Kreativität – die geheime Zutat des Kochens. Von Anne Webert.

“Drei Dinge braucht es, um gut zu kochen: gute Zutaten, scharfe Messer und eine Portion Kreativität.” Anne Webert

Die Autorin und Fotografin Anne Webert fotografiert von Petra Zobel

Foto von Petra Zobel

Im wunderbaren texttreff ist wieder Blogwichtel-Zeit und dieses Jahr hat mir das Los das Blog “Annes Art” zugeteilt, ein tolles Match, finde ich. Denn nicht nur hatten Anne und ich sofort das gleiche Thema für unsere Artikel im Kopf ( “was mit Kreativität und Kochen“ ), uns verbindet auch, dass wir beide mit Worten und Bildern arbeiten. Anne Webert ist freie TV-Journalistin, Autorin und Fotografin, lebt am Ammersee und schreibt u.a. über Kultur, Natur und slowfood  Die Fotos und Texte in ihren Blogs solltet ihr euch unbedingt anschauen – dass sie auch zeichnen kann, zeigen die wunderbaren Illustrationen zu diesem Blogbeitrag.

Kreativität – die geheime Zutat des Kochens.

Von Anne Webert

Drei Dinge braucht es, um gut zu kochen: gute Zutaten, scharfe Messer und eine Portion Kreativität. Natürlich kann man sich auf Rezepte und/oder Klassiker besinnen und damit auch durchweg gute Essen bereiten. Aber die wahre Meisterschaft verlangt einfach eine Prise Wagemut, um aus gutem Essen wirklich gutes Essen zu machen. Und Spaß macht es obendrein.

Der Grundstock

Jeder von uns kennt zwei, drei Kombinationen die ihm schmecken und perfekt harmonieren. Ich muss da immer an RATATOUILLE denken – die Feinschmecker-Ratte Remy versucht ihren Bruder Emile zu überzeugen, das die richtige Kombination von Geschmacksrichtungen zusätzlichen kulinarischen Genuss bringt.

  • Käse und Birne/Traube
  • Eier und Speck
  • Tomaten und Mozzarella
  • Schokolade und Nüsse
  • Garnelen und Chili

Nehmt diese Beispiele als Ausgangspunkt – es gibt ganz viele davon. Sie verbinden immer zwei Geschmacksbereiche die sich ergänzen – salzig, süß, umami, sauer, scharf, bitter. Dazu kommt die verschiedene Textur – also weich, knusprig, samtig, saftig…  es sind diese kleine Kombinationen, die für ein mehr an Geschmack sorgen.

Ergänzt die Ausgangsbasis mit einer dritten Zutat – es sollte darauf hinauslaufen, dass ihr auf jeden Fall salzig, süß und sauer zusammenbringt. Alles andere kommt dann on top.

Tomaten in Ofenschale

Am Anfang war der Rest

Ein wenig Suppe, ein Stückchen Fleisch oder etwas übrig gebliebenes Gemüse, sie sind der ideale Anfang eines neuen Gerichtes. Der Blick in den Kühlschrank, die Vorratskammer zeigt euch was außerdem vorhanden ist.

Suppe – natürlich kann man sie verlängern oder in eine neue integrieren. Aber das wäre ja zweimal Suppe hintereinander 😉 Also nehmt den Suppenrest als Ausgangsbasis für eine Soße oder Bestandteil einer Vinaigrette. Oder schiebt Gemüse/Kartoffeln in den Ofen und gebt sie als Flüssigkeit dazu. Je nachdem, wie lange ihr das Gemüse dann bruzzeln lasst, verschwindet sie und lässt den Geschmack zurück.

Basilikum Illustration von Anne WebertFleisch – da es bereits gegart ist, habt ihr die Wahl zwischen warm und kalt. Gebt ihm Pep durch Gewürze, bratet es knusprig an, schneidet es in Scheiben und macht eine kalte Soße dazu, schneidet es in Würfel und mischt es mit Salat, Gemüse und einer Vinaigrette.

Gemüse – das Richtige für eine Pfannkuchenfüllung, einen Auflauf oder mit Reis oder Nudeln in der Pfanne gebraten, mit Frischkäse püriert als Brotaufstrich.

Entscheidet euch in welche Richtung ihr gehen wollt – wonach ist euch denn heute? Italienisch, Asiatisch, Thai, Deutsch oder ganz was anderes?

Unterschiedliche Landesküchen erhaltet ihr sowohl durch Gewürze, als auch durch die begleitenden Zutaten.

Italienischer wird es durch frischen Basilikum, Tomaten, Pesto, Sardellen; als Beilagen kommen Polenta, Pasta oder Gnocchi ins Spiel. Asiatischen Flair erreicht ihr mit Hilfe von Zimt, Anis, Chili, Ingwer, Cumin… dazu Reis oder Woknudeln. Bei Thai darf noch mehr Chili rein oder ein Curry kann den Ton angeben, alles verbunden durch Kokosmilch … ihr seht schon – es gibt unendlich viele Möglichkeiten.

Topf mit Pinsel und Bleistift

Das I-Tüpfelchen

Einerseits wichtig für den Geschmack, anderseits unverzichtbar für die Optik – frische Kräuter, abgeriebene Zitronenschale, angebratene (oder auch karamellisierte) Nüsse / Kerne, Granatapfelkerne, knusprige Croutons oder auch ein Löffel Schmand, Pesto oder Dal. Sie geben Pep und ergänzen die Gerichte perfekt.

Natürlich nicht alle gleichzeitig.

Probiert es aus und habt keine Angst, dass es nicht schmeckt. Das kann natürlich mal passieren, aber ihr lernt dadurch und werdet beim nächsten Versuch diese Kombination meiden.

Kräuter zum Trocknen aufgehängt

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Online-Kurs “Die kreative Befreiung”

Online-Kurs Kreative BefreiungSchluss mit den Kreativblockern – in diesem 12wöchigen Kurs sprengen wir den Rahmen und entsorgen die 11 hindernden Vorstellungen aus denen der Rahmen besteht. Mit kreativen Aufgaben und Gewahrseinsübungen entdeckst du die vielen wunderbaren Seiten deiner kreativen Persönlichkeit und findest neue Bilder für deine kreativen Arbeitsweisen. 

Wie läuft der Kurs ab? Nach der Anmeldung bekommst du Zugang zu der Kursseite. Dort erwartet dich drei mal in der Woche Inspirierendes und Ermutigendes zur kreativen Befreiung: Videos mit kreativen Aufgaben,  Kritzelblätter und Gewahrseins-Übungen. In einer geheimen facebook-Gruppe gibt es Gelegenheit zum Austausch, Fragen und Diskussionen,  zu gegenseitiger Inspiration und Ermutigung. 

Zeitlicher Ablauf: In der ersten Dezemberhälfte fangen wir mit zwei Workshops an. Vom 18. Dezember bis zum 9. Januar habt ihr dann Zeit, entspannt an einer Aufgabe zu arbeiten. Die anderen 10 Workshops finden  in der Zeit vom 10. Januar bis zum 23. März statt.

Der Workshop kostet 150 Euro (inkl. Mehrwertsteuer).
Anmelden kannst du dich über diesen Link:
Kurs Kreative Befreiung

Lasst uns den Rahmen sprengen und die kreativen Kräfte befreien!

Wie ich in die Leere zog und mit Kreativität zurückkam – Ode 10 an den Leerlauf

In deinem Kopf gibt es einen kleinen Hebel, mit dem du deine Gedanken auf Leerlauf stellen kannst. Nur vergessen wir oft, dass es ihn gibt. Ich jedenfalls.

Diese Ode handelt von einer, die mal kurz Pause machen wollte, und wie die Pause dann immer länger wurde. Am 24. Dezember hatte ich mich mit meinem letzten Adventskalender-Filmchen in die Ferien verabschiedet. Nach den Feiertagen sollten wir in unsere Kate in Holstein fahren. Weil ich dort weder Handy-Empfang noch WLAN haben würde, wollte ich die Zeit gleich auch für einen kleine Rückzug aus dem Online-Leben nutzen. Vor dem kreativen LeerlaufDenn ich versuche schon länger, ein Buch zu schreiben, das mir sehr wichtig ist, kam aber in den letzten Monaten nicht vorwärts.

Meine Gedanken waren zerstreut, ich fing immer wieder von vorne an, konnte mich schlecht konzentrieren. Vielleicht würden zwei Wochen ganz ohne Input von außen, mir helfen, meine Gedanken zu sortieren? Inzwischen sind 5 Wochen vergangen und ich möchte gerne mit euch teilen, was diese Zeit in mir ausgelöst hat.

1.Ruhe

In dieser hektischen Zeit, in der wir fast ununterbrochen zur Kommunikation eingeladen werden, hatte ich fast vergessen, was Ruhe wirklich ist. Ruhe ist nicht, auf dem Sofa sitzen und mit Freunden whatsappen. Ruhe ist auch nicht, ins Kino gehen, um einen entspannten Abend zu erleben. Ruhe ist nicht, beim Kaffee inpirierende Instagramm-Accounts durchzuschauen. All das ist sehr nett, aber es ist nicht Ruhe, sondern Entertainment – das deutsche Wort trifft es besser: Unterhaltung. Ich unterhalte mich oder lasse mich unterhalten. Ich befinde mich also in einer Interaktion mit der Welt, beschäftige mich mit Inhalten, nehme neue Informationen auf. Meine Sinnesorgane bekommen Reize, die verarbeitet werden wollen. Diese Reize sind im modernen Alltag viel mit elektrischem Licht, Tonaufnahmen und jeder Menge Sprache verbunden.

Was Ruhe ist, habe ich wieder erfahren, als ich auf unserer Wiese am Bach entlang lief trödelte. Ruhe ist, keine Botschaften zu hören. Geräusche schon: Das Zwitschern der Vögel, der Wind in den Weiden, das Wasser im Bach, das jeden Tag ein wenig anders klingt, mal plätschernd, mal rauschend.

Doch selbst wenn der Bach wie in den ersten Tagen dieses Jahres wild brausend den Hügel hinab strömt, ist es nie so “laut” wie die Stimme in einem Video. Denn der Bach erzählt nicht in Sprache, will mein Hirn nicht mit einer Botschaft erreichen. Was er erzählt, kann ich mir selbst ausdenken. Und darum kehrt in meinem Kopf eine Ruhe ein, die keine Stille ist: Es ist die Ruhe, mich selbst wahrzunehmen. Mich zu spüren. Meine Sinne zu hören. Meinen Körper zu fühlen.

Und so geht es mit allen Sinnen. Meine Augen sehen die Strukturen der Bäume, die fahlen Grüntöne der Wiese, doch weder die Äste noch die Halme rufen mir etwas zu. Was auch immer mir bei diesem Anblick durch den Kopf geht, sind meinen eigenen Erfahrungen, meine eigenen Ideen.

Wenn Augen und Ohren sich beruhigen, kommen auch die anderen Sinne wieder an die Oberfläche. Der Geruch der Luft an einem kalten Morgen. Die Hände um die warme Kaffeetasse. Ich spüre, was ich brauche. Ich spüre, was ich will, was mir wichtig ist.

Wenn ich von Ruhe rede, meine ich nicht Stille. Am Bach war ich immer nur kurz, es war schließlich affenkalt und nach einem kurzen Streifzug draußen lockte es mich schnell wieder an die warme Hexe. Drinnen in der großen Küche war ich selten allein und es war dort auch nie still (außer Arthur, mir und zwei unserer Töchter waren Freunde aus Holland da und immer wieder schneiten Freunde aus der Umgebung rein). Wir haben gekocht und gespielt und erzählt. Aber es gab auch immer die Gelegenheit, mich aus dem Geschehen zurückzuziehen, träumend auf dem Sofa zu sitzen oder in Gedanken verloren in der Suppe zu rühren. Schon nach ein paar Tagen fing etwas in mir zu wirken an.

2. Die Kreativlawine

Es fing harmlos an, mit vagen Ideen, die noch keine Kontur hatten. Ich nenne das kreative Gefühle, denn ich kann sie spüren, aber noch nicht in Worten benennen, auch noch nicht zeichnen. Nach ein paar Tagen wurde der Prozess heftiger und die Nächte kürzer: Wenn ein kreativer Prozess so richtig in Gang kommt, werde ich vor Aufregung früh wach. Ich muss dann aufstehen, um die Energie loszuwerden. Um fünf Uhr morgens war es noch stockdunkel draußen, ich lief hin und her durch die Küche, machte die Hexe an, sah dem Feuer zu, lief wieder durch die Küche. Noch nichts Konkretes im Kopf, nichts um aufzuschreiben. In solchen Momenten ist es wichtig, mich nicht zu drängen. Nicht zu früh zuzugreifen, nicht zu früh Form zu geben, an das, was sich noch nicht ganz gebildet hat. Wenn ich Ruhe habe, kann ich diese Geduld aufbringen. Weil ich den Prozess spüre. Spüre, dass ich auf dem Weg bin und Vertrauen fühle, dass es der richtige Weg ist. Rückblickend weiß ich, dass ich in den letzten Monaten diese Ruhe nicht hatte. Ich hatte vergessen, wie wichtig sie ist, hatte versucht, die Kreativität in meinem vollen Terminplan unterzubringen, nebenher noch irgendwie hinzukriegen. Aber so funktioniert das bei mir nicht. Kleine kreative Prozesse finden so vielleicht genug Zeit. Aber tiefere kreative Prozesse, bei denen es um wichtige Erfahrungen, große neue Erkenntnisse oder komplexe Zusammenhänge geht,  brauchen mehr Ruhe: Sie können sich nur formen, wenn ich innerlich in die Tiefe gehen kann.

Doch zurück in die Kate. Jetzt, wo ich die Ruhe eingeladen hatte, nahm mein kreatives Wesen sich, was ich ihr so lange verwehrt hatte. Sie sprühte und sprudelte und ich wurde von einer Kreativlawine überrollt. So nenne ich es, wenn ganz viel gleichzeitig kommt: All das, was sich in Monaten aufgespart und angesammelt hatte. Was sich in den hektischen Zeiten nicht hatte entfalten konnte und jetzt auf Verarbeitung wartete. Was zu komplex war, um nebenher zu bewältigen, den ganzen Kopf und Körper brauchte. Jetzt, wo Zeit und Raum, wo Ruhe da war, sprang das alles an die Luft. Es sprang so reichlich, dass ich meinen 2-Wochen-Rückzug einfach verlängern musste.

Chaos gehoert zum kreativen Prozess

3. Das böse Online?

War es wirklich die Abstinenz vom Netz, die meine Kreativlawine ausgelöst hat? Sie hat sicher geholfen, die einzige Ursache war sie aber nicht. Ich glaube, facebook und andere Online-Medien sind tatsächlich ruhestörender als analoge Medien*. Denn wenn ich facebook öffne, um zu lesen, was Freundin X oder Kollegin Y gerade macht, begegne ich, ohne es zu wollen, auch sehr viel anderen Informationen. Es ist nur schwer zu dosieren und nur schwer zu beeinflussen, was genau ich mir an Inspiration reinziehe, wenn ich zehn Minuten online bin. Gehe ich zehn Minuten in die Bücherei oder durch die Stadt, begegnet mir zwar auch vieles, aber ich kann das selbst mehr beeinflussen. Vor allem kann ich es intuitiv beeinflussen: Im Buchladen zieht es mich intuitiv in die Ecke mit den Reiseberichten und ich ignoriere den Tisch mit den Biografien. Im Museum entscheidet mein Bauchgefühl, dass ich mir heute nur drei Gemälde anschaue und den Raum mit den Skulpturen auslasse. Oder in einem Raum voller Monitore zieht es mich nur zu dem einen Video von Ulay, das mich noch Jahre später inspirieren wird, die anderen fallen mir gar nicht auf. Auch bei facebook und instragram bewege ich mich mit dem Bauchgefühl vorwärts, aber weil es die Nachrichten dort nur anhand von Bildern und Worten beurteilen kann, bekommt es nur wenige Informationen. Zudem muss es sich online oft viel schneller entscheiden. Klack, klack, klack schießen die Bilder in der Timeline vorbei, zu schnell oft, um wegzuschauen. Im Buchladen ist das einfacher. Dort kann ich mich erst mal zögernd im Raum umschauen, meinem Bauchgefühl Zeit geben, alle ersten Eindrücke zu verarbeiten, bevor es dann in eine Richtung geht. Ich möchte in Zukunft bewusster entscheiden, wann ich online gehe – nicht gleich morgens zum Beispiel, lieber nach der Arbeit an meinen kreativen Projekten. Und ich werde versuchen, auch online mehr auf mein Bauchgefühl zu achten.

Dennoch sind die sozialen Medien nicht die Ursache meines Problems. Denn  vor vielen Jahren, um 2005 hatte ich schon mal dasselbe Problem – obwohl ich damals noch kaum online war.

4. Über-Inspiration

Bevor wir 2006 aus Den Haag nach Schönwalde zogen, hatte ich auch eine Phase, in der ich unter einem Zuviel an Inspiration litt. In der intensiven kulturellen Umgebung der niederländischen “Randstad” gab es soviel zu entdecken, dass ich mich in Gedanken zerriss. Ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie schnell neue Läden, Galerien, soziale Initiativen aus der Luft schossen. Weil ich alles interessant fand, ließ ich mich andauernd von den neuen Ideen mitreißen. So kam ich nicht mehr dazu, all die Informationen zu verarbeiten, geschweige denn meine eigenen Ideen weiterzuentwickeln.  Damals wirkte der Umzug aufs Land Wunder. In der kulturellen Ödnis Ostholsteins, tagaus, tagein nur von Natur umgeben, konnte ich gar nicht anders, als mich mit meinen eigenen Ideen beschäftigen. Natürlich fehlte mir dort dann nach einer Weile etwas anderes, das für Kreative wichtig ist: eine Umgebung, in der kreative Projekte gedeihen können und der Austausch mit Weggefährten. (Dem Internet sei Dank konnte ich diese Bedürfnisse per Skype, facebook und Online-Netzwerken befriedigen, sonst hätte ich schon viel früher wieder in die Stadt ziehen müssen).

Jetzt wohne ich seit fast anderthalb Jahren wieder in der Stadt und ich liebe es. Ich liebe die bunte, multikulturelle, kreative Umgebung, genieße jeden Tag, die Vielseitigkeit dieser Stadt. Kaum trete ich aus dem Haus, bin ich auf dem Campus der Fachhochschule, mehr als 100 Nationen Studenten lernen hier und jeden Tag  entdecke ich hier etwas Neues: Umfragen, Plakate, Einladungen zu Podiumsdiskussionen. So sehr mir die Ruhe in Holstein gut getan hat, ich war mir auch sehr bewusst davon, dass ich nie wieder in einer solchen weißen Monokultur leben will. Gleichzeitig bin ich nun aber auch wieder in einer Umgebung, in der ich von Inspiration überfallen werde. Anders als 2005 weiß ich jetzt aber, wie ich mich vor Über-Inspiration schützen  und meinen eigenen Ideen Raum zur Entfaltung geben kann: Ich brauche Leerlauf.

5. Gang raus

Kreativität besteht aus einem Wechselspiel aus Offenheit und Rückzug, Fokus und Leerlauf. Wenn ich offen in die Welt schaue, sammle ich einen Teil des Materials für meinen Arbeit. Der andere Teil des Materials kommt aus mir: Es sind meine eigenen Wahrnehmungen und Gefühle. Beides bildet zusammen den Schatz, aus dem Kreatives entstehen kann. Doch damit sich das Neue formen kann, brauchen wir Leere. Leere im Kopf. In solchen Phasen brauchen wir vor allem eine Ideen-und-Meinungen-Abstinenz. Damit ich meine eigenen Ideen hören kann, muss ich mich eine Weile vor den Ideen von anderen verschließen. Ich weiß erst mal genug, brauch keine neuen Infos, sondern muss all der schon gesammelten Inspiration und den schon gesammelten Erfahrungen jetzt endlich Raum und Zeit geben, sich zu setzen. Dafür brauche ich Zeit, in der meGang raus nehmen - Kreativer arbeitenine inneren Prozesse sich im Leerlauf bewegen können. Es hilft mir, meinen Kopf dafür in meiner Fantasie mit einer richtigen Gangschaltung auszustatten und den Hebel bewusst auf “Leerlauf” zu schieben. Dabei mache ich mir klar, was es bedeuten würde, einen Gang einzulegen: Ein Gang gibt ein konkretes Ziel vor. Damit will ich etwas Bestimmtes erreichen und zwar in einer bestimmten Geschwindigkeit. Doch mit einer solchen Zielsetzung kann der Prozess in meinem Kopf sich nicht mehr frei entfalten, ihm ist eine Richtung vorgegeben. In anderen Momenten im kreativen Prozess bin ich froh, dass ich auch einen vierten Gang habe (Los jetzt Nathalie, du weißt genau, was du machen willst, also bring das jetzt auch aufs Papier) und mit Fokus an der Umsetzung meiner Ideen arbeiten kann.. Aber wenn ich noch nicht genau weiß, was ich will, was alles ins Buch soll, oder wenn ich während der Arbeit merke, dass mein Konzept nicht aufgeht, dann braucht der kreative Prozess Raum. Frei-Raum, ganz frei und ohne Ziel genau das zu untersuchen, was tief in mir auf Antworten wartet. Es sucht Antworten auf Fragen, die noch nicht in Worte gefasst werden können – wie sollte ich da eine Richtung vorgeben können?

Ich liege im Leerlauf-Modus auf dem Sofa und bereite eine Revolution vor

6. Leerlauf im Alltag

Ich glaube, ich brauche sowohl täglich (oder zumindest an jedem Tag, an dem ich kreativ arbeiten will) kürzere Leerlauf-Momente als auch hin und wieder eine längere Leerlauf-Phase, eine Woche am Bach oder ein Wochenende Wandern. Der tägliche Leerlauf braucht nicht lang zu sein, ich habe ein bisschen herum experimentiert und gemerkt, dass ich mit 20 Minuten schon sehr viel in mir lockern kann. Diese kurzen Leerlauf-Momente tun so gut, dass ich sie zu einer Routine machen will, mit der ich jede kreative Arbeitsphase anfange. Für mich heißt es jetzt wieder: Jeden Tag ein bisschen Leerlauf.

Damit diese Routine so richtig Spaß macht und ich nicht vergesse, warum sie wichtig ist und wie das mit dem Leerlauf funktioniert, bastle ich mir gerade etwas Schönes. Dazu bald mehr. Und Leerlauf-Wochen möchte ich jetzt fest in meinen Kalender einplanen. Dabei freue ich mich über Mit-LeerläuferInnen, die Kate bietet Raum für sechs Kreative, die Daten für die nächste Leerlauf-Woche stelle ich dann bald hier ein. Jetzt wo ich wieder weiß, wie ich mich im Alltag vor Über-Inspiration schützen kann, freue ich mich nämlich auch wieder auf den Online-Teil meines kreativen Lebens und werde sicher wieder viel hier zu finden sein.

*Ich möchte hier nicht auf die Hasskommentare und politische Hetze bei facebook eingehen. Einerseits, weil die in meiner eigenen Timeline zum Glück keine Rolle spielen (meine facebook Bubble ist offen, multikulti und kreativ, weil ich mich nur mit solchen Menschen vernetze). Andererseits, weil das Problem, das ich hier thematisiere, unabhängig davon existiert. Was die aktuelle politische Situation und die vielen rechten Pöbeleien für die Kreativität in der Welt bedeuten und wie wir mit Kreativität auf politische Probleme antworten können, ist aber ein wichtiges Thema, da komme ich demnächst noch drauf zurück.

Ode 9: An die kreativen Träume. Nein: ans Sein!

Eigentlich sollte meine neunte Ode von Träumen handeln. Von kreativen Träumen, denn ich bin davon ausgegangen, dass Kreative andere Träume haben als andere Menschen und das ist auch sicher so. Aber ich will nicht mehr über Träume reden. Denn wir reden von »Träumen«, weil wir uns nicht trauen, es »Möglichkeiten« zu nennen. Wir »träumen«, aber in Wirklichkeit spüren wir ja in uns schon, dass unser Traum wahr werden könnte. Wir spüren, dass da etwas raus will, lebendig sein will. Und anstatt es zu tun, nennen wir es einen „Traum“, etwas, das weit weg ist, irgendwo oben im All. Zu weit weg, als dass wir es erreichen könnten. weiterlesen

Ode 8: An die kreativen Weggefährten

Wie wichtig kreative Weggefährten für mich und meine Arbeit sind, begriff ich durch die ein paar sehr spannende Bloggerinnen, die mich in den letzten Monaten interviewt haben.  Daher ein herzliches Danke an: Susanne Ackstaller (die mir Fragen über Mode und Schönheit stellte), Ulrike Zecher (die mich mit ihren Blaumacherfragen zu neuen Gedanken über Prokrastination  inspririerte), Simone Harland  ( deren Fragen zu meiner Verlagsgründung den Anlass für meinen Text „Sieben gute Gründe für einen eigenen Verlag“ formten) und Christa Goede (deren kluge Fragen mir deutlich machten, wie sehr sich meine Auffassung von “Authentizität” sich in den letzten Jahren doch verändert hat). Ohne Euch würde es diese Ode nicht geben.

Kreative-brauchen-Weggefaehrten Kopie

An meine kreativen GefährtInnen

Ohne meine kreativen Weggefährten würde ich meinen Weg nicht mit der gleichen Kraft gehen.  Ob sie gleich hier um die Ecke wohnen, in Berlin oder Amsterdam oder am anderen Ende der Welt, das ist egal. Denn was uns verbindet, ist der kreative Prozess. Wir haben uns derselben Aufgabe verschrieben: Unsere kreative Arbeit zu machen, mit allem was dazugehört. Mit der Angst, dem Spaß, der kurvigen Biografie, den Glücksmomenten, dem manchmal lange ausbleibenden Erfolg, dem Unverständnis der Umgebung, der Inspiration, der Fragen, den Zweifeln und der Ungewissheit, wo unser Weg uns hinführen wird. So unterschiedlich unsere Arbeiten sind, wir teilen dieselben Werte. Weil wir die kreative Arbeit wichtiger finden, als Geld, als Karriere, als Status.
Kreative Weggefährten sind für meine Arbeit wichtiger als Pinsel und Tusche, Verkäufe oder Auszeichnungen. Sie sind gleichzeitig Voraussetzung und Gewinn meiner Arbeit. Was sie für mich und meine Arbeit tun ist unersetzlich und sie tun es auf fünf wichtige Weisen:

Kreative Weggefährten stellen Fragen

1. Kreative Weggefährten stellen Fragen und sie fragen aus echter Neugier

Das ist wichtig. Fragen stellen kann jeder, aber oft hören wir Fragen wie: „Willst du das wirklich machen?“ „Willst du dir nicht mal einen richtigen Beruf suchen?“ oder „Meinst du, du kannst davon leben?“. Solche Fragen saugen der Kreativität ihre Kraft ab und sie haben nichts mit wahrem Interesse zu tun. In ihnen ist die vermeintliche Antwort schon versteckt, es sind rhetorische Fragen, nur dazu gedacht, uns im Rahmen der Normalität festzuhalten oder uns auf den geebneten Weg zurückzuleiten.
Ganz anders fragen kreative Gefährtinnen. Sie folgen unseren Entwicklungen, weil sie sich für  uns und unsere Arbeit interessieren. Tun wir etwas, das sie nicht begreifen, dann fragen sie, um den Anschluss nicht zu verlieren, um unseren Wegen weiter folgen zu können. Manchmal fragen sie auch, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Aber damit meinen sie nicht den Weg, den andere für uns vorgesehen haben, sondern unseren eigenen. Sie fragen: „Bist du noch auf deinem Weg?“ „Tust du noch das, was dir wichtig ist?“ „Hast du nicht vergessen, wofür dein Herz brennt?“ Und erinnern uns damit an das, was wir uns selbst versprochen haben.
Ein paar der wichtigsten Entwicklungen in meinem Leben, wurden durch die Fragen von anderen in Gang gesetzt. An die Allerwichtigste erinnere ich mich noch ganz genau: Es war in einem Café in der Amsterdammer Pijp, wir aßen Penne mit Pinienkernen und redeten über Kinder und Karriere. Und dann kam da plötzlich dieses: „Bist du glücklich in deinem Beruf? Ich denke immer, du solltest etwas Kreatives machen“.
Rückblickend kann ich sagen, dass die Frage genau zum richtigen Zeitpunkt kam. Aber damals war sie unbequem. Ich hatte gerade erreicht, was in meiner Familie zu erreichen wichtig war: Eine Stelle in einem wissenschaftlichen Institut, meine ersten Veröffentlichungen, die Aussicht auf eine kluge Karriere, ein gutes Gehalt. Weswegen ich auch nicht begeistert rief: „Dank je wel, Marja, für diese großartige Frage“. Sondern erklärte, dass die Wissenschaft durchaus sehr kreativ ist und dass mir meine Arbeit ja sehr viel Spaß machte und anderes Blablabla, bei dem ich schon während ich es äußerte spürte, dass es nicht stimmte. Seit dem Tag hatte ich natürlich keine Ruhe mehr. Wofür ich Marja, von ganzem Herzen dankbar bin. Kreative GefährtInnen haben den Mut unbequeme Fragen zu stellen.

Kreativie Weggefährten lassen uns an ihrem Prozess teilhaben

2. Kreative Wegggefährten legen ihren eigenen kreativen Prozess offen

Sie zeigen uns nicht nur die Ergebnisse, die Preise, die fertigen Meisterwerke. Sondern lassen uns auch an ihren Zweifeln und Suchen, ihren Irrwegen und Umwegen, ihrem Scheitern und Wieder-von-vorne-anfangen teilhaben. Sie beschönigen nicht, weil es ihnen nicht darum geht, dass wir sie anhimmeln. Sie wissen, wie wichtig Austausch unter Kreativen ist, wie wichtig es ist, Weggefährten zu haben. Und darum ermöglichen sie uns mit ihrer Offenheit, den wirklichen Prozess zu sehen und nicht nur die schillernde Oberfläche. Manche meiner kreativen GefährtInnen kenne ich schon seit Jahrzehnten wie Jürgen  oder Milena. Es ist faszinierend, kreative Entwicklungen über so lange Zeit mitzuerleben – aber eben nur, wenn man nicht nur die Erfolge, sondern auch die Fragen, die übermalten Leinwände, die rausgeschnittenen Szenen, die Fehlentscheidungen, die Unsicherheiten zu sehen bekommt. Nur dann kann ein gemeinsamer Prozess entstehen, kann man gemeinsam Kreativität untersuchen und immer besser begreifen. Ein Strich auf dem Papier, eine kreative Arbeit bekommt mehr und andere Bedeutung, wenn man sie im Kontext eines lebenslangen Strebens sehen kann. Kreative Weggefährten machen sich die Mühe, diesen Kontext im Blick zu behalten und sehen darum mehr als nur das einzelne Werk. Und weil sie uns erlauben, auch den Schattenseiten ihres Weges zu folgen, können wir ihnen vertrauen. Wir wissen, dass sie keine Abkürzungen nehmen, es sich nicht leicht machen, dass sie ihre eigenen Beweggründe immer wieder hinterfragen und dass sie das gleiche auch von uns erwarten. Die  Entwicklungen meiner Gefährtinnen dienen mir als Referenzpunkte, wenn ich unsicher bin, ob ich noch auf, dem richtigen Weg bin: meinem.

Kreative Weggefährten überraschen uns

3. Kreative Weggefährten überraschen uns

Auch wenn wir ihren Wegen noch so nah folgen, wir haben keine Ahnung, wo er hinführt. Weil Menschen, die sich wirklich auf den kreativen Prozess einlassen, nie das machen, was wir erwarten. Wenn ich vorhersagen könnte, was die nächste Phase, das nächste Projekt einer Künstlerfreundin ist, dann würde ich anfangen mir Sorgen zu machen. Denn kreative Arbeit ist nun mal nie geradlinig. Kreativität entsteht in einem komplexen Zusammenspiel aus psychischen und ästhetischen Prozessen, aus Assoziationen und Gedächtnisspuren, Wünschen und Experimenten. Im Nachhinein, das fertige Bild betrachtend, mag der Weg logisch und konsequent wirken, aber wenn das neue Thema auftaucht, scheint es oft erst mal ein Bruch mit allem bisher Gemachten. Das geht nicht nur den Betrachtern, sondern auch den Kreativen selbst so. Wie oft hab ich nicht neben einem Künstler in seinem Atelier gestanden, der, seine Arbeit betrachtend, rief: „Keine Ahnung wo das herkommt“. Oder im Manuskript einer Kollegin eine überraschende Wendung entdeckt. „Ich dachte, er bringt sie um?“. Und dann kommt als Antwort so was wie: „Ich war auch überrascht“. Auch daran kann man kreative Gefährtinnen erkennen: Sie können solche Überraschungen akzeptieren. Sie erwarten nicht von sich oder von mir, dass wir alles, was wir tun, erklären können, unserem „Stil“ treu bleiben, tun was im Exposé steht oder irgendwelchen Regeln folgen. Sie wissen, dass der kreative Weg immer erst im Nachhinein als Weg zu erkennen ist. Dass das  Ziel der kreativen Arbeit nicht ist, späteren Generationen die Interpretation unseres Weges zu erleichtern, indem wir als die Meisterin der lila Phasen in Erinnerung bleiben. Sondern im Hier und Jetzt und mit ganzem Herzen unsere Arbeit zu machen, wo immer sie uns auch hinführen will.

Kreative Weggefährten haben keine Angst vor Intensität

4. Kreative Gefährtinnen haben keine Angst vor Intensität

Die Begegnungen mit anderen Kreativen können enorm intensiv sein. Das habe ich besonders in der Arbeit mit anderen Autorinnen erfahren. Gerade weil das Schreiben so ein einsamer und langwieriger Prozess ist, besteht die Gefahr, sich im eigenen Wortgebilde zu verfangen. Meine geistige Gesundheit lege ich dabei vertrauensvoll in die Hände von Ulrike, Jordis  und Dagmar, weil sie mit klugen Kommentaren und Fragen an der richtigen Stelle, vor allem durch ihren wunderbaren Humor dafür sorgen, dass ich mich selbst nicht zu ernst nehme und mich immer wieder aus Verknotungen befreie.
Kreative Gefährtinnen sind Menschen, die relativieren und um die eigenen Fehltritte lachen können. Sie wissen aber auch, wann Ernst angesagt ist und es ums Ganze geht. Sie wissen, dass Kreativität kein Hobby ist, sondern etwas, das mit Haut und Haar berührt, das aus dem Innersten kommt und darum heftig und ernst sein kann – auch wenn man an einem fröhlichen Roman oder einem Fantasybuch schreibt. Die Leichtigkeit, die beim Leser ankommt, das Lachen beim Lesen, der Spaß beim Eintauchen in eine andere Welt, wurde von der Autorin selten mit Fingerschnippen und im Dauerspaß erschaffen. Auch ein fröhliches Buch ist manchmal auf Tränen gebaut (ja wächst nicht der wunderbarste Humor oft auf Widerständen?), auf schlaflosen Nächten und verzweifelten Manuskriptzerstückelungen. Kreative Gefährtinnen wissen all das und wissen auch, wie sie es nehmen sollen, wenn ich ins Telefon klage, dass mein Buch Mist ich oder ich doch lieber Wissenschaftlerin geblieben wäre. Sie streicheln mir dann ein paar mal über den Kopf und schicken mich wieder an den Schreibtisch. Oder in die Sonne.

Kreative Weggefährten fordern uns

5. Kreative Weggefährten fordern uns

Sie fordern nicht, dass wir reich oder schön, dünn oder belesen, vernünftig oder sittsam sind. Aber sie fordern, dass wir unsere kreative Arbeit machen, dass wir uns für diese Arbeit anstrengen und dass wir sie mit dem Herzen machen. Sie fordern es nicht mit Manifesten oder Vorwürfen, nicht mit Anklagen und nicht mit Kündigung. Sie fordern es mit Nähe. Sie wissen, dass allein schon ihre Anwesenheit, die Tatsache, dass sie da sind und dass wir ihr Interesse spüren, uns ermutigt und anfeuert.
Jede von uns ist für jemanden auf diese Weise wichtig. Wir alle sind einander mögliche kreative WeggefährtInnen und davon kann man nie zu viele haben. Macht nicht allein das zu wissen schon Mut zur kreativen Arbeit? Dass jeden Morgen auf dieser Erdkugel viele viele Menschen aufstehen und sich auf ihren Weg machen, zweifeln und lachen, heulen und neu anfangen, aus echter Neugier Fragen stellen, uns ihre unfertigen Arbeiten zeigen und ihre misslungen Entwürfe, uns überraschen und begeistern und mit ihrem Mut immer wieder daran erinnern, dass auch wir mutig sein können und dass wir nicht mehr und nicht weniger machen müssen als genau dies: unserem kreativen Herzen folgen.

Kreative Weggefährten gibt es überall

 

Ode sieben: An die Demut

Frau läuft mit offenen Augen und Händen über die WieseSeit einiger Zeit gehe ich mit einem immensen Glücksgefühl durch das Leben. Ich werde morgens wach und denke: „Was habe ich für ein Glück“. Ich sitze am Schreibtisch und denke: „Ich habe die schönste Arbeit der Welt“. Manchmal überfällt mich in solchen Momenten noch die Angst: Bloß nicht zu laut denken das, sonst wird das Glück sich in Luft auflösen. Bloß nicht zu früh freuen, sonst forderst du das Schicksal heraus. Aber in den letzten Wochen verändert sich das langsam. Denn ich habe etwas begriffen: Das Glück kommt nicht von außen. Ich lebe schon immer in sicheren Ländern, habe nie Hunger leiden müssen. Doch in den Zeiten, in denen es mir finanziell am besten ging, war ich längst nicht so glücklich wie jetzt.
Meine Glücksgefühle hängen auch nicht vom Ort ab. Sie überfallen mich auf unserer Wiese genauso wie in der U-Bahn oder im Supermarkt. Das Glück kommt nicht von draußen, sondern von der Demut. Denn die Demut befreit meine Kreativität auf eine Weise, die ich mir nie vorstellen konnte. Darum sei ihr die siebte Ode gewidmet.

Was Demut ist und wie sie wirkt, habe ich erst diesen Sommer begriffen. Und zwar beim Heumachen.
Sense liegt im GrasUnsere Wiese wurde gemäht. Das macht ein Bauer aus dem Dorf und es geht ruckzuck, ratzfatz. Nur ein kleines Stück der Wiese, ungefähr ein Achtel, wird vom Bauer nicht gemäht – es liegt auf der anderen Seite eines kleinen Bachlaufs und ist für Trecker und Heuballenmaschine nicht erreichbar. Letztes Jahr haben wir Wochen gebraucht, dieses Stück mit dem Einachser zu mähen, das Heu zusammenzuharken und mit der Schubkarre zu einem großen Komposthaufen zu bringen. Damals fand ich die Arbeit in den ersten Stunden noch sehr nett, aber dann fing sie an, mich zu nerven. Ich sah nur die Stunden, die ich verlor. Wie viel Zeichnungen hätte ich in der Zeit nicht machen können!

Dieses mal war das Stressgefühl schon am Anfang da. Allein schon, weil der Einachser ausgerechnet jetzt kaputt war und das Ersatzteil nicht lieferbar.
Ich teilte die kleine Wiese in Gedanken in Abschnitte ein, die wir pro Tag schaffen mussten, wollten wir in zwei Wochen fertig sein. Nach dem Mähen des ersten kleinen Stücks (mit der Sense!) schätzte ich, wieviel Heuhaufen das werden würden. Als die Haufen zusammengeharkt waren, schätzte ich die Anzahl der Schubkarrenfuhren. Noch 26, für jede brauche ich zwei Minuten, das wären…

Blume am Rand der WieseAber dann, während der ersten Stunden, vergaß ich plötzlich zu zählen. Ich merkte, wie gut mir das Arbeiten mit der Heugabel tat. Wie schön es war, draußen zu arbeiten. Ich fand einen Rhythmus. Nicht schnell, nicht langsam. Ich sah Sperber und Bussarde, Gimpel und Ölkäfer. Mir fiel auf, wie unterschiedlich die Konsistenz des Heus ist. Näher am Bach und dem kleine Sumpf wachsen Halme mit breiten Blättern, dazwischen Kuckucksblumen und Weidenröschen. Auf den trockeneren Stücken gibt es mehr Klee und Butterblumen. Und über der ganzen Wiese wiegen sich die roten Spitzen des Sauerampfers.

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Ich vergaß, mich über den Bauern zu ärgern. Ich vergaß, was ich in derselben Zeit anderes hätte machen können. Ich vergaß Termine und To-Do-Listen.
Statt dessen fiel mir auf, was für ein Wunder Trecker sind. Was für ein Wunder wir Menschen sind, dass wir Maschinen erfinden, die uns die Arbeit erleichtern. Vor allem aber: Was für ein Wunder es ist, dass wir auch heute noch ohne Maschinen arbeiten können. Dass wir – wenn wir nur Geduld haben – die Wiese auch mit einer Sense und einer uralten Heugabel mähen können. Ganz ohne Elektrizität oder Abgase. Ganz ohne Lärm oder Uhren. Einfach nur, weil wir Menschen sind und uns die Zeit nehmen. Weil wir unsere Arbeit machen. Nicht schnell, nicht perfekt, nicht großartig. Sondern Heugabel für Heugabel, Wort für Wort, Pinselstrich für Pinselstrich.
Bei diesem Gedanken wusste ich plötzlich, woher mein neues Glück kommt: Ich habe im letzten Jahr die Demut gefunden. Und sie hat mein ganzes Leben bereichert, vor allem aber meine Kreativität.

Demut bedeutet, zu erkennen, wie klein ich bin. Wie klein meine Schritte sind, wie wenig Heu ich auf meine Gabel nehmen kann, wie langsam meine Bewegungen sind. Wie viel wendiger ein Eichhörnchen sich bewegt, wie viel effektiver eine Schwalbe ihre Kraft nutzt. Wie wenig die Natur uns braucht.

Demut bedeutet, wissen, was ich leisten kann und was nicht. Nach Johannes Hessen ist Demut „die Haltung des aufgeschlossenen Auges, der geöffneten Hand“.
„Das Verlangen des Demütigen ist nämlich ohne Anspruch. Er fordert und beansprucht nichts, sondern nimmt alles als reine Gabe, als unverdientes Geschenk hin. Gerade dadurch aber, dass die Demut nichts beansprucht, empfängt sie alles“. *
Genau diese Haltung ist es, die der Kreativität Raum schafft.

Autorin sitzt offenen Auges, offenen Herzens vor einem weißen Blatt Papier

Kreative Arbeit macht Angst. Angst vor dem Ungewissen, Angst vor ihrer Kraft, die uns mitreißen könnte. Angst vor den Reaktionen unserer Umgebung und Angst vor dem Wilden und Ungestümen, das wir in uns entdecken könnten.
Um die Angst zu bewältigen, versuchen wir uns Sicherheiten zu schaffen. Zum Beispiel, indem wir planen, die Richtung bestimmen, unser Ziel festlegen. Wir entwerfen Kapitel oder Leinwände, bereiten Materialien vor, entwickeln theoretische Konzepte, tragen Abgabedaten in unsere Kalender ein.
Sehr menschlich das alles. Angst ist anstrengend und all das sind Versuche, sie zu zügeln, damit sie uns nicht von der Arbeit abhält.

Die Demut ist ein anderer Weg, mit der Angst umzugehen. Denn unsere Angst zu scheitern kommt auch den Größenphantasien, die in unserer Kultur mit Kreativen verbunden werden. Wenn wir Kreative als Genies sehen, die Unglaubliches in die Welt setzen können, Riesiges leisten, Überweltliches schaffen können, dann ist es kein Wunder, dass jeder, die sich an ein kreatives Vorhaben wagt, die Knie schlackern müssen. Denn kaum eine fühlt sich überweltlich oder grandios, wenn sie mit dem Füller in der Hand auf dem Sofa sitzt oder den Pinsel über die Leinwand zieht. Kaum eine fühlt sich genial, wenn sie das fertige Manuskript oder Bild zeigt. Viel öfter als Größenphantasien werden wir im Alltag doch von Zweifeln und Unsicherheiten eingeholt. Weil die kreative Arbeit immer eine Suche im Ungewissen ist. Wer schon angekommen ist, welche Spannung soll der noch aufs Papier bringen?

Demut bedeutet nicht blinde Unterwerfung unter irgendwelche Dogmen. Demut bedeutet nicht, uns zu opfern oder zu kasteien. Demut im Sinne von Johannes Hessen bedeutet, sich von Ansprüchen zu befreien. Von sich selbst weder Geniales noch Perfektes zu erwarten, sondern nur eins: dass wir unsere Arbeit machen und dass wir sie mit Inbrunst machen. Noch so ein schönes altmodisches Wort. Laut Duden bedeutet Inbrunst: „starkes, leidenschaftliches, hingebendes Gefühl, mit dem jemand etwas tut, sich zu jemandem, einer Sache hinwendet“.
Autorin schreit zum HimmelWenn wir unser Bild von Kreativen, von Kunst, von unserer eigenen Arbeit und ihren Ergebnissen kleiner machen, können wir es besser ausfüllen. Dann wissen wir, dass von uns nichts erwartet wird, das wir nicht leisten können. Sondern im Gegenteil, die Welt genau auf das wartet, was wir können und schon in uns haben. Und nur – endlich – rauslassen müssen.

Demut und Inbrunst. Und natürlich, wie immer Spaß. Denn Spaß kommt genau dann, wenn wir frei von Ansprüchen etwas tun, das wir uns zutrauen, das nicht mit Angst besetzt ist.

Habt Spaß und mehret eure Werke!
* Johannes Hessen „Ethik: Grundzüge einer personalistischen Werteethik“, Leiden, Brill 1958)

Ode 6 An das Nichtstun. Oder: Es lebe die Prokrastination!

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Während ich über die Antworten auf Ulrike Zechers Blaumacherfragen nachdachte, fiel mir ein, dass ich schon lange über Prokrastination schreiben will – und darüber, dass sie oft missverstanden wird und fälschlich beschuldigt. Darum widme ich meine sechste Ode der wunderbaren Kraft des Nichtstuns.

 

Als der Begriff Prokrastination aufkam – vor ungefähr 10 Jahren – da fand ich ihn toll. Weil ich diese Aufschieberei nur zu gut kannte und mich in den Texten über sie wiederfand.  John Kellys großartiges Video schien von mir zu handeln – als hätte er mir an einem durchschnittlichen Arbeitstag über die Schulter geschaut.

Am Anfang wurde Prokrastination vor allem als Insiderwitz unter Kreativen diskutiert. Hast du das auch? Wie sind wir doch niedlich! “Die P” war eine der vielen Macken, die Kreative an sich selbst feststellten und über die sie so liebevoll berichteten, wie Eltern über die Streiche ihrer Kleinkinder.

Doch in den Jahren darauf hat sich die Diskussion übers Prokrastinieren verändert. Es wurde nicht mehr als schräge und sympathische Begleiterscheinung gehätschelt. Statt dessen wurde sie zum Problem ernannt: Die böse Prokrastination hindert Kreative an ihrer Arbeit.

Der Gedanke klingt erst mal harmlos. Doch dahinter versteckte sich ein anderer Gedankengang. Der nämlich, dass Kreative nur dann arbeiten, wenn sie malen, schreiben oder am Computer sitzen. Und das ist natürlich Unsinn. Die Prokrastination hindert uns nicht an der kreativen Arbeit, sondern ist Teil unserer Arbeit. Sie gehört genauso zum kreativen Prozess wie Momente wunderbarsten Flows oder Schreibsessions, in denen die Kapitel nur so unter den Tasten herausflutschen. Der Irrtum ist, dass wir, wenn wir weniger prokrastinieren, mehr produzieren würden.

Prokrastionation ist nicht mehr und nicht weniger als ein Symptom dafür, dass wir in unserem kreativen Prozess nicht weiterkommen. Dieses Nicht-Weiterkommen aber kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Mal sind wir uns noch nicht sicher, wie es weitergeht. Mal hindert und sie Angst, vor dem, was da aus uns raus will. Mal ist unser kreativer Organismus noch am Brüten, sind die Ideen noch nicht reif. Sich in solchen Momenten die Prokrastination zu verbieten und wild drauflos zu produzieren, führt selten zu kreativen Fortschritten. Oft entstehen aus so verordneter Produktivität Kapitel, die später wieder aus dem Manuskript gestrichen werden, Bilder, denen die Aussage fehlt oder klischeehafte Plotwendungen. Denn die Prokrastination hindert uns nicht an der kreativen Arbeit – das Hindernis war schon vor ihr da. Sie hindert uns nur daran, trotzdem weiterzumachen und uns mit blinder Produktivität den Weg zur Lösung zu versperren.

prokrastinations-blüteSollen wir also weiter Bleistiftspitzen, Kaffee holen und den Blumen beim Wachsen zuschauen? Vielleicht ja. Denn manchmal kommen eben auf den drei Schritten zur Kaffeemaschine die besten Ideen. Aber in vielen Fällen ist der noch bessere Weg, sich einzugestehen, dass man festhängt. Denn Prokrastination ist der Versuch, diese Einsicht erst malnicht an sich ranzulassen – zu tun, als ob man am Arbeiten wäre. Nur noch kurz was recherchieren, noch mal ein paar Zahlen nachschlagen, den Schreibtisch aufräumen. Das kann auch mal zum kreativen Durchbruch führen, wahrscheinlicher aber ist der, wenn wir uns das erlauben, was zur Kreativität gehört, wie das Wasser zum Strand, aber in unserer auf Produktivität fixierten Welt ganz und gar verwerflich scheint: nichts tun. Wenn wir nichts tun – das heißt unsere Gedanken in keine Richtung drängen, sie keinem Zweck unterwerfen und keinen Zielen folgen lassen, dann entsteht Raum für die berühmten Hinterkopfprozesse. Viele der größten kreativen Durchbrüche sind nicht am Schreibtisch oder an der Staffelei entstanden, sondern auf Spaziergängen, beim Fensterputzen oder Duschen. Oder im Schlaf – wer hat das nicht schon erlebt: morgens wach werden und das Licht sehen. Die Lösung für das gestern noch unlösbar scheinende Problem ist über Nacht, wie von Zauberhand, in unserem Kopf erschienen. Nur dass es nicht die Zauberhand war, sondern das Unterbewusste.

IMG_1373Und vielleicht ist das für die Produktivitätsfanatiker in uns am allerschwierigsten zu fassen: dass Kreativiät zu einem großen Teil nicht vom Bewusstsein gesteuert wird. Wie gruselig, wenn große Werke nicht durch harte Arbeit, Logik und scharfen Verstand entstehen! Sondern durch Hingabe an eine Kraft, die sich bis heute weder in Worten noch in Zahlen oder Diagrammen wirklich fassen lässt.

Zu dieser Hingabe gehört vor allem Vertrauen. Vertrauen darauf, dass die Kraft, die in uns brennt, uns den Weg weisen wird. Dass wir unseren Intuitionen folgen und genau das tun müssen, was sie uns vorschlägt. Auch wenn das eben bedeutet, gar nichts zu tun und geduldig abzuwarten, bis sich der Prozess in uns entfalten kann. Wenn wir dies akzeptieren, können wir uns auch erlauben, Prokrastinieren als das zu erkennen, was es ist: das Signal zum Aufhören. Statt bleistiftspitzend so zu tun, alsob wir arbeiten, können wir das tun, was unserer Kreativität in den meisten Fällen viel mehr bringt: es uns gutgehen lassen. Etwas Schönes kochen, durch den Wald laufen, ein Puzzle machen, schlafen oder Klavier spielen. Was auch immer unser Hirn zur Ruhe kommen lässt – es ist gut.

Hab Vertrauen. Es kann dauern, aber es wird alles gut.

Ode 5: An die Kreative Persönlichkeit: Drei Eigenschaften kreativer Menschen

Worin unterscheiden sich Kreative von anderen Menschen?

Und unterscheidet die kreative Persönlichkeit sich wirklich oder tut sie nur so? Oder tun die anderen nur so, als seien sie nicht genauso verrückt?
Diese Fragen beschäftigen mich schon ziemlich lang und als ich vor ein paar Wochen in Gedanken schon diese fünfte Ode durch meinen Kopf wandern ließ, zog eine lange Liste an Eigenschaften vorbei. Aber desto länger ich sie über meine Synopsen hin- und her balanzieren ließ, desto mehr verschmolzen sie. Jetzt sind es nur noch drei. (Das wäre natürlich ein sehr viel marketingtauglicherer Titel für diesen Post gewesen: “Die drei wichtigsten Eigenschaften kreativer Menschen”. Aber eine Ode ist eben eine Ode und keine Facebook-Anzeige).

Vielleicht fragst du dich, wen ich eigentlich mit “Kreative” meine. Berühmte Künstler, Nobelpreisträger? Oder dürfen sich auch die dazuzählen, die eigentlich gerne möchten, aber sich noch nicht trauen? Das wirst du selbst entscheiden müssen – ich jedenfalls glaube fest daran, dass alle Menschen kreativ sein können. Viele können aber – durch Erziehung oder andere Faktoren – ihre Kreativität nicht zeigen. Ihr nicht erlauben, sich zu äußern.

Sie verkriecht sich dann in den hintersten Winkel unseres Geistes.

Kreative Persönlichkeit verkümmert

Zum Glück lässt sich Kreativität aber zu jedem Zeitpunkt wiederbeleben. 

Die Kreative Persönlichkeit wiederbeleben

Sie wird nach Jahren des Schattendaseins natürlich nicht gleich mit voller Wucht über dich herfallen. Aber wenn du sie täglich ein wenig hätschelst und pflegst, ihr mit sanfter Stimme ermutigende Worte zusprichst und versprichst dich für nichts, aber auch gar nichts zu schämen, was sie äußert, dann wird sie bald wieder zu Kräften finden.

Glaub nur nicht, dass sie sich danach wieder mit einem Schattendasein abfinden wird. Das macht aber nichts, denn wer einmal gespürt hat, wie lebendig und glücklich sie macht, wird sie sowieso nicht mehr missen wollen.

Okay – das war die Einleitung. Eigentlich gehts hier ja um die Eigenschaften der kreativen Persönlichkeit:

1. Kreative haben eigene Fragen

Kreativ fängt früh an und zwar oft so ungefähr mit 9 Jahren. Ohne, dass sie sich dann schon Künstler nennen würden oder Worte für ihren Zustand hätten, entdecken nämlich um dieses Alter rum viele Kreative ihr Thema. Oder besser gesagt: Die Fragen, die ihnen von da an das Leben schwer aber spannend machen werden. Nicht, dass den jungen Kreativen das bewusst wäre: Sie wundern sich nur darüber, dass sie andere Interessen als Gleichaltrige haben. Fühlen sich mit ihrer scheinbar altersungemäßen Motivation seltsam und fehl am Platz.

Rückblickend können erwachsene Kreative aber oft die Momente benennen, in denen ihnen die ersten Fragen und Gedanken zu dem Thema kamen, das später ihre kreative Arbeit bestimmt. Jene Frage, die sie zu bestimmten Materialien greifen und sie mit Formen oder Klängen experimentieren lässt und die sie immer weitertreibt auf einer lebenslangen Forschungsreise durch die Kreative Galaxie.

Wie wichtig die eigenen Fragen sind, wurde mir schon am Ende der Grundschule bewusst, als ich einem Mädchen aus der Nachbarschaft bei den Hausaufgaben helfen sollte. Als ich bei ihr klingelte, war sie alleine zu Hause. Und als sie die Tür öffnete, fingen ihre Augen zu strahlen an. Sie war froh mich zu sehen, und als ich durch die Wohnung lief, begriff ich warum: Die Wohnung war leer. Nicht nur leer an Menschen, auch leer an allem, das hätte inspirieren können: Es gab keine Bilder, keine Bücher, keine Musik, nichts, woran mein Blick sich hätte aufhalten wollen. Sie lief wie ein junger Hund vorfreudig neben mir her, bis ich sagte, „Dann machen wir jetzt die Hausaufgaben“. Da war das Leuchten in ihren Augen so schnell weg, wie es gekommen war. Und dieses Bild: Wie Augen anfangen zu leuchten oder wieder erlöschen, hat mich seitdem wie ein kleines Wesen im Kopf begleitet. Wenn es auftaucht, kann mein Bewusstsein den Link zu meiner Frage oft noch gar nicht erkennen. Später erkenne ich dann, dass auch das Buch oder Projekt, an dem ich gerade arbeite, Leuchten und Nichtleuchten zum Thema hat.

Augen strahlen butn

2. Kreative haben Alternativen

Weil sie von einer inneren Motivation geleitet werden, haben die Normen und Regeln der Umgebung für Kreative nur eine eingeschränkte Bedeutung. „If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer“ , schrieb Thoreau in “Walden”. Die Umgebung reagiert oft empfindlich, auf jene, die einer anderen Melodie folgen. Aber für die meisten Kreativen ist der Drive, ihren inneren Fragen zu folgen, nicht etwas, das sie nach Belieben abstellen können. Sie erfahren ihn als Notwendigkeit, als etwas, das sie tun müssen und täten sie es nicht, so hätten sie ihrem Leben den Sinn genommen. (Zu dem Thema hab ich Das kleine Buch vom Kreativen Ersticken gemacht, das du hier lesen kannst).

Der kreative Geist ist in der Lage, sich Dinge vorzustellen, die es nicht gibt, und – das ist wichtig – diese ebenso ernst zu nehmen, wie das, was sie im echten Leben mit Händen greifen können. Nichts ist unveränderbar festgeschrieben und wenn man ein paar Striche hinzufügt oder ein paar Worte ändert, lassen sich auch Normen und Regeln ändern.

Kreative Lösung mit der Schere

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, hat Picabia gesagt und das ist für Kreative alltägliche Erfahrung. Sie haben nicht so ein großes Bedürfnis an starren Regeln und Normen. Tatsächlich scheint der Thalamus bei kreativen Menschen seine Aufgabe nicht ganz so gewissenhaft zu erfüllen.
Bei den meisten Menschen funktioniert der Thalamus wie ein Türsteher des Informationsflusses. Er lässt Eindrücke durch, die zu der bisherigen Erfahrung passen. All jenen Informationen hingegen, die nicht “passen” und die die Ordnung im Gehirn durcheinanderbringen könnten, verwehrt der Thalamus den Durchgang
(Viel besser erklärt wird das in diesem Artikel im Deutschen Ärzteblatt).

Bei Kreativen scheint nun der Thalamus durchlässiger. Statt mit dem Vorschlaghammer auf alles loszugehen, was das Gehirn in Unordnung versetzen könnte, lässt er “unpassende Eindrücke” passieren. (Aha, denkst du jetzt vielleicht, endlich weiß ich, was mit meinem Hirn los ist: MeinTürsteher schläft!)

Die Zensur schläft

Kreative verfügen durch diesen ungefilterten Eingang über ein breiteres Spektrum an Wahrnehmungen, Erfahrungen und Ideen. In ihrem Kopf befindet sich sowohl “das Passende” als auch “das Unpassende”. Kein Wunder, dass Leute mit einem so ungezügelten Gehirn auch eine größere Ambiguitätstoleranz zeigen. Sie erwarten nicht, dass das Leben eindeutig ist und können Gegensätze aushalten.

Wer mag kann Kreativität also als Abweichung des Gehirns empfinden. Da ich daran glaube, dass das Gehirn plastisch ist und sich entsprechend unseres Gebrauches formt, bin ich anderer Ansicht: Kreative haben den schlappen Türsteher nicht aus Versehen erwischt, sondern ihn sich so erzogen. Aber was hier Huhn oder Ei ist mögen andere untersuchen. Auch bezüglich der Frage, ob der schwache Thalamus oder der von Kreativen zur Durchlässigkeite getrimmte Türsteher dafür verantwortlich ist, dass Kreative in ihrer Persönlichkeit gegensätzliche Persönlichkeitsmerkmale vereinen. Das nämlich hat Mihaly Csikszentmihalyi festgestellt. Kreative Menschen sind introvertiert und extravertiert, ruhig und voller Energie, klug und von kindlicher Naivität… ach lest es doch selbst nach in Csikszentmihalyis wunderbarem Buch “Flow”.

Kurz gesagt: Kreative haben viele Leben. Gelebte und vorgestellte. Das macht sie komplex. Sie sind für Menschen, denen Normen und eindeutige Kategorien wichtiger sind, darum oft schwer zu begreifen. „Gestern hast du noch gesagt, dass….“ „Kannst du nicht mal bei einer Sache bleiben?“ (Und wahrscheinlich bleibt der Kreative tatsächlich sogar bei einer Sache – nur ist diese Sache seine ganz persönliche Forschungsreise und ist von außen der rote Faden seiner Suche nicht zu erkennen).

Warum sind manche Menschen kreativer als andere?

Es mag so scheinen, als ob Kreative einfach Glück haben. Oder Pech – je nach Perspektive. Aber daran glaube ich nicht. Ich glaube daran, dass Kreativität nicht nur aus angeborenen Talenten besteht. Man bekommt sie nicht in den Schoß gelegt , sondern muss sie auch wählen.

Probleme für Künstler Persönlichkeiten

Viele trauen sich das nicht. Denn der Weg der Kreativität ist ein einsamer Weg: Um der eigenen Frage zu folgen, muss man es aushalten, sich mit etwas zu beschäftigen, das anderen nicht verständlich ist. Das man nie ganz mit ihnen teilen kann. Deshalb ist die dritte Eigenschaft kreativer Menschen: Mut.

3. Kreative haben Mut

Zur kreativen Persönlichkeit gehört Mut

Der kreative Weg führt ins Ungewisse. Es kann sein, dass unsere Suche Resultate bringt, die andere begeistern und die uns zu Millionären machen. Es kann aber auch sein, dass andere unsere Frage und Antworten nicht verstehen. Dass wir uns mit etwas beschäftigen, das erst in 200 Jahren für andere wichtig ist und wir wie Van Gogh die materiellen Früchte unserer Arbeit nicht mehr pflücken können.

Wenn die Umgebung mit Unverständnis reagiert, geben viele auf. Zu schmerzhaft ist es, immer allein mit der eigenen Begeisterung zu sein. Zu schmerzhaft ist es, wenn um einen herum alle Karrieren vorzeigen, nur man selbst nicht.

Warum schaffen es dann doch einige, weiterzumachen? Ihren ganz persönlichen Fragen zu folgen? Ihre kreative Arbeit genau so zu machen, wie sie ihnen im Herzen rumpelt? Weil sie es spüren. Weil sie bei der Arbeit – nicht immer aber immer öfter – spüren, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Nicht richtig im Sinne von normal oder sicher, sondern richtig auf jene einzigartige Weise, die man im Herzen beben und im ganzen Körper resonieren fühlt. Richtig auf jene Weise, die Howard Thurman als “lebendig” beschrieb: “Don’t ask what the world needs. Ask what makes you come alive, and go do it. Because what the world needs is more people who have come alive.”

Und warum bitteschön braucht die Welt Leute, die lebendig sind? Weil diese Lebendigkeit bedeutet, dass wir in Kontakt mit dem sind, was uns ausmacht. Dass wir authentisch sind und authentisch handeln: unverstellt, ehrlich und aus vollem Herzen.

Ja, das braucht die Welt.

Noch kurz zurück zu Van Gogh. Manche werden zu Lebzeiten berühmt, andere – ohne es je zu erfahren – nach ihrem Tode. Und manche nie. Am wahrscheinlichsten aber ist jenes Szenario: Dass wir – mit Geduld und Zeit – eine kleine Gruppe Menschen finden werden, die von unserer Arbeit begeistert sind, deren Augen zu leuchten anfangen, wenn sie unseren Bildern, Büchern, Kompositionen, Theaterstücken, Filmen oder Skulpturen (…) begegnen. Und das ist genug. Denn jedes Paar Augen, das wir zum Leuchten bringen, jedes Herz, das wir mit unserer Arbeit berühren, ist der wahre Lohn unserer Arbeit.

Ode 4: An den kreativen Kuhfladen – Wie Kinder malen

Künstlerin malt Kuhfladen
Verzeiht mir, ihr erwachsenen Kreativen, die ihr diese Ode lest, wenn ich mit einem kleinen Schwenker in das Leben der Zweijährigen anfange. Es ergibt sich aber, dass wir von diesen Knirpsen etwas lernen können, das den meisten von uns abhanden gekommen ist. Und ja, es hat mit Kuhfladen zu tun und das ist so:

In unserer auf Produktivität gerichteten Welt wird Kindern schon früh gelehrt, ihre Kreativität in Produkten zu messen. Wie das passiert, begriff ich als ich nach der Schule ein paar Jahre in einem Kinderladen arbeitete. Mir fiel auf, wie schwer es den Eltern der Kinder fiel, den kreativen Prozess ihrer Kinder wirklich wertzuschätzen. Was sehr verständlich ist, da dieser Prozess, vor allem bei den Kleinkindern, nur im Entferntesten Ähnlichkeit mit dem hat, was wir uns unter „Kunst“ vorstellen, sondern viel mehr einer systematischen Kuhfladen-Produktion gleicht. Wenn zweijährige Kinder malen sieht ihr kreativer Prozess ungefähr so aus:

  • Mit dem Pinsel einen Krickel mitten aufs Blatt malen, vielleicht auch zwei. Wenn Farbkasten, Pinsel und Wasser zufällig sauber waren, zeigen diese Krickel klare Farben.
  • Wild darüber kritzeln. Oft verändert sich jetzt die Handhaltung, der Pinsel wird unten am Stiel festgehalten, und die Handbewegung wird schneller. Das Zwischenresultat kann in seltenen Fällen jetzt noch aussehen wie ein buntes Feuer oder ein Feuerwerk. Häufiger jedoch sind Brauntöne schon vorherrschend.
  • Die Farbe mit den Händen verschmieren, bis das ganze Blatt die Farbe eines Kuhfladens hat. Oft wird in dieser Phase der Inhalt des Wasserglases umgekippt, wodurch sich die Farbe noch gleichmäßiger über das Blatt verteilen lässt und das Papier aufweicht und man reibungslos zur nächsten Phase übergehen kann:
  • Das Blatt zerknüllen und wie ein Wodkaglas nach hinten werfen. Ab diesem Zeitpunkt ist das Blatt (sprich: Produkt) der Malaktion völlig aus der Wahrnehmung des Kindes verschwunden. Das Kind wendet sich einem neuen Blatt zu und wiederholt den Prozess, meist in beschleunigter Version (Krickel, kritzel, schmier, Wodka) oder es hat genug vom Malen und sucht sich eine andere Beschäftigung.

Künstlerin versucht wild zu schmieren

So weit so gut. Aber nicht für die Eltern der Kinder. Denn die möchten das Gefühl haben, dass wenn ihre Kinder den Tag schon ohne ihre Eltern verbringen müssen, sie dann wenigstens optimal gefördert werden. Förderung der Kreativität steht dabei hoch im Kurs. Weil aber die Eltern gelernt haben, Kreativität an ihren Produkten zu messen, wollen sie Produkte sehen. Und sind sie nicht begeistert, wenn die Kinder als Resultat ihres Kitatages nur ein paar nasse Papierknülle vorweisen können. Auch einheitlich braune Blätter enttäuschen.
Um die Eltern zu beruhigen, haben wir den Kinder regelmäßig ein paar Bilder entrissen, als sie sich noch in Phase eins oder zwei (Krickel oder buntes Feuerwerk) befanden. Wenn die Eltern diese am Ende eines langen Arbeitstages glücklich in Empfang nahmen und ihre Kinder darauf ansprachen („Das ist aber ein schönes Bild“ oder „Was hast du gemalt?“), sahen die Kinder sie oft vollkommen entgeistert an. Das durchschnittliche Zweijährige hat nämlich das Produkt seines kreativen Prozesses oder die Zwischenphasen gar nicht wahrgenommen. Ihm ging es um die Erfahrung. Das Produkt hat es schon vergessen, sobald es sich der nächsten Faszination hingegeben hat. Ich vermute, dass kleine Kinder beim Malen kaum mit dem beschäftigt sind, was auf dem Papier erscheint, sondern mit einem innerlichen Prozess. Manchmal erzählen sie sich eine Geschichte, manchmal ist es die sinnliche Erfahrung – das Kratzen des Pinsels, wie weich es sich anfühlt, mit der Hand über die nasse Farbe zu gehen – der sie nachspüren, von der sie sich überraschen und mittragen lassen.

Warum erzähle ich das alles in einer Ode, in der es doch um die Kreativität Erwachsener geht? Weil unsere Kreativität nicht so viel anders ist: Was Kinder und Erwachsene brauchen, um kreativ zu werden und zu bleiben, ist die Gelegenheit, ihrer Faszination zu folgen. Das zu untersuchen, was sie reizt. Auszuprobieren, was passiert, wenn man Farben mischt – ohne eine Wertigkeit. Kuhfladen zu produzieren, wenn das gerade in uns steckt. Zu matschen und zu zerknüllen. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Unsinn zu schreiben, mit den Worten auf dem Papier zu matschen bis alles die Farbe von Kuhfladen hat oder riecht wie frisch ausgefahrener Mist. Blätter vollzukritzeln und das Wasserglas über unseren Roman zu kippen und zu schauen was passiert. Um ihn dann – ohne Umschauen oder Reue – wie ein Wodkaglas nach hinten zu werfen und uns neuen Faszinationen hinzugeben.
Künstlerin betrachtet Spinne
Mit nichts blockieren wir unsere Kreativität mehr, als mit dem Nachdruck auf Produktion, und zwar vor allem auf die Produktion von Schönheit. Oder Ästhetik, wie wir Erwachsenen sagen. Meinen tun wir aber: „Mach bloß keine Kuhfladen“. Mach nichts, das peinlich oder schmutzig, schlecht gemischt oder grob gekritzelt ist.

„Was für ein schönes Bild“ sagen Eltern zu ihren Kindern, wenn diese ihr rotes Feuerwerk zeigen, das eine umsichtige Erzieherin dem Kritzel-Knüllprozess entrissen hat. Und kennen doch nicht die Geschichte, die das Kind auf dem Papier gelebt hat. Das Kind aber sieht das Leuchten in den Augen seiner Eltern, hört das Wort „schön“ und merkt sich: Mach Dinge, bei denen die Augen deiner Eltern / deiner Rezensenten aufleuchten.

„Kind du malst toll, du wirst bestimmt mal ein berühmter Maler“ „Du hast das Zeug zum Schriftsteller“. Und schon ist frei arbeiten nicht mehr drin. Was auch immer wir machen, untersuchen wir jetzt: Hab ich das Zeug zum Schriftsteller? Zur berühmten Malerin? Nein, gewiss nicht, denn was ich mache, sieht immer nur aus wie Kuhfladen. Ich bin eine Betrügerin, ich kann nicht wahrmachen, was ihr in mir vermutet.
Mutter betrachtet ein Bild, das ihr Kind gemalt hat
„Och, jetzt hast du das schöne Bild kaputt gemacht!“, sagen die Eltern, wenn sie das zerknüllte Blatt sehen. Aha, merkt sich das Kind – es gibt schön und nicht schön. Und am Ende muss schön sein. Ab einem bestimmten Alter produzieren Kinder – vor allem Mädchen – endlose Reihen desselben Bildes: Haus, Baum, Mädchen. Heile Welt. Schön. Die Eltern beruhigt es. Die Kinder auch: Sie wissen, sie machen es richtig.In dem grässlichen Nachdruck aufs Produzieren, steckt immer der Gedanke: Kann ich hier irgendwie Geld rausschlagen? Erfolg, Ruhm, Anerkennung? Jetzt geht es nicht mehr um die Kreativität, sondern um das, was sie uns bringen kann.

Vielleicht ist in unserer auf Produktion gerichteten Welt, in der alles zum Produkt wird, von der Erziehung über die Altenpflege bis zur Kunst – Kreativität deshalb so zum Ideal geworden, weil sie sich in ihrem Wesen um Produktion nicht schert. Weil sie darüber erhaben ist: Denn Kreativität ist sich selbst genug. Ich wiederhole: Kreativität ist sich selbst genug.
Die größte Befriedigung erfahren Kreative, weil sie die Arbeit gemacht haben, die ihre innere Welt zum Ausdruck bringt, ihre Frage beantwortet. Diese Arbeit zu verkaufen kann Bestätigung bieten und vor allem unser Überleben gewährleisten. Erfüllung bringt aber nicht das Geld, sondern der vollendete kreative Prozess, der Flow, das Gefühl authentisch der eigenen Berufung zu folgen.

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Was für Weisheiten zum Thema Kreativität hast du in deiner Jugend gelernt? Durftest du Krakel-Kritzel-Schmier-Wodka machen, oder hast du früh gelernt, deine Kreativität zu zügeln?

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