Mein Verlagstraum

Ich hatte versprochen, dass ich Euch von meinem Verlagstraum erzähle. Aber da Träume nicht in Worte gefasst werden können, ohne einen wichtigen Teil ihrer Ladung zu verlieren, kommen hier nur drei Szenen aus meinem Traum-Verlag.
Ich könnte so viel mehr erzählen – aber damit würde ich zuviel festlegen. Warum das meinem Traum nicht gut täte, könnt ihr hier nachlesen…

Verlagstraum Szene 1: 
Verlagstraum Szene 1: Der Verlag als Wohnwagen Lädchen

Verlagstraum Szene 2:

Verlagstraum Szene 2: Der Verlag als kreative Werkstatt

Verlagstraum Szene 3:

Verlagstraum Szene 3: Der Verlag als Salon

  Zu vage? Nee, genau richtig. Diese Bilder – und ein paar mehr, die ich noch im Inneren trage – sind kraftvoll und können mir gut den Weg weisen. Sie erzählen mir, was am wichtigsten ist:  Hat der Verlag die Wirkung, die ich mir erträume? Steht die Tür immer offen? Nehme ich mir die Zeit für meine Leser und deren Geschichten und Bedürfnisse? Tut mir die Arbeit gut, enge ich meinen Kreativität nicht mit überflüssigen Regeln und Etiketten ein, macht sie mir Spaß? Und arbeite ich nicht zuviel allein, nutze ich die Kraft der Kooperation, lasse ich mich inspirieren, mir helfen, mich von anderen begeistern und gebe ich selbst mit ganzem Herzen weiter?

Diese drei Bilder sind ein starker Kompass für meinen Inneren Businessplan! Gerade weil es nicht Zahlen oder Value Propodingse sind, sondern Bilder, die in mir gewachsen sind, die von Herzen kommen und die ich in jeder Faser meines begeisterten Körpers fühlen kann.

Ich mach mich jetzt auf. Es geht los!

* Kommt dir der Bildaufbau von der dritten Zeichnung bekannt vor? Ich musste beim Zeichnen eben an einen Salon denken.

Die Kunst mir selbst beim Träumen zuzuhören

Autorin hört sich selbst beim Träumen zu

Als ich anfing, an meinem kreativen Businessplan zu arbeiten, stellte ich mir vor, dass ich mich als ersten Schritt mit meinen Werten beschäftigen müsste. Ich hab jede Menge Bücher über soziales Unternehmen gelesen, sehr bewegende und inspirierende Biografien und Pamphlete von sozialen UnternehmerInnen wie Anita Roddick, Tony Hsieh, Adam Braun und Blake Mycoskie. Und ich bin mir sicher, dass ich diese Bücher noch sehr gut werde gebrauchen können – aber nicht im ersten Schritt. Denn das Nachdenken über die Wege und Werte dieser Unternehmer hat mich von dem weggeführt, was ich doch gerade als Ausgangspunkt nehmen wollte: Das was mein Herz zum Funkeln bringt. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik, wie ich es immer wieder schaffe, mich selbst auf Umwege zu bringen. Aber gut – inzwischen habe ich es ja begriffen. Und auch, warum es so schwer ist, mich erst mal auf das zu konzentrieren, was mir selbst wirklich wichtig ist. Ich habe eben nie gelernt, meine Träumen zu hören.

 

1. Unerhörte Träume

Ich habe mir auch nie erlaubt, meinen Träumen wirklich zuzuhören. Ihnen mit Zeit, Geduld und Offenheit zu lauschen, bis sich sich mir in allen Details erzählt haben. Sie nicht gleich nach den ersten drei Sätzen zu unterbrechen und zu rufen: “Ich weiß, was du meinst”. Sie nicht gleich mit Etiketten zu belegen: “Aha, ein Kleinverlag”.  Und ihnen nicht mit voreiligem Geplane die Luft zum Atmen zu nehmen: “Jetzt sind schon drei Monate vorbei und wenn du bis zur Buchmesse zwei Bücher veröffentlichen willst, dann aber los!”

Träume sind wild und groß und frech und vor allem neu und unbekannt (sonst wären es ja keine Träume). Das macht Angst. Und verlockt dazu, das Wilde und Unbekannte zu bremsen und es so schnell möglich zu entängstigen. Sie zu zähmen und zu beschneiden und so lange an ihnen herumzudrücken, bis sie handlich sind und wir sie erkennen. Weil wir genau das schon mal irgendwo gesehen haben. In echt oder im Fernsehen oder in einer Hochglanzzeitschrift.

Autorin stopft ihren Traum zurück in den Kopf

Träume brauchen Zeit und Raum. Sie erzählen sich nicht innerhalb einer bestimmten Frist. Im Gegenteil: Wenn wir unseren Träumen eine Deadline stellen, verziehen sie sich entmutigt oder sie versuchen sich hysterisch in eine machbare Form zu zwängen. Nur wenn wir ihnen wirklich Raum geben, ihnen erlauben sich breit zu machen und mit all ihren Schnörkeln zu entfalten, trauen sie sich aus ihren Schlupfwinkeln.

Was dann kommt ist anders als erwartet und überraschend und frisch. Und doch, sobald sie sich erzählen, erkenne ich sie schon, diese Träume. Denn ich weiß wo sie herkommen – nämlich direkt aus dem Herzen – und ich verstehe, was sie mir bedeuten.

 

2. Die Träume der Anderen

Mir zuhören heißt auch, meine Träume auf sanfte aber bestimmte Weise vor den Träumen der Anderen zu schützen. Das ist gar nicht so leicht.

In den letzten Monaten hat mich immer wieder überrascht, wie stark andere auf meine Verlagsgründung reagierten. Ganz toll waren die vielen „Mach das!“ und „Großartige Idee!“-Rufe. Und ich bekam ganz viele liebe Angebote, mein Vorhaben zu unterstützen. Ganz vielen lieben Dank dafür! Doch manchmal, nachdem die ersten Begeisterungsschreie verstummt waren, geschah etwas Lustiges: Dann erzählten mir die Anderen wie sie sich meinen Verlag vorstellten.

Begeisterte Freunde erzählen, wie sie sich meinen Verlag vorstellen.
Am Anfang haben mich diese Kommentare irritiert. Denn der Verlag in meinem Kopf sah ganz anders aus. Die Anderen sprudelten mit ihren Ideen schon los, bevor ich dazu gekommen war, meine zu schildern. Doch dann fiel mir ein, dass ich oft genau so auf die Ideen von Freunden reagiert hatte. Erzählte Anna mir von ihrer Idee, ein Café zu eröffnen, sah ich Holztische und Vasen mit frischen Blumen vor mir und jede Menge Kunst an den Wänden. Und als Anton mir von seinen Theaterplänen erzählte, träumte ich für ihn begeistert von einer ganz neuen Art Marionettentheater. Natürlich hatten Anna und Anton selbst ganz andere Ideen.

Vielleicht (nein, sicher), wäre es höflicher, erst nachzufragen, was genau die Anderen sich erträumen, bevor man die eigenen Ideen dazu loslässt. Aber andererseits – ist es nicht wunderbar, wie ansteckend Träumen ist? Wie wir einander mit unseren Wünschen und Ideen inspirieren und einander verleiten, schlummernde oder längst vergessene Träume wieder zu beleben? Ist es nicht ganz bezaubernd, wie Träume, Funken gleich, durch den Raum fliegen und sich vermehren? Solange wir anderen unsere Ideen nicht aufdrängen, sondern einfach genießen, dass es so viele wunderbare Träume gibt, kann doch nichts passieren. Denn Ideen kann es nie genug geben. Und Träume nie zu viele. Seit ich mir das klargemacht habe, kann ich entspannt lächelnd den Anderträumen zuhören und sie in Gedanken in eine Dose schieben die heißt: “Wie andere sich meinen Verlag vorstellen”. Ich bin mir sicher, in einer späteren Phase werde ich diese Ideen gut gebrauchen können. Sie helfen mir dann bestimmt, meine Ideen mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Aber jetzt noch nicht – jetzt geht es nur um meine eigenen Verlagsträume.

[box type=”warning”] Bevor du weiterliest: Hast du auch einen Verlagstraum? Wie stellst du dir den idealen Verlag vor? Wer arbeitet da? Wie sehen die Räume aus? Und vor allem: Was für Bücher entstehen dort? [/box]

3. Lernende Träume

Was, ich soll nur zuhören? Wie können sich meine Träume denn dann entwickeln? Ich will doch, dass sie wachsen und lernen. Muss ich sie nicht testen und prüfen? Schauen ob sie verwirklichbar sind?

Künstlerin baut Hütte während sie in Gedanken ein Traumschloss vor sich sieht. “Sorgfältig prüf ich meinen Plan; er ist groß genug; er ist unverwirklichbar” – hat Brecht geschrieben. Es ist ein großer Irrtum, dass wir unsere Träume beschneiden und kritisieren und auf Machbarkeit prüfen sollen. Pläne machen wir mit dem Verstand, Träume mit dem Herzen. Wenn wir an unseren Träumen rumschnibbeln, nehmen wir uns das, was uns den Mut gibt, unsere Pläne voranzubringen: Eine Vision, die aus dem Herzen kommt und mit Herzkraft angetrieben wird. Es geht nicht darum, die Träume auf Machbarkeitsniveau zusammenzuschrumpfen. Das Machbare, das was wir auf unsere To-Do-List schreiben, das sind Pläne. Pläne sind auch wichtig. Sie helfen uns, das Schaudern zu ertragen, das uns überkommt, wenn wir die Größe unserer Träume erkennen. Pläne helfen uns auch, den Mut zu behalten, weil sie uns erlauben, einen kleinen Schritt nach dem anderen zu machen.  Sie helfen uns, unsere Pläne immer wieder an unseren Träumen zu messen.

Aber unsere Träume? Die brauchen wir genau so ungestüm und unglaublich, wie sie in uns auftauchen. Und so bunt und glühend, wie sie uns durch die Adern strömen. Es ist der Kontrast zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, der uns in Bewegung bringt. Und immer weiter treibt. Auch wenn Plan A erfüllt ist. Und Plan B auch. Denn Träume sind größer als all unsere Pläne. Es ist keine Schande, am Ende unseres Lebens unsere Träume nicht in all ihrer Größe wahrgemacht zu haben – dafür sind sie da. Eine Schande  – oder einfach sehr schade – wäre es, wenn wir vor lauter Pläneschmieden und Planerfüllung vergessen, was wir eigentlich wollen. Was da in uns glüht und ruft: Ich bin dein Traum, lass dich verlocken, lass dich mitnehmen ins Abenteuer.

Wenn unser Plan kein Abenteuer ist, ist er zu klein. Dann haben wir nicht mal versucht, einen Zipfel unseres Traums zu erhaschen, sind im Morast der Vernünftigkeit steckengeblieben. Das Schwierigste bei der Arbeit an meinem Businessplan war genau das: Immer wieder Pläne über Bord zu werfen und Kurs aufs Abenteuer zu nehmen. Nicht zu früh festzulegen, nicht zuviel zu rechnen, nicht zu kleine Brötchen zu planen und nicht zu früh das Festland anzusteuern.

Gedanken beim Zeichnen eines Comics

4. Wachsende Träume

Träumen ist schön, aber auch sehr viel Arbeit. Tatsächlich bin ich ausnahmsweise mal richtig stolz auf mich, weil ich mich selbst immer wieder mitgerissen habe, mich herausgefordert noch ein bisschen mehr Wind zu fassen und mich ganz vorn aufs Boot zu stellen, wo die Gischt mir um die Ohren wehte. Und hier und da hab ich schon eine Ahnung von meinem Traum bekommen. Es ist nicht der, den ich dachte. Er ist wild und überraschend. Lustig und ernst. Bunt und voller Tiefgang. Ein Traum eben.

Heißt das, dass Träume stillstehen? Dass sie sich nicht entwickeln? Dass ich nichts an ihnen verändern darf? Quatsch – natürlich verändern sie sich. Aber nicht, weil ich das mit dem Kopf entscheide. Nicht weil ich sie zu Plänen degradiere oder ihnen die Abenteuerlichkeit nehme. Sondern weil ich mich verändere. Weil mein Herz sich verändert. Weil mit allem, was ich tue, mit jedem Gespräch, das ich führe und jedem Schritt, den ich ins Ungewisse setze, meine Erfahrung wächst. Und mit meiner Erfahrung wächst mein Traum. Ich und mein Traum – wir lernen zusammen, wir wachsen zusammen.

 

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Und was genau erträume ich mir für den Zacken-Verlag? Das kommt dann nächste Woche.

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Ein kleines Update. Diesen Artikel hab ich vor zwei Jahren geschrieben. Den Verlagstraum gibt es noch, der Zacken Verlag hat jetzt schon sechs Produkte veröffentlicht und die nächsten sind in Arbeit. Das Bücherachen macht genauso viel Spaß, wie ich erwartet habe. Aber der Verlagstraum hat mir noch viel mehr Schönes gebracht. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt und mich in vielen neuen Rollen ausprobiert (von der Verlagsvertreterin bis zur Finanzfrau),  bin jetzt auch  Bücherfrau und  Gewerbetreibende, und ich freu mich immer wieder, wenn ich mich als Verlegerin vorstelle. Denn, und da war ich mir am wenigsten sicher, ob dieser Teil mir liegen würde: Mir macht das Unternehmen Spaß. Es macht mir Spaß, zu planen und zu kalkulieren, zu netzwerken und zusammenzuarbeiten. Und es macht mir Spaß, dass all die vielen Seiten meiner Persönlichkeit jetzt unter einem Dach zusammenleben können. Manchmal führt das zu inneren Kämpfen, wenn die Illustratorin und die Grafikerin sich nicht übers Papier einigen können oder die Nachhaltigkeitsbeauftragte und die Finanzfrau unterschiedliche Druckereien beauftragen wollen. Wenn die Autorin das Manuskript nicht rechtzeitig abschickt und die Verlegerin darum den ganzen Tag knatschig ist. Aber jeder dieser inneren Kämpfe lässt mich wieder etwas lernen, meinen Traum vertiefen und mir neue Abenteuer ausdenken. Wie schön, dass Träume mitwachsen.

Sieben gute Gründe für den eigenen Verlag

Seit ich den Zacken Verlag gegründet habe, bekomme ich nicht nur jede Menge sehr positiver und unterstützender Reaktionen. Sondern immer wieder auch die eine Frage: “Warum hast du dich entschieden, einen eigenen Verlag zu gründen?” Ich habe lange über diese Frage nachgedacht – es scheint mir wichtig, dass ich mir über die Motive meiner Gründung im Klaren bin. Dass ich nicht falschen Idealen oder alten Wahnbildern hinterherlaufe, sondern wirklich das tue, was für mich jetzt und heute richtig ist. Trotz oder wegen allen Nachdenkens kann ich nicht in zwei Sätzen antworten. Hinter meiner Entscheidung liegt ein langer Prozess. Angefangen hat er schon, als ich gerade erst lesen konnte.

 

1. Bücher machen

Es gibt wenige Erinnerungen aus meiner Kindheit, die sich in mir so lebendig erhalten haben, wie die an meinen ersten Besuch auf der Frankfurter Buchmesse. Ich muss damals um die sieben gewesen sein. Viel von dem, was die Erwachsenen dort miteinander besprachen, habe ich nicht verstanden, aber eins begriff ich bis in mein kleines waches Herz: Diese Leute machten Bücher! BÜCHER!!!! Das musste man sich mal vorstellen! Es hätte mich nicht mehr beeindrucken können, wenn sie Geld oder Gold gemacht hätten.Männer mit Bärten reden über Bücher

 

Und noch eins war mir sofort klar: Das will ich auch! Ich träumte nicht wie andere Leseratten in meinem Alter davon, Schriftstellerin zu werden. Mir ging es nicht nur ums Schreiben – so gerne ich das auch gemacht habe – oder das Zeichnen – so fasziniert ich auch davon war. Bücher waren für mich immer schon ein Gesamtkunstwerk, aus Einband und Seiten, Bildern und Schriften, Worten und Geschichten. Und bei einem guten Buch passt alles zusammen: Vom Gefühl, wenn man mit den Fingern über den Einband streicht, über das Gewicht des Buches auf dem Schoß, der Spannung beim Öffnen der Seiten (und wie weit ich meine damals noch kleinen Arme dabei ausbreiten musste), dem Geruch des Papiers, seiner Farbe und Struktur (weiß oder gelblich, glatt oder offen?) und dann wie sich Text und Bild in diesem Zusammenspiel verhalten. Wie der Blick vom Text zum Bild schweift. Wie Sätze frei auf Seiten schweben oder Wort an Wort sich auf dem Papier drängen. Wie jeder Aspekt eines Buches einen Teil der Geschichte erzählt.
Das Allertollste an Büchern aber ist: Man kann sie machen. Man braucht nicht Gott zu sein oder Alchimist. Man braucht auch keine Erwachsenen dafür und muss nicht um Erlaubnis fragen. Man braucht nur Papier und Stifte. Und Leim oder Tesafilm. Das ist alles. Dann hat man ein Buch!!! (Ich hab auch Bücher aus Stoff, Blättern, Cornflakeskarton und einem alten Telefonbuch gemacht. Und gebunden habe ich sie mit Garn, Schrauben, Papierstreifen, Draht oder gar nicht – dann waren es Faltbücher). Wieviele Bücher ich schon gebastelt habe? So um die Hundertmillionentausendsiebenzwölfneunzehndrei.

 

2. Bücher mit Geist machen

Meine ersten Bücher habe ich (mit)veröffentlicht als ich noch sehr jung war, in den Niederlanden, wo ich nach meinem Studium in Amsterdam geblieben war. Die Erfahrungen waren nicht so toll. Zwischen der tollen Buchidee und dem fertigen Produkt lagen Welten. Ein Buch habe ich gar nicht mehr erkannt, als es im Buchladen lag. Das war kein schönes Gefühl. Damals nahm ich mir vor, sowas nie mehr mit einem meiner Bücher geschehen zu lassen. Natürlich kann ich auch heute nicht all meine tollen Buchideen eins zu eins verwirklichen. Manches geht technisch einfach noch nicht (Fliegendes Buch). Anderes wäre so teuer in der Produktion, dass niemand das Buch kaufen könnte (handgemachte Bücher) oder nur sehr reiche Leute und das ist ja nicht der Sinn von Büchern. „Macht Bücher billiger“ rief Brecht, und das habe ich nicht vergessen.  Die Kompromisse, die ich mache, um ein Buch zu realisieren, müssen zu seinem Inhalt passen. Der Geist des Buches darf nicht verlorengehen.

Daran festzuhalten ist sehr schwer, wenn ich mit Verlagen zusammenarbeiten will. Die meisten Verlage scheinen sich nicht so sehr für den Geist eines Buches zu interessieren, sondern denken mehr darüber nach, in welches Regal es passt. Kolleginnen haben von ihren Lektoren deshalb so absurde Vorschläge bekommen wie: „Machen Sie doch aus dem Protagonisten ein Mädchen – dann verkauft das Buch sich besser“. „Flechten Sie noch eine Liebesgeschichte ein, sowas mögen unsere weiblichen Leser“. „Können Sie noch ein paar Tiere einbauen? Das verkauft sich im Moment gerade sehr gut“. „Wir können ihr Buch in unserem Fantasyprogramm veröffentlichen, aber dann müssen da noch ein paar Elfen oder Drachen rein“.  „Streichen Sie all die Informationen aus Ihrem Technikbuch für Kinder – wir machen ein Kritzelbuch draus“.

Ich will keine Zugeständnisse mehr an die Qualität meiner Bücher machen. Natürlich kann man über das Wort „Qualität streiten“. Für mich hat Qualität mit Geist zu tun.

Ein Buch, in dem Geist steckt

 

3. In meinem Tempo Bücher machen

Noch ein großer Nachteil an der Zusammenarbeit mit Verlagen ist für mich das Tempo. Verlage planen sehr langfristig und arbeiten langsam. Im Vergleich: Ein Bilderbuch von 30 Seiten, das ich in einem Monat bei bod veröffentlichen kann, braucht, wenn ich mit einem Verlag zusammenarbeite, eher anderthalb bis zwei Jahre. Dadurch kann ich nicht auf aktuelle Themen eingehen. Vor allem aber hindert das meinen kreativen Prozess. Denn ich kann in der Zeit während der Verlagsverhandlungen eigentlich nicht an dem Buch arbeiten – zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Verlag Änderungswünsche hat und ich alles nochmal überarbeiten oder gar ganz neu anlegen müsste. Ich will an meinem Projekt zeitnah arbeiten, wenn meine Begeisterung noch ganz frisch ist. Liegt das Exposé schon ein Jahr in der Schublade, wenn der Verlag sich meldet, dann bin ich inzwischen vielleicht mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Natürlich KANN ich mich an den Rhythmus der Verlage anpassen, aber ich will es nicht. Für meinen eigenen Verlag hab ich dieses Jahr  schon zwei Bücher fast druckfertig gemacht, zwei weitere sind halb fertig – wenn ich wollte (und das Geld hätte) könnte ich alle dieses Jahr noch veröffentlichen. Beim Tempo motivierter SelbstverlegerInnen kann kein großer Verlag mithalten.

Schnecke mit Aufschrift Verlag

4. Gerechte Bücher machen

Meine Erfahrung und die vieler Kolleginnen, mit denen ich im letzten Jahr geredet habe, ist: Die großen Verlage haben UrheberInnen immer weniger zu bieten. Denn:

  • Sie zahlen schlechter: AutorInnen, IllustratorInnen und ÜbersetzerInnen bekommen oft nur noch die Hälfte von dem, was vor zehn Jahren üblich war.
  • Was früher selbstverständlich war, ist es jetzt nicht mehr: Marketing, Zusenden der Druckfahnen, festangestellte Lektorinnen, die Autoren über Jahre begleiten.
  • Verlage sichern sich alle Rechte, die denkbar sind.
  • In den meisten Verlagsverträgen steht, dass die Autorin innerhalb einer bestimmten Zeit (zum Beispiel 5 Jahre) kein ähnliches Werk veröffentlichen kann, das diesem Werk Konkurrenz machen könnte. An sich aus Sicht des Verlages ein recht verständlicher Wunsch. Für mich als Kreative aber ungünstig.
  • Arbeite ich mit kleinen Verlagen zusammen, bekomme ich genauso wenig Tantiemen, oft nicht mal einen Vorschuss, aber muss doch alle Rechte abgeben. Zudem kommen die Bücher kleiner Verlage oft genauso wenig in die meisten Buchläden wie die von Selfpublishern. Und kleine Verlage haben meist noch weniger Budget fürs Marketing als große.

Natürlich habe ich als Selfpublisherin noch weniger Budget fürs Marketing und noch mehr Probleme, in den Buchladen zu kommen, aber ich bekomme deutlich mehr Prozente vom Erlös. Ob ich am Ende am Buch auch mehr verdiene wird sich zeigen – schließlich bekomme ich bei den großen Verlagen einen Vorschuss, den ich nicht zurückzahlen muss, auch wenn sich kein einziges Buch verkauft. Aber für mich fühlt sich das Selbstverlegen im eigenen Verlag einfach besser an. Ich kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, mich so schlecht bezahlen zu lassen. Wie kann es sein, dass alle VerlagsmitarbeiterInnen, BuchhändlerInnen und Grossisten vom Handel mit Büchern angemessen bezahlt werden, aber die UrheberInnen (AutorenInnen, ÜbersetzerInnen und IllustratorInnen) nicht? Da stimmt doch etwas Grundlegendes nicht.

Autorin bekommt ein kleines Stück vom Kuchen – das ist im eigenen Verlag anders.

UrheberInnen sollten mehr bekommen als ein paar Prozent.

5. Bücher gestalten

Vielleicht fällt mir die Entscheidung zur Verlagsgründung leichter als anderen AutorInnen, weil ich auch Grafikerin bin. Ich weiß, wie man ein Buch für den Druck vorbereitet. Ich kann vom Cover bis zum Klappentext alles selbst machen. Außerdem verfüge ich über ein Netzwerk, in dem sich viele tolle Lektorinnen, Marketing- und PR-Fachfrauen tummeln. Ich weiß, wo ich die kompetente Unterstützung bekommen kann, die ich für meine Buchprojekte brauche. Und das finanzielle Risiko und der Aufwand sind viel geringer als früher: Kleine Auflagen lassen sich heute kostengünstig drucken (Ebooks haben selbst gar keine Druckkosten) und Dienstleister wie bod oder Amazon können VerlegerInnen eine Menge Arbeit abnehmen. Dem eigenen Verlag scheint nicht mehr viel im Weg zu stehen!

 

6. Bücher verschicken

Heute frage ich mich eher, warum es so lange gedauert hat, bis ich mich entschieden habe, meinen eigenen Verlag zu gründen. Vielleicht hatte ich so oft gehört, dass kleine Verlage keine Chance haben, dass ich den Wunsch gar nicht erst zugelassen habe. Vielleicht auch hat es mit meinem Bild von Verlegern zu tun – die Verleger in  meiner Erinnerung sind Männer mit runden Bäuchen und vollen Bärten, die mit schwierigen Worten über schwierige Bücher reden. Nicht wirklich geeignet als Identifikationsfigur. Vor allem aber hab ich wohl gedacht, dass VerlegerInnen nur die Bücher von anderen veröffentlichen. Und auch wenn mich das für die Zukunft reizt, erst brennen mir ein paar eigenen Projekte auf der Leber, die unbedingt in die Welt wollen. Ich musste erst die Welt der kleinen Comics kennenlernen. Das war eine Entdeckung: Übers Netz für ein paar Dollar oder Pfund kleine liebevoll handgemachte Comics kaufen. Die in liebevoll verpackten und signierten Päckchen dann den Weg über den Ozean in meinen Briefkasten fanden.

Durch den Briefkästen fällt ein handbeschriftetes Päckchen: So wünsch ich mir den eigenen Verlag

Bestell doch auch mal einen Comic direkt bei einer KünstlerIn – nichts schöner, als solche Überraschungs-Päckchen.

7. Erwachsen Bücher machen

Zum Schluss hat bei der ganzen inneren Diskussion aber ein Argument gewonnen: Ich bin erwachsen! Ich kann und ich will die Verantwortung für meine Bücher selber übernehmen. Ich brauche niemanden, der mir Zustimmung gibt, ob ich etwas veröffentlichen darf. Was AutorInnen sich alles gefallen lassen! Keine MalerIn käme auf die Idee in ihr Gemälde ein bisschen mehr rot oder ein paar kleine Maikäfer einzubauen, nur weil ein Galerist meint, so verkaufe es sich besser. Irgendwann habe ich für mich entschieden, dass ich als Autorin und Illustratorin genau so arbeiten will, wie meine malenden Freunde. Jetzt will ich auch als Verlegerin so arbeiten: Jedes Buch ist ein Gemälde, eine Skulptur, ein Stück Graffiti auf einer Häusermauer. Ich habe keine Angst davor, meine Arbeiten in die Welt zu schicken. Wem sie gefallen, der möge sich an ihnen erfreuen. Wem sie zu dies oder zu das sind, der möge sie ignorieren oder nach Belieben zerreißen.

Bunte Schrittte für den eigenen Verlag

Als Verlegerin setze ich jetzt auch auf Mut und Spaß (Illustration: Nathalie Bromberger)

 

Ist Unternehmen schmutzig?

Nach meiner Ankündigung, dass ich Unternehmerin werden will, bekam ich eine Menge überraschte Reaktionen von FreundInnen und BlogleserInnen. Manche waren richtiggehend entsetzt: „Das hätte ich von dir nie erwartet!“ Darin schwang etwas mit wie: „dass du jetzt zur Gegenseite wechselst“. Oder: „dass du jetzt auch eine von denen wirst“.
Ich verstehe diese Reaktionen. Denn so ähnlich hätte ich vor zwei Jahren vielleicht auch noch reagiert. Wer mich besser kennt, weiß, dass ich ein Kind der 68er bin. Dass ich inmitten von Demos, Flugblättern, besetzten Häusern und großen Idealen aufgewachsen bin. Kaum konnten wir schreiben, bastelte ich mit meiner Freundin schon unsere eigenen Flugblätter. Sie waren kein großer Erfolg.

Kinder, die Flugblätter verteilen

(Ich fürchte unsere Fähigkeit, politische Zusammenhänge zu erfassen, war noch genauso begrenzt, wie unser Reimvermögen. So kam es zu dem schrecklichen Reim: “Nasenpopler und Spekulanten sind Verwandten”. Aber das Interesse der Bevölkerung an unseren Pamphleten war ebenfalls sehr eingeschränkt. Die Zeit war eben noch nicht reif 🙂 ).

Große Ideale  habe ich immer noch und kann nichts Gutes an jenem unmenschlichen Kapitalismus finden, der die Weltwirtschaft prägt. Ich glaube ans Grundeinkommen und daran, dass jeder Mensch dieser Welt viel zu bieten hat. Ich wünsche mir, dass jeder Mensch die Chance bekommt, seine Fähigkeiten und Träume wahr zu machen und unsere Welt damit zu bereichern. Geld macht nicht glücklich, Gutes tun wohl.

Und gerade, weil mir diese Themen wichtig sind, habe ich das Gefühl, mich endlich ernsthaft mit dem Unternehmen beschäftigen zu müssen. Mir ist nämlich deutlich geworden, dass ich dadurch auf ganz andere Weise Verantwortung übernehmen und in anderem Maßstab arbeiten kann.
Alles andere habe ich übrigens auch schon probiert. Nämlich:

  • mich als Angestellte, als Ehrenamtliche und im Vorstand von Non-Profit-Organisationen zu engagieren
  • als Lerntherapeutin und Coach mit Kindern und Erwachsenen arbeiten
  • zu bloggen (vor diesem Blog habe ich 5 Jahre auf begabungswerkstatt.de/ im Begabungsblog  über Begabung, Kreativität und Lernstil geschrieben)
  • in Zusammenarbeit mit Verlagen Bücher zu  machen (u.a. das „Erfinder-Kritzelbuch“).

Bei all dem blieb das Gefühl, meine Möglichkeiten und Fähigkeiten nicht in vollem Umfang zu nutzen. Mich aus Angst oder Unsicherheit davor zu drücken, Risiken einzugehen und wahrzumachen, was mir wichtig ist. Die Arbeit in den Vereinen fand ich oft umständlich und zäh und das Bemühen um Subventionen aus öffentlicher Hand war mit viel politischer Taktiererei verbunden. Das Bloggen blieb mir zu sehr bei den Worten. Und als kleine Selbständige geht so viel Zeit an den riesigen Overhead meiner Mini-Organisation verloren (diesem Thema werde ich bald einen eigenen Blogpost widmen). Für die Verlage musste ich oft das aus meine Büchern streichen, das mir am wichtigsten war. Ist ja auch klar: Wenn ich genau das machen will, was mir selbst wichtig ist, in dem Tempo, das mir möglich scheint, dann muss ich selbst die Verantwortung übernehmen.

Ich trage schon so lange die Vision einer Unternehmung in mir, habe diese Ideen aber immer wieder auf die lange Bahn geschoben. Aus lauter guten Gründen, die im Endeffekt aber nur den einen verdecken sollen: Ich habe Angst! Angst zu scheitern, Angst etwas Lächerliches zu tun, Angst mir selbst zu bestätigen, dass ich nicht das Zeug zur Unternehmerin habe. Vielleicht auch Angst davor, dass mein Projekt ein Erfolg wird und ich damit dann leben muss :-). Mit diesen Ängsten setze ich mich jetzt auseinander, wie das habe ich hier beschrieben.

Klar kann ich mir sagen, dass jedes Kind, dem ich in meiner Praxis helfen kann, Erfolg genug ist – aber ich weiß, dass ich mehr Menschen helfen kann, wenn ich mich traue, meine Ideen größer zu machen und in Produkte zu verwandeln. Genau das ist der Grund dafür, dass ich endlich versuchen will, meine Ideen als Unternehmerin umzusetzen.

UnternehmerIn werden bedeutet erst mal: Lernen. Ich habe keine Ahnung. Darum habe ich in den letzten Wochen sehr viel gelesen. Und schon eine Menge gelernt. Manches davon hat mich ganz unglaublich überrascht. Ich hatte keine Idee davon, was der Trick beim Unternehmen ist und jetzt plötzlich verschiebt sich mein ganzes Weltbild.

Zurück zur Frage im Titel dieses Blogpost: Ist Unternehmen schmutzig? Ich glaube, dass jede Unternehmung so schmutzig ist, wie die Werte, die sie leiten. Profitorientiertes Unternehmen finde ich schmutzig und leer. Nestlés Versuche, das Wasser zu privatisieren finde ich genauso widerlich wie andere Unternehmen, die Mensch oder Natur gnadenlos ausbeuten.  Aber es gibt zum Glück auch eine Menge Beispiele von Unternehmern, die andere und soziale Werte über den Profit stellen. Wie das geht, will ich in den nächsten Wochen genauer untersuchen.

Noch mehr auf meiner To-Learn-Liste:
– Was erzählt mir meine Angst zu scheitern?
– Welche Möglichkeiten gibt es, meine Unternehmung zu organisieren? Eignen sich manche eher als andere für eine werteorientierte Unternehmung?
– Welche Vorbilder kann ich mir nehmen? Ich wollte mit Anita anfangen, nicht nur, weil sie eine Frau ist, auch weil sie schon vor fast 40 Jahren mit dem Body Shop eine soziale und umweltbewusste Unternehmung gegründet hat. Und ja, dass sie an L’Oreal verkauft hat und der Body Shop heute Mikroplastik-Peeling verkauft ist traurig – aber auch daraus kann man lernen: Wie kann man die Werte einer Unternehmung so festschreiben, dass sie auch nach dem Tod der ( viel zu früh gestorbenen ) Gründerin bestehen bleiben? Ihre Biografie habe ich bestellt – Second Hand weil sie erstaunlicherweise vergriffen ist –  gibt es so wenig Interesse an Dame Anita?

Anita Roddick hat den Bodyshop gegründet

Statt dessen habe ich jetzt das Buch von Tony Hsieh gelesen, auch sehr inspirierend. Und Gunter Pauli, auch so ein Pionier des nachhaltigen Unternehmens, steht natürlich auch auf meiner Liste von möglichen Vorbildern. Wenn euch noch welche einfallen, freu ich mich über Tipps!

Noch mehr Fragen:
– Wie kann ich dafür sorgen, dass die Werte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern alle Aspekte der Unternehmung durchdringen?
– Ist es lächerlich, einen Satz wie den gerade aufzuschreiben, wenn meine Unternehmung bisher nur in meinen Gedanken besteht?

[box] *Auch eine interessante Frage: Warum es vorallem Frauen sind, die Unternehmen schmutzig finden? Und ob das damit zu tun hat, dass Frauen stärker an Werten orientiert sind? Oder ob das Unternehmen-schmutzig-finden auch ein bisschen Vorwand ist, mit dem man sich die beängstigende Business-Welt auf Abstand halten kann? Ich glaube bei mir war das wohl so…[/box]

Eine neue Art Business-Plan

Ich mache es dieses Mal anders: Ich gründe erst und dann kommt der Business-Plan. Weil ich gemerkt habe, dass ich mit einem normalen Business-Plan nicht viel anfangen kann – dazu gleich mehr. Mir ist klar geworden, dass ich eine neue Art Business-Plan erfinden muss, eine die zu mir, meinem Denken und meinen Werten passt. Und das kam so:

Mit 30, ich war Mutter von zwei kleinen Kindern und lebte in Amsterdam, wollte ich eine Firma gründen. Ich hatte neben dem Studium in verschiedenen kleineren Organisationen gearbeitet und gemerkt, dass dort viel Beratungsbedarf bestand, man die Kosten für eine ausführliche Unternehmensberatung aber scheute. Bei der Amsterdammer Handelskammer stellte ich meine Idee vor: Unternehmensberatung im Abo oder per Zehnerkarte. Zwei gestandene Unternehmer saßen mir gegenüber und waren begeistert. Mit ein paar Tipps zur Gründung und dem Rat, die Preise nicht zu niedrig anzusetzen, wurde ich ins Unternehmertum verabschiedet.
Nathalie bei mit zwei Gründerberatern, die ihr Tipps geben
Mir war mulmig. Das sollte alles gewesen sein?
Ich meldete mich für ein Unternehmertraining an der Universität an, ein spannender Kurs zu dessen Abschluss wir unseren Business-Plan präsentierten. Es war erstaunlich: Ich konnte eine Jury aus Bankern und Unternehmern von meinem Vorhaben überzeugen! Ich bekam viel Beifall, ein paar praktische Tipps und eine Menge väterlicher Rückenklopfereien.
Nur ich selbst war immer noch nicht überzeugt.

Damals dachte ich, ich wäre schlichtweg feige. Aber inzwischen finde ich es sehr verständlich, dass ich Muffensausen bekam. Denn ich hatte keine Ahnung vom Unternehmertum. Ich hatte einen Businessplan mit ein paar Excel-Tabellen und einer Mission. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie meine Tage als Unternehmerin aussehen würden. Was tut man als Geschäftsführerin einer Zehnerkarten-Firma so? Wie bekommt man Aufträge? Wie schreibt man Rechnungen?

Logo und Visitenkarte - danach nur noch Fragezeichen

Vor allem aber fehlten mir Bilder:

 

Mir fehlten Bilder vom Unternehmertum

Meine Eltern sind Ärzte und mein Bild vom Unternehmen sah daher lange so aus: Man hängt ein weißes Schild ans Haus und dann kommen die Leute von selbst. Mir war zwar klar, dass das bei einer Unternehmensberatung nicht ganz so funktionieren würde – aber ich konnte das Bilder-Vakuum nicht füllen.
Der einzige echte Unternehmer, den ich in meiner Jugend kannte, war mein Opa. Er stellte Mobilheime her, Holzhäuser auf Rädern, aber für mich bestand seine Unternehmung vor allem aus jenem von mir sehr geliebten Feriendorf am Pulvermaar. Am Ende der Ferien, kurz vor der Abfahrt, machte er immer eine Runde entlang der Duschautomaten. Mit einem kleinen Schlüssel öffnete er die Automaten und ich durfte die unendlich vielen Eine-Mark-Münzen herausholen. Einmal hat er die Münzen in der Eile in die Tasche seines Sakkos gesteckt. Auf dem Autobahnparkplatz trat ich ihm aus Versehen auf seinen Gischt-Zeh und er sprang vor Schmerzen in die Höhe. Dieses Bild – ein Regen von Eine-Mark-Münzen, der sich über den Parkplatz ergießt – so sah ich als Kind das Unternehmertum. Dass das Feriendorf eher ein Herzensprojekt neben anderen, lukrativeren Einnahmequellen war, ist mir erst später klar geworden.

Mir fehlten Bilder von mir als Unternehmerin

Die Banker und Unternehmer, die meinen Business-Plan so bejubelt hatten, waren alles Männer. Männer in Anzügen. Männer, die mit Worten wie Gewinnmaximierung und Wachstum um sich schmissen. Damals fiel mir zwar auf, dass ich nur Männer als Berater hatte, aber ich zog daraus keine Schlüsse, machte mich nicht auf die Suche nach weiblichen Vorbildern. Oder nach Männern in Jeans, nach UnternehmerInnen, mit denen ich mich identifizieren konnte.
Ich war zu unsicher, zu sehr in Ehrfurcht. Dabei waren diesem Männer von meinem Leben so weit entfernt, dass mir ihr Rat wie Geschichten aus fernen Ländern vorkam. Ihr Lob war für mich nicht glaubhaft, weil es nichts mit mir zu tun haben schien. Und an ihren Ratschlägen zweifelte ich. Zurecht, denn sie hatten sich nicht die Mühe gemacht, mich und meine Motive, mein Vorwissen und meine Erfahrungen kennenzulernen. Ihr Urteil hatte sich allein auf die Zahlen und Slogans in meinem Business-Plan bezogen.

Mir fehlten Bilder von meinem Herzbizz

Nicht nur Bilder fehlten mir – auch die Werte machten mir zu schaffen. Als ich den Herren im Anzug von meiner Leidenschaft für Not-for-Profit-Organisationen erzählte, lächelten sie mitleidig und rieten, mir das aus dem Kopf zu schlagen. Aber das wollte ich nicht.
Gründerberatung und blutendes Herz
Mir war immer schon klar, dass ich nur auf eine Weise unternehmen kann, die zu meinen Werten passt. Nur wie das geht, davon hatte ich keine Ahnung. Natürlich hatte ich genug Organisationen erlbt, die nur durch die Selbstausbeutung ihrer Mitarbeiter überlebten. Und jede Menge Herzblut-Unternehmen, die durch Nebenberufe bezuschusst wurden. Das wollte ich nicht. Ich wollte mit meiner Unternehmung meinen Lebensunterhalt verdienen und dennoch meinen Werten treu bleiben. Ende der Neunziger Jahre kannte ich solche Unternehmungen noch nicht. Heute gibt es viele Beispiele von Betrieben, die andere Ziele haben als Gewinnmaximierung. Ich finde das beruhigend und inspirierend.

Ich brauche eine neue Art Business-Plan

Ich kann wohl Business-Pläne schreiben die andere überzeugen – jetzt will ich einen machen, an den ich selbst auch glauben kann. Einen inneren Business-Plan der meinen Werten gerecht wird und ein Bild von meiner Unternehmung malt, das ich mir wirklich vorstellen kann. Zahlen und Business-Slang reichen dafür nicht. Damit er zu mir passt, muss der Business-Plan visuell und farbig sein, meinem kreativen Hirn entsprechen und mein Herz berühren. Und dieser Plan wird hier in diesem Blog wachsen. Ich freue mich auf dieses Abenteuer!

[box type=”shadow”]Was sind deine Erfahrungen mit Unternehmen? Welches Bild hast du von dir als UnternehmerIn? Und hast du schon mal einen Business-Plan geschrieben, der dich selbst überzeugt hat? [/box]

Unternehmen lernen – live im Blog

Ha, die Auto-Korrektur macht aus “Unternehmertum” “Unternehmertun“. Das ist ein schönes Wort und genau darum geht es ab heute in meinem Blog: Unternehmertum in der Praxis – es tun.
In meinem Leben habe ich schon öfter mit Unternehmen kokettiert: eine Beinahe-Gründung hier, eine halbe Gründung dort. Und ich bin ja schon lange Freiberuflerin und dadurch auch irgendwie Unternehmerin, aber eben nur ein bisschen. Das soll sich ändern. Ich werde jetzt Vollblutherz-Unternehmerin.
Gerade habe ich einen Verlag gegründet. Er heißt Zacken-Verlag und ich freu mich riesig.

keynesianische Doppelhelix

 

Gibt es das Unternehmer-Gen?

Kinder von UnternehmerInnen werden oft selbst auch unternehmerisch erfolgreich. Ich hab mich lange gefragt, ob es ein Unternehm-Gen gibt, das mir fehlt, weil meine Eltern es mir nicht vererben konnten. Aber inzwischen weiß ich, dass Geschäftsbegabung nicht über das Erbgut übertragen wird. Was die Kinder von UnternehmerInnen anderen Menschen voraus haben, sind Bilder. Sie haben realistische Bilder vom Unternehmen – nicht mythische Vorbilder wie Steve Jobs oder Richard Branson – sondern Bilder von ganz normalen UnternehmerInnen im ganz normalen Alltag. Sie wissen, welche Entscheidungen diese tagtäglich treffen müssen, welche Kriterien sie dabei abwägen, wie sie mit Hindernissen oder Krisen umgehen und wie das mit dem „Gewinn erzielen“ praktisch geht.

Wer keine Unternehmer-Eltern hat, kann trotzdem erfolgreich werden, aber muss sich dieses Wissen eben selbst aneignen. In den letzten zwei Jahren habe ich darum mit vielen UnternehmerInnen gesprochen und jede Menge Bücher und Blogs zum Thema verschlungen. Mir ist dabei aufgefallen, dass viele dieser Bücher und Webseiten mich nicht besonders ansprachen und auch manche der UnternehmerInnen mir fremd sind. Sie scheinen aus einer anderen Welt zu kommen, einer in der ich mich nicht zuhause fühle. Mir fehlen auch in jener Welt Bilder. Und Farbe. Und Kreativität. Und vor allem: Herz.

Unternehmen lernen

Genau darum hat mein Blog ab heute einen neuen Untertitel und einen neuen Auftrag. Ich will Unternehmen lernen und was ich auf diesem Weg entdecke, werde ich in diesem Blog festhalten – auf eine Weise, die zu mir passt. Darum ist mein Blog gelb und rosa und nicht blau und grau. Und halte ich die neu errungenen Unternehmer-Weisheiten nicht in Business-Slang und Spreadsheets fest, sondern mit Comics und meinen eigenen Worten.
Ich will einen Wissenschatz aufbauen, ein kreatives Lexikon des Unternehmertums, und freue mich, wenn ihr meine bescheidenen Anfänge mit euren Ideen und Gedanken ergänzen wollt.

Über Kreativität schreibe ich natürlich weiterhin. Ohne Kreativität geht gar nichts, nicht als nathlieb und nicht als Unternehmerin.

Auf ins Abenteuer. Kommst du mit?

Herzlichst,
deine Nathlieb