Kreative Strategien: 1. Einigeln

Neue Serie: Kreative Strategien

Die kreative Arbeit unterscheidet sich auf so viele Weisen von dem, was wir ansonsten in unserer Gesellschaft als “Arbeit” auffassen. Darum brauchen kreative Menschen auch andere Strategien. Einige solcher Strategien möchte ich in dieser Serie untersuchen. Anfangen will ich mit einer, die ich selbst nur zu gerne nutze, die mich in der letzten Zeit aber auch manchmal hindert: Das Einigeln.

Einigeln schützt

Sich von der Außenwelt zurückziehen und erst mal für sich behalten, woran man arbeitet, hat eine Menge Vorteile. Vor allem bietet es Sicherheit: Ich setze mich und meine Ideen nicht schutzlos den Kommentaren anderer aus. Solche Kommentare können ja sehr verunsichern und es ist wichtig, sich solchen Situationen nicht unnötig auszusetzen. Wer kreativ arbeitet, bewegt sich immer auf unsicherem Terrain und es ist prima, sich da erst mal aus möglichen “Schusslinien” herauszuhalten. Viele Kreative nutzen solche Geheimhaltungsstrategien: Solange sie sich ihrer Sache nicht sicher genug sind, erzählen sie niemandem oder nur Ausgewählten von ihren Ideen.

Einigeln als Schutz für meine kreativen Ideen

  Einigeln hindert auch

Der wichtigste Nachteil solcher Rückzug- und Geheimhaltungsstrategien ist, dass man sich dadurch auch keine Unterstützung von der Umgebung holen kann. Wenn niemand weiß, woran ich arbeite und mit welchen Dämonen ich kämpfe, dann werde ich auch keine Ermutigung erfahren und keine Hilfen bekommen. Ich muss mich alleine gegen Unsicherheit und Zweifel schützen und gebe anderen nicht die GelegenheEine Last tragenit, mich auf welche Weise dann auch zu ermutigen oder zu unterstützen.
Warum mache ich das? Die Antwort ist einfach: weil ich es kann. Ich lebte als Kind in einer Situation, in der es notwendig war, Geheimnisse zu haben und Verantwortung zu tragen. Dadurch habe ich gelernt: “Ich krieg das schon selbst hin”. So geht es vielen Menschen. Während der Coachingausbildung stellten wir irgendwann fest, dass von den fünfzehn Menschen unserer Gruppe vierzehn als Kind auf die eine oder andere Weise für ihre Eltern sorgen mussten. Dabei hatten wir alle coachende Fähigkeiten entwickelt, wir waren gut darin, andere zu ermutigen. Was wir nicht gelernt hatten, war uns auch mal von anderen ermutigen oder helfen zu lassen.
Solche früh gelernten Strategien werden oft zu Automatismen. Sie sind auch dann noch unsere erste Wahl, wenn es längst nicht mehr nötig ist. Denn inzwischen lebe ich ja in einer ganz anderen Umgebung, bin von vielen wunderbaren Menschen umgeben, die mir sicher ihre Unterstützung anbieten würden – gäbe ich ihnen die Chance dazu.

Igelfrau mit Fühlern

Einigeln ist gut, aber gleichzeitig sollten wir unsere Fühler aufstellen, damit wir die kostbaren Menschen und Umgebungen erkennen, in denen Kreativität sich nicht nur zeigen kann, sondern wertschätzend unterstützt wird. An sich ist es gar nicht so schwer, die Bedingungen dafür zu erkennen. Deine kreativen Äußerungen sind sicher, wo Menschen

  • den Prozess mehr schätzen als das Ergebnis
  • begreifen, dass Kreativität immer bedeutet, Neues auszuprobieren und der Prozess daher ein offenes Ende hat
  • sich bewusst dafür einsetzen, Kreativität vor schädlichen Auffassungen, Normen und Regeln zu schützen
  • die einzigartige Ausdrucksweise jedes Menschen wertschätzen und ermutigen.

Die Fühler aufzustellen bedeutet auch, erst mal abzuwarten. Eine Gruppe erst mal auf mich wirken zu lassen. Mich nicht zu schnell zu öffnen, erst mal genau hinzufühlen, was mir meine Fühler alles erzählen können. Vielleicht auch zu merken: In den meisten Gruppen gibt es komplexe Dynamiken, wodurch die einzelnen Mitglieder sich anders verhalten. Darum manchmal lieber einzelne, die für Kreatives offen scheinen, im Anschluss an die Veranstaltung oder an anderem Ort anzusprechen. Austausch muss nicht immer sofort geschehen. Ich “notiere” mir Menschen auf meiner inneren Vertrauenspinnwand: Mit der möchte ich Kontakt, mit der stelle ich mir den Austausch fruchtbar vor, bei ihr vermute ich meine Ideen in sorgsamen Händen.Protego Kreativum

 

Reale Gefahren

Natürlich haben wir uns das Einigeln nicht ohne Grund angewöhnt: Die meisten Umgebungen bieten für kreative Menschen viel mehr Gefahren als mögliche Unterstützer.  Für das Buch an dem ich arbeite, untersuche ich seit einiger Zeit systematisch, wie Menschen auf kreative Ideen reagieren. Ich beobachte auf Spielplätzen und in Cafés, bei Netzwerktreffen und persönlichen Gesprächen, analysiere Talkshows und die sozialen Medien. Und immer wieder fällt mir auf, wie sehr wir alle darauf konditioniert wurden, kreative Äußerungen zu hinterfragen und jedes Abweichen von den subtilen Normen unserer Kultur erst mal mit Ablehnung zu beantworten. Ich habe schon mehr als dreißig solcher kreativitätsfeindlichen Normen entdeckt. Normen, die uns an der kreativen Arbeit hindern. Normen, die dazu führen, dass Kreativität sich nicht zeigen kann. Normen, die wir schon als Kinder annehmen und mit denen wir uns dann ein Leben lang herumschlagen. In den nächsten Monaten möchte ich diese kreativitätsfeindlichen Normen zum Thema meiner Arbeit machen. Und auch, wie wir uns vor ihnen schützen können. Mit Einigeln und Hinfühlen zum Beispiel. Das ist Selbstschutz und Schutz unserer Kreativität. Wir alle können das, wir können für uns und für andere sorgen. Und das bedeutet, mir Zurückhaltung und Vorsicht zu erlauben. Kreative bilden einen Kreis, in dem die Kreativität sich entfalten kann

Doch auch rundum Vorsicht gibt es Normen: Wir sollen alle regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen, das Geld sicher anlegen und uns fürs Alter absichern. Aber uns selbst vor vernichtenden Kommentaren oder kreativitätsfeindlichen Umgebungen schützen, steht nicht auf dem Sicherheits-Lehrplan. Dabei ist diese Art Sicherheit für unser persönliches Glück genauso wichtig wie Geld oder Gesundheit. Denn Kreativität ist persönlich und authentisch und uns so öffnen und zeigen können wir ohne Gefahr nur in einer wertschätzenden Umgebung. Kreative brauchen solche Schutzräume!

 

Wie schützt ihr euch vor den Kreative-Dämonen? Woran misst ihr ab, ob eine Umgebung für kreative Ideen sicher ist? Wann igelt ihr euch besonders ein? Bin gespannt auf eure Erfahrungen!

 

 

 

Zeit-Befreiung statt Zeitmanagement

Letztens habe ich über den Leerlauf im Kopf geschrieben, der so wichtig für die kreative Arbeit ist. Zeit freimachenIm Alltag ist es gar nicht so leicht, diese Freiräume fürs Denken aufrechtzuerhalten. So schnell lasse ich mich vom Tempo der Umgebung mitreißen. Im Leerlauf geht es darum, ohne Ziel zu arbeiten –  doch wir leben in einer Zeit, in der alle immer irgendwo hin unterwegs sind. Zeitmanagement, Produktivität, volle Kalender – alles perfekte Mittel, der Kreativität den Garaus zu machen.  Was wir brauchen, ist ein umgekehrtes Zeitmanagement: Eins, das Zeit nicht plant und füllt, sondern leert und befreit.

Vorhin saß ich im Café und kritzelte, um meinen Kopf leer zu machen. Die Frau neben mir schaute ein paar mal interessiert auf mein Blatt, fragte dann, was ich mache.
„Ich kritzle nur so vor mich hin“.
„Wofür?“.
„Weil ich für die Kreativität einen freien Kopf brauche“.
„Arbeiten Sie in der Werbung?“
Höflich wie ich bin antwortete ich auf die erste Frage, aber danach wurde es auch nicht leichter, mich wieder aus dem Gespräch zurückzuziehen. Dabei hätte es natürlich ganz einfach sein können: Ein bestimmtes „Ich bin am Arbeiten” hätte der Frau wohl gleich signalisiert, dass sie mich nicht weiter stören sollte. Aber ich bin eben ein netter Mensch. Es gehört zu meinem Selbstbild nett und freundlich zu sein. Und verdient, wer höflich fragt, nicht eine höfliche Antwort?

Das Nettigkeits-Problem

Warum setzt du dich dann auch ins Café, wenn du in Ruhe arbeiten willst?, fragst du jetzt vielleicht. Weil das Nettigkeits-Problem in dieser Woche zuhause noch größer ist. Meine beiden ältesten Töchter sind da, erst der Freund der einen, dann der Freund der anderen zu Besuch, Freundinnen kommen vorbei. Normalerweise lasse ich das private Telefon bei der Arbeit klingeln, aber die Töchter nehmen an und schon wird mir der Hörer mit einer Verwandten dran ans Ohr gedrückt. Dann  kommt die eine oder andere Tochter und fragt, wo dies oder das ist und ob ich weiß, wie man jenes oder dieses macht. Und ich bin halt auch als Mutter nett. Und als Tochter, Freundin, Nachbarin und Kollegin. Ich möchte eine sein, die nett zu allen ist, die hilfsbereit und aufmerksam ist. Und ich freue mich ja auch, dass alle gerade mal wieder Zuhause sind, wir sehen uns so selten und sollte man die Feste nicht feiern, wie sie fallen?  Aber nächste Woche  sind es dann meine Eltern, die Hilfe brauchen, eine Freundin, die ihr Herz ausschütten will, oder eine Kollegin, die Rat braucht. Und wenn ich nicht aufpasse, vergeht Tag um Tag, Woche um Woche und ich komme mit meinen eigenen Gedanken, meiner eigenen Arbeit nicht weiter.

Nett-produktive-Doppelbelastung

Bin am NichtstunIm Leerlauf fällt mir dieses Abgrenzen besonders schwer. Wenn ich an etwas Sichtbarem arbeite, kann ich besser “Nein” sagen und anderen fällt es dann auch leichter, das Nein als notwendig zu akzeptieren. „Ich arbeite an einem Auftrag für einen Kunden, der muss heute noch raus“, führt dazu, dass man sich schnell schweigend aus meinem Zimmer zurückzieht. Wenn ich aber scheinbar entspannt auf dem Bett vor mich hin kritzele, …

Hm, sind es wirklich die anderen, die da einen Unterschied machen? Oder bringe ich in solchen Momenten mein Nein auch schon etwas weniger bestimmt rüber? Weil in mir ein Stimmchen ruft „Du kannst schon helfen, du kritzelst ja nur ein bisschen rum (oder liegst nur auf dem Bett und träumst, hast schon seit Stunden nichts Produktives gemacht…. )“.

Ich glaube, gerade für Frauen ergänzen sich das „nette Selbstbild“ und der Produktivitätswahn in unserer Kultur auf fatale Weise: Wir können uns weniger gut abgrenzen, haben sowieso schon ein schlechtes Gewissen, wenn wir andere durch unsere Arbeit vernachlässigen. Wenn dann unsere Arbeit aber auch noch zweifelhaft ist – wie Nichtstun, Leerlauf und Kritzeln es in unserer Gesellschaft eben sind – dann wird das Abgrenzen noch schwieriger. Vor allem in Phasen, in denen die Arbeit nicht vorwärts kommt. Statt im Nichtstun auszuharren, ist es dann sehr verlockend, dem schlechten Gewissen nachzugeben und sich wieder zurück in die Rolle der nützlichen netten Mutter-Freundin-Nachbarin zu geben. Da nämlich gibt es wenigstens schnell ein Erfolgserlebnis. Der Freundin einen Tee kochen, damit sie ihren Liebeskummer über uns ausschütten kann oder der Tochter bei den Hausaufgaben helfen, führt schneller dazu, dass wir uns nützlich und geliebt fühlen, als unsere kreative Arbeit. Eine kurze Tröst-Helf-oder-Rat-Unterbrechung scheint darum immer sinnvoll. Und das Verweigern dieser Tröst-Helf-Rat-Aktionen geradezu grausam – uns selbst und anderen gegenüber.

Shakespeares Schwester

Was mir hilft, mich abzugrenzen, ist das Wissen um eine endlose Menge von wunderbaren Werken, die genau durch diese Haltung nicht geschaffen wurden. Erfindungen, die nicht entwickelt, Romane, die nicht geschrieben, soziale Projekte, die nicht gegründet, geniale Weisheiten, die nicht gedacht wurden. Shakespeare hatte eine SchwVirginia woolf quote "She lives in you and in me"ester –

(“I told you in the course of this paper that Shakespeare had a sister; (…) . She died young—alas, she never wrote a word. (…)  She lives in you and in me, and in many other women who are not here to–night, for they are washing up the dishes and putting the children to bed”)

– schrieb Virginia Woolf in “A Room of One’s Own”. Wir alle sind Shakespeares Schwester. Jede von uns muss Tag auf Tag wieder abwägen, wofür wir unsere Zeit einsetzen. Und oft wird unsere Liebe und unsere Menschlichkeit dazu führen, dass wir unsere persönlichen Projekte eine Zeit lang zurückstellen. Das ist gut so. Doch wir sollten die Entscheidung, ob wir unsere Arbeit unterbrechen und uns um andere kümmern, nicht den automatischen Piloten entscheiden lassen. Lebensgefährliche Notfälle ausgenommen. Aber in allen anderen Fällen, sollten wir den Grund für die Unterbrechung kurz überprüfen: Muss ich jetzt aufspringen? Kann Kind-Freundin-Kollegin-Nachbarin-Vater-oder-Hund vielleicht noch ein wenig warten? Oder gar das Problem selbst lösen? Wenn ich das so mache, lösen sich erstaunlich viele der vermeintlichen Notfälle in Nichts auf. Eine Stunde später hat meine Tochter die Hausaufgabe schon mithilfe von YouTube gelöst, die Freundin schon eine andere Adressatin für ihren Liebeskummer gefunden und der Laptop meines Vater funktioniert wieder.

Aufstellen statt anstellen

Umgekehrtes Zeitmanagement für KreativeUm mich selbst und andere daran zu erinnern, dass ich – auch wenn es für andere nicht so aussehen mag – an der Arbeit bin, habe ich einen kleinen Aufsteller gebastelt. Wann immer jemand mich unterbrechen will, brauche ich jetzt nur noch auf den Aussteller zu zeigen – im Café, zuhause, im Zug. Dass dieser Hinweis schweigend stattfindet, zeigt den anderen, dass ich gerade konzentriert bin und Ruhe brauche. Damit verhindere ich gleich drei Kreativitätsvernichter: Erstens werde ich nicht gestört. Zweitens verhindere ich, dass ich mich für meinen Wunsch nach Konzentration entschuldige. (Die Neigung mich zu entschuldigen, signalisiert anderen ja wieder, dass sie eigentlich das Recht haben, mich zu stören und ich mit meiner Abgrenzung etwas tue, für dass ich mich entschuldigen sollte). Und drittens verhindert das Hinweisschild dass ich genervt bin, weil ich nicht vorwärts komme und dieses Genervtsein über mein Nicht-weiter-kommen an den anderen auslasse.

 

P.S. Das printable für den Aufsteller schick ich mit dem Newsletter mit – ich hab ihn auf Aquarellpapier gedruckt (Montval von Canson) – das funktioniert mit meinem Drucker prima.

Ode 9: An die kreativen Träume. Nein: ans Sein!

Eigentlich sollte meine neunte Ode von Träumen handeln. Von kreativen Träumen, denn ich bin davon ausgegangen, dass Kreative andere Träume haben als andere Menschen und das ist auch sicher so. Aber ich will nicht mehr über Träume reden. Denn wir reden von »Träumen«, weil wir uns nicht trauen, es »Möglichkeiten« zu nennen. Wir »träumen«, aber in Wirklichkeit spüren wir ja in uns schon, dass unser Traum wahr werden könnte. Wir spüren, dass da etwas raus will, lebendig sein will. Und anstatt es zu tun, nennen wir es einen „Traum“, etwas, das weit weg ist, irgendwo oben im All. Zu weit weg, als dass wir es erreichen könnten. weiterlesen

Ode 8: An die kreativen Weggefährten

Wie wichtig kreative Weggefährten für mich und meine Arbeit sind, begriff ich durch die ein paar sehr spannende Bloggerinnen, die mich in den letzten Monaten interviewt haben.  Daher ein herzliches Danke an: Susanne Ackstaller (die mir Fragen über Mode und Schönheit stellte), Ulrike Zecher (die mich mit ihren Blaumacherfragen zu neuen Gedanken über Prokrastination  inspririerte), Simone Harland  ( deren Fragen zu meiner Verlagsgründung den Anlass für meinen Text „Sieben gute Gründe für einen eigenen Verlag“ formten) und Christa Goede (deren kluge Fragen mir deutlich machten, wie sehr sich meine Auffassung von “Authentizität” sich in den letzten Jahren doch verändert hat). Ohne Euch würde es diese Ode nicht geben.

Kreative-brauchen-Weggefaehrten Kopie

An meine kreativen GefährtInnen

Ohne meine kreativen Weggefährten würde ich meinen Weg nicht mit der gleichen Kraft gehen.  Ob sie gleich hier um die Ecke wohnen, in Berlin oder Amsterdam oder am anderen Ende der Welt, das ist egal. Denn was uns verbindet, ist der kreative Prozess. Wir haben uns derselben Aufgabe verschrieben: Unsere kreative Arbeit zu machen, mit allem was dazugehört. Mit der Angst, dem Spaß, der kurvigen Biografie, den Glücksmomenten, dem manchmal lange ausbleibenden Erfolg, dem Unverständnis der Umgebung, der Inspiration, der Fragen, den Zweifeln und der Ungewissheit, wo unser Weg uns hinführen wird. So unterschiedlich unsere Arbeiten sind, wir teilen dieselben Werte. Weil wir die kreative Arbeit wichtiger finden, als Geld, als Karriere, als Status.
Kreative Weggefährten sind für meine Arbeit wichtiger als Pinsel und Tusche, Verkäufe oder Auszeichnungen. Sie sind gleichzeitig Voraussetzung und Gewinn meiner Arbeit. Was sie für mich und meine Arbeit tun ist unersetzlich und sie tun es auf fünf wichtige Weisen:

Kreative Weggefährten stellen Fragen

1. Kreative Weggefährten stellen Fragen und sie fragen aus echter Neugier

Das ist wichtig. Fragen stellen kann jeder, aber oft hören wir Fragen wie: „Willst du das wirklich machen?“ „Willst du dir nicht mal einen richtigen Beruf suchen?“ oder „Meinst du, du kannst davon leben?“. Solche Fragen saugen der Kreativität ihre Kraft ab und sie haben nichts mit wahrem Interesse zu tun. In ihnen ist die vermeintliche Antwort schon versteckt, es sind rhetorische Fragen, nur dazu gedacht, uns im Rahmen der Normalität festzuhalten oder uns auf den geebneten Weg zurückzuleiten.
Ganz anders fragen kreative Gefährtinnen. Sie folgen unseren Entwicklungen, weil sie sich für  uns und unsere Arbeit interessieren. Tun wir etwas, das sie nicht begreifen, dann fragen sie, um den Anschluss nicht zu verlieren, um unseren Wegen weiter folgen zu können. Manchmal fragen sie auch, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Aber damit meinen sie nicht den Weg, den andere für uns vorgesehen haben, sondern unseren eigenen. Sie fragen: „Bist du noch auf deinem Weg?“ „Tust du noch das, was dir wichtig ist?“ „Hast du nicht vergessen, wofür dein Herz brennt?“ Und erinnern uns damit an das, was wir uns selbst versprochen haben.
Ein paar der wichtigsten Entwicklungen in meinem Leben, wurden durch die Fragen von anderen in Gang gesetzt. An die Allerwichtigste erinnere ich mich noch ganz genau: Es war in einem Café in der Amsterdammer Pijp, wir aßen Penne mit Pinienkernen und redeten über Kinder und Karriere. Und dann kam da plötzlich dieses: „Bist du glücklich in deinem Beruf? Ich denke immer, du solltest etwas Kreatives machen“.
Rückblickend kann ich sagen, dass die Frage genau zum richtigen Zeitpunkt kam. Aber damals war sie unbequem. Ich hatte gerade erreicht, was in meiner Familie zu erreichen wichtig war: Eine Stelle in einem wissenschaftlichen Institut, meine ersten Veröffentlichungen, die Aussicht auf eine kluge Karriere, ein gutes Gehalt. Weswegen ich auch nicht begeistert rief: „Dank je wel, Marja, für diese großartige Frage“. Sondern erklärte, dass die Wissenschaft durchaus sehr kreativ ist und dass mir meine Arbeit ja sehr viel Spaß machte und anderes Blablabla, bei dem ich schon während ich es äußerte spürte, dass es nicht stimmte. Seit dem Tag hatte ich natürlich keine Ruhe mehr. Wofür ich Marja, von ganzem Herzen dankbar bin. Kreative GefährtInnen haben den Mut unbequeme Fragen zu stellen.

Kreativie Weggefährten lassen uns an ihrem Prozess teilhaben

2. Kreative Wegggefährten legen ihren eigenen kreativen Prozess offen

Sie zeigen uns nicht nur die Ergebnisse, die Preise, die fertigen Meisterwerke. Sondern lassen uns auch an ihren Zweifeln und Suchen, ihren Irrwegen und Umwegen, ihrem Scheitern und Wieder-von-vorne-anfangen teilhaben. Sie beschönigen nicht, weil es ihnen nicht darum geht, dass wir sie anhimmeln. Sie wissen, wie wichtig Austausch unter Kreativen ist, wie wichtig es ist, Weggefährten zu haben. Und darum ermöglichen sie uns mit ihrer Offenheit, den wirklichen Prozess zu sehen und nicht nur die schillernde Oberfläche. Manche meiner kreativen GefährtInnen kenne ich schon seit Jahrzehnten wie Jürgen  oder Milena. Es ist faszinierend, kreative Entwicklungen über so lange Zeit mitzuerleben – aber eben nur, wenn man nicht nur die Erfolge, sondern auch die Fragen, die übermalten Leinwände, die rausgeschnittenen Szenen, die Fehlentscheidungen, die Unsicherheiten zu sehen bekommt. Nur dann kann ein gemeinsamer Prozess entstehen, kann man gemeinsam Kreativität untersuchen und immer besser begreifen. Ein Strich auf dem Papier, eine kreative Arbeit bekommt mehr und andere Bedeutung, wenn man sie im Kontext eines lebenslangen Strebens sehen kann. Kreative Weggefährten machen sich die Mühe, diesen Kontext im Blick zu behalten und sehen darum mehr als nur das einzelne Werk. Und weil sie uns erlauben, auch den Schattenseiten ihres Weges zu folgen, können wir ihnen vertrauen. Wir wissen, dass sie keine Abkürzungen nehmen, es sich nicht leicht machen, dass sie ihre eigenen Beweggründe immer wieder hinterfragen und dass sie das gleiche auch von uns erwarten. Die  Entwicklungen meiner Gefährtinnen dienen mir als Referenzpunkte, wenn ich unsicher bin, ob ich noch auf, dem richtigen Weg bin: meinem.

Kreative Weggefährten überraschen uns

3. Kreative Weggefährten überraschen uns

Auch wenn wir ihren Wegen noch so nah folgen, wir haben keine Ahnung, wo er hinführt. Weil Menschen, die sich wirklich auf den kreativen Prozess einlassen, nie das machen, was wir erwarten. Wenn ich vorhersagen könnte, was die nächste Phase, das nächste Projekt einer Künstlerfreundin ist, dann würde ich anfangen mir Sorgen zu machen. Denn kreative Arbeit ist nun mal nie geradlinig. Kreativität entsteht in einem komplexen Zusammenspiel aus psychischen und ästhetischen Prozessen, aus Assoziationen und Gedächtnisspuren, Wünschen und Experimenten. Im Nachhinein, das fertige Bild betrachtend, mag der Weg logisch und konsequent wirken, aber wenn das neue Thema auftaucht, scheint es oft erst mal ein Bruch mit allem bisher Gemachten. Das geht nicht nur den Betrachtern, sondern auch den Kreativen selbst so. Wie oft hab ich nicht neben einem Künstler in seinem Atelier gestanden, der, seine Arbeit betrachtend, rief: „Keine Ahnung wo das herkommt“. Oder im Manuskript einer Kollegin eine überraschende Wendung entdeckt. „Ich dachte, er bringt sie um?“. Und dann kommt als Antwort so was wie: „Ich war auch überrascht“. Auch daran kann man kreative Gefährtinnen erkennen: Sie können solche Überraschungen akzeptieren. Sie erwarten nicht von sich oder von mir, dass wir alles, was wir tun, erklären können, unserem „Stil“ treu bleiben, tun was im Exposé steht oder irgendwelchen Regeln folgen. Sie wissen, dass der kreative Weg immer erst im Nachhinein als Weg zu erkennen ist. Dass das  Ziel der kreativen Arbeit nicht ist, späteren Generationen die Interpretation unseres Weges zu erleichtern, indem wir als die Meisterin der lila Phasen in Erinnerung bleiben. Sondern im Hier und Jetzt und mit ganzem Herzen unsere Arbeit zu machen, wo immer sie uns auch hinführen will.

Kreative Weggefährten haben keine Angst vor Intensität

4. Kreative Gefährtinnen haben keine Angst vor Intensität

Die Begegnungen mit anderen Kreativen können enorm intensiv sein. Das habe ich besonders in der Arbeit mit anderen Autorinnen erfahren. Gerade weil das Schreiben so ein einsamer und langwieriger Prozess ist, besteht die Gefahr, sich im eigenen Wortgebilde zu verfangen. Meine geistige Gesundheit lege ich dabei vertrauensvoll in die Hände von Ulrike, Jordis  und Dagmar, weil sie mit klugen Kommentaren und Fragen an der richtigen Stelle, vor allem durch ihren wunderbaren Humor dafür sorgen, dass ich mich selbst nicht zu ernst nehme und mich immer wieder aus Verknotungen befreie.
Kreative Gefährtinnen sind Menschen, die relativieren und um die eigenen Fehltritte lachen können. Sie wissen aber auch, wann Ernst angesagt ist und es ums Ganze geht. Sie wissen, dass Kreativität kein Hobby ist, sondern etwas, das mit Haut und Haar berührt, das aus dem Innersten kommt und darum heftig und ernst sein kann – auch wenn man an einem fröhlichen Roman oder einem Fantasybuch schreibt. Die Leichtigkeit, die beim Leser ankommt, das Lachen beim Lesen, der Spaß beim Eintauchen in eine andere Welt, wurde von der Autorin selten mit Fingerschnippen und im Dauerspaß erschaffen. Auch ein fröhliches Buch ist manchmal auf Tränen gebaut (ja wächst nicht der wunderbarste Humor oft auf Widerständen?), auf schlaflosen Nächten und verzweifelten Manuskriptzerstückelungen. Kreative Gefährtinnen wissen all das und wissen auch, wie sie es nehmen sollen, wenn ich ins Telefon klage, dass mein Buch Mist ich oder ich doch lieber Wissenschaftlerin geblieben wäre. Sie streicheln mir dann ein paar mal über den Kopf und schicken mich wieder an den Schreibtisch. Oder in die Sonne.

Kreative Weggefährten fordern uns

5. Kreative Weggefährten fordern uns

Sie fordern nicht, dass wir reich oder schön, dünn oder belesen, vernünftig oder sittsam sind. Aber sie fordern, dass wir unsere kreative Arbeit machen, dass wir uns für diese Arbeit anstrengen und dass wir sie mit dem Herzen machen. Sie fordern es nicht mit Manifesten oder Vorwürfen, nicht mit Anklagen und nicht mit Kündigung. Sie fordern es mit Nähe. Sie wissen, dass allein schon ihre Anwesenheit, die Tatsache, dass sie da sind und dass wir ihr Interesse spüren, uns ermutigt und anfeuert.
Jede von uns ist für jemanden auf diese Weise wichtig. Wir alle sind einander mögliche kreative WeggefährtInnen und davon kann man nie zu viele haben. Macht nicht allein das zu wissen schon Mut zur kreativen Arbeit? Dass jeden Morgen auf dieser Erdkugel viele viele Menschen aufstehen und sich auf ihren Weg machen, zweifeln und lachen, heulen und neu anfangen, aus echter Neugier Fragen stellen, uns ihre unfertigen Arbeiten zeigen und ihre misslungen Entwürfe, uns überraschen und begeistern und mit ihrem Mut immer wieder daran erinnern, dass auch wir mutig sein können und dass wir nicht mehr und nicht weniger machen müssen als genau dies: unserem kreativen Herzen folgen.

Kreative Weggefährten gibt es überall

 

Ode sieben: An die Demut

Frau läuft mit offenen Augen und Händen über die WieseSeit einiger Zeit gehe ich mit einem immensen Glücksgefühl durch das Leben. Ich werde morgens wach und denke: „Was habe ich für ein Glück“. Ich sitze am Schreibtisch und denke: „Ich habe die schönste Arbeit der Welt“. Manchmal überfällt mich in solchen Momenten noch die Angst: Bloß nicht zu laut denken das, sonst wird das Glück sich in Luft auflösen. Bloß nicht zu früh freuen, sonst forderst du das Schicksal heraus. Aber in den letzten Wochen verändert sich das langsam. Denn ich habe etwas begriffen: Das Glück kommt nicht von außen. Ich lebe schon immer in sicheren Ländern, habe nie Hunger leiden müssen. Doch in den Zeiten, in denen es mir finanziell am besten ging, war ich längst nicht so glücklich wie jetzt.
Meine Glücksgefühle hängen auch nicht vom Ort ab. Sie überfallen mich auf unserer Wiese genauso wie in der U-Bahn oder im Supermarkt. Das Glück kommt nicht von draußen, sondern von der Demut. Denn die Demut befreit meine Kreativität auf eine Weise, die ich mir nie vorstellen konnte. Darum sei ihr die siebte Ode gewidmet.

Was Demut ist und wie sie wirkt, habe ich erst diesen Sommer begriffen. Und zwar beim Heumachen.
Sense liegt im GrasUnsere Wiese wurde gemäht. Das macht ein Bauer aus dem Dorf und es geht ruckzuck, ratzfatz. Nur ein kleines Stück der Wiese, ungefähr ein Achtel, wird vom Bauer nicht gemäht – es liegt auf der anderen Seite eines kleinen Bachlaufs und ist für Trecker und Heuballenmaschine nicht erreichbar. Letztes Jahr haben wir Wochen gebraucht, dieses Stück mit dem Einachser zu mähen, das Heu zusammenzuharken und mit der Schubkarre zu einem großen Komposthaufen zu bringen. Damals fand ich die Arbeit in den ersten Stunden noch sehr nett, aber dann fing sie an, mich zu nerven. Ich sah nur die Stunden, die ich verlor. Wie viel Zeichnungen hätte ich in der Zeit nicht machen können!

Dieses mal war das Stressgefühl schon am Anfang da. Allein schon, weil der Einachser ausgerechnet jetzt kaputt war und das Ersatzteil nicht lieferbar.
Ich teilte die kleine Wiese in Gedanken in Abschnitte ein, die wir pro Tag schaffen mussten, wollten wir in zwei Wochen fertig sein. Nach dem Mähen des ersten kleinen Stücks (mit der Sense!) schätzte ich, wieviel Heuhaufen das werden würden. Als die Haufen zusammengeharkt waren, schätzte ich die Anzahl der Schubkarrenfuhren. Noch 26, für jede brauche ich zwei Minuten, das wären…

Blume am Rand der WieseAber dann, während der ersten Stunden, vergaß ich plötzlich zu zählen. Ich merkte, wie gut mir das Arbeiten mit der Heugabel tat. Wie schön es war, draußen zu arbeiten. Ich fand einen Rhythmus. Nicht schnell, nicht langsam. Ich sah Sperber und Bussarde, Gimpel und Ölkäfer. Mir fiel auf, wie unterschiedlich die Konsistenz des Heus ist. Näher am Bach und dem kleine Sumpf wachsen Halme mit breiten Blättern, dazwischen Kuckucksblumen und Weidenröschen. Auf den trockeneren Stücken gibt es mehr Klee und Butterblumen. Und über der ganzen Wiese wiegen sich die roten Spitzen des Sauerampfers.

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Ich vergaß, mich über den Bauern zu ärgern. Ich vergaß, was ich in derselben Zeit anderes hätte machen können. Ich vergaß Termine und To-Do-Listen.
Statt dessen fiel mir auf, was für ein Wunder Trecker sind. Was für ein Wunder wir Menschen sind, dass wir Maschinen erfinden, die uns die Arbeit erleichtern. Vor allem aber: Was für ein Wunder es ist, dass wir auch heute noch ohne Maschinen arbeiten können. Dass wir – wenn wir nur Geduld haben – die Wiese auch mit einer Sense und einer uralten Heugabel mähen können. Ganz ohne Elektrizität oder Abgase. Ganz ohne Lärm oder Uhren. Einfach nur, weil wir Menschen sind und uns die Zeit nehmen. Weil wir unsere Arbeit machen. Nicht schnell, nicht perfekt, nicht großartig. Sondern Heugabel für Heugabel, Wort für Wort, Pinselstrich für Pinselstrich.
Bei diesem Gedanken wusste ich plötzlich, woher mein neues Glück kommt: Ich habe im letzten Jahr die Demut gefunden. Und sie hat mein ganzes Leben bereichert, vor allem aber meine Kreativität.

Demut bedeutet, zu erkennen, wie klein ich bin. Wie klein meine Schritte sind, wie wenig Heu ich auf meine Gabel nehmen kann, wie langsam meine Bewegungen sind. Wie viel wendiger ein Eichhörnchen sich bewegt, wie viel effektiver eine Schwalbe ihre Kraft nutzt. Wie wenig die Natur uns braucht.

Demut bedeutet, wissen, was ich leisten kann und was nicht. Nach Johannes Hessen ist Demut „die Haltung des aufgeschlossenen Auges, der geöffneten Hand“.
„Das Verlangen des Demütigen ist nämlich ohne Anspruch. Er fordert und beansprucht nichts, sondern nimmt alles als reine Gabe, als unverdientes Geschenk hin. Gerade dadurch aber, dass die Demut nichts beansprucht, empfängt sie alles“. *
Genau diese Haltung ist es, die der Kreativität Raum schafft.

Autorin sitzt offenen Auges, offenen Herzens vor einem weißen Blatt Papier

Kreative Arbeit macht Angst. Angst vor dem Ungewissen, Angst vor ihrer Kraft, die uns mitreißen könnte. Angst vor den Reaktionen unserer Umgebung und Angst vor dem Wilden und Ungestümen, das wir in uns entdecken könnten.
Um die Angst zu bewältigen, versuchen wir uns Sicherheiten zu schaffen. Zum Beispiel, indem wir planen, die Richtung bestimmen, unser Ziel festlegen. Wir entwerfen Kapitel oder Leinwände, bereiten Materialien vor, entwickeln theoretische Konzepte, tragen Abgabedaten in unsere Kalender ein.
Sehr menschlich das alles. Angst ist anstrengend und all das sind Versuche, sie zu zügeln, damit sie uns nicht von der Arbeit abhält.

Die Demut ist ein anderer Weg, mit der Angst umzugehen. Denn unsere Angst zu scheitern kommt auch den Größenphantasien, die in unserer Kultur mit Kreativen verbunden werden. Wenn wir Kreative als Genies sehen, die Unglaubliches in die Welt setzen können, Riesiges leisten, Überweltliches schaffen können, dann ist es kein Wunder, dass jeder, die sich an ein kreatives Vorhaben wagt, die Knie schlackern müssen. Denn kaum eine fühlt sich überweltlich oder grandios, wenn sie mit dem Füller in der Hand auf dem Sofa sitzt oder den Pinsel über die Leinwand zieht. Kaum eine fühlt sich genial, wenn sie das fertige Manuskript oder Bild zeigt. Viel öfter als Größenphantasien werden wir im Alltag doch von Zweifeln und Unsicherheiten eingeholt. Weil die kreative Arbeit immer eine Suche im Ungewissen ist. Wer schon angekommen ist, welche Spannung soll der noch aufs Papier bringen?

Demut bedeutet nicht blinde Unterwerfung unter irgendwelche Dogmen. Demut bedeutet nicht, uns zu opfern oder zu kasteien. Demut im Sinne von Johannes Hessen bedeutet, sich von Ansprüchen zu befreien. Von sich selbst weder Geniales noch Perfektes zu erwarten, sondern nur eins: dass wir unsere Arbeit machen und dass wir sie mit Inbrunst machen. Noch so ein schönes altmodisches Wort. Laut Duden bedeutet Inbrunst: „starkes, leidenschaftliches, hingebendes Gefühl, mit dem jemand etwas tut, sich zu jemandem, einer Sache hinwendet“.
Autorin schreit zum HimmelWenn wir unser Bild von Kreativen, von Kunst, von unserer eigenen Arbeit und ihren Ergebnissen kleiner machen, können wir es besser ausfüllen. Dann wissen wir, dass von uns nichts erwartet wird, das wir nicht leisten können. Sondern im Gegenteil, die Welt genau auf das wartet, was wir können und schon in uns haben. Und nur – endlich – rauslassen müssen.

Demut und Inbrunst. Und natürlich, wie immer Spaß. Denn Spaß kommt genau dann, wenn wir frei von Ansprüchen etwas tun, das wir uns zutrauen, das nicht mit Angst besetzt ist.

Habt Spaß und mehret eure Werke!
* Johannes Hessen „Ethik: Grundzüge einer personalistischen Werteethik“, Leiden, Brill 1958)

Die Angst zu scheitern (und wie sie sich in positive Energie verwandeln lässt).

Egal, ob es um eine Unternehmung oder ein kreatives Projekt geht: Wer eine eigene Idee verwirklichen will, bekommt fast immer auch mit der Angst zu scheitern zu tun. Natürlich ist es gruselig, alles auf eine Karte zu setzen. Logisch ist es spannend, die eigenen Ideen ernst zu nehmen. Klar macht es Angst, etwas ganz Neues zu wagen, unbekannte Wege einzuschlagen und Risiken einzugehen.

Autorin wird zu vor Angst erstarrtem Kaninchen

Das Gute aber ist, dass Ängste, wenn wir sie ein wenig anders beétrachten, auch das Potenzial haben, uns zu motivieren, uns die Richtung zu weisen und sogar: uns Mut zu machen. Denn was sind Ängste eigentlich? Wenn wir jetzt mal von Menschen absehen, die sich in wirklich existenziell bedrohlichen Situationen befinden (leider viel zu viele auf dieser Erde), dann sind Ängste Geschichten, die wir uns erzählen. Wir erzählen über etwas, das noch nicht da ist, aber da sein könnte. Wir haben Angst, etwas zu verlieren (Geld, die Wohnung, Freunde, Liebe, Ansehen…) oder etwas zu bekommen (Spott, wütende Reaktionen, Strafe, …). Das Schöne ist, dass unsere Ängste uns gleichzeitig auch davon erzählen, was wir uns wünschen und was uns wichtig ist. Nur sind wir von der Angst oft so gelähmt, dass wir diesen Subtext nicht hören.

Meine Angst zu scheitern, erzählt davon, welchen Erfolg ich mir wünsche, wie schön ich mir mein Buch, Bild oder Projekt vorstelle und wie ich Menschen mit meiner Arbeit glücklich machen will.  Meine Angst, nicht genug mit meiner Unternehmung einzunehmen, erzählt mir von meinem Bedürfnis nach Sicherheit. Und meine Angst, negative Rezensionen zu bekommen oder Menschen mit meinen Texten oder Bildern zu verärgern, erzählt mir von meinem Wunsch geliebt zu werden und der Welt Schönes oder Gutes zu geben. Wenn wir Ängste so lesen, können wir sie in unser Leben integrieren, statt uns überfallen und ausgeliefert zu fühlen und wie ein Kaninchen in der Starre zu verharren. Übersetzen wir unsere Angst in Wünsche oder Werte, fühlen wir sofort wieder Leben in uns. Wir sind wieder in Kontakt mit uns selbst und wechseln von negativer Energie zu positiver. Wir spüren das Gute und Wichtige in uns, das, was uns lockt und treibt, was uns warm und lebendig macht. Wir sind im Hier und Jetzt, statt im gefürchteten Morgen.

Seit ich, sobald ich Angst spüre, nach ihrer Geschichte lausche, wächst mein Mut mit jedem Tag. Die Angst ist nicht weg, aber sie hindert mich nicht mehr so wie früher. Ich kann ihr jetzt folgen. Neben mir aufs Sofa klopfen und die Angst zu einem Pläuschen einladen. Mich mit ihr zusammentun, denn im Grunde wollen wir das Gleiche.

Gespräch mit der Angst

Was mir gerade noch wie kaltes Eis durch die Adern rann, wird zum wärmenden Ofen. Was mich lähmte, bringt mich in Bewegung. Und was mich davon abhielt, meine kreativen oder unternehmerischen Pläne auszuführen, hilft mir jetzt, mich zu verorten und immer besser kennenzulernen.

Mich mit meinen Ängsten zu beschäftigen ist deshalb ein wichtiger Teil meines Inneren Business-Plans. Eine Vision zu entwickeln, ohne meine Ängste zu betrachten, wäre sinnlos. Denn nur wenn meine Vision die echte Nathalie wiederspiegelt – und das ist eben eine mit Ängsten – kann ich an sie glauben und sie zur Richtschnur nehmen.

Mehr Gründe, die Angst zu einem Gespräch unter Freunden einzuladen, findet ihr in diesem Artikel auf entrepreneur.com .

Und hier muss jetzt unbedingt der Ted Talk kommen in dem Elizabeth Gilbert auf so bezaubernde Weise von der Angst zu scheitern erzählt, die auch daher kommt, dass wir uns selbst überschätzen, zuviel Genie von Kreativen erwarten. Wenn wir damit aufhören, verliert die kreative Arbeit einen Teil ihres Schreckens – ach all das kann Elizabeth selbst viel schöner beschreiben:

Ode 6 An das Nichtstun. Oder: Es lebe die Prokrastination!

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Während ich über die Antworten auf Ulrike Zechers Blaumacherfragen nachdachte, fiel mir ein, dass ich schon lange über Prokrastination schreiben will – und darüber, dass sie oft missverstanden wird und fälschlich beschuldigt. Darum widme ich meine sechste Ode der wunderbaren Kraft des Nichtstuns.

 

Als der Begriff Prokrastination aufkam – vor ungefähr 10 Jahren – da fand ich ihn toll. Weil ich diese Aufschieberei nur zu gut kannte und mich in den Texten über sie wiederfand.  John Kellys großartiges Video schien von mir zu handeln – als hätte er mir an einem durchschnittlichen Arbeitstag über die Schulter geschaut.

Am Anfang wurde Prokrastination vor allem als Insiderwitz unter Kreativen diskutiert. Hast du das auch? Wie sind wir doch niedlich! “Die P” war eine der vielen Macken, die Kreative an sich selbst feststellten und über die sie so liebevoll berichteten, wie Eltern über die Streiche ihrer Kleinkinder.

Doch in den Jahren darauf hat sich die Diskussion übers Prokrastinieren verändert. Es wurde nicht mehr als schräge und sympathische Begleiterscheinung gehätschelt. Statt dessen wurde sie zum Problem ernannt: Die böse Prokrastination hindert Kreative an ihrer Arbeit.

Der Gedanke klingt erst mal harmlos. Doch dahinter versteckte sich ein anderer Gedankengang. Der nämlich, dass Kreative nur dann arbeiten, wenn sie malen, schreiben oder am Computer sitzen. Und das ist natürlich Unsinn. Die Prokrastination hindert uns nicht an der kreativen Arbeit, sondern ist Teil unserer Arbeit. Sie gehört genauso zum kreativen Prozess wie Momente wunderbarsten Flows oder Schreibsessions, in denen die Kapitel nur so unter den Tasten herausflutschen. Der Irrtum ist, dass wir, wenn wir weniger prokrastinieren, mehr produzieren würden.

Prokrastionation ist nicht mehr und nicht weniger als ein Symptom dafür, dass wir in unserem kreativen Prozess nicht weiterkommen. Dieses Nicht-Weiterkommen aber kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Mal sind wir uns noch nicht sicher, wie es weitergeht. Mal hindert und sie Angst, vor dem, was da aus uns raus will. Mal ist unser kreativer Organismus noch am Brüten, sind die Ideen noch nicht reif. Sich in solchen Momenten die Prokrastination zu verbieten und wild drauflos zu produzieren, führt selten zu kreativen Fortschritten. Oft entstehen aus so verordneter Produktivität Kapitel, die später wieder aus dem Manuskript gestrichen werden, Bilder, denen die Aussage fehlt oder klischeehafte Plotwendungen. Denn die Prokrastination hindert uns nicht an der kreativen Arbeit – das Hindernis war schon vor ihr da. Sie hindert uns nur daran, trotzdem weiterzumachen und uns mit blinder Produktivität den Weg zur Lösung zu versperren.

prokrastinations-blüteSollen wir also weiter Bleistiftspitzen, Kaffee holen und den Blumen beim Wachsen zuschauen? Vielleicht ja. Denn manchmal kommen eben auf den drei Schritten zur Kaffeemaschine die besten Ideen. Aber in vielen Fällen ist der noch bessere Weg, sich einzugestehen, dass man festhängt. Denn Prokrastination ist der Versuch, diese Einsicht erst malnicht an sich ranzulassen – zu tun, als ob man am Arbeiten wäre. Nur noch kurz was recherchieren, noch mal ein paar Zahlen nachschlagen, den Schreibtisch aufräumen. Das kann auch mal zum kreativen Durchbruch führen, wahrscheinlicher aber ist der, wenn wir uns das erlauben, was zur Kreativität gehört, wie das Wasser zum Strand, aber in unserer auf Produktivität fixierten Welt ganz und gar verwerflich scheint: nichts tun. Wenn wir nichts tun – das heißt unsere Gedanken in keine Richtung drängen, sie keinem Zweck unterwerfen und keinen Zielen folgen lassen, dann entsteht Raum für die berühmten Hinterkopfprozesse. Viele der größten kreativen Durchbrüche sind nicht am Schreibtisch oder an der Staffelei entstanden, sondern auf Spaziergängen, beim Fensterputzen oder Duschen. Oder im Schlaf – wer hat das nicht schon erlebt: morgens wach werden und das Licht sehen. Die Lösung für das gestern noch unlösbar scheinende Problem ist über Nacht, wie von Zauberhand, in unserem Kopf erschienen. Nur dass es nicht die Zauberhand war, sondern das Unterbewusste.

IMG_1373Und vielleicht ist das für die Produktivitätsfanatiker in uns am allerschwierigsten zu fassen: dass Kreativiät zu einem großen Teil nicht vom Bewusstsein gesteuert wird. Wie gruselig, wenn große Werke nicht durch harte Arbeit, Logik und scharfen Verstand entstehen! Sondern durch Hingabe an eine Kraft, die sich bis heute weder in Worten noch in Zahlen oder Diagrammen wirklich fassen lässt.

Zu dieser Hingabe gehört vor allem Vertrauen. Vertrauen darauf, dass die Kraft, die in uns brennt, uns den Weg weisen wird. Dass wir unseren Intuitionen folgen und genau das tun müssen, was sie uns vorschlägt. Auch wenn das eben bedeutet, gar nichts zu tun und geduldig abzuwarten, bis sich der Prozess in uns entfalten kann. Wenn wir dies akzeptieren, können wir uns auch erlauben, Prokrastinieren als das zu erkennen, was es ist: das Signal zum Aufhören. Statt bleistiftspitzend so zu tun, alsob wir arbeiten, können wir das tun, was unserer Kreativität in den meisten Fällen viel mehr bringt: es uns gutgehen lassen. Etwas Schönes kochen, durch den Wald laufen, ein Puzzle machen, schlafen oder Klavier spielen. Was auch immer unser Hirn zur Ruhe kommen lässt – es ist gut.

Hab Vertrauen. Es kann dauern, aber es wird alles gut.

Ode 5: An die Kreative Persönlichkeit: Drei Eigenschaften kreativer Menschen

Worin unterscheiden sich Kreative von anderen Menschen?

Und unterscheidet die kreative Persönlichkeit sich wirklich oder tut sie nur so? Oder tun die anderen nur so, als seien sie nicht genauso verrückt?
Diese Fragen beschäftigen mich schon ziemlich lang und als ich vor ein paar Wochen in Gedanken schon diese fünfte Ode durch meinen Kopf wandern ließ, zog eine lange Liste an Eigenschaften vorbei. Aber desto länger ich sie über meine Synopsen hin- und her balanzieren ließ, desto mehr verschmolzen sie. Jetzt sind es nur noch drei. (Das wäre natürlich ein sehr viel marketingtauglicherer Titel für diesen Post gewesen: “Die drei wichtigsten Eigenschaften kreativer Menschen”. Aber eine Ode ist eben eine Ode und keine Facebook-Anzeige).

Vielleicht fragst du dich, wen ich eigentlich mit “Kreative” meine. Berühmte Künstler, Nobelpreisträger? Oder dürfen sich auch die dazuzählen, die eigentlich gerne möchten, aber sich noch nicht trauen? Das wirst du selbst entscheiden müssen – ich jedenfalls glaube fest daran, dass alle Menschen kreativ sein können. Viele können aber – durch Erziehung oder andere Faktoren – ihre Kreativität nicht zeigen. Ihr nicht erlauben, sich zu äußern.

Sie verkriecht sich dann in den hintersten Winkel unseres Geistes.

Kreative Persönlichkeit verkümmert

Zum Glück lässt sich Kreativität aber zu jedem Zeitpunkt wiederbeleben. 

Die Kreative Persönlichkeit wiederbeleben

Sie wird nach Jahren des Schattendaseins natürlich nicht gleich mit voller Wucht über dich herfallen. Aber wenn du sie täglich ein wenig hätschelst und pflegst, ihr mit sanfter Stimme ermutigende Worte zusprichst und versprichst dich für nichts, aber auch gar nichts zu schämen, was sie äußert, dann wird sie bald wieder zu Kräften finden.

Glaub nur nicht, dass sie sich danach wieder mit einem Schattendasein abfinden wird. Das macht aber nichts, denn wer einmal gespürt hat, wie lebendig und glücklich sie macht, wird sie sowieso nicht mehr missen wollen.

Okay – das war die Einleitung. Eigentlich gehts hier ja um die Eigenschaften der kreativen Persönlichkeit:

1. Kreative haben eigene Fragen

Kreativ fängt früh an und zwar oft so ungefähr mit 9 Jahren. Ohne, dass sie sich dann schon Künstler nennen würden oder Worte für ihren Zustand hätten, entdecken nämlich um dieses Alter rum viele Kreative ihr Thema. Oder besser gesagt: Die Fragen, die ihnen von da an das Leben schwer aber spannend machen werden. Nicht, dass den jungen Kreativen das bewusst wäre: Sie wundern sich nur darüber, dass sie andere Interessen als Gleichaltrige haben. Fühlen sich mit ihrer scheinbar altersungemäßen Motivation seltsam und fehl am Platz.

Rückblickend können erwachsene Kreative aber oft die Momente benennen, in denen ihnen die ersten Fragen und Gedanken zu dem Thema kamen, das später ihre kreative Arbeit bestimmt. Jene Frage, die sie zu bestimmten Materialien greifen und sie mit Formen oder Klängen experimentieren lässt und die sie immer weitertreibt auf einer lebenslangen Forschungsreise durch die Kreative Galaxie.

Wie wichtig die eigenen Fragen sind, wurde mir schon am Ende der Grundschule bewusst, als ich einem Mädchen aus der Nachbarschaft bei den Hausaufgaben helfen sollte. Als ich bei ihr klingelte, war sie alleine zu Hause. Und als sie die Tür öffnete, fingen ihre Augen zu strahlen an. Sie war froh mich zu sehen, und als ich durch die Wohnung lief, begriff ich warum: Die Wohnung war leer. Nicht nur leer an Menschen, auch leer an allem, das hätte inspirieren können: Es gab keine Bilder, keine Bücher, keine Musik, nichts, woran mein Blick sich hätte aufhalten wollen. Sie lief wie ein junger Hund vorfreudig neben mir her, bis ich sagte, „Dann machen wir jetzt die Hausaufgaben“. Da war das Leuchten in ihren Augen so schnell weg, wie es gekommen war. Und dieses Bild: Wie Augen anfangen zu leuchten oder wieder erlöschen, hat mich seitdem wie ein kleines Wesen im Kopf begleitet. Wenn es auftaucht, kann mein Bewusstsein den Link zu meiner Frage oft noch gar nicht erkennen. Später erkenne ich dann, dass auch das Buch oder Projekt, an dem ich gerade arbeite, Leuchten und Nichtleuchten zum Thema hat.

Augen strahlen butn

2. Kreative haben Alternativen

Weil sie von einer inneren Motivation geleitet werden, haben die Normen und Regeln der Umgebung für Kreative nur eine eingeschränkte Bedeutung. „If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer“ , schrieb Thoreau in “Walden”. Die Umgebung reagiert oft empfindlich, auf jene, die einer anderen Melodie folgen. Aber für die meisten Kreativen ist der Drive, ihren inneren Fragen zu folgen, nicht etwas, das sie nach Belieben abstellen können. Sie erfahren ihn als Notwendigkeit, als etwas, das sie tun müssen und täten sie es nicht, so hätten sie ihrem Leben den Sinn genommen. (Zu dem Thema hab ich Das kleine Buch vom Kreativen Ersticken gemacht, das du hier lesen kannst).

Der kreative Geist ist in der Lage, sich Dinge vorzustellen, die es nicht gibt, und – das ist wichtig – diese ebenso ernst zu nehmen, wie das, was sie im echten Leben mit Händen greifen können. Nichts ist unveränderbar festgeschrieben und wenn man ein paar Striche hinzufügt oder ein paar Worte ändert, lassen sich auch Normen und Regeln ändern.

Kreative Lösung mit der Schere

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, hat Picabia gesagt und das ist für Kreative alltägliche Erfahrung. Sie haben nicht so ein großes Bedürfnis an starren Regeln und Normen. Tatsächlich scheint der Thalamus bei kreativen Menschen seine Aufgabe nicht ganz so gewissenhaft zu erfüllen.
Bei den meisten Menschen funktioniert der Thalamus wie ein Türsteher des Informationsflusses. Er lässt Eindrücke durch, die zu der bisherigen Erfahrung passen. All jenen Informationen hingegen, die nicht “passen” und die die Ordnung im Gehirn durcheinanderbringen könnten, verwehrt der Thalamus den Durchgang
(Viel besser erklärt wird das in diesem Artikel im Deutschen Ärzteblatt).

Bei Kreativen scheint nun der Thalamus durchlässiger. Statt mit dem Vorschlaghammer auf alles loszugehen, was das Gehirn in Unordnung versetzen könnte, lässt er “unpassende Eindrücke” passieren. (Aha, denkst du jetzt vielleicht, endlich weiß ich, was mit meinem Hirn los ist: MeinTürsteher schläft!)

Die Zensur schläft

Kreative verfügen durch diesen ungefilterten Eingang über ein breiteres Spektrum an Wahrnehmungen, Erfahrungen und Ideen. In ihrem Kopf befindet sich sowohl “das Passende” als auch “das Unpassende”. Kein Wunder, dass Leute mit einem so ungezügelten Gehirn auch eine größere Ambiguitätstoleranz zeigen. Sie erwarten nicht, dass das Leben eindeutig ist und können Gegensätze aushalten.

Wer mag kann Kreativität also als Abweichung des Gehirns empfinden. Da ich daran glaube, dass das Gehirn plastisch ist und sich entsprechend unseres Gebrauches formt, bin ich anderer Ansicht: Kreative haben den schlappen Türsteher nicht aus Versehen erwischt, sondern ihn sich so erzogen. Aber was hier Huhn oder Ei ist mögen andere untersuchen. Auch bezüglich der Frage, ob der schwache Thalamus oder der von Kreativen zur Durchlässigkeite getrimmte Türsteher dafür verantwortlich ist, dass Kreative in ihrer Persönlichkeit gegensätzliche Persönlichkeitsmerkmale vereinen. Das nämlich hat Mihaly Csikszentmihalyi festgestellt. Kreative Menschen sind introvertiert und extravertiert, ruhig und voller Energie, klug und von kindlicher Naivität… ach lest es doch selbst nach in Csikszentmihalyis wunderbarem Buch “Flow”.

Kurz gesagt: Kreative haben viele Leben. Gelebte und vorgestellte. Das macht sie komplex. Sie sind für Menschen, denen Normen und eindeutige Kategorien wichtiger sind, darum oft schwer zu begreifen. „Gestern hast du noch gesagt, dass….“ „Kannst du nicht mal bei einer Sache bleiben?“ (Und wahrscheinlich bleibt der Kreative tatsächlich sogar bei einer Sache – nur ist diese Sache seine ganz persönliche Forschungsreise und ist von außen der rote Faden seiner Suche nicht zu erkennen).

Warum sind manche Menschen kreativer als andere?

Es mag so scheinen, als ob Kreative einfach Glück haben. Oder Pech – je nach Perspektive. Aber daran glaube ich nicht. Ich glaube daran, dass Kreativität nicht nur aus angeborenen Talenten besteht. Man bekommt sie nicht in den Schoß gelegt , sondern muss sie auch wählen.

Probleme für Künstler Persönlichkeiten

Viele trauen sich das nicht. Denn der Weg der Kreativität ist ein einsamer Weg: Um der eigenen Frage zu folgen, muss man es aushalten, sich mit etwas zu beschäftigen, das anderen nicht verständlich ist. Das man nie ganz mit ihnen teilen kann. Deshalb ist die dritte Eigenschaft kreativer Menschen: Mut.

3. Kreative haben Mut

Zur kreativen Persönlichkeit gehört Mut

Der kreative Weg führt ins Ungewisse. Es kann sein, dass unsere Suche Resultate bringt, die andere begeistern und die uns zu Millionären machen. Es kann aber auch sein, dass andere unsere Frage und Antworten nicht verstehen. Dass wir uns mit etwas beschäftigen, das erst in 200 Jahren für andere wichtig ist und wir wie Van Gogh die materiellen Früchte unserer Arbeit nicht mehr pflücken können.

Wenn die Umgebung mit Unverständnis reagiert, geben viele auf. Zu schmerzhaft ist es, immer allein mit der eigenen Begeisterung zu sein. Zu schmerzhaft ist es, wenn um einen herum alle Karrieren vorzeigen, nur man selbst nicht.

Warum schaffen es dann doch einige, weiterzumachen? Ihren ganz persönlichen Fragen zu folgen? Ihre kreative Arbeit genau so zu machen, wie sie ihnen im Herzen rumpelt? Weil sie es spüren. Weil sie bei der Arbeit – nicht immer aber immer öfter – spüren, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Nicht richtig im Sinne von normal oder sicher, sondern richtig auf jene einzigartige Weise, die man im Herzen beben und im ganzen Körper resonieren fühlt. Richtig auf jene Weise, die Howard Thurman als “lebendig” beschrieb: “Don’t ask what the world needs. Ask what makes you come alive, and go do it. Because what the world needs is more people who have come alive.”

Und warum bitteschön braucht die Welt Leute, die lebendig sind? Weil diese Lebendigkeit bedeutet, dass wir in Kontakt mit dem sind, was uns ausmacht. Dass wir authentisch sind und authentisch handeln: unverstellt, ehrlich und aus vollem Herzen.

Ja, das braucht die Welt.

Noch kurz zurück zu Van Gogh. Manche werden zu Lebzeiten berühmt, andere – ohne es je zu erfahren – nach ihrem Tode. Und manche nie. Am wahrscheinlichsten aber ist jenes Szenario: Dass wir – mit Geduld und Zeit – eine kleine Gruppe Menschen finden werden, die von unserer Arbeit begeistert sind, deren Augen zu leuchten anfangen, wenn sie unseren Bildern, Büchern, Kompositionen, Theaterstücken, Filmen oder Skulpturen (…) begegnen. Und das ist genug. Denn jedes Paar Augen, das wir zum Leuchten bringen, jedes Herz, das wir mit unserer Arbeit berühren, ist der wahre Lohn unserer Arbeit.