Der Super-Kraftstoff fĂŒr eine haltbare Vision

1. Was brauche ich fĂŒr den Visions-Kraftstoff?

Kreative Menschen brauchen andere Methoden, auch fĂŒr ihr Vision Statement. Ein kreatives Projekt ist schließlich immer ein Abenteuer mit offenem Ende. Und darum braucht es eine Vision, die trotz Überraschungen und Kurswechseln bestehen bleibt. So eine Vision kann man natĂŒrlich nicht mit den gewohnten Methoden aus den Business-Ratgebern basteln. Wir brauchen dafĂŒr das dynamische Denken der rechten HirnhĂ€lfte.

Vorab: Dies wird lang, ich erklĂ€re eine Methode, mit der ich sonst einen ganzen Workshop-Tag fĂŒlle. Vielleicht hast du ja Zeit, dir fĂŒr die Arbeit an deinem Visions-Kraftstoff auch einen Tag freizumachen? Die Arbeit an der Vision wirkt am Anfang eines Projektes irgendwie ĂŒberflĂŒssig: Meine Begeisterung scheint mir FlĂŒgel zu verleihen, was kann schon passieren?  Doch sobald die Zweifel zuschlagen, kann ich mir oft gar nicht mehr vorstellen, was ich am Anfang an meiner Idee so toll fand. Darum ist es so wichtig, noch im Zustand der Begeisterung den Kraftstoff zu brauen, mit dem ich meine Vision spĂ€ter auftanken kann. Warum das Auftanken so wichtig ist, habe ich hier beschrieben. 

Ein Vision Statement fĂŒr kreative Projekte braucht eine flĂŒssige Form

Konvergente Listen versus divergente Szenen

Die linke HirnhĂ€lfte ist die Heimat des konvergenten Denkens und das liebt allgemeine Fakten, To-Do-Listen, TerminplĂ€ne und Zahlen. Wenn dieser Denkstil eine Vision entwickelt, macht er das detailliert und mit konkreten Zielen: In 5 Jahren habe ich Umsatz x erreicht oder y-tausend BĂŒcher verkauft oder bin die zweitbekannteste Expertin fĂŒr verschwundene Socken in Deutschland. Solche Art Visionen sind sicher toll, wenn man eine Messe planen oder einen Online-Shop fĂŒr Reservesocken einrichten will. FĂŒr kreative Projekte taugen sie nicht.

Wenn ich mich mit so einer konkreten Vision an ein kreatives Projekt mache, komme ich nicht weit. Entweder wird meine Vision wird schon an der ersten Straßenecke unbrauchbar, weil die Punkte auf der Liste den Entwicklungen in meinem Hirn hinterherhinken. Oder aber ich ersticke mit dieser festen Vision meinen kreativen Prozess. Wenn die Vision schon feststeckt, wo ich am Ende landen werde, sind schließlich keine Überraschungen möglich. Dann kann ich keine unbekannten Wege einschlagen, nichts wirklich Neues machen, nicht kreativ sein.

Es ist deutlich – ich brauche eine Vision, die flexibel genug ist, um kreative Überraschungen und Kurswechsel auszuhalten. Eine haltbare Vision gibt meinen Ideen Raum und Kurs zugleich. “Wie soll das gehen?”, fragt mein logisches Denken? Und da sieht man mal wieder, dass wir Logik hier nicht gebrauchen können. Wir brauchen stattdessen unsere wunderbare FĂ€higkeit, Stimmungen und Szenen zu erinnern.

Wie bastle ich mir dieses kreative Vision-Statement?

Um meine Vision vor Zweifeln zu schĂŒtzen, muss ich sie regelmĂ€ĂŸig mit Visions-Kraftstoff auftanken. Den kann ich mir nicht brauen, wenn ich schon von Zweifeln ĂŒberfallen bin. Ich muss dafĂŒr noch begeistert sein, meine Vision in mir flimmern, funkeln, kribbeln spĂŒren. Denn diese GefĂŒhle will ich einfangen, sie sind es, die mir nachher in dĂŒsteren Momenten den Weg aus der Zweifelwolke weisen werden. Ich muss einen Weg finden, dieses Flimmern, Funkeln, Kribbeln festzuhalten und in meine Tankstelle zu fĂŒllen. Dabei hilft mir das episodische GedĂ€chtnis.

2. Das Vision Statement aus dem Kopfkino

Unser episodisches GedĂ€chtnis hat WunderkrĂ€fte. Es kann Erfahrungen speichern, und zwar als Episoden – du kannst sie dir wie Filmszenen vorstellen. Allerdings sind diese Filmszenen nicht in 2D oder 3D, sondern in 7D aufgenommen. Denn das episodische GedĂ€chtnis speichert nicht nur Bilder, sondern auch die Wahrnehmungen der anderen Sinne: GerĂ€usche, GesprĂ€chsfetzen, GerĂŒche, Bewegungen, Geschmack,  rĂ€umliche Wahrnehmung,  das was wir ertasten, mit der Haut und in und am Körper spĂŒren, Um das Ganze noch spannender zu machen, werden in diesen Szenen auch noch GefĂŒhle erinnert. Das episodische GedĂ€chtnis ist ein wunderbarer Schatz, aus dem unserer KreativitĂ€t schöpft. Doch nicht nur das, es ist auch die Grundlage unserer Intuition.

Das episodische GedĂ€chtnis ist ein riesiger Erfahrungsschatz, in dem unendlich viele solcher Szenen miteinander verknĂŒpft sind.

Intuitions-Netz

Das divergente Denken kann sich rasendschnell durch unseren Erinnerungsschatz bewegen. So begreifen, spĂŒren oder erfassen wir Dinge oft schon lange bevor unser Verstand sie mit seiner Logik verstehen wird. Unsere Intuition ist eben viel mehr, als ein vages BauchgefĂŒhl: Sie ist Erfahrung. Diese Erfahrung drĂŒckt sich jedoch vor allem mit nonverbalen Mitteln aus wie KörpergefĂŒhlen, Bildern, hier und da mal einem einzelnen Wort.

FĂŒr die kreative Arbeit ist das intuitive Wissen darum ganz besonders wichtig. Denn sie erlaubt uns, die Logik auszuschalten und trotzdem auf Wissen zuzugreifen. Sie erlaubt uns den analytischen Verstand abzuschalten, und trotzdem den fĂŒr uns richtigen Weg zu finden. Mit ihrem riesigen gesammelten Erfahrungs-Schatz kann die Intuition uns im kreativen Prozess den Weg weisen, ohne uns in die Enge des logischen Denkens zu zwĂ€ngen.

Szenen-Kraft

Damit die Intuition mir helfen kann, meine Vision festzuhalten, muss ich ihr aber erst mal erzÀhlen, was diese Vision ist. Und da meine Vision nicht in abstrakten Begriffen denkt, sondern in Szenen, muss ich ihr das mit Szenen erzÀhlen. So eine szenische Vision ist zwar etwas umstÀndlicher zu erstellen, aber sie bietet auch sehr viel mehr Halt und Energie als ein paar Stichworte es könnten.

DafĂŒr mache ich mich auf die Suche nach passenden Szenen zu den drei Aspekten meiner Vision:  Szenen, mit denen ich meine  Begeisterung fĂŒr die Vision festhalten kann, Szenen, die mich die Wirkung der Vision erfahren lassen und Szenen, die mich an die Werte meiner Vision erinnern.

3. Drei Szenen fĂŒr meine Vision

3.1. Begeisterungs-Szenen

Die erste Zutat fĂŒr meinen Visions-Kraftstoff ist meine Begeisterung. Aber genau die verfliegt auch schnell, wenn die Zweifel zuschlagen. Ich muss sie also haltbar machen, bevor sie von Zweifeln getrĂŒbt ist. DafĂŒr muss ich sie erst mal spĂŒren. Das klingt leicht, aber die wenigsten von uns haben gelernt, ihre eigene Begeisterung ernst zu nehmen. Schließlich lernen wir spĂ€testens am ersten Schultag, dass es im Leben nicht darauf ankommt, was uns begeistert. Sondern darauf, was Lehrer und LehrplĂ€ne von uns erwarten. Bald bemerken wir gar nicht mehr, wann wir begeistert sind und wovon unsere Begeisterung uns erzĂ€hlen will.

Begeisterungs-Szenen fĂŒr ein kreatives Vision Statement

Persönlich bleiben

Am Anfang musste ich das richtig ĂŒben: Erst mal die Begeisterung ĂŒberhaupt wieder zu registrieren (He, da kribbelt was in mir, ich kann vor Aufregung nicht stillsitzen, ich habe Begeisterungs-Schmetterlinge im Bauch). Dann immer genauer hinzufĂŒhlen. Nicht zu frĂŒh versuchen, mit dem Verstand zu begreifen, was da passiert. Sondern den Szenen nachspĂŒren, die in mir flimmern. Begeisterung ist etwas ganz Persönliches. Sie hat mit unseren Erfahrungen zu tun und lĂ€sst sich dadurch anderen oft schwer vermitteln. Wenn wir anderen von unserer Idee erzĂ€hlen wollen, versuchen wir daher oft, sie in eine Form zu gießen, die fĂŒr andere verstĂ€ndlich ist. Aber so nehmen wir ihr die Kraft. Die Kraft liegt nĂ€mlich oft gerade in dem, was so persönlich und fĂŒr andere unbegreiflich ist. Auch etwas, das ich erst lernen musste: Meinen ganz persönlichen Szenen zu vertrauen.

Beispiel

  Zu einem Kinderroman hatte ich am Anfang ein bestimmtes GefĂŒhl im Bauch, wenn ich an meine 10jĂ€hrige Hauptfigur dachte. Es war ein leichtes Zwicken, nicht wirklich ein schönes GefĂŒhl – wieso begeisterte mich genau das? Beim NachfĂŒhlen entdeckte ich, wovon mir das Zwicken erzĂ€hlte: Das MĂ€dchen erfuhr ein leichtes Unbehagen, wenn sie ihre Eltern dabei beobachtete, wie sie sich auf der Arbeit verstellten, nur halbe Wahrheiten erzĂ€hlten oder Masken aufsetzten. Ihr Unbehagen war noch nicht so deutlich, dass sie darĂŒber reden oder ihre Eltern ansprechen konnte. Aber doch schon so stark, dass klar war: Das wird nicht mehr lange dauern! Sie wird sich aus dem LĂŒgengewebe ihrer Umgebung befreien.  Dieses GefĂŒhl hat mir beim Schreiben wunderbar den Weg gewiesen: Ist es noch da? Ist es heftiger geworden? Und wieso zwickt es gerade jetzt, wo der neue SchĂŒler in die Klasse kommt? Aha, er hat auch was zu verbergen.

Den Kern der Begeisterung finden…

Wenn ich komplexere Projekte anfange, wie einen Roman oder ein Sachbuch, dann scheinen mich oft viele Aspekte gleichermaßen zu begeistern. Ich hab gemerkt, dass ich mir dann die Zeit nehmen muss, nach dem Kern meiner Begeisterung zu suchen. Dazu schmeiße ich die Aspekte in Gedanken einzeln raus. Ist es denkbar, dass ich dieses Buch ohne das MĂ€dchen mit dem Zwicken im Bauch schreibe? Könnte das Buch trotzdem funktionieren? Nein, auf keinen Fall. Ich brauche sie unbedingt. Und ich erkenne das Unbehagen, das kleine MĂ€dchen im mir hat es gespĂŒrt, aber sich keinen Rat damit gewusst. Da ist viel Material mit dem ich arbeiten kann und ganz viel Begeisterungs-Flimmern. Ja, das Bauchzwicken und das MĂ€dchen mĂŒssen unbedingt ins Buch und ich suche nach einer Szene, mit der ich dieses Flimmern gut wieder aufrufen kann.

Und was nicht flimmert…

Bei anderen Aspekten meiner Idee flimmert es nicht so doll. Klar, die Idee mit der verkleideten Reporterin ist ganz nett. Aber ich kann das Buch auch ohne sie spĂŒren. Diese Idee gehört nicht zum Kern.  Der alleinerziehende Vater könnte genauso gut eine  Mutter werden und die Villa im Edelviertel ein Wohnwagen auf dem Bauernhof, alles nicht existenziell fĂŒr meine Vision. So suche ich weiter, bis ich die Elemente gefunden habe, ohne die meine Vision nicht auskommt. Ohne die das Buch nicht das Buch wĂ€re, das ich schreiben will.  Das mag ein wenig mĂŒhsam wirken, aber vergiss nicht: Diese Vision soll mich durch ein ganzes Buch tragen. Sie wird mir durch ein ganzes Buch die Richtung weisen und mich vor Zweifelwolken schĂŒtzen. DafĂŒr lohnt es sich, ein Zeit ins Szenen-Suchen zu investieren.

Tankstelle Klappe 1

Die Szenen, die mir vom Kern meiner Begeisterung erzĂ€hlen, trage ich auf die linke Klappe im Inneren der Visions-Tankstelle ein. DafĂŒr notiere ich in meinen ganz persönlichen Worten oder mit Bildern, wovon mir die Szenen erzĂ€hlen. Zu meinem Kinderroman habe ich zum Beispiel notiert:  “Bauchzwicken: Sie spĂŒrt die LĂŒgen, aber begreift sie nicht” und “Es macht Spaß, schrĂ€g zu sein”. “Wenn kein Prinz kommt, muss ich halt selbst alle wachkĂŒssen”. Wie gesagt, das sind ganz persönliche Bilder, die fĂŒr andere vollkommen unverstĂ€ndlich sein können :-).

3.2. Wirkungs-Szenen

Wenn ich an einem Projekt arbeite, brauche ich das GefĂŒhl, dass meine Arbeit sinnvoll ist. Aber bei der kreativen Arbeit kann ich diesen Sinn nicht so messen, wie man es bei einem Unternehmen machen wĂŒrde, in Geld oder Verkaufszahlen. DarĂŒber nachzudenken, ob sich das Buch verkaufen wird, ist Gift. Zu ĂŒberlegen, auf welche Weise man es verkaufen wird, auch. Schon habe ich den Kopf in der Zwinge und kann nicht mehr frei denken. Dann denke ich ĂŒber Genres oder Zielgruppen nach, statt ĂŒber die BedĂŒrfnisse meiner Idee.

Weil ich aber trotzdem das GefĂŒhl brauche, auf einem sinnvollen Weg zu sein, muss ich Wirkung anders formulieren, eher so wie Sozialunternehmen das tun: Es geht nicht um Geld oder VerkĂ€ufe, sondern um die Wirkung, die das Projekt in der Welt haben wird. Und auch hier lohnt es sich, genauer hinzufĂŒhlen. Klar soll jedes Buch “unterhalten” und “Spaß machen”. Aber die meisten BĂŒcher haben noch mehr zu bieten. Sie wollen eine TĂŒr öffnen oder neue Denk-RĂ€ume aufzeigen. Auf Papier etwas erschaffen, das in der Welt noch nicht da ist. Trost spenden oder Mut machen.

Im zweiten Teil des kreativen Vision Statements geht es um die Wirkung

Ein Mini-Trailer fĂŒr die Wirkung

Auch hierfĂŒr suche ich Szenen. Ich stelle mir eine kleine Leserin vor, die das Zwicken in dem Bauch erkennt. Auch sie hat noch keine Worte fĂŒr das, was sie um sich herum beobachtet. Auch sie weiß noch nicht, ob und wie sie aus dem LĂŒgengewebe aussteigen kann. Sie wird dem kleinen MĂ€dchen durch die Kapitel meines Buches folgen und am Ende einen Weg kennen. Vielleicht nicht einen, den sie sofort nachmachen wird. Aber sie weiß jetzt, dass ihr Unbehagen berechtigt ist und sie hat Hoffnung, dass sich was verĂ€ndern kann.

Zu dieser Wirkung bastle ich mir einen kleinen Filmtrailer, in dem ich mir die VerĂ€nderung vorstelle, die in meiner Leserin beim Lesen des Buches stattfindet. Wie ist sie am Anfang, was erfĂ€hrt sie beim Lesen und wie fĂŒhlt sie sich, wenn sie das Buch weglegt?  Solche Wirkungs-Szenen treiben mich beim Schreiben viel mehr an, als es Verkaufszahlen je könnten. Vor allem aber lenken sie mich nicht ab und halten mich auf Kurs: meinem Kurs.

Tankstelle Klappe 2:

Auf der mittleren Klappe der Tankstelle beschreibe ich die Szenen meines Mini-Trailers, mit denen ich mir die Wirkung meines Projekts immer wieder in Erinnerung rufen kann.

3.3. Werte-Szenen

Ich habe jetzt Szenen fĂŒr meine Begeisterung und fĂŒr die Wirkung meiner Idee gefunden. Als Drittes untersuche ich, welchen Werte ich brauche, um den Weg zu gehen, den mir diese Szenen vorgeben. Am leichtesten fĂ€llt mir das mit der Frage: Womit wĂŒrde ich euch verraten?

Der dritte Teil des Vision Statements fĂŒr kreative Projekte handelt von den Werten

Am Beispiel des Kinderromans habe ich ein MĂ€dchen, das sich Ehrlichkeit wĂŒnscht, aber von LĂŒgen umgeben ist. Ein Zwicken, das von dem Wunsch nach VerĂ€nderung erzĂ€hlt. Und eine kleine Leserin, die das Zwicken erkennt.  Womit wĂŒrde ich diese drei verraten? Wenn ich es mir beim ErzĂ€hlen  “zu einfach” mache oder zu Halbwahrheiten greife. Wenn ich das Zwicken aus dem Blick verliere oder es nicht zu einer VerĂ€nderung fĂŒhren lasse. Wenn ich der kleinen Leserin keine Hoffnung schenke. Aber auch, wenn ich sie nicht ernst nehme und sie mit zu einfachen Lösungen abspeisen will.

Erinnerte Werte

Welche Werte gehören dazu? Ich muss meiner Leserin auf Augenhöhe begegnen. Statt nur diese Worte zu notieren, suche ich nach Szenen, in denen ich erfahren habe, wie wichtig Augenhöhe ist. Ich erinnere mich an die Empörung, die ich als MĂ€dchen fĂŒhlte, wenn ich mich von den Erwachsenen nicht ernst genommen fĂŒhlte. Ich erinnere mich auch an einen SchĂŒler, der sich empörte, weil er sich von seinem Lehrer “verarscht” fĂŒhlte. Diese beiden Szenen werden mich was die Augenhöhe betrifft schon auf Kurs halten! So suche ich noch Szenen fĂŒr “Hoffnung schenken” und “VerĂ€nderung”.

Tankstelle Klappe 3

Auf der dritten Klappe der Tankstelle halte ich Szenen zu den Werten meiner Vision fest. Was wird mich an die Werte erinnern, die mein Projekt braucht? In der Visions-Tankstelle fĂŒr meinen Kinderroman habe ich diese Werte aus der Perspektive meiner Leserin aufgeschrieben: “Nimm mich ernst und spiel nicht die Erwachsene”. “Schenke mir Hoffnung”, “Zeige mir eine VerĂ€nderung, an die ich glauben kann.”

4. Eine Tankstelle fĂŒr deine Vision

Jetzt ist meine Visions-Tankstelle mit einer besonderen Essenz gefĂŒllt: mit Szenen, die mich spĂŒren lassen, was mir am Anfang meiner Idee so wichtig war. Die mich daran erinnern, warum ich mich auf diesen Weg mache und worauf ich auf meiner Reise achten muss. Und was am Ende herauskommen soll – egal ob es ein Krimi oder eine Drachen-Romanze wird: Am Ende muss meine kleine Leserin die Hoffnung haben, dass sie aus dem LĂŒgengewebe entkommen kann, dass es auch als Erwachsene möglich sein wird, ehrlich und ohne Masken durchs Leben zu gehen.

Löcher im Tank

Wir kreativen Menschen sind divergente Denker in einer konvergenten Welt. Von allen Seiten strömen unaufhörlich konvergente Kommentare, Gedanken, GlaubenssĂ€tze und AnsprĂŒche auf uns ein. Die wirken wie kleine Pfeile, die den Visions-Tank meines Raumschiffs durchbohren. So dass ich allmĂ€hlich die Begeisterung verliere und die Wirkung und Werte meines Projekts aus dem Blick verliere.

Projekt verlÀuft im Sand weil die Begeisterung verschwindet

Dagegen hilft nur eins: RegelmĂ€ĂŸig auftanken. Am besten funktioniert das mit einem kleinen Einstiegsritual, mit dem ich die Szenen meiner Vision in mir aufleben lasse. Mir helfen dabei Bewegungen: Ich suche zu jeder Szene eine bestimmte Körperhaltung und mache daraus einen kleinen Bewegungsablauf. Anderen hilft Musik, die Stimmung in einer Szene zu aktivieren. Oder kleine Bilder oder Verse, die schnell aufgezeichnet werden können.

Nur passiv auf deine Tankstelle zu schauen, reicht allerdings nicht: Du musst die Szenen wirklich wieder zum Sprudeln bringen, bis du sie fĂŒhlst. Das Gute ist: Du findest dadurch auch schneller in den kreativen Modus. Bist schon mitten in den GefĂŒhlen und Stimmungen, die du zum Weiterschreiben brauchst.

Gratis dazu: Die “normale” Vision

Ganz nebenbei habe ich durch die Arbeit an den Szenen auch die Zutaten fĂŒr eine ganz herkömmliches konvergentes Vision Statementgefunden. Das lĂ€sst sich nicht in Zahlen fassen, aber es beantwortet die drei berĂŒhmten W-Fragen. Die Antwort auf die Frage “Was ist das Einzigartige an meinem Projekt?” steht auf der linken Klappe . In der Mitte der Tankstelle steht die Antwort auf die Warum-Frage: Warum ist dieses Projekt wichtig? Warum hat es Nutzen fĂŒr die Welt (bzw die LeserIn/KĂ€uferin)? Und rechts in der Tankstelle ist auch das “Wie” zu finden: “Wie erreiche ich das?”

Wenn du magst, kannst du deine Szenen dafĂŒr in SĂ€tze ĂŒbersetzen, die auch das konvergente Denken versteht und ihm einen ordentliche Liste machen. Dann zieht es beruhigt ab und lĂ€sst dich ungestört auf deine kreativen Reisen aufbrechen.

Illustration konvergentes und divergentes Denken
[products class=”gutenberg-block” columns=”3″ ids=”29917,29939,30682,30959,30865,29924″ orderby=”date” order=”DESC”]



You may also like

Warum deine kreative Vision immer wieder aufgetankt werden muss.

Als ich merkte, dass meine Zweifel immer dann auftauchen, wenn ich meine kreative Vision nicht mehr spĂŒre,, da  dachte ich, der Rest wĂ€re easy: Einfach ein wiederbelebendes Visions-Bad nehmen und schon ist alles wieder gut.

Kreative liegt in der Badewanne und hat eine Vision

Visions-Essenz jetzt auch mit Rosenduft

Aber so einfach war es dann doch nicht. Denn die Flasche mit der Visions-Bade-Essenz schien immer genau dann leer zu sein, wenn ich sie am allerdollsten brauchte. Ich wĂŒrde mir da also selber was zusammenbrauen mĂŒssen. Das Problem war nur, dass ich, einmal in der Zweifelwolke gefangen, nur noch Zweifel im Kopf zu haben schien. Und aus Zweifeln lĂ€sst sich nur schwer ein erquickendes und revitalisierendes Tonikum herstellen. Meine Vision sah aus der Wolke heraus auch  gar nicht mehr toll aus. Sie wirkte blass und fadenscheinig. Eher wie eine Fata Morgana, die beim NĂ€herkommen zerfallen wĂŒrde, als wie ein funkelndes inneres Ziel. Wie konnte ich eine Vision wiederbeleben, an die ich in dem Moment gar nicht mehr glaubte?

Aber warum war es dann in anderen Momenten so einfach, wieder an meine kreative Vision zu glauben?  Ich hatte das ja schon oft erlebt, wie sich die Zweifelwolke von einer Sekunde auf die andere auch wieder verziehen kann und Vision und Begeisterung ganz plötzlich wieder da sind. Es war, als wĂ€re die Vision gar nicht wirklich weg gewesen, sondern nur nicht sichtbar. Als wĂ€re der Teil meines Hirns, der fĂŒr Visionen zustĂ€ndig ist,  manchmal benebelt. Oder als hĂ€tte wĂ€re mein Hirn in ein falsches Programm gerutscht, mit dem Visionen nicht zu erkennen sind.

Waschmaschine im Kopf zeigt Warnmeldung ERROR an

Hilfe, ich habe den falschen Knopf gedrĂŒckt!

Erst kam mir dieser Gedanke albern vor. Quatsch, es gibt doch keine Programme im Hirn? Aber dann fiel mir ein, was ich so alles ĂŒber KreativitĂ€t und das Hirn weiß. Und doch: Es gibt wirklich verschiedene Programme in unserem Gehirn

 

Das Visionsprogramm

Durch meine Arbeit als Lerntherapeutin habe ich mich viel damit beschĂ€ftigt, was im Gehirn beim Lernen und Arbeiten vor sich geht. Und gerade erst hatte ich eine sehr spannendes Buch gelesen, in dem Forschungsergebnisse zum Gehirn von Legasthenikern beschrieben wurden. Und da Legastheniker sehr kreativ sind und stark divergent denken, sind viele der in diesem Buch beschriebenen Studien auch fĂŒr andere Kreative interessant.

In diesem Zusammenhang hier ist vor allem das wichtig: Visionen sind eine Angelegenheit des divergenten Denkens, grob gesagt also der Prozesse, die in der rechten HirnhĂ€lfte stattfinden. Die linke HirnhĂ€lfte kann vieles, aber KreativitĂ€t nicht. Und Visionen eben auch nicht. Das konvergente Denken kann Fakten und Analysen, kann PĂŒnktlichkeit und ObjektivitĂ€t. Aber es kann sich nur vorstellen, was es schon mal gesehen oder gehört hat. Es kann das bestehende Wissen sortieren, bewerten und ordnen, alles sehr praktisch. Aber es kann eben nicht weiter denken als das, was schon besteht. WĂ€hrend das divergente Denken genau hier seine StĂ€rken hat: Visionen entwickeln, Neues erfinden, Geschichten erzĂ€hlen, Trends vorhersagen.

Rechte HirnhÀlfte strahlt miit Vision

Wo Visionen entstehen

Die beiden Programme in unserem Gehirn sind das konvergente und das divergente Denken. Paivio hat das auch tatsĂ€chlich “Double Coding” genannt – also quasi die zwei Programmiersprachen in unserem Hirn. Die nicht immer gut zusammenarbeiten :-).

Wenn ich Probleme mit meiner Vision habe, dann bin ich tatsĂ€chlich im verkehrten Modus unterwegs. Bin im Zweifelmodus des konvergenten Denkens gelandet. Denn darin glĂ€nzt die linke HirnhĂ€lfte: Kritikpunkte finden, an allem zweifeln, was nicht bewiesen ist, an allem zweifeln, was sie nicht mit eigenen Ohren gehört oder mit den eigenen Augen gesehen hat. In diesem Modus bin ich blind fĂŒr meine eigene Vision!

Kreative hört die Vision nicht rufen

Im falschen Modus unterwegs

Divergente Denker in einer konvergenten Welt

Warum bleibe ich dann nicht einfach die meiste Zeit in der rechten HirnhĂ€lfte? Das wĂ€re doch leichter fĂŒr die kreative Arbeit? Weil unsere Welt so unglaublich konvergent ist, dass es sehr schwer ist, nicht immer wieder aus dem kreativen Modus rauszufallen. Wenn PĂŒnktlichkeit und Ordnung mehr zĂ€hlen als kreative Lösungen, dann versucht das Denken eben, auf den Wegen zu bleiben. Wenn wir alles, was wir tun, danach beurteilen, ob es sich verkaufen lĂ€sst, können wir gar nicht ins kreative divergente Hirn wechseln. Denn wenn ich etwas tun will, das sich garantiert verkaufen lĂ€sst, dann muss ich etwas kopieren, das es schon gibt. Nur dann habe ich eine Garantie, dass das Produkt meiner Anstrengung “etwas wird”. Und wenn ich so denke, dann kann auch die tollste, schillerndste Vision von etwas Neuem nicht bestehen. Denn mein konvergentes MĂ€kelhirn wird immer etwas finden, das daran nicht “in Ordnung” ist. Nicht so ist, wie die schon bestehenden Dinge. Mein konvergentes Hirn findet alles, was von der Norm abweicht, suspekt.

Linke HirnhÀlfte ruft: Was ich nicht kenn, das schmeckt mir nicht

Die linke HirnhÀlfte mag keine Abenteuer

Und jetzt wird meine rechte HirnhĂ€lfte langsam unruhig. Ist ja schön und gut als das Wissenschaftszeugs. Aber wie krieg ich Nathalie dazu, dass sie ihre kreative Vision wieder spĂŒrt? Kitzeln hilft nicht, zwicken auch nicht, alles schon probiert. Aber meine rechte HirnhĂ€lfte wĂ€re nicht die rechte, wenn sie nicht gleich ein paar Ideen produzieren wĂŒrde, Denn das kann sie: Aus einem klitzekleinen Ansatzpunkt so viel wie möglich Ideen erzeugen. Gib ihr ein Problem und sie sprĂŒht nur so vor Lösungen. Und Geschichten. Und kreativen Visionen.

Und plötzlich hatte ich da so eine Vision: Ich brauchte etwas, womit ich meine Vision so festhalten konnte, dass ich sie auch im Zweifelmodus erkennen konnte. Womit ich eine schlapp gewordene Vision wieder auftanken konnte. Ich brauche eine Visons-Tankstelle. Mit Super-Visionskraftstoff. 

An der Tankstelle den Visions-Kraftstoff tanken

Visions-Kraftstoff

Super-Kraftstoff fĂŒr deine kreative Vision

Und als ich meiner Vision so zuhörte (mit der rechten HirnhĂ€lfte natĂŒrlich, also mit dem linken Ohr), da wurde mir gleich noch etwas anderes klar: Meine Vision ist einer der beiden Motoren, die mein kreatives Raumschiff vorwĂ€rts treiben. Und wenn meine Vision ein Motor ist, dann braucht sie auch Sprit. Alles sehr logisch und wissenschaftlich. Und sogar fĂŒr meine linke HirnhĂ€lfte sehr verstĂ€ndlich. Die hat sich allerdings gleich in die Bibliothek verzogen, um nach erprobten Zusammensetzungen fĂŒr Raumschiff-Kraftstoffe zu suchen. Ich hoffe sie bleibt noch eine Weile dort, dann kann ich inzwischen meinen eigenen Kraftstoff brauen. Denn ich weiß, dass nichts was meine linke HirnhĂ€lfte produziert, meiner Vision auf die SprĂŒnge helfen kann. Ich brauche einen Kraftstoff, der speziell fĂŒr meine rechte HirnhĂ€lfte entwickelt ist. Damit er auch dann wirkt, wenn ich mit meinem Raumschiff in der kreativen Galaxie unterwegs bin. Und dafĂŒr sorgt, dass die Zweifel mich gar nicht erst in ihre Wolke reinziehen können.

Ein Kessel voll Kraftstoff fĂŒr kreative Vision

Da brodelt was…Was die rechte HirnhĂ€lfte mag und braucht und was du fĂŒr deinen Visions-Kraftstoff brauchst, erzĂ€hle ich beim nĂ€chsten mal. Aber falls du gerade eine kreative Vision hast, eine neue Idee, die in dir kribbelt oder am Horizont funkelt, dann nimm dir doch ein bisschen Zeit, ihr nachzuspĂŒren. Wo kribbelt es? Was funkelt da genau? Wie fĂŒhlst du dich, wenn du an das fertige Produkt/ Projekt / Buch denkst? Erkunde deine Begeisterung – sie ist eine wichtige Zutat fĂŒr deinen Kraftstoff.

 

 

 

You may also like

Warum ich meine Zweifel erst mal ins Wartezimmer setze

Logo gegen ZweifelDie Idee mit dem Wartezimmer kam mir, weil das mit der einsamen Insel nicht geklappt hat. Vor Jahren, als ich in einer großen Wolke von Zweifeln gefangen war, las ich in einem Forum den entzĂŒckenden Vorschlag, Zweifel auf eine Insel in Urlaub zu schicken. Die Idee ging ungefĂ€hr so: Stell dir ein Ferien-Resort vor, wo deine Zweifel sich richtig gut vergnĂŒgen können und dann lassen sie dich in Ruhe. Ich fand die Idee klasse, aber sie funktionierte nicht.

Elefant blÀst Herzchen

 

Zweifel ignorieren

Nicht an Zweifel denken ist wie mit den rosa Elefanten:  Wenn man versucht, sie zu ignorieren, drĂ€ngen sie sich nur immer lauter in unsere Gedanken.  Oder sie schleichen sich auf anderen Wegen wieder in unser Bewusstsein und sind in der Zwischenzeit noch grĂ¶ĂŸer und gefĂ€hrlicher geworden. GefĂŒhle wegschieben kann durchaus hin undwieder funktionieren, aber nur dann, wenn sie nicht dringend sind. Die meisten Zweifel sind aber dringend, denn sie entstammen Ängsten und Sorgen und sind ein Teil von uns.

Ein Teil von mir

Das war fĂŒr mich eine der vielen wunderbaren Erkenntnisse im Laufe meiner Gestaltausbildung: Unsere Ängste und Zweifel sind Teile von uns selbst. Und es sind Teile, die wichtig fĂŒr unsere Persönlichkeit sind, die uns etwas erzĂ€hlen wollen. Sie sind nicht vom Himmel gefallen, sondern entstammen unserer Erfahrung. Deshalb sollten wir nicht versuchen, sie aus uns rauszuschneiden und loszuwerden. Das geht nicht und tĂ€te uns auch nicht gut. Wir wĂŒrden damit auch wichtige Aspekte unserer Person ĂŒber Bord werfen.

Andererseits merkte ich aber auch, dass es keinen Sinn hat, mich mit den Zweifeln zu beschĂ€ftigen, wenn sie schon zugeschlagen hatten. Denn dann beherrschten sie mein Denken und wirkten real. Das habe ich ĂŒberhaupt lange gedacht: Dass Zweifel meinem RealitĂ€tssinn entstammen. Dass sie mich auf die Wahrheit aufmerksam machen. Und ich ihnen womöglich noch dankbar sein soll, weil sie mich davon abhalten, naiv meiner Begeisterung zu folgen. Bringt man uns das nicht auch an allen Ecken und Enden bei, dass wir uns fĂŒr Kritik öffnen, unsere PlĂ€ne erst mal objektiv betrachten und von allen Seiten beleuchten, bloß nicht naiv loslegen sollen?  Sind Zweifel also nicht das, was uns vorm Scheitern bewahrt? Nein, das ist Quatsch. Denn der grĂ¶ĂŸte Teil der Zweifel ist nicht real. Sie haben gar nichts mit der Idee zu tun. Sie entstammen Ängsten und Sorgen, die gar nichts mit dem Projekt zu tun haben!

Das fiel mir aber erst auf, als ich mir die Zeit nahm, nicht nur einzelne Zweifel zu betrachten, sondern mein ganzes Zweifelverhalten. Und dabei entdeckte ich ein Muster, ich nenne es den Tanz der Zweifel.

Zweifel tanzen

Der Tanz der Zweifel geht so:

Am Anfang war ich ganz und gar begeistert von einer Idee. Ich spĂŒrte deutlich wo ich hin wollte – die Vision in meinem Kopf leuchtete ganz hell.

Die Anfangsbegeisterung

(Was nicht bedeutet, dass die Vision auch klar und deutlich wÀre, aber dazu ein ander mal mehr).

Doch dann kamen die Zweifel. Ein Zweifel fĂŒhrte zum nĂ€chsten. Und irgendwann sagte ich mir, dass ich mich wohl vertan hatte: Die Idee war gar nicht so toll! Sie schien mir nur am Anfang so, weil ich noch naiv war und nicht die ganze Wahrheit kannte.

DIe Idee in die Schublade legen

Und ich legte mein Projekt zur Seite und widmete mich etwas anderem.

Aber dann,

nach einer kĂŒrzeren oder lĂ€ngeren Weile, fing die Idee wieder in mir zu kribbeln an. Nur so ganz leicht, gerade so viel, dass ich sie mir mal wieder anschauen wollte.

Die Idee wieder aus der Schublade holen

Und jetzt kommt das Erstaunliche: Wenn ich meine Idee wieder aus der Schublade holte, waren die Zweifel verschwunden! Oder schienen plötzlich ganz unwichtig. Ich konnte jetzt gar nicht mehr verstehen, warum ich das Projekt weggelegt hatte, die Idee war doch klasse! Voller Hoffnung und Elan stĂŒrzte ich mich in die Arbeit an meinem Projekt.

Aber dann, nach einer kĂŒrzeren oder lĂ€ngeren Weile (meistens schneller als beim ersten mal) kamen mir wieder Zweifel.

Zweifel bei der kreativen Arbeit

Und so ging es weiter. Der Tanz der Zweifel ist nÀmlich ein Rundentanz.

 

Der Durchbruch

Den Tanz der Zweifel zu erkennen, war fĂŒr mich der Durchbruch. Denn ich begriff jetzt, dass die Zweifel nicht von der RealitĂ€t erzĂ€hlten. Es war nicht so, dass ich am Anfang naiv war und dann durch die Zweifel die negativen Aspekte meiner Idee ans Licht kamen. Denn wenn ich wieder im Begeisterungsmodus war, löste sich der grĂ¶ĂŸte Teil der Zweifel ins Nichts auf. Und nicht, weil ich sie dann ignorierte. Sondern weil meine Vision wieder leuchtete und mich wieder an das erinnerte, was wirklich wichtig war. Was so besonders und inspirierend an meiner Idee war.

Und die paar kleinen Zweifel, die dann noch blieben, erfuhr ich jetzt nur noch als Erinnerungen an ein paar kleine Probleme, die ich noch lösen musste. Klar musste ich noch darĂŒber nachdenken, ob das Buch nicht zu teuer werden wĂŒrde und ob ich es in drei Teile oder vier aufteilen wĂŒrde. Aber das waren Detailfragen. Es waren keine Zweifel an der Vision selbst. Die leuchtete mir wieder hell meinen Weg.

Eine klare Vision

Denn genau das war in der Zweifelwolke geschehen: Ich hatte die Vision aus dem Blick verloren. Sie hatte mir nicht mehr den Weg geleuchtet. Und darum war ich im Dunkel wie ein blindes Huhn hin und her gerannt, hatte mal ein bisschen in der Richtung gesucht und dann wieder in der anderen und war dabei im Kreis gelaufen bis mir schwindelig war und ich gar nichts mehr sicher wusste. Ich hatte den Kontakt mit meiner Vision verloren und damit das, was mir Energie und Mut gab, was mir die Richtung weisen und Antworten geben konnte.

Ohne meine Vision hatte ich an den falschen Stellen nach Antworten gesucht: mir die BĂŒcher von anderen angeschaut oder Schreibratgeber gelesen, KollegInnen um Rat gefragt oder im Internet gesucht. Und klar können mir GesprĂ€che mit KollegInnen oder Schreibratgeber manchmal helfen. Aber nur, wenn ich meine Vision noch im Blick habe!

Wenn ich Zweifel habe, dann hilft nur eins: Schauen, ob meine Vision noch leuchtet und was sie mir zu den Fragen der Zweifel antwortet.

ich bin deine Vision und ich sage dir

Und wenn meine Vision nicht mehr leuchtet, dann hilft nur eins: Sie wieder aktivieren und wieder zum Leuchten bringen.

Und hier kommt das Wartezimmer ins Spiel. Es gibt mir die Zeit, mich erst um meine Vision zu kĂŒmmern, bevor ich den Zweifeln zuhöre.

 

Eine Pause fĂŒr die Zweifel

Ich schicke meine Zweifel also nicht weit weg auf eine einsame Insel, sondern lade sie ins Wartezimmer ein. Dort gibt es alle nur erdenklichen Angenehmlichkeiten, sodass auch der ungeduldigste Zweifel es da doch eine Weile aushalten kann: Schlaftee und WĂ€rmflasche,  Hypnosepirale und Meeresrauschen, den langweiligsten Roman aller Zeiten und romantische Schlaflieder. Und das gibt mir alle Gelegenheit, sie zu beobachten und zu sezieren, zu analysieren und zu interpretieren. DafĂŒr habe ich natĂŒrlich auch eine Methode entwickelt: ein praktisches Zweifel-Analysier-Instrument, dazu bald mehr.

Bis dahin kannst du dir ja selbst schon mal ein Wartezimmer fĂŒr deine Zweifel basteln. Ganz nach deinen eigenen Ideen oder mit meinem Bastelbogen.

 

Der Bastelbogen

Das Wartezimmer gibt es als Bastelbogen in zwei Farbgebungen (auch Zweifel haben da so ihre Vorlieben) und mit vielen praktischen GegenstĂ€nden, die du nach deinen eigenen WĂŒnschen kombinieren und mit einer persönlichen Note ergĂ€nzen kannst. Und natĂŒrlich ist das Wartezimmer auch ein tolles Geschenk fĂŒr kreative Menschen, die auch manchmal von Zweifeln geplagt werden (und wer wird das nicht? ).

Das blaue Wartezimmer mit vielen Details, wie WĂ€rmflasche, Tasse und Bilderrahmen

P.S. Wer mag kann das Wartezimmer auch selber ausmalen! Bestell dann den schwarz-weißen Bastelbogen.

 

 

 

 

 

 

You may also like

3. Prokrastinieren hilft, deine kreative Energie zu bĂŒndeln.

Wenn ich eine Weile gebrĂŒtet habe, kommt irgendwann der Impuls, die Idee aus dem geschĂŒtzten Kopfraum zu holen und etwas mit ihr anzufangen. Mich hinzusetzten und das Kapitel zu schreiben, die Zeichnung zu machen, den Businessplan zu schreiben. Manchmal spĂŒre ich dann die volle Ladung kreative Energie und mein kreativer Prozess sprĂŒht nur so vor Funken. Aber manchmal ertappe ich mich stattdessen wieder beim Prokrastinieren. Seltsam, die Idee ist doch gut, warum steh ich dann jetzt hier und ordne mein BĂŒcherregal nach Farben? Das kann zwei GrĂŒnde haben.

1. Die kreative Energie ist weg, weil ich zu ungeduldig bin.

Zum Beispiel weil ich so neugierig bin auf das, was da in meinem Kopf sprĂŒht. Oder weil ich von mir erwarte, endlich zu Potte zu kommen. Drei Tage BrĂŒten, das muss reichen! Doch dann signalisiert mein BauchgefĂŒhl mir, dass ich noch nicht ganz so weit war. Dass der Bogen noch nicht voll gespannt ist und ich besser noch ein bisschen warte. Denn mit der vollen Energie arbeitet es sich besser und kraftvoller und werde ich mein Projekt eher zu einem tollen Ergebnis bringen. Prokrastinieren hilft mir dabei, mich mit meinen kreativen EnergievorrĂ€ten zu beschĂ€ftigen, nicht zu frĂŒh loszulegen, sondern zu warten, bis ich reif bin fĂŒr den Sprung, den Sprint, den Auftritt, den Funkenregen.

2. Die kreative Energie ist weg, weil ich keine Lust habe – und das ist gut!

Kreative mit positiver und negativer Energie

Mein Unlust-Ich ist mir noch nicht so sympathisch, daran arbeite ich noch :-). (Illustration: Nathalie Bromberger)

FrĂŒher hat mich Unlust erschreckt. Das klingt doch wirklich nach faul und unmotiviert? Womöglich gar ambitionslos? Pfui, hab ich so ein Wesen in mir? Zu meinem optimistischen Temperament passt die Lust viel besser. Und lange habe ich mir “Ich habe keine Lust”- Gedanken dann auch verboten.  Oder mich in Unlust-FĂ€llen sofort zum Weiterarbeiten verdammt. Inzwischen weiß ich, dass Unlust genau so wichtig ist wie Lust.

Die Lust zu arbeiten ist ein tolles Signal. Die Unlust aber auch. Sie sagt mir, dass mir etwas fehlt. Dass da ein Knoten in meinem kreativen Prozess ist. Dass etwas auf der Leitung steht, die meinen kreativen Geist mit Energie versorgt. Dass mir das Vertrauen fehlt oder der Mut. Dass ich mich langweile oder mir der Spaß abhanden gekommen ist. Alles wichtige Signale. Nicht nur, weil sie mir erzĂ€hlen, dass ich innehalten und mich um meinen kreativen Prozess kĂŒmmern muss. Sondern auch, weil diese schwierigen und dunklen Themen meiner KreativitĂ€t mehr Tiefe geben. Weil sie mich auf die Spur von Fragen bringen, mit denen auch andere zu kĂ€mpfen haben. Weil sie mir zeigen, wo Probleme sind und Lösungen gebraucht werden. Wo Sorgen sind und Ermutigung gebraucht wird. Wo KĂ€mpfe passieren und was da verhandelt wird.

Kreative sprĂŒht nur so vor Unlust

Unlust ist ein wichtiger Antrieb fĂŒr die kreative Arbeit. (Illustration: Nathalie Bromberger)

Es lohnt sich, deiner Unlust nachzuspĂŒren. Du wirst dabei eine Menge ĂŒber dich und andere entdecken. Das ist nicht nur fĂŒr Kreative wichtig. Wir alle sollten uns mehr Zeit nehmen, darĂŒber nachzudenken, wann es uns gut geht. Wie wir mehr davon in unser Leben einbauen können. Und wie wir eine Welt bauen können, in der es allen gut geht. Und das ist noch was, das du entdecken wirst, wenn du deiner KreativitĂ€t mehr guten Raum gibst: Sie hĂ€lt sich nicht Grenzen. Nicht an die Grenzen deiner To-Do-Liste, nicht an die Grenzen von Genres oder Papierformaten und auch nicht an die Grenzen der kreativen Arbeit. Sie begnĂŒgt sich nicht damit, sich auf dem Papier oder in Worten auszutoben. Wenn du sie freilĂ€sst, kommt sie auch mit anderen Ideen: FĂŒr eine autofreie Stadt. FĂŒr Schulen ohne Angst. FĂŒr eine Welt, in der alle Menschen ihren kreativen Geist entfalten können. Aufschieben bedeutet: Nicht weitermachen, wenn du merkst, hier stimmt was nicht. Nicht weitermachen, wenn das System kaputt ist. Prokrastinieren hilft, dich daran zu erinnern.

Dies war der vierte Teil der Serie ĂŒbers Prokrastinieren. Im ersten Teil geht es um drei MissverstĂ€ndnisse ĂŒber das Prokrastinieren. Teil 2 und 3 handeln davon, wie Prokrastinieren dir beim Fokussieren und beim kreativen BrĂŒten hilft.

 

You may also like

Prokrastinieren hilft beim kreativen BrĂŒten

und ist dann eigentlich gar kein Prokrastinieren. Beim kreativen BrĂŒten wird nichts aufgeschoben, sondern das gemacht, was im kreativen Prozess nicht nur eine große Rolle spielt, sondern auch viel Zeit braucht: meine Ideen reifen lassen. Wie ein Hefeteig eine warme und zugfreie Umgebung braucht, um zu wachsen, so brauchen auch Ideen eine bestimmte Art Raum. Diesen Raum schaffe ich in meinem Kopf. Raum zum kreativen BrĂŒten.

Zum BrĂŒten gehört auch eine große Portion Liebe

Ideen brauchen die Sicherheit, dass sie nicht ausgelacht werden. (Illustration: Nathalie Bromberger)

DafĂŒr muss ich meinen Kopf in doppeltem Sinn frei machen: Erstens muss ich ihn frei halten von Erwartungen und AnsprĂŒchen. Ideen können sich nur zeigen, wenn sie wissen, dass ich fĂŒr sie offen bin und sie nicht auslache. Dass ich noch keine Leistung von ihnen erwarte, keine AnsprĂŒche an ihr Aussehen oder ihre Form stelle. Sie wollen so geliebt und angenommen werden, wie ein kleines Kind. Es heißt ja auch nicht ohne Grund “mit einer Idee schwanger gehen”: Mein Kopf ist die Fruchtblase, in der das Neue geschĂŒtzt wachsen kann, von liebevollen Gedanken begleitet.
Zweitens muss ich meinen Kopf freihalten von allen anderen Prozessen, die geistige Energie verbrauchen. All meine Hirnkalorien sind fĂŒr mein Geistesbaby reserviert, da ist jetzt kein Raum fĂŒr GrĂŒbeleien ĂŒber die unfreundlichen Nachbarn oder den Fehler in meiner SteuererklĂ€rung. Wenn solche Kraftfresser auftauchen, schiebe ich sie liebevoll zur Seite. Erinnere mich daran, dass ich die Mama dieses Geistesembryos bin, dass meine wichtigste Aufgabe ist, fĂŒr sein Wohlergehen zu sorgen. Wenn ich dieses Bild im Kopf habe, fĂ€llt es mir leichter, streng aufzutreten.
Und streng auftreten muss ich! Denn alles in mir ist darauf getrimmt,

Löwenmutter schĂŒtzt die Ideen beim kreativen BrĂŒten

DafĂŒr sorgen, dass meine Ideen beim kreativen BrĂŒten sicher sind, gehört auch zum kreativen Prozess (Illustration: Nathalie Bromberger)

Leistungen zu produzieren, die nach außen sichtbar sind, von anderen gesehen werden können. Darum habe ich die Neigung, immer das oben auf die To-Do-Liste zu stellen, was sichtbare Resultate bringen wird. Damit ich am Ende des Tages mir und anderen zeigen kann: Sieh her, das habe ich heute geleistet. Oft genug betrĂŒge ich mich dabei allerdings. Denn 50 Pins bei Pinterest oder eine stundenlange Recherche bei Google sind nicht wirklich etwas auf das ich stolz sein könnte. Aber wĂ€hrend ich mich durch die Bilderwelten bewege und hier und da begeistert auf ein Bild klicke, kann ich mich immerhin produktiv fĂŒhlen. Und das fĂŒhlt sich besser an als Nichtstun. Darum habe ich die Neigung, auf die falsche Weise zu prokrastinieren. Eine die dem kreativen BrĂŒten nicht wirklich Raum bietet. Wenn ich mich mit Bildern oder Fakten vollstopfe blockiere ich den Raum, lenke mein Hirn ab. Statt dafĂŒr zu sorgen, dass es in den Leerlauf findet und die kostbaren Prozesse im Hinterkopf sich in Ruhe entfalten können. Wie eine Löwenmama muss ich darum auf der Lauer liegen und den Freiraum bewachen. Weg ihr Stimmen, die nach Leistung schreien oder Sichtbares fordern. Weg ihr Google-Bilder und Recherchier-Gedanken. Her mit den Ohrstöpseln, ich will die Klingel nicht hören, wo wieder mal einer der Paket-Besorger weiß, dass ich tagsĂŒber zuhause bin und fĂŒr den gesamten HĂ€userblock

Autorin beim kreativen BrĂŒten

Such dir die passende Prokrastinier-Methode zum kreativen BrĂŒten – nicht alles funktioniert gleich gut (Illustration: Nathalie Bromberger)

die Paketstation spielen könnte. Weg mit dir Telefon, auch wenn liebe Menschen anrufen: Ich bin jetzt nicht da. Körperlich ja, aber mein Geist nicht. Denn der schwebt auf Wolke K und brĂŒtet. Damit mein kreatives KĂŒken bald aus dem Ei

brechen kann.

Dies ist der dritte Teil der Serie ĂŒber das Prokrastinieren. Den vierten Teil, wie Prokrastinieren hilft deine kreative Energie zu bĂŒndeln, . Die Einleitung ĂŒber die MissverstĂ€ndnisse ĂŒbers Prokrastinieren findest du hier und den ersten Teil darĂŒber, wie das Prokrastinieren beim Fokussieren hilft hier..

You may also like

Prokrastinieren hilft beim Fokussieren

Prokrastinieren hilft ? Das ist doch nur ein Zeichen fĂŒr Faulheit! Und was du heute kannst besorgen, das sollst du doch nicht auf morgen verschieben? Wo kĂ€men wir hin, wenn wir alle den lieben langen Tag nur noch aus dem Fenster schauen wĂŒrden? Was die KreativitĂ€t betrifft, kĂ€men wir damit sogar viel weiter. Denn Aufschieben und aus dem Fenster schauen sind fĂŒr Kreative in vielen Situationen sehr gesund. In der Einleitung zu dieser Serie hab ich gezeigt, dass Prokrastinieren oft missverstanden und als schĂ€dlich formuliert wird. In diesem und in den nĂ€chsten Artikeln soll es um die guten Seiten des Aufschiebens gehen.

1. Prokrastinieren hilft beim Fokussieren

Es sorgt dafĂŒr, dass ich meine Zeit nicht an die falschen Dinge verschwende. Ich habe etwas auf meiner To-Do-Liste stehen und mein Kopf glaubt, dass ich das jetzt tun sollte. “Schreib Kapitel 3” steht da vielleicht. Oder “Fang an mit Projekt X”. Doch mein BauchgefĂŒhl sagt etwas anderes. Es hat schon begriffen, dass ich jetzt besser eine andere Sache in Angriff nehmen sollte. Leider hört mein Kopf nicht zu. Und das hat mit meinem dritten Ohr zu tun. Auf dem ich taub bin.

Wie die meisten habe ich als Kind nicht gelernt, meinen kreativen Impulsen zu vertrauen. Oder andersrum: Ich habe das verlernt, kleine Kinder spĂŒren ihre kreativen Impulse nĂ€mlich ganz wunderbar. Aber spĂ€testens in der Schule lernen wir alle, dass die inneren Impulse nicht zĂ€hlen. Dass sie störend oder gar gestört sind. Ich erinnere mich, dass ich in der Grundschule noch hin und wieder in der Ecke stehen musste, weil ich beim Zeichnen nicht still sein konnte. SpĂ€ter “konnte” ich das mit dem Schweigen und Stillsitzen, aber um welchen Preis? Wie die meisten Kinder habe ich mir das  Zappeln und TagtrĂ€ume

Kreative hört ihre inneren Stimmen nicht.

Das Prokrastinieren hilft, deine inneren Stimmen zu hören. (Illustration: Nathalie Bromberger)

n abgewöhnt und gelernt, mich auf das zu konzentrieren, was andere von mir erwarten, was andere sagen, was andere mir auftragen. Meinen kreativen Körper zu ignorieren. Und jetzt hab ich den Salat: Ich bin auf einem Ohr taub geworden, auf dem dritten nÀmlich, das auf die inneren Stimmen spezialisiert ist.

BauchgeflĂŒster

Ich höre nicht, wenn mein Nacken schreit “Ich bin verkrampft”. Ich höre nicht, wenn mein Spieltrieb ruft: “Ich will nach draußen”. Und ich höre nicht, wenn mein kreatives Ich ruft: “Ich hab jetzt viel mehr Energie fĂŒr ein anderes Projekt” oder “FĂŒr Kapitel drei fehlt mir noch eine Menge Info”. Und weil ich das nicht höre, brauche ich das Prokrastinieren. Es erzĂ€hlt mir, dass mein BauchgefĂŒhl was auf dem Herzen hat. BauchgefĂŒhl hat eine Menge raffinierter Strategien, um auf sich aufmerksam zu machen. Es lenkt mich ab, indem es “Hunger” ruft oder mich zum Zappeln bringt, so dass ich es nicht schaffe den geplanten Text zu schreiben.

Kreative hat sich ein Bauch-HörgerÀt gebaut

In der Badewanne mit den Ohren unter Wasser kannst du deine inneren Stimmen auch gut hören. Das kommt daher, das Wasser diese spezielle LeitfĂ€higkeit fĂŒr innere Frequenzen hat. (Illustration: Nathalie Bromberger)

Vielleicht schickt es mir auch schöne TagtrĂ€ume oder Ideen fĂŒr neue Projekte. Oder es spitzt meine anderen Ohren, so dass ich jeden Ton aus dem Hausflur wahrnehme oder den GesprĂ€chen im Nachbargarten lausche. Jedenfalls tut es sein bestes, mich von dem abzuhalten, was ich mir vorgenommen habe. Und desto schneller ich das begreife, desto besser. Denn andauernd zum KĂŒhlschrank zu rennen oder hinter dem Rechner zu zappeln sind nur Hilfeschreie meines kreativen Ichs. In Wirklichkeit braucht es etwas anderes: Die Erlaubnis, sich mit dem zu beschĂ€ftigen, was auf meiner inneren Agenda jetzt ansteht. Dem was mein kreativer Prozess jetzt braucht.

Innere KĂ€mpfe

Wenn ich mir die Prokrastination verbiete, höre ich auch nicht, was sie mir sagen will. Dann entstehen manchmal so bescheuerte stundenlange innere KĂ€mpfe. Diese können ziemlich erschöpfend sein. An schlechten Tagen gewinnt mein diszipliniertes Ich. Dann schreibe ich noch ein paar Stunden an meinem Text weiter. Nur um ihn am nĂ€chsten Tag in die Tonne zu hauen. An guten Tagen begreife ich schnell, was los ist. Gehe raus, spazieren. SpĂŒre meinem Bauch nach. Mache es mir auf dem Sofa gemĂŒtlich oder rede mit einer Kollegin ĂŒber meinen kreativen Prozess. Und finde so das, was ich wirklich tun will. Was mir jetzt gut tut. Was ich noch entdecken muss, bevor ich Kapitel 3 schreiben kann. Und was mein kreatives Ich mir mit dem Prokrastinieren erzĂ€hlen wollte.

Im nÀchsten Teil dieser Serie geht es um Wolke K und die Löwenmama. Und mehr dazu wie Prokrastinieren hilft.

Wenn du keinen Teil der Serie verpassen willst, kannst du den Newsletter abonnieren.

You may also like

Drei MissverstĂ€ndnisse ĂŒbers Prokrastinieren, die deiner KreativitĂ€t schaden

MissverstÀndnis 1: Prokrastinieren ist schlecht.

Als “Prokrastinieren” zum Modewort wurde, vor 10 Jahren oder so, da dachte ich: “Prima! Jetzt wĂ€chst endlich das VerstĂ€ndnis dafĂŒr, warum Aufschieben fĂŒr die KreativitĂ€t wichtig ist”. Aber weit gefehlt. Fast sofort wurde das Wort falsch interpretiert (nĂ€mlich negativ), wurden Studien aus ihrem Zusammenhang gerissen und aus dem neutralen Begriff “Prokrastination” die “krankhafte Prokrastination” gemacht.

Seitdem erscheint so ungefĂ€hr tĂ€glich ein Artikel, in dem erklĂ€rt wird, wie wir das Prokrastinieren ĂŒberwinden, ĂŒberlisten, vermeiden und bekĂ€mpfen können. Die Welt titelt gar “Der Prokrastination entkommen” und verspricht zehn Tricks, mit denen wir nie wieder prokrastinieren werden. Und will der KreativitĂ€t damit wohl ein fĂŒr alle mal den Garaus machen. (Solltest du dennoch auf den Link klicken, dann machst du das auf eigene Gefahr!)

Höchste Zeit, die Prokrastination zu rehabilitieren und zu erkennen, wie und wann das Aufschieben zur kreativen Kraft wird. Das ist zum Beispiel, wenn es dir beim Fokussieren hilft. Oder wenn es dafĂŒr sorgt, dass dein Geist sich im Leerlauf bewegt und die fĂŒr die kreative Arbeit so wichtigen intuitiven Prozesse stattfinden können. Zu den guten Seiten der Prokrastination mache ich demnĂ€chst einen ausfĂŒhrlicheren Artikel. Darin wird es auch darum gehen, wie du erkennst, mit welcher Art Prokrastination du es zu tun hast. Von außen sehen die kreativitĂ€tsfördernde und die blockierte Prokrastination nĂ€mlich gleich aus.

Gutes und böses Prokrastinieren sehen gleich aus.

Prokrastinieren kann die KreativitÀt fördern oder ein Zeichen von Blockaden sein. (Illustration von Nathalie Bromberger)

MissverstÀndnis 2: Wenn du dich beim Prokrastinieren ertappst, musst du dich zum Weitermachen zwingen.

Dieses MissverstĂ€ndnis ist fĂŒr Kreative eine Katastrophe. Erstens schĂŒttest du damit sozusagen das Kind mit dem Bade aus. Schließlich kannst du jetzt auch die guten Arten des Aufschiebens nicht mehr nutzen. Sobald du dich beim Prokrastinieren ertappst, rufen die kleinen LeistungsdrĂŒckerchen in deinem Gehirn: “Igitt, hier wird nicht gearbeitet”. Du fĂŒhlst dich schuldig, undiszipliert oder faul und versuchst dich zum Weiterarbeiten zu zwingen. Statt zu ĂŒberlegen, ob es vielleicht einen guten Grund fĂŒr dein Aufschieben gibt. So schwĂ€chst du deinen kreativen Prozess nicht nur,  im schlimmsten Fall kannst du ihn dadurch ganz verhindern. Und wenn du alle Prokrastinier-Neigungen gleich unterdrĂŒckst, lernst du auch nicht, woran du das gute Aufschieben erkennen kannst. Oder in welchen Situationen du es brauchst und wie du es am besten nutzen kannst.

Zweitens ist dieser Ratschlag auch in allen anderen FĂ€llen Quatsch. Denn auch dann, wenn du  prokrastinierst, weil es in deinem kreativen Prozess gerade nicht so rund lĂ€uft, hat es keinen Sinn, dich zum Weitermachen zu zwingen. Mag sein, dass du mit Disziplin noch ein StĂŒckchen vorwĂ€rts kommst, aber dann werden dich die Blockaden höchstwahrscheinlich wieder einholen. Das Prokrastinieren an sich ist nĂ€mlich gar nicht das Problem. Und damit wĂ€ren wir auch schon beim nĂ€chsten MissverstĂ€ndnis:

Kreative versucht vor den Blockaden wegzulaufen

Es hat keinen Zweck vor den kreativen Blockaden wegzulaufen – sie halten Schritt mit allem, was du tust. (Illustration von Nathalie Bromberger)

MissverstÀndnis 3: Prokrastinieren ist die Ursache von kreativen Blockaden

Das ist großer Unsinn! Das Aufschieben ist nicht die Ursache dafĂŒr, dass deine kreativen SĂ€fte nicht strömen wollen. Sondern immer nur ein Symptom von tiefer liegenden kreativen Blockaden. Hinter dem Prokrastinieren liegen Ängste oder Zweifel. Sie sind es, deine kreativen Impulse behindern. “Trotzdem weitermachen” ist darum auch keine Option. Denn so ein Arbeiten unter Zwang klappt vielleicht, wenn es um die SteuererklĂ€rung oder ums UnkrautjĂ€ten geht. Aber beim kreativen Prozess brauchst du deine innersten KrĂ€fte, Herz und Verstand, das was dir auf der Seele und unter den NĂ€geln brennt. Du kannst deinen Verstand nicht auf Null setzen und sagen: “Ich hasse Gartenarbeit, aber da muss ich durch”. Oder dich zum mechanischen AusfĂŒllen der Felder im Elster-Formular fĂŒllen. Solche Methoden helfen bei Arbeiten, bei denen wir uns zeitweise zum Roboter machen können. Und es mag sein, dass es schon Roboter gibt, die ein Foto nachzeichnen oder ein bisschen ĂŒbersetzen können. Aber zu echter KreativitĂ€t ist nur der fĂ€hig, der fĂŒhlen kann und mit seinem ganzen Wesen bei der Sache ist.

Wenn du dich beim Aufschieben ertappst, dann gibt es nur eine sinnvolle Reaktion: Dir anzuschauen, was da gerade in dir passiert. Wo du dich im kreativen Prozess befindest. Ob es gut ist, dass du jetzt noch nicht weitermachst. Und es also gut ist, das Aufschieben zuzulassen, es vielleicht sogar noch bewusster zu machen. Oder ob du das Arbeiten vor dir her schiebst, weil dir die Lust oder der Mut fehlt. Weil du an deinen FĂ€higkeiten oder Ideen zweifelst oder von Ängsten gehindert wirst.  Und falls das so ist: Wie du mit diesen Zweifeln und Ängsten umgehen kannst. Prokrastinieren kann auch hier eine wichtige Funktion haben: Es weist dich darauf hin, dass dir der kreative Kraftstoff fehlt. Und dass du dir die Zeit nehmen solltest,  dich wieder aufzuladen.

Kreative fliegt zur Tankstelle

Prokrastinieren kann auch ein Zeichen dafĂŒr sein, dass du deine kreative Energie auftanken musst. (Illustration von Nathalie Bromberger)

Kleiner Grundkurs Prokrastination

Kurz und gut, höchste Zeit, das Prokrastinieren zu rehablitieren und uns genauer anzuschauen, was dahinter steckt. Darum erscheint hier in den nÀchsten Wochen ein Serie mit Tipps und kleinen Workshops zu den verschiedenen Aspekten des Prokrastinierens:

 Teil 1 bis 3  handelt davon, auf welche Aufgaben das Aufschieben bei der kreativen Arbeit hat. Wie du erkennst, ob dein kreativer Prozess stockt oder fließt und ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist, deine Bleistifte zu zĂ€hlen oder besser eine andere Prokrastiniermethode wĂ€hlst.

Teil 1: Prokrastinieren hilft Fokussieren

 

You may also like

Drei Dinge, die du deiner KreativitÀt schenken solltest.

1. Du solltest dir Zeit schenken zum TagtrÀumenFrau am Herd trÀumt

Deine KreativitĂ€t wohnt in der rechten HirnhĂ€lfte. Hier regieren nicht die Sprache und das Bewusstsein, sondern Intuition, Bilder und Geschichten. Dieses Denken zeigt sich als TagtrĂ€umen: Du steuerst dabei nicht, was dir durch den Kopf geht, folgst keinem bewussten Plan. Dadurch kann der kreative Teil deines Gehirns seine Prozesse entfalten. Was dir dabei durch den Kopf geht, mag zufĂ€llig und zusammenhanglos wirken, in Wirklichkeit ist es der Kern der kreativen Arbeit: Erfahrungen werden verbunden und neu geordnet, Ideen suchen und finden sich, bringen neue Formen, Bilder und Geschichten hervor. Diese Art des Denkens kann sich prima beim Kochen und GĂ€rtnern, beim Joggen und Wandern entfalten. Es stört sie nicht, deine Aufmerksamkeit mit praktischen, körperlichen TĂ€tigkeiten zu teilen. Aber Sprache und Logik stören beim TagtrĂ€umen, genau wie dauernde Unterbrechungen. Deshalb mach das Smartphone beim Kochen aus, hör beim Autofahren mal keine kluge Nachrichtensendung, lass dich beim TagtrĂ€umen nicht von WhatsApp und Insta stören. Deiner KreativitĂ€t Gutes tun, heißt: ihr TagtrĂ€um- Zeit schenken.

2. Du  solltest dir Zeit schenken, deinen eigenen Erfahrungen zuzuhören

Deiner KreativitĂ€t Zeit schenken und dir zuhörenWir beschĂ€ftigen uns heutzutage unglaublich viel mit den Erfahrungen von anderen Menschen. Die Medien ĂŒberschĂŒtten ins mit Berichten darĂŒber, was hier oder dort geschehen, X oder Y erlebt haben. Was wir selbst erlebt haben, was unsere Erfahrungen und erzĂ€hlen, scheint dagegen kaum eine Rolle zu spielen, „Zeit meine Erfahrungen zu spĂŒren und zu verstehen“, steht wohl in kaum einem Terminkalender. Dabei ist dies das wichtigste, das du fĂŒr dich, fĂŒr deine KreativitĂ€t und fĂŒr die Welt tun kannst: deine einzigartigen Wahrnehmungen, GefĂŒhle, Gedanken, Beobachtungen, Entdeckungen und Ideen ernst nehmen. Darum, rĂ€um in deinem Terminkalender Zeit ein, in der du deinem Inneren lauschst.

 

 

3. Du solltest dir Zeit schenken, deine Projekte reifen zu lassen

Herzensding reift neben Wein im WeinkellerWir haben alle so viele PlĂ€ne und wir verbinden sie immer mit Zeitvorstellungen. Und legen unserer KreativitĂ€t damit Fußfesseln an. Wenn wir ihr sagen: “Bis dann musst du fertig sein!”, wird sie sich bestimmte GedankenflĂŒge gleich verbieten – sie weiß, dass sie innerhalb des Zeitrahmens nicht ankommen wĂŒrde. Und so bleibt sie auf dem Boden oder macht nur kleine Hopser, statt richtig abzuheben. NatĂŒrlich können wir viele PlĂ€ne auch so ausfĂŒhren. Dann wird die Geschichte halt etwas kleiner bleiben, die Zeichnung nicht ganz tief aus dem Herzen kommen. Aber bei deinem Herzensprojekten solltest du dich nicht mit diesen B-Versionen zufrieden stellen. Es wĂ€re doch schade, bei dem, was dir wirklich wichtig ist, nur kleine Hopser zu machen, wenn ein Ballonflug möglich ist oder eine Expedition zum Planet der Wunderblumen. Gönne deinem Herzensprojekt, zu wachsen und zu reifen, bis die Energie fĂŒr den großen Flug gesammelt ist. Schenk dir die „Ich warte noch“-Zeit. Man nennt sie auch Geduld.

You may also like

Kreative Strategien 2: Ein GerĂŒst fĂŒr dein Projekt bauen

Bei grĂ¶ĂŸeren kreativen Projekten ist es wichtig, ein GerĂŒst fĂŒr dein Projekt zu bauen, das ihm Halt gibt, ohne es einzuengen. Das klingt leicht und logisch, ist aber praktisch oft ganz schön komplex. Um das richtige GerĂŒst zu finden, solltest du vier Aspekte abwĂ€gen.

1. Wie viel Freiheit hast du? Das GerĂŒst als Liefergarantie

Hier geht es um Grenzen, die dir von der Außenwelt gesteckt werden. Wer ganz frei arbeitet, braucht sich darum nicht zu kĂŒmmern (lies weiter bei 2). Aber in der Praxis verdienen viele AutorInnen ihren Lebensunterhalt mit Projekten, die ein bestimmtes Genre oder eine bestimmte Form und LĂ€nge vorgeben. Hast du dem Verlag ein Buch von 200 Seiten versprochen, dann wird deine Lektorin keinen Freudentanz machen, wenn du mit der doppelten Anzahl Seiten ankommst. HĂ€lt man dir einen Programmplatz in der Rubrik „Kinderroman“ frei, erwartet man keinen blutigen Thriller. Dazu kommt, dass es ja meist einen Abgabetermin gibt. „Einfach drauflos schreiben“ bringt hier sehr viel unfreiwillige Spannung, mit der nicht jede(r) gerne umgeht.Beim Schreiben auf dem Weg bleiben - ein Bretterzaun hĂ€lt vom Umsichschauen ab
Solange du es dir mit dem Verlag nicht verderben willst, sollte dein GerĂŒst dafĂŒr sorgen, dass du die Vorgaben einhalten kannst. Viele Autorinnen entwickeln darum erst einen Plot und denken die Hauptfiguren bis ins Detail durch, damit sie nicht am Ende plötzlich merken, dass die Geschichte nicht funktioniert oder die Grenzen des Programmplatzes sprengt. Wie detailliert du dabei vorausplanst und wie viel Freiraum du dir lĂ€sst, hĂ€ngt auch von deinem SicherheitsbedĂŒrfnis ab.

 

2. Wie viel Halt brauchst du? Das GerĂŒst als Sicherheitsnetz.

Wie viel Sicherheit du brauchst, liegt einerseits an deiner Persönlichkeit, andererseits am konkreten Projekt. Ein kleines Projekt, braucht vielleicht nur ein vages Konzept im Kopf. Viele Kreative erfahren vor allem am Anfang der Arbeit eine Menge Schwung und sind in dieser Phase dann auch relativ immun gegen Zweifel und andere Gefahren. Desto umfangreicher und schwieriger die Aufgabe ist, desto grĂ¶ĂŸer die Wahrscheinlichkeit, dass du von Zweifeln heimgesucht wirst, auf Durststrecken landest oder vom Kurs abkommst. Bei mir funktioniert das ungefĂ€hr so: FĂŒr eine einzelne Zeichnung oder einen einzelnen Blogpost brauche ich keine Absicherungen, die sind fertig, bevor Zweifel bei mir ankommen können. Aber bei der Arbeit an einem Buch oder auch dem jahrelangen FĂŒhren eines Blogs, droht der Absturz, wenn ich mir kein Sicherheitsnetz baue. Was nicht heißt, dass ich immer eines baue, oft fange ich mit dem GerĂŒstbau erst nach dem ersten Absturz an. Das wiederum hat mit meiner Persönlichkeit zu tun: Ich arbeite nicht gerne mit einer vorher festgelegten Struktur und meine immer, es ohne zu schaffen. Jeder hat da eben so seine Ticks. Manche Menschen mögen gar keine Abenteuer und arbeiten am liebsten in einem sehr straffen Rahmen. Andere suchen immer die Spannung und blĂŒhen bei Gefahren auf. Und wieder andere arbeiten wie ich einfach zu intuitiv, um am Anfang der Arbeit ĂŒberhaupt ĂŒber so was wie ein GerĂŒst nachzudenken. Es gibt hier kein gut oder falsch, aber wer seine eigenen Sicherheits- oder SpannungsbedĂŒrfnisse ignoriert, wird wahrscheinlich nicht viel Spaß beim Schreiben haben. Autorin schreibt im sicheren Bereich und lĂ€sst ihrer Phantasie freien LaufFĂŒhlt man sich bei der Arbeit unsicher oder ĂŒberfordert, ist es schwer, in den Flow zu kommen. Hier hilft, das GerĂŒst zu verstĂ€rken und hier und da noch ein paar Balken einzuziehen. Paradoxerweise können solche Begrenzungen manchmal mehr Geistes-Freiheit ermöglichen. Denn wenn du weißt, dass der Rahmen des Plots dich auf dem richtigen Weg hĂ€lt, kannst du dich innerhalb der einzelnen Szenen dann gerade gehen lassen und deine Phantasie von der Leine nehmen.

DemgegenĂŒber steht, dass Langeweile auch nicht gerade inspirierend ist. Wem beim Anblick des durchgeplanten Plots nur noch das GĂ€hnen kommt, dem werden keine genialen EinfĂ€lle und spritzigen Dialoge einfallen. In solchen FĂ€llen hilft nur die SĂ€ge: Schneide Öffnungen in das GerĂŒst oder schmeiß es ganz um und setze statt auf Balken und Streben lieber auf das Leuchtfeuer.

3. WofĂŒr brenne ich? Das GerĂŒst als Leuchtfeuer

Ich glaube, dass wir KreativitĂ€t in zwei Formen erleben können. Einerseits die angewandte KreativitĂ€t bei der wie unsere kreativen KrĂ€fte nutzen, um ein bestimmtes Produkt zu machen. Ich nehme mir vor, einen Frankfurt-Krimi zu schreiben und fĂŒhre das Vorhaben dann aus. Meine kreative Freiheit bewegt sich innerhalb dieses Rahmens und verfolgt das Ziel, das ich mir am Anfang stecke. Auf der anderen Seite steht die freie KreativitĂ€t, bei der das Ende offen ist. Hier arbeite ich nicht auf ein Ziel hin, sondern folge einem innerlichen Brennen. Ich suche eine Antwort, will ein inneres Thema untersuchen, einer Spur folgen, die vielleicht nur mit ein paar Worten oder einem Gesicht beginnt. Bei dieser Art KreativitĂ€t geht es nicht darum, dem Verlag zu behagen oder bestimmte Lesergruppen zu bedienen, sondern um authentischen Ausdruck. Jeanette Winterson formuliert es so:
„We cannot demand that writers write particular kinds of books (though that is, what the market place and reviewers often do), and we cannot demand that writers write in the way we might prefer them to do (laments about the State of Fiction, blah blah). All we can ask is that the work should be authentic; that is, it should be true to the writer, true to language, true to the necessary development of form, and true to itself“.
Jeanette Winterson, Interview in „Lighthousekeeping“, Harper Perennial 2005

Kann es bei solch freier kreativer Arbeit ĂŒberhaupt einen Rahmen oder ein GerĂŒst geben? Ich denke schon, aber das GerĂŒst besteht dann nicht aus Plot- und Formvorgaben, sondern aus Funken. Und es sorgt nicht fĂŒr Ă€ußeren Halt, sondern hĂ€lt dich auf deinem inneren Weg.
Nachts den Roman schreiben im Licht des inneren Leuchtturms Ein einzelner Funke kann als GerĂŒst fĂŒr dein Projekt reichen. Winterson hatte fĂŒr ihr Buch den ersten Satz im Kopf und hat diesem Satz nachgespĂŒrt, bis hinter diesem Satz eine wunderbare Geschichte auftauchte. Sie hat sich weder Form noch Handlung vorgegeben, sondern immer wieder gefragt, ob sie noch auf dem Weg zu der Geschichte ist, die sie hinter diesem ersten Satz spĂŒrte. Andere Autoren folgen beim Schreiben der Ahnung von einer Figur, einem Bild, einem GefĂŒhl. Was auch immer es ist, es brennt in uns. Es brennt so warm oder funkelnd, so spannend oder drĂ€ngend, dass es uns in Bewegung bringt, uns unser BĂŒndel schnĂŒren und aufbrechen lĂ€sst. Bei dieser Art zu arbeiten gibt es keine Ă€ußeren Wegweiser. Niemand weiß mehr ĂŒber unsere Geschichte als wir selbst und deshalb kann uns auch niemand sagen, in welche Richtung wir uns begeben sollen. Unser Weg wird von dem bestimmt, was wir in uns spĂŒren. Brenne ich mehr fĂŒr diese oder fĂŒr jene Richtung? Wenn ich einen Absatz geschrieben habe, spĂŒre ich, ob er stimmt oder nicht, ob er mich zu meiner Geschichte fĂŒhrt oder von ihr ablenkt. Diese Art zu arbeiten ist eine Suche, bei der ich mir jeden Schritt erstasten muss: Wie fĂŒhlt es sich an, meinen Fuß hier aufzusetzen? Wie beim “Topfschlagen”, wo ein Kind mit verbundenen Augen den Weg zum Topf sucht und die anderen es mit „heiß“ oder „kalt“-Rufen in die richtige Richtung bewegen. Nur dass beim Leuchtfeuer die Rufe von innen kommen: Du fĂŒhlst, was „heiß“ ist und was „kalt“ und ertastest dir den Weg zu deiner Geschichte, zu dem, was sich in dir erzĂ€hlen will.

4. Wie viel Reibung brauche ich? Das GerĂŒst als Widersacher.

Manchmal kann die maximale Freiheit das Arbeiten auch zu leicht machen. Oder zu langweilig. Hier kann das GerĂŒst fĂŒr dein Projekt helfen, indem es mir die gewohnten Wege versperrt oder mich davon abhĂ€lt, meinen vertrauten Schreibstil zu nutzen. Das große Thema Gerechtigkeit in ein einziges Bild fassen, eine moderne Version von Julia und Romeo schreiben, dieselbe Geschichte aus drei Perspektiven erzĂ€hlen – in all diesen FĂ€llen, stecke ich bewusst meinen Rahmen eng. Jetzt es ist der Kampf mit der Form, die Begrenzung selbst, die mich reizt und zum Lodern bringt. Es geht nicht darum eine Geschichte zu erzĂ€hlen, sondern meine Rolle als Autorin zu untersuchen, die Möglichkeiten meines Handwerks, die Aufgaben der Kunst: Wer bin ich, wenn ich schreibe? Was ist Schreiben und was soll das? WofĂŒr brauchen wir Kunst und wo fĂ€ngt sie an und hört sie auf? Und warum macht so ein olles Blatt Papier, dass ich mich darauf ergießen will, dass Geschichten auftauchen, das Worte tanzen wollen? Wenn du solche Reibung willst, baue dein GerĂŒst so, dass es dir ein wĂŒrdiger Gegner ist. Nicht zu schwach und nicht zu brutal, sondern genau so stark wie du, damit du deine KrĂ€fte nicht zurĂŒckhalten musst und eure Begegnung im Ring zu einem spannenden und inspirierenden Schlagabtausch wird.

GerĂŒst fĂŒr dein Projekt

Wie sieht dein GerĂŒst fĂŒr dein Projekt aus? LĂ€sst du dich beim Schreiben von einem inneren Leuchtfeuer leiten oder baust du dir lieber einen stabilen Rahmen? Erkennst du dich in Wintersons Worten wieder oder hast du ganz andere Auffassungen von KreativitĂ€t? Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen!

You may also like