fehlt. Dass da ein Knoten in meinem kreativen Prozess ist. Dass etwas auf der Leitung steht, die meinen kreativen Geist mit Energie versorgt. Dass mir das Vertrauen fehlt oder der Mut. Dass ich mich langweile oder mir der Spaß abhanden gekommen ist. Alles wichtige Signale. Nicht nur, weil sie mir erzählen, dass ich innehalten und mich um meinen kreativen Prozess kümmern muss. Sondern auch, weil diese schwierigen und dunklen Themen meiner Kreativität mehr Tiefe geben. Weil sie mich auf die Spur von Fragen bringen, mit denen auch andere zu kämpfen haben. Weil sie mir zeigen, wo Probleme sind und Lösungen gebraucht werden. Wo Sorgen sind und Ermutigung gebraucht wird. Wo Kämpfe passieren und was da verhandelt wird.

Kreative sprüht nur so vor Unlust

Unlust ist ein wichtiger Antrieb für die kreative Arbeit. (Illustration: Nathalie Bromberger)

Es lohnt sich, deiner Unlust nachzuspüren. Du wirst dabei eine Menge über dich und andere entdecken. Das ist nicht nur für Kreative wichtig. Wir alle sollten uns mehr Zeit nehmen, darüber nachzudenken, wann es uns gut geht. Wie wir mehr davon in unser Leben einbauen können. Und wie wir eine Welt bauen können, in der es allen gut geht. Und das ist noch was, das du entdecken wirst, wenn du deiner Kreativität mehr guten Raum gibst: Sie hält sich nicht Grenzen. Nicht an die Grenzen deiner To-Do-Liste, nicht an die Grenzen von Genres oder Papierformaten und auch nicht an die Grenzen der kreativen Arbeit. Sie begnügt sich nicht damit, sich auf dem Papier oder in Worten auszutoben. Wenn du sie freilässt, kommt sie auch mit anderen Ideen: Für eine autofreie Stadt. Für Schulen ohne Angst. Für eine Welt, in der alle Menschen ihren kreativen Geist entfalten können. Aufschieben bedeutet: Nicht weitermachen, wenn du merkst, hier stimmt was nicht. Nicht weitermachen, wenn das System kaputt ist. Prokrastinieren hilft, dich daran zu erinnern.

Dies war der vierte Teil der Serie übers Prokrastinieren. Im ersten Teil geht es um drei Missverständnisse über das Prokrastinieren. Teil 2 und 3 handeln davon, wie Prokrastinieren dir beim Fokussieren und beim kreativen Brüten hilft.

 

Prokrastinieren hilft beim kreativen Brüten

und ist dann eigentlich gar kein Prokrastinieren. Beim kreativen Brüten wird nichts aufgeschoben, sondern das gemacht, was im kreativen Prozess nicht nur eine große Rolle spielt, sondern auch viel Zeit braucht: meine Ideen reifen lassen. Wie ein Hefeteig eine warme und zugfreie Umgebung braucht, um zu wachsen, so brauchen auch Ideen eine bestimmte Art Raum. Diesen Raum schaffe ich in meinem Kopf. Raum zum kreativen Brüten.

Zum Brüten gehört auch eine große Portion Liebe

Ideen brauchen die Sicherheit, dass sie nicht ausgelacht werden. (Illustration: Nathalie Bromberger)

Dafür muss ich meinen Kopf in doppeltem Sinn frei machen: Erstens muss ich ihn frei halten von Erwartungen und Ansprüchen. Ideen können sich nur zeigen, wenn sie wissen, dass ich für sie offen bin und sie nicht auslache. Dass ich noch keine Leistung von ihnen erwarte, keine Ansprüche an ihr Aussehen oder ihre Form stelle. Sie wollen so geliebt und angenommen werden, wie ein kleines Kind. Es heißt ja auch nicht ohne Grund “mit einer Idee schwanger gehen”: Mein Kopf ist die Fruchtblase, in der das Neue geschützt wachsen kann, von liebevollen Gedanken begleitet.
Zweitens muss ich meinen Kopf freihalten von allen anderen Prozessen, die geistige Energie verbrauchen. All meine Hirnkalorien sind für mein Geistesbaby reserviert, da ist jetzt kein Raum für Grübeleien über die unfreundlichen Nachbarn oder den Fehler in meiner Steuererklärung. Wenn solche Kraftfresser auftauchen, schiebe ich sie liebevoll zur Seite. Erinnere mich daran, dass ich die Mama dieses Geistesembryos bin, dass meine wichtigste Aufgabe ist, für sein Wohlergehen zu sorgen. Wenn ich dieses Bild im Kopf habe, fällt es mir leichter, streng aufzutreten.
Und streng auftreten muss ich! Denn alles in mir ist darauf getrimmt,

Löwenmutter schützt die Ideen beim kreativen Brüten

Dafür sorgen, dass meine Ideen beim kreativen Brüten sicher sind, gehört auch zum kreativen Prozess (Illustration: Nathalie Bromberger)

Leistungen zu produzieren, die nach außen sichtbar sind, von anderen gesehen werden können. Darum habe ich die Neigung, immer das oben auf die To-Do-Liste zu stellen, was sichtbare Resultate bringen wird. Damit ich am Ende des Tages mir und anderen zeigen kann: Sieh her, das habe ich heute geleistet. Oft genug betrüge ich mich dabei allerdings. Denn 50 Pins bei Pinterest oder eine stundenlange Recherche bei Google sind nicht wirklich etwas auf das ich stolz sein könnte. Aber während ich mich durch die Bilderwelten bewege und hier und da begeistert auf ein Bild klicke, kann ich mich immerhin produktiv fühlen. Und das fühlt sich besser an als Nichtstun. Darum habe ich die Neigung, auf die falsche Weise zu prokrastinieren. Eine die dem kreativen Brüten nicht wirklich Raum bietet. Wenn ich mich mit Bildern oder Fakten vollstopfe blockiere ich den Raum, lenke mein Hirn ab. Statt dafür zu sorgen, dass es in den Leerlauf findet und die kostbaren Prozesse im Hinterkopf sich in Ruhe entfalten können. Wie eine Löwenmama muss ich darum auf der Lauer liegen und den Freiraum bewachen. Weg ihr Stimmen, die nach Leistung schreien oder Sichtbares fordern. Weg ihr Google-Bilder und Recherchier-Gedanken. Her mit den Ohrstöpseln, ich will die Klingel nicht hören, wo wieder mal einer der Paket-Besorger weiß, dass ich tagsüber zuhause bin und für den gesamten Häuserblock

Autorin beim kreativen Brüten

Such dir die passende Prokrastinier-Methode zum kreativen Brüten – nicht alles funktioniert gleich gut (Illustration: Nathalie Bromberger)

die Paketstation spielen könnte. Weg mit dir Telefon, auch wenn liebe Menschen anrufen: Ich bin jetzt nicht da. Körperlich ja, aber mein Geist nicht. Denn der schwebt auf Wolke K und brütet. Damit mein kreatives Küken bald aus dem Ei

brechen kann.

Dies ist der dritte Teil der Serie über das Prokrastinieren. Den vierten Teil, wie Prokrastinieren hilft deine kreative Energie zu bündeln, . Die Einleitung über die Missverständnisse übers Prokrastinieren findest du hier und den ersten Teil darüber, wie das Prokrastinieren beim Fokussieren hilft hier..

Prokrastinieren hilft beim Fokussieren

Prokrastinieren hilft ? Das ist doch nur ein Zeichen für Faulheit! Und was du heute kannst besorgen, das sollst du doch nicht auf morgen verschieben? Wo kämen wir hin, wenn wir alle den lieben langen Tag nur noch aus dem Fenster schauen würden? Was die Kreativität betrifft, kämen wir damit sogar viel weiter. Denn Aufschieben und aus dem Fenster schauen sind für Kreative in vielen Situationen sehr gesund. In der Einleitung zu dieser Serie hab ich gezeigt, dass Prokrastinieren oft missverstanden und als schädlich formuliert wird. In diesem und in den nächsten Artikeln soll es um die guten Seiten des Aufschiebens gehen.

1. Prokrastinieren hilft beim Fokussieren

Es sorgt dafür, dass ich meine Zeit nicht an die falschen Dinge verschwende. Ich habe etwas auf meiner To-Do-Liste stehen und mein Kopf glaubt, dass ich das jetzt tun sollte. “Schreib Kapitel 3” steht da vielleicht. Oder “Fang an mit Projekt X”. Doch mein Bauchgefühl sagt etwas anderes. Es hat schon begriffen, dass ich jetzt besser eine andere Sache in Angriff nehmen sollte. Leider hört mein Kopf nicht zu. Und das hat mit meinem dritten Ohr zu tun. Auf dem ich taub bin.

Wie die meisten habe ich als Kind nicht gelernt, meinen kreativen Impulsen zu vertrauen. Oder andersrum: Ich habe das verlernt, kleine Kinder spüren ihre kreativen Impulse nämlich ganz wunderbar. Aber spätestens in der Schule lernen wir alle, dass die inneren Impulse nicht zählen. Dass sie störend oder gar gestört sind. Ich erinnere mich, dass ich in der Grundschule noch hin und wieder in der Ecke stehen musste, weil ich beim Zeichnen nicht still sein konnte. Später “konnte” ich das mit dem Schweigen und Stillsitzen, aber um welchen Preis? Wie die meisten Kinder habe ich mir das  Zappeln und Tagträume

Kreative hört ihre inneren Stimmen nicht.

Das Prokrastinieren hilft, deine inneren Stimmen zu hören. (Illustration: Nathalie Bromberger)

n abgewöhnt und gelernt, mich auf das zu konzentrieren, was andere von mir erwarten, was andere sagen, was andere mir auftragen. Meinen kreativen Körper zu ignorieren. Und jetzt hab ich den Salat: Ich bin auf einem Ohr taub geworden, auf dem dritten nämlich, das auf die inneren Stimmen spezialisiert ist.

Bauchgeflüster

Ich höre nicht, wenn mein Nacken schreit “Ich bin verkrampft”. Ich höre nicht, wenn mein Spieltrieb ruft: “Ich will nach draußen”. Und ich höre nicht, wenn mein kreatives Ich ruft: “Ich hab jetzt viel mehr Energie für ein anderes Projekt” oder “Für Kapitel drei fehlt mir noch eine Menge Info”. Und weil ich das nicht höre, brauche ich das Prokrastinieren. Es erzählt mir, dass mein Bauchgefühl was auf dem Herzen hat. Bauchgefühl hat eine Menge raffinierter Strategien, um auf sich aufmerksam zu machen. Es lenkt mich ab, indem es “Hunger” ruft oder mich zum Zappeln bringt, so dass ich es nicht schaffe den geplanten Text zu schreiben.

Kreative hat sich ein Bauch-Hörgerät gebaut

In der Badewanne mit den Ohren unter Wasser kannst du deine inneren Stimmen auch gut hören. Das kommt daher, das Wasser diese spezielle Leitfähigkeit für innere Frequenzen hat. (Illustration: Nathalie Bromberger)

Vielleicht schickt es mir auch schöne Tagträume oder Ideen für neue Projekte. Oder es spitzt meine anderen Ohren, so dass ich jeden Ton aus dem Hausflur wahrnehme oder den Gesprächen im Nachbargarten lausche. Jedenfalls tut es sein bestes, mich von dem abzuhalten, was ich mir vorgenommen habe. Und desto schneller ich das begreife, desto besser. Denn andauernd zum Kühlschrank zu rennen oder hinter dem Rechner zu zappeln sind nur Hilfeschreie meines kreativen Ichs. In Wirklichkeit braucht es etwas anderes: Die Erlaubnis, sich mit dem zu beschäftigen, was auf meiner inneren Agenda jetzt ansteht. Dem was mein kreativer Prozess jetzt braucht.

Innere Kämpfe

Wenn ich mir die Prokrastination verbiete, höre ich auch nicht, was sie mir sagen will. Dann entstehen manchmal so bescheuerte stundenlange innere Kämpfe. Diese können ziemlich erschöpfend sein. An schlechten Tagen gewinnt mein diszipliniertes Ich. Dann schreibe ich noch ein paar Stunden an meinem Text weiter. Nur um ihn am nächsten Tag in die Tonne zu hauen. An guten Tagen begreife ich schnell, was los ist. Gehe raus, spazieren. Spüre meinem Bauch nach. Mache es mir auf dem Sofa gemütlich oder rede mit einer Kollegin über meinen kreativen Prozess. Und finde so das, was ich wirklich tun will. Was mir jetzt gut tut. Was ich noch entdecken muss, bevor ich Kapitel 3 schreiben kann. Und was mein kreatives Ich mir mit dem Prokrastinieren erzählen wollte.

Im nächsten Teil dieser Serie geht es um Wolke K und die Löwenmama. Und mehr dazu wie Prokrastinieren hilft.

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Drei Missverständnisse übers Prokrastinieren, die deiner Kreativität schaden

Missverständnis 1: Prokrastinieren ist schlecht.

Als “Prokrastinieren” zum Modewort wurde, vor 10 Jahren oder so, da dachte ich: “Prima! Jetzt wächst endlich das Verständnis dafür, warum Aufschieben für die Kreativität wichtig ist”. Aber weit gefehlt. Fast sofort wurde das Wort falsch interpretiert (nämlich negativ), wurden Studien aus ihrem Zusammenhang gerissen und aus dem neutralen Begriff “Prokrastination” die “krankhafte Prokrastination” gemacht.

Seitdem erscheint so ungefähr täglich ein Artikel, in dem erklärt wird, wie wir das Prokrastinieren überwinden, überlisten, vermeiden und bekämpfen können. Die Welt titelt gar “Der Prokrastination entkommen” und verspricht zehn Tricks, mit denen wir nie wieder prokrastinieren werden. Und will der Kreativität damit wohl ein für alle mal den Garaus machen. (Solltest du dennoch auf den Link klicken, dann machst du das auf eigene Gefahr!)

Höchste Zeit, die Prokrastination zu rehabilitieren und zu erkennen, wie und wann das Aufschieben zur kreativen Kraft wird. Das ist zum Beispiel, wenn es dir beim Fokussieren hilft. Oder wenn es dafür sorgt, dass dein Geist sich im Leerlauf bewegt und die für die kreative Arbeit so wichtigen intuitiven Prozesse stattfinden können. Zu den guten Seiten der Prokrastination mache ich demnächst einen ausführlicheren Artikel. Darin wird es auch darum gehen, wie du erkennst, mit welcher Art Prokrastination du es zu tun hast. Von außen sehen die kreativitätsfördernde und die blockierte Prokrastination nämlich gleich aus.

Gutes und böses Prokrastinieren sehen gleich aus.

Prokrastinieren kann die Kreativität fördern oder ein Zeichen von Blockaden sein. (Illustration von Nathalie Bromberger)

Missverständnis 2: Wenn du dich beim Prokrastinieren ertappst, musst du dich zum Weitermachen zwingen.

Dieses Missverständnis ist für Kreative eine Katastrophe. Erstens schüttest du damit sozusagen das Kind mit dem Bade aus. Schließlich kannst du jetzt auch die guten Arten des Aufschiebens nicht mehr nutzen. Sobald du dich beim Prokrastinieren ertappst, rufen die kleinen Leistungsdrückerchen in deinem Gehirn: “Igitt, hier wird nicht gearbeitet”. Du fühlst dich schuldig, undiszipliert oder faul und versuchst dich zum Weiterarbeiten zu zwingen. Statt zu überlegen, ob es vielleicht einen guten Grund für dein Aufschieben gibt. So schwächst du deinen kreativen Prozess nicht nur,  im schlimmsten Fall kannst du ihn dadurch ganz verhindern. Und wenn du alle Prokrastinier-Neigungen gleich unterdrückst, lernst du auch nicht, woran du das gute Aufschieben erkennen kannst. Oder in welchen Situationen du es brauchst und wie du es am besten nutzen kannst.

Zweitens ist dieser Ratschlag auch in allen anderen Fällen Quatsch. Denn auch dann, wenn du  prokrastinierst, weil es in deinem kreativen Prozess gerade nicht so rund läuft, hat es keinen Sinn, dich zum Weitermachen zu zwingen. Mag sein, dass du mit Disziplin noch ein Stückchen vorwärts kommst, aber dann werden dich die Blockaden höchstwahrscheinlich wieder einholen. Das Prokrastinieren an sich ist nämlich gar nicht das Problem. Und damit wären wir auch schon beim nächsten Missverständnis:

Kreative versucht vor den Blockaden wegzulaufen

Es hat keinen Zweck vor den kreativen Blockaden wegzulaufen – sie halten Schritt mit allem, was du tust. (Illustration von Nathalie Bromberger)

Missverständnis 3: Prokrastinieren ist die Ursache von kreativen Blockaden

Das ist großer Unsinn! Das Aufschieben ist nicht die Ursache dafür, dass deine kreativen Säfte nicht strömen wollen. Sondern immer nur ein Symptom von tiefer liegenden kreativen Blockaden. Hinter dem Prokrastinieren liegen Ängste oder Zweifel. Sie sind es, deine kreativen Impulse behindern. “Trotzdem weitermachen” ist darum auch keine Option. Denn so ein Arbeiten unter Zwang klappt vielleicht, wenn es um die Steuererklärung oder ums Unkrautjäten geht. Aber beim kreativen Prozess brauchst du deine innersten Kräfte, Herz und Verstand, das was dir auf der Seele und unter den Nägeln brennt. Du kannst deinen Verstand nicht auf Null setzen und sagen: “Ich hasse Gartenarbeit, aber da muss ich durch”. Oder dich zum mechanischen Ausfüllen der Felder im Elster-Formular füllen. Solche Methoden helfen bei Arbeiten, bei denen wir uns zeitweise zum Roboter machen können. Und es mag sein, dass es schon Roboter gibt, die ein Foto nachzeichnen oder ein bisschen übersetzen können. Aber zu echter Kreativität ist nur der fähig, der fühlen kann und mit seinem ganzen Wesen bei der Sache ist.

Wenn du dich beim Aufschieben ertappst, dann gibt es nur eine sinnvolle Reaktion: Dir anzuschauen, was da gerade in dir passiert. Wo du dich im kreativen Prozess befindest. Ob es gut ist, dass du jetzt noch nicht weitermachst. Und es also gut ist, das Aufschieben zuzulassen, es vielleicht sogar noch bewusster zu machen. Oder ob du das Arbeiten vor dir her schiebst, weil dir die Lust oder der Mut fehlt. Weil du an deinen Fähigkeiten oder Ideen zweifelst oder von Ängsten gehindert wirst.  Und falls das so ist: Wie du mit diesen Zweifeln und Ängsten umgehen kannst. Prokrastinieren kann auch hier eine wichtige Funktion haben: Es weist dich darauf hin, dass dir der kreative Kraftstoff fehlt. Und dass du dir die Zeit nehmen solltest,  dich wieder aufzuladen.

Kreative fliegt zur Tankstelle

Prokrastinieren kann auch ein Zeichen dafür sein, dass du deine kreative Energie auftanken musst. (Illustration von Nathalie Bromberger)

Kleiner Grundkurs Prokrastination

Kurz und gut, höchste Zeit, das Prokrastinieren zu rehablitieren und uns genauer anzuschauen, was dahinter steckt. Darum erscheint hier in den nächsten Wochen ein Serie mit Tipps und kleinen Workshops zu den verschiedenen Aspekten des Prokrastinierens:

 Teil 1 bis 3  handelt davon, auf welche Aufgaben das Aufschieben bei der kreativen Arbeit hat. Wie du erkennst, ob dein kreativer Prozess stockt oder fließt und ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist, deine Bleistifte zu zählen oder besser eine andere Prokrastiniermethode wählst.

Teil 1: Prokrastinieren hilft Fokussieren

 

Drei Dinge, die du deiner Kreativität schenken solltest.

1. Du solltest dir Zeit schenken zum TagträumenFrau am Herd träumt

Deine Kreativität wohnt in der rechten Hirnhälfte. Hier regieren nicht die Sprache und das Bewusstsein, sondern Intuition, Bilder und Geschichten. Dieses Denken zeigt sich als Tagträumen: Du steuerst dabei nicht, was dir durch den Kopf geht, folgst keinem bewussten Plan. Dadurch kann der kreative Teil deines Gehirns seine Prozesse entfalten. Was dir dabei durch den Kopf geht, mag zufällig und zusammenhanglos wirken, in Wirklichkeit ist es der Kern der kreativen Arbeit: Erfahrungen werden verbunden und neu geordnet, Ideen suchen und finden sich, bringen neue Formen, Bilder und Geschichten hervor. Diese Art des Denkens kann sich prima beim Kochen und Gärtnern, beim Joggen und Wandern entfalten. Es stört sie nicht, deine Aufmerksamkeit mit praktischen, körperlichen Tätigkeiten zu teilen. Aber Sprache und Logik stören beim Tagträumen, genau wie dauernde Unterbrechungen. Deshalb mach das Smartphone beim Kochen aus, hör beim Autofahren mal keine kluge Nachrichtensendung, lass dich beim Tagträumen nicht von WhatsApp und Insta stören. Deiner Kreativität Gutes tun, heißt: ihr Tagträum- Zeit schenken.

2. Du  solltest dir Zeit schenken, deinen eigenen Erfahrungen zuzuhören

Deiner Kreativität Zeit schenken und dir zuhörenWir beschäftigen uns heutzutage unglaublich viel mit den Erfahrungen von anderen Menschen. Die Medien überschütten ins mit Berichten darüber, was hier oder dort geschehen, X oder Y erlebt haben. Was wir selbst erlebt haben, was unsere Erfahrungen und erzählen, scheint dagegen kaum eine Rolle zu spielen, „Zeit meine Erfahrungen zu spüren und zu verstehen“, steht wohl in kaum einem Terminkalender. Dabei ist dies das wichtigste, das du für dich, für deine Kreativität und für die Welt tun kannst: deine einzigartigen Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken, Beobachtungen, Entdeckungen und Ideen ernst nehmen. Darum, räum in deinem Terminkalender Zeit ein, in der du deinem Inneren lauschst.

 

 

3. Du solltest dir Zeit schenken, deine Projekte reifen zu lassen

Herzensding reift neben Wein im WeinkellerWir haben alle so viele Pläne und wir verbinden sie immer mit Zeitvorstellungen. Und legen unserer Kreativität damit Fußfesseln an. Wenn wir ihr sagen: “Bis dann musst du fertig sein!”, wird sie sich bestimmte Gedankenflüge gleich verbieten – sie weiß, dass sie innerhalb des Zeitrahmens nicht ankommen würde. Und so bleibt sie auf dem Boden oder macht nur kleine Hopser, statt richtig abzuheben. Natürlich können wir viele Pläne auch so ausführen. Dann wird die Geschichte halt etwas kleiner bleiben, die Zeichnung nicht ganz tief aus dem Herzen kommen. Aber bei deinem Herzensprojekten solltest du dich nicht mit diesen B-Versionen zufrieden stellen. Es wäre doch schade, bei dem, was dir wirklich wichtig ist, nur kleine Hopser zu machen, wenn ein Ballonflug möglich ist oder eine Expedition zum Planet der Wunderblumen. Gönne deinem Herzensprojekt, zu wachsen und zu reifen, bis die Energie für den großen Flug gesammelt ist. Schenk dir die „Ich warte noch“-Zeit. Man nennt sie auch Geduld.

Warum kreative Menschen den Rahmen sprengen müssen

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Ich freu mich riesig, denn das Buch ist da. Und es ist genau so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe. 

Jetzt kann’s losgehen mit der kreativen Befreiung! Ab heute kommt jeden Tag ein Video, mit Wissen über Kreativität oder mit kreativen Übungen und Anregungen: Was passiert bei kreativen Menschen im Gehirn und was braucht die kreative Persönlichkeit, um sich entfalten zu können? Welche Arten Kreativität gibt es? Was ist das magische Ding “kreativer Prozess” und wie kann ich dafür sorgen, dass meine kreativen Kräfte sich kraftvoll äußern können? Was ist die kreative Berufung und wie finde ich sie?

Kreative Menschen denken anders, lernen anders, arbeiten anders und leben anders. Und das ist gut so – denn nur durch diese Eigenschaften können sie Neues und Wunderbares in die Welt bringen: Kunstwerke und Erfindungen, Unternehmungen und soziale Bewegungen, Geschichten und Visionen. Lasst uns die Kreativität befreien – das Wissen, das wir dafür brauchen, stelle ich in dieser Serie zusammen.