Warum kreative Menschen den Rahmen sprengen müssen

Video ansehen

Ich freu mich riesig, denn das Buch ist da. Und es ist genau so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe. 

Jetzt kann’s losgehen mit der kreativen Befreiung! Ab heute kommt jeden Tag ein Video, mit Wissen über Kreativität oder mit kreativen Übungen und Anregungen: Was passiert bei kreativen Menschen im Gehirn und was braucht die kreative Persönlichkeit, um sich entfalten zu können? Welche Arten Kreativität gibt es? Was ist das magische Ding “kreativer Prozess” und wie kann ich dafür sorgen, dass meine kreativen Kräfte sich kraftvoll äußern können? Was ist die kreative Berufung und wie finde ich sie?

Kreative Menschen denken anders, lernen anders, arbeiten anders und leben anders. Und das ist gut so – denn nur durch diese Eigenschaften können sie Neues und Wunderbares in die Welt bringen: Kunstwerke und Erfindungen, Unternehmungen und soziale Bewegungen, Geschichten und Visionen. Lasst uns die Kreativität befreien – das Wissen, das wir dafür brauchen, stelle ich in dieser Serie zusammen.

Kreative Strategien 2: Ein Gerüst für dein Projekt bauen

Bei größeren kreativen Projekten ist es wichtig, ein Gerüst für dein Projekt zu bauen, das ihm Halt gibt, ohne es einzuengen. Das klingt leicht und logisch, ist aber praktisch oft ganz schön komplex. Um das richtige Gerüst zu finden, solltest du vier Aspekte abwägen.

1. Wie viel Freiheit hast du? Das Gerüst als Liefergarantie

Hier geht es um Grenzen, die dir von der Außenwelt gesteckt werden. Wer ganz frei arbeitet, braucht sich darum nicht zu kümmern (lies weiter bei 2). Aber in der Praxis verdienen viele AutorInnen ihren Lebensunterhalt mit Projekten, die ein bestimmtes Genre oder eine bestimmte Form und Länge vorgeben. Hast du dem Verlag ein Buch von 200 Seiten versprochen, dann wird deine Lektorin keinen Freudentanz machen, wenn du mit der doppelten Anzahl Seiten ankommst. Hält man dir einen Programmplatz in der Rubrik „Kinderroman“ frei, erwartet man keinen blutigen Thriller. Dazu kommt, dass es ja meist einen Abgabetermin gibt. „Einfach drauflos schreiben“ bringt hier sehr viel unfreiwillige Spannung, mit der nicht jede(r) gerne umgeht.Beim Schreiben auf dem Weg bleiben - ein Bretterzaun hält vom Umsichschauen ab
Solange du es dir mit dem Verlag nicht verderben willst, sollte dein Gerüst dafür sorgen, dass du die Vorgaben einhalten kannst. Viele Autorinnen entwickeln darum erst einen Plot und denken die Hauptfiguren bis ins Detail durch, damit sie nicht am Ende plötzlich merken, dass die Geschichte nicht funktioniert oder die Grenzen des Programmplatzes sprengt. Wie detailliert du dabei vorausplanst und wie viel Freiraum du dir lässt, hängt auch von deinem Sicherheitsbedürfnis ab.

 

2. Wie viel Halt brauchst du? Das Gerüst als Sicherheitsnetz.

Wie viel Sicherheit du brauchst, liegt einerseits an deiner Persönlichkeit, andererseits am konkreten Projekt. Ein kleines Projekt, braucht vielleicht nur ein vages Konzept im Kopf. Viele Kreative erfahren vor allem am Anfang der Arbeit eine Menge Schwung und sind in dieser Phase dann auch relativ immun gegen Zweifel und andere Gefahren. Desto umfangreicher und schwieriger die Aufgabe ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass du von Zweifeln heimgesucht wirst, auf Durststrecken landest oder vom Kurs abkommst. Bei mir funktioniert das ungefähr so: Für eine einzelne Zeichnung oder einen einzelnen Blogpost brauche ich keine Absicherungen, die sind fertig, bevor Zweifel bei mir ankommen können. Aber bei der Arbeit an einem Buch oder auch dem jahrelangen Führen eines Blogs, droht der Absturz, wenn ich mir kein Sicherheitsnetz baue. Was nicht heißt, dass ich immer eines baue, oft fange ich mit dem Gerüstbau erst nach dem ersten Absturz an. Das wiederum hat mit meiner Persönlichkeit zu tun: Ich arbeite nicht gerne mit einer vorher festgelegten Struktur und meine immer, es ohne zu schaffen. Jeder hat da eben so seine Ticks. Manche Menschen mögen gar keine Abenteuer und arbeiten am liebsten in einem sehr straffen Rahmen. Andere suchen immer die Spannung und blühen bei Gefahren auf. Und wieder andere arbeiten wie ich einfach zu intuitiv, um am Anfang der Arbeit überhaupt über so was wie ein Gerüst nachzudenken. Es gibt hier kein gut oder falsch, aber wer seine eigenen Sicherheits- oder Spannungsbedürfnisse ignoriert, wird wahrscheinlich nicht viel Spaß beim Schreiben haben. Autorin schreibt im sicheren Bereich und lässt ihrer Phantasie freien LaufFühlt man sich bei der Arbeit unsicher oder überfordert, ist es schwer, in den Flow zu kommen. Hier hilft, das Gerüst zu verstärken und hier und da noch ein paar Balken einzuziehen. Paradoxerweise können solche Begrenzungen manchmal mehr Geistes-Freiheit ermöglichen. Denn wenn du weißt, dass der Rahmen des Plots dich auf dem richtigen Weg hält, kannst du dich innerhalb der einzelnen Szenen dann gerade gehen lassen und deine Phantasie von der Leine nehmen.

Demgegenüber steht, dass Langeweile auch nicht gerade inspirierend ist. Wem beim Anblick des durchgeplanten Plots nur noch das Gähnen kommt, dem werden keine genialen Einfälle und spritzigen Dialoge einfallen. In solchen Fällen hilft nur die Säge: Schneide Öffnungen in das Gerüst oder schmeiß es ganz um und setze statt auf Balken und Streben lieber auf das Leuchtfeuer.

3. Wofür brenne ich? Das Gerüst als Leuchtfeuer

Ich glaube, dass wir Kreativität in zwei Formen erleben können. Einerseits die angewandte Kreativität bei der wie unsere kreativen Kräfte nutzen, um ein bestimmtes Produkt zu machen. Ich nehme mir vor, einen Frankfurt-Krimi zu schreiben und führe das Vorhaben dann aus. Meine kreative Freiheit bewegt sich innerhalb dieses Rahmens und verfolgt das Ziel, das ich mir am Anfang stecke. Auf der anderen Seite steht die freie Kreativität, bei der das Ende offen ist. Hier arbeite ich nicht auf ein Ziel hin, sondern folge einem innerlichen Brennen. Ich suche eine Antwort, will ein inneres Thema untersuchen, einer Spur folgen, die vielleicht nur mit ein paar Worten oder einem Gesicht beginnt. Bei dieser Art Kreativität geht es nicht darum, dem Verlag zu behagen oder bestimmte Lesergruppen zu bedienen, sondern um authentischen Ausdruck. Jeanette Winterson formuliert es so:
„We cannot demand that writers write particular kinds of books (though that is, what the market place and reviewers often do), and we cannot demand that writers write in the way we might prefer them to do (laments about the State of Fiction, blah blah). All we can ask is that the work should be authentic; that is, it should be true to the writer, true to language, true to the necessary development of form, and true to itself“.
Jeanette Winterson, Interview in „Lighthousekeeping“, Harper Perennial 2005

Kann es bei solch freier kreativer Arbeit überhaupt einen Rahmen oder ein Gerüst geben? Ich denke schon, aber das Gerüst besteht dann nicht aus Plot- und Formvorgaben, sondern aus Funken. Und es sorgt nicht für äußeren Halt, sondern hält dich auf deinem inneren Weg.
Nachts den Roman schreiben im Licht des inneren Leuchtturms Ein einzelner Funke kann als Gerüst für dein Projekt reichen. Winterson hatte für ihr Buch den ersten Satz im Kopf und hat diesem Satz nachgespürt, bis hinter diesem Satz eine wunderbare Geschichte auftauchte. Sie hat sich weder Form noch Handlung vorgegeben, sondern immer wieder gefragt, ob sie noch auf dem Weg zu der Geschichte ist, die sie hinter diesem ersten Satz spürte. Andere Autoren folgen beim Schreiben der Ahnung von einer Figur, einem Bild, einem Gefühl. Was auch immer es ist, es brennt in uns. Es brennt so warm oder funkelnd, so spannend oder drängend, dass es uns in Bewegung bringt, uns unser Bündel schnüren und aufbrechen lässt. Bei dieser Art zu arbeiten gibt es keine äußeren Wegweiser. Niemand weiß mehr über unsere Geschichte als wir selbst und deshalb kann uns auch niemand sagen, in welche Richtung wir uns begeben sollen. Unser Weg wird von dem bestimmt, was wir in uns spüren. Brenne ich mehr für diese oder für jene Richtung? Wenn ich einen Absatz geschrieben habe, spüre ich, ob er stimmt oder nicht, ob er mich zu meiner Geschichte führt oder von ihr ablenkt. Diese Art zu arbeiten ist eine Suche, bei der ich mir jeden Schritt erstasten muss: Wie fühlt es sich an, meinen Fuß hier aufzusetzen? Wie beim “Topfschlagen”, wo ein Kind mit verbundenen Augen den Weg zum Topf sucht und die anderen es mit „heiß“ oder „kalt“-Rufen in die richtige Richtung bewegen. Nur dass beim Leuchtfeuer die Rufe von innen kommen: Du fühlst, was „heiß“ ist und was „kalt“ und ertastest dir den Weg zu deiner Geschichte, zu dem, was sich in dir erzählen will.

4. Wie viel Reibung brauche ich? Das Gerüst als Widersacher.

Manchmal kann die maximale Freiheit das Arbeiten auch zu leicht machen. Oder zu langweilig. Hier kann das Gerüst für dein Projekt helfen, indem es mir die gewohnten Wege versperrt oder mich davon abhält, meinen vertrauten Schreibstil zu nutzen. Das große Thema Gerechtigkeit in ein einziges Bild fassen, eine moderne Version von Julia und Romeo schreiben, dieselbe Geschichte aus drei Perspektiven erzählen – in all diesen Fällen, stecke ich bewusst meinen Rahmen eng. Jetzt es ist der Kampf mit der Form, die Begrenzung selbst, die mich reizt und zum Lodern bringt. Es geht nicht darum eine Geschichte zu erzählen, sondern meine Rolle als Autorin zu untersuchen, die Möglichkeiten meines Handwerks, die Aufgaben der Kunst: Wer bin ich, wenn ich schreibe? Was ist Schreiben und was soll das? Wofür brauchen wir Kunst und wo fängt sie an und hört sie auf? Und warum macht so ein olles Blatt Papier, dass ich mich darauf ergießen will, dass Geschichten auftauchen, das Worte tanzen wollen? Wenn du solche Reibung willst, baue dein Gerüst so, dass es dir ein würdiger Gegner ist. Nicht zu schwach und nicht zu brutal, sondern genau so stark wie du, damit du deine Kräfte nicht zurückhalten musst und eure Begegnung im Ring zu einem spannenden und inspirierenden Schlagabtausch wird.

Gerüst für dein Projekt

Wie sieht dein Gerüst für dein Projekt aus? Lässt du dich beim Schreiben von einem inneren Leuchtfeuer leiten oder baust du dir lieber einen stabilen Rahmen? Erkennst du dich in Wintersons Worten wieder oder hast du ganz andere Auffassungen von Kreativität? Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen!

Kreative Strategien: 1. Einigeln

Neue Serie: Kreative Strategien

Die kreative Arbeit unterscheidet sich auf so viele Weisen von dem, was wir ansonsten in unserer Gesellschaft als “Arbeit” auffassen. Darum brauchen kreative Menschen auch andere Strategien. Einige solcher Strategien möchte ich in dieser Serie untersuchen. Anfangen will ich mit einer, die ich selbst nur zu gerne nutze, die mich in der letzten Zeit aber auch manchmal hindert: Das Einigeln.

Einigeln schützt

Sich von der Außenwelt zurückziehen und erst mal für sich behalten, woran man arbeitet, hat eine Menge Vorteile. Vor allem bietet es Sicherheit: Ich setze mich und meine Ideen nicht schutzlos den Kommentaren anderer aus. Solche Kommentare können ja sehr verunsichern und es ist wichtig, sich solchen Situationen nicht unnötig auszusetzen. Wer kreativ arbeitet, bewegt sich immer auf unsicherem Terrain und es ist prima, sich da erst mal aus möglichen “Schusslinien” herauszuhalten. Viele Kreative nutzen solche Geheimhaltungsstrategien: Solange sie sich ihrer Sache nicht sicher genug sind, erzählen sie niemandem oder nur Ausgewählten von ihren Ideen.

Einigeln als Schutz für meine kreativen Ideen

  Einigeln hindert auch

Der wichtigste Nachteil solcher Rückzug- und Geheimhaltungsstrategien ist, dass man sich dadurch auch keine Unterstützung von der Umgebung holen kann. Wenn niemand weiß, woran ich arbeite und mit welchen Dämonen ich kämpfe, dann werde ich auch keine Ermutigung erfahren und keine Hilfen bekommen. Ich muss mich alleine gegen Unsicherheit und Zweifel schützen und gebe anderen nicht die GelegenheEine Last tragenit, mich auf welche Weise dann auch zu ermutigen oder zu unterstützen.
Warum mache ich das? Die Antwort ist einfach: weil ich es kann. Ich lebte als Kind in einer Situation, in der es notwendig war, Geheimnisse zu haben und Verantwortung zu tragen. Dadurch habe ich gelernt: “Ich krieg das schon selbst hin”. So geht es vielen Menschen. Während der Coachingausbildung stellten wir irgendwann fest, dass von den fünfzehn Menschen unserer Gruppe vierzehn als Kind auf die eine oder andere Weise für ihre Eltern sorgen mussten. Dabei hatten wir alle coachende Fähigkeiten entwickelt, wir waren gut darin, andere zu ermutigen. Was wir nicht gelernt hatten, war uns auch mal von anderen ermutigen oder helfen zu lassen.
Solche früh gelernten Strategien werden oft zu Automatismen. Sie sind auch dann noch unsere erste Wahl, wenn es längst nicht mehr nötig ist. Denn inzwischen lebe ich ja in einer ganz anderen Umgebung, bin von vielen wunderbaren Menschen umgeben, die mir sicher ihre Unterstützung anbieten würden – gäbe ich ihnen die Chance dazu.

Igelfrau mit Fühlern

Einigeln ist gut, aber gleichzeitig sollten wir unsere Fühler aufstellen, damit wir die kostbaren Menschen und Umgebungen erkennen, in denen Kreativität sich nicht nur zeigen kann, sondern wertschätzend unterstützt wird. An sich ist es gar nicht so schwer, die Bedingungen dafür zu erkennen. Deine kreativen Äußerungen sind sicher, wo Menschen

  • den Prozess mehr schätzen als das Ergebnis
  • begreifen, dass Kreativität immer bedeutet, Neues auszuprobieren und der Prozess daher ein offenes Ende hat
  • sich bewusst dafür einsetzen, Kreativität vor schädlichen Auffassungen, Normen und Regeln zu schützen
  • die einzigartige Ausdrucksweise jedes Menschen wertschätzen und ermutigen.

Die Fühler aufzustellen bedeutet auch, erst mal abzuwarten. Eine Gruppe erst mal auf mich wirken zu lassen. Mich nicht zu schnell zu öffnen, erst mal genau hinzufühlen, was mir meine Fühler alles erzählen können. Vielleicht auch zu merken: In den meisten Gruppen gibt es komplexe Dynamiken, wodurch die einzelnen Mitglieder sich anders verhalten. Darum manchmal lieber einzelne, die für Kreatives offen scheinen, im Anschluss an die Veranstaltung oder an anderem Ort anzusprechen. Austausch muss nicht immer sofort geschehen. Ich “notiere” mir Menschen auf meiner inneren Vertrauenspinnwand: Mit der möchte ich Kontakt, mit der stelle ich mir den Austausch fruchtbar vor, bei ihr vermute ich meine Ideen in sorgsamen Händen.Protego Kreativum

 

Reale Gefahren

Natürlich haben wir uns das Einigeln nicht ohne Grund angewöhnt: Die meisten Umgebungen bieten für kreative Menschen viel mehr Gefahren als mögliche Unterstützer.  Für das Buch an dem ich arbeite, untersuche ich seit einiger Zeit systematisch, wie Menschen auf kreative Ideen reagieren. Ich beobachte auf Spielplätzen und in Cafés, bei Netzwerktreffen und persönlichen Gesprächen, analysiere Talkshows und die sozialen Medien. Und immer wieder fällt mir auf, wie sehr wir alle darauf konditioniert wurden, kreative Äußerungen zu hinterfragen und jedes Abweichen von den subtilen Normen unserer Kultur erst mal mit Ablehnung zu beantworten. Ich habe schon mehr als dreißig solcher kreativitätsfeindlichen Normen entdeckt. Normen, die uns an der kreativen Arbeit hindern. Normen, die dazu führen, dass Kreativität sich nicht zeigen kann. Normen, die wir schon als Kinder annehmen und mit denen wir uns dann ein Leben lang herumschlagen. In den nächsten Monaten möchte ich diese kreativitätsfeindlichen Normen zum Thema meiner Arbeit machen. Und auch, wie wir uns vor ihnen schützen können. Mit Einigeln und Hinfühlen zum Beispiel. Das ist Selbstschutz und Schutz unserer Kreativität. Wir alle können das, wir können für uns und für andere sorgen. Und das bedeutet, mir Zurückhaltung und Vorsicht zu erlauben. Kreative bilden einen Kreis, in dem die Kreativität sich entfalten kann

Doch auch rundum Vorsicht gibt es Normen: Wir sollen alle regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen, das Geld sicher anlegen und uns fürs Alter absichern. Aber uns selbst vor vernichtenden Kommentaren oder kreativitätsfeindlichen Umgebungen schützen, steht nicht auf dem Sicherheits-Lehrplan. Dabei ist diese Art Sicherheit für unser persönliches Glück genauso wichtig wie Geld oder Gesundheit. Denn Kreativität ist persönlich und authentisch und uns so öffnen und zeigen können wir ohne Gefahr nur in einer wertschätzenden Umgebung. Kreative brauchen solche Schutzräume!

 

Wie schützt ihr euch vor den Kreative-Dämonen? Woran misst ihr ab, ob eine Umgebung für kreative Ideen sicher ist? Wann igelt ihr euch besonders ein? Bin gespannt auf eure Erfahrungen!

 

 

 

Zeit-Befreiung statt Zeitmanagement

Letztens habe ich über den Leerlauf im Kopf geschrieben, der so wichtig für die kreative Arbeit ist. Zeit freimachenIm Alltag ist es gar nicht so leicht, diese Freiräume fürs Denken aufrechtzuerhalten. So schnell lasse ich mich vom Tempo der Umgebung mitreißen. Im Leerlauf geht es darum, ohne Ziel zu arbeiten –  doch wir leben in einer Zeit, in der alle immer irgendwo hin unterwegs sind. Zeitmanagement, Produktivität, volle Kalender – alles perfekte Mittel, der Kreativität den Garaus zu machen.  Was wir brauchen, ist ein umgekehrtes Zeitmanagement: Eins, das Zeit nicht plant und füllt, sondern leert und befreit.

Vorhin saß ich im Café und kritzelte, um meinen Kopf leer zu machen. Die Frau neben mir schaute ein paar mal interessiert auf mein Blatt, fragte dann, was ich mache.
„Ich kritzle nur so vor mich hin“.
„Wofür?“.
„Weil ich für die Kreativität einen freien Kopf brauche“.
„Arbeiten Sie in der Werbung?“
Höflich wie ich bin antwortete ich auf die erste Frage, aber danach wurde es auch nicht leichter, mich wieder aus dem Gespräch zurückzuziehen. Dabei hätte es natürlich ganz einfach sein können: Ein bestimmtes „Ich bin am Arbeiten” hätte der Frau wohl gleich signalisiert, dass sie mich nicht weiter stören sollte. Aber ich bin eben ein netter Mensch. Es gehört zu meinem Selbstbild nett und freundlich zu sein. Und verdient, wer höflich fragt, nicht eine höfliche Antwort?

Das Nettigkeits-Problem

Warum setzt du dich dann auch ins Café, wenn du in Ruhe arbeiten willst?, fragst du jetzt vielleicht. Weil das Nettigkeits-Problem in dieser Woche zuhause noch größer ist. Meine beiden ältesten Töchter sind da, erst der Freund der einen, dann der Freund der anderen zu Besuch, Freundinnen kommen vorbei. Normalerweise lasse ich das private Telefon bei der Arbeit klingeln, aber die Töchter nehmen an und schon wird mir der Hörer mit einer Verwandten dran ans Ohr gedrückt. Dann  kommt die eine oder andere Tochter und fragt, wo dies oder das ist und ob ich weiß, wie man jenes oder dieses macht. Und ich bin halt auch als Mutter nett. Und als Tochter, Freundin, Nachbarin und Kollegin. Ich möchte eine sein, die nett zu allen ist, die hilfsbereit und aufmerksam ist. Und ich freue mich ja auch, dass alle gerade mal wieder Zuhause sind, wir sehen uns so selten und sollte man die Feste nicht feiern, wie sie fallen?  Aber nächste Woche  sind es dann meine Eltern, die Hilfe brauchen, eine Freundin, die ihr Herz ausschütten will, oder eine Kollegin, die Rat braucht. Und wenn ich nicht aufpasse, vergeht Tag um Tag, Woche um Woche und ich komme mit meinen eigenen Gedanken, meiner eigenen Arbeit nicht weiter.

Nett-produktive-Doppelbelastung

Bin am NichtstunIm Leerlauf fällt mir dieses Abgrenzen besonders schwer. Wenn ich an etwas Sichtbarem arbeite, kann ich besser “Nein” sagen und anderen fällt es dann auch leichter, das Nein als notwendig zu akzeptieren. „Ich arbeite an einem Auftrag für einen Kunden, der muss heute noch raus“, führt dazu, dass man sich schnell schweigend aus meinem Zimmer zurückzieht. Wenn ich aber scheinbar entspannt auf dem Bett vor mich hin kritzele, …

Hm, sind es wirklich die anderen, die da einen Unterschied machen? Oder bringe ich in solchen Momenten mein Nein auch schon etwas weniger bestimmt rüber? Weil in mir ein Stimmchen ruft „Du kannst schon helfen, du kritzelst ja nur ein bisschen rum (oder liegst nur auf dem Bett und träumst, hast schon seit Stunden nichts Produktives gemacht…. )“.

Ich glaube, gerade für Frauen ergänzen sich das „nette Selbstbild“ und der Produktivitätswahn in unserer Kultur auf fatale Weise: Wir können uns weniger gut abgrenzen, haben sowieso schon ein schlechtes Gewissen, wenn wir andere durch unsere Arbeit vernachlässigen. Wenn dann unsere Arbeit aber auch noch zweifelhaft ist – wie Nichtstun, Leerlauf und Kritzeln es in unserer Gesellschaft eben sind – dann wird das Abgrenzen noch schwieriger. Vor allem in Phasen, in denen die Arbeit nicht vorwärts kommt. Statt im Nichtstun auszuharren, ist es dann sehr verlockend, dem schlechten Gewissen nachzugeben und sich wieder zurück in die Rolle der nützlichen netten Mutter-Freundin-Nachbarin zu geben. Da nämlich gibt es wenigstens schnell ein Erfolgserlebnis. Der Freundin einen Tee kochen, damit sie ihren Liebeskummer über uns ausschütten kann oder der Tochter bei den Hausaufgaben helfen, führt schneller dazu, dass wir uns nützlich und geliebt fühlen, als unsere kreative Arbeit. Eine kurze Tröst-Helf-oder-Rat-Unterbrechung scheint darum immer sinnvoll. Und das Verweigern dieser Tröst-Helf-Rat-Aktionen geradezu grausam – uns selbst und anderen gegenüber.

Shakespeares Schwester

Was mir hilft, mich abzugrenzen, ist das Wissen um eine endlose Menge von wunderbaren Werken, die genau durch diese Haltung nicht geschaffen wurden. Erfindungen, die nicht entwickelt, Romane, die nicht geschrieben, soziale Projekte, die nicht gegründet, geniale Weisheiten, die nicht gedacht wurden. Shakespeare hatte eine SchwVirginia woolf quote "She lives in you and in me"ester –

(“I told you in the course of this paper that Shakespeare had a sister; (…) . She died young—alas, she never wrote a word. (…)  She lives in you and in me, and in many other women who are not here to–night, for they are washing up the dishes and putting the children to bed”)

– schrieb Virginia Woolf in “A Room of One’s Own”. Wir alle sind Shakespeares Schwester. Jede von uns muss Tag auf Tag wieder abwägen, wofür wir unsere Zeit einsetzen. Und oft wird unsere Liebe und unsere Menschlichkeit dazu führen, dass wir unsere persönlichen Projekte eine Zeit lang zurückstellen. Das ist gut so. Doch wir sollten die Entscheidung, ob wir unsere Arbeit unterbrechen und uns um andere kümmern, nicht den automatischen Piloten entscheiden lassen. Lebensgefährliche Notfälle ausgenommen. Aber in allen anderen Fällen, sollten wir den Grund für die Unterbrechung kurz überprüfen: Muss ich jetzt aufspringen? Kann Kind-Freundin-Kollegin-Nachbarin-Vater-oder-Hund vielleicht noch ein wenig warten? Oder gar das Problem selbst lösen? Wenn ich das so mache, lösen sich erstaunlich viele der vermeintlichen Notfälle in Nichts auf. Eine Stunde später hat meine Tochter die Hausaufgabe schon mithilfe von YouTube gelöst, die Freundin schon eine andere Adressatin für ihren Liebeskummer gefunden und der Laptop meines Vater funktioniert wieder.

Aufstellen statt anstellen

Umgekehrtes Zeitmanagement für KreativeUm mich selbst und andere daran zu erinnern, dass ich – auch wenn es für andere nicht so aussehen mag – an der Arbeit bin, habe ich einen kleinen Aufsteller gebastelt. Wann immer jemand mich unterbrechen will, brauche ich jetzt nur noch auf den Aussteller zu zeigen – im Café, zuhause, im Zug. Dass dieser Hinweis schweigend stattfindet, zeigt den anderen, dass ich gerade konzentriert bin und Ruhe brauche. Damit verhindere ich gleich drei Kreativitätsvernichter: Erstens werde ich nicht gestört. Zweitens verhindere ich, dass ich mich für meinen Wunsch nach Konzentration entschuldige. (Die Neigung mich zu entschuldigen, signalisiert anderen ja wieder, dass sie eigentlich das Recht haben, mich zu stören und ich mit meiner Abgrenzung etwas tue, für dass ich mich entschuldigen sollte). Und drittens verhindert das Hinweisschild dass ich genervt bin, weil ich nicht vorwärts komme und dieses Genervtsein über mein Nicht-weiter-kommen an den anderen auslasse.

 

P.S. Das printable für den Aufsteller schick ich mit dem Newsletter mit – ich hab ihn auf Aquarellpapier gedruckt (Montval von Canson) – das funktioniert mit meinem Drucker prima.

Wie ich in die Leere zog und mit Kreativität zurückkam – Ode 10 an den Leerlauf

In deinem Kopf gibt es einen kleinen Hebel, mit dem du deine Gedanken auf Leerlauf stellen kannst. Nur vergessen wir oft, dass es ihn gibt. Ich jedenfalls.

Diese Ode handelt von einer, die mal kurz Pause machen wollte, und wie die Pause dann immer länger wurde. Am 24. Dezember hatte ich mich mit meinem letzten Adventskalender-Filmchen in die Ferien verabschiedet. Nach den Feiertagen sollten wir in unsere Kate in Holstein fahren. Weil ich dort weder Handy-Empfang noch WLAN haben würde, wollte ich die Zeit gleich auch für einen kleine Rückzug aus dem Online-Leben nutzen. Vor dem kreativen LeerlaufDenn ich versuche schon länger, ein Buch zu schreiben, das mir sehr wichtig ist, kam aber in den letzten Monaten nicht vorwärts.

Meine Gedanken waren zerstreut, ich fing immer wieder von vorne an, konnte mich schlecht konzentrieren. Vielleicht würden zwei Wochen ganz ohne Input von außen, mir helfen, meine Gedanken zu sortieren? Inzwischen sind 5 Wochen vergangen und ich möchte gerne mit euch teilen, was diese Zeit in mir ausgelöst hat.

1.Ruhe

In dieser hektischen Zeit, in der wir fast ununterbrochen zur Kommunikation eingeladen werden, hatte ich fast vergessen, was Ruhe wirklich ist. Ruhe ist nicht, auf dem Sofa sitzen und mit Freunden whatsappen. Ruhe ist auch nicht, ins Kino gehen, um einen entspannten Abend zu erleben. Ruhe ist nicht, beim Kaffee inpirierende Instagramm-Accounts durchzuschauen. All das ist sehr nett, aber es ist nicht Ruhe, sondern Entertainment – das deutsche Wort trifft es besser: Unterhaltung. Ich unterhalte mich oder lasse mich unterhalten. Ich befinde mich also in einer Interaktion mit der Welt, beschäftige mich mit Inhalten, nehme neue Informationen auf. Meine Sinnesorgane bekommen Reize, die verarbeitet werden wollen. Diese Reize sind im modernen Alltag viel mit elektrischem Licht, Tonaufnahmen und jeder Menge Sprache verbunden.

Was Ruhe ist, habe ich wieder erfahren, als ich auf unserer Wiese am Bach entlang lief trödelte. Ruhe ist, keine Botschaften zu hören. Geräusche schon: Das Zwitschern der Vögel, der Wind in den Weiden, das Wasser im Bach, das jeden Tag ein wenig anders klingt, mal plätschernd, mal rauschend.

Doch selbst wenn der Bach wie in den ersten Tagen dieses Jahres wild brausend den Hügel hinab strömt, ist es nie so “laut” wie die Stimme in einem Video. Denn der Bach erzählt nicht in Sprache, will mein Hirn nicht mit einer Botschaft erreichen. Was er erzählt, kann ich mir selbst ausdenken. Und darum kehrt in meinem Kopf eine Ruhe ein, die keine Stille ist: Es ist die Ruhe, mich selbst wahrzunehmen. Mich zu spüren. Meine Sinne zu hören. Meinen Körper zu fühlen.

Und so geht es mit allen Sinnen. Meine Augen sehen die Strukturen der Bäume, die fahlen Grüntöne der Wiese, doch weder die Äste noch die Halme rufen mir etwas zu. Was auch immer mir bei diesem Anblick durch den Kopf geht, sind meinen eigenen Erfahrungen, meine eigenen Ideen.

Wenn Augen und Ohren sich beruhigen, kommen auch die anderen Sinne wieder an die Oberfläche. Der Geruch der Luft an einem kalten Morgen. Die Hände um die warme Kaffeetasse. Ich spüre, was ich brauche. Ich spüre, was ich will, was mir wichtig ist.

Wenn ich von Ruhe rede, meine ich nicht Stille. Am Bach war ich immer nur kurz, es war schließlich affenkalt und nach einem kurzen Streifzug draußen lockte es mich schnell wieder an die warme Hexe. Drinnen in der großen Küche war ich selten allein und es war dort auch nie still (außer Arthur, mir und zwei unserer Töchter waren Freunde aus Holland da und immer wieder schneiten Freunde aus der Umgebung rein). Wir haben gekocht und gespielt und erzählt. Aber es gab auch immer die Gelegenheit, mich aus dem Geschehen zurückzuziehen, träumend auf dem Sofa zu sitzen oder in Gedanken verloren in der Suppe zu rühren. Schon nach ein paar Tagen fing etwas in mir zu wirken an.

2. Die Kreativlawine

Es fing harmlos an, mit vagen Ideen, die noch keine Kontur hatten. Ich nenne das kreative Gefühle, denn ich kann sie spüren, aber noch nicht in Worten benennen, auch noch nicht zeichnen. Nach ein paar Tagen wurde der Prozess heftiger und die Nächte kürzer: Wenn ein kreativer Prozess so richtig in Gang kommt, werde ich vor Aufregung früh wach. Ich muss dann aufstehen, um die Energie loszuwerden. Um fünf Uhr morgens war es noch stockdunkel draußen, ich lief hin und her durch die Küche, machte die Hexe an, sah dem Feuer zu, lief wieder durch die Küche. Noch nichts Konkretes im Kopf, nichts um aufzuschreiben. In solchen Momenten ist es wichtig, mich nicht zu drängen. Nicht zu früh zuzugreifen, nicht zu früh Form zu geben, an das, was sich noch nicht ganz gebildet hat. Wenn ich Ruhe habe, kann ich diese Geduld aufbringen. Weil ich den Prozess spüre. Spüre, dass ich auf dem Weg bin und Vertrauen fühle, dass es der richtige Weg ist. Rückblickend weiß ich, dass ich in den letzten Monaten diese Ruhe nicht hatte. Ich hatte vergessen, wie wichtig sie ist, hatte versucht, die Kreativität in meinem vollen Terminplan unterzubringen, nebenher noch irgendwie hinzukriegen. Aber so funktioniert das bei mir nicht. Kleine kreative Prozesse finden so vielleicht genug Zeit. Aber tiefere kreative Prozesse, bei denen es um wichtige Erfahrungen, große neue Erkenntnisse oder komplexe Zusammenhänge geht,  brauchen mehr Ruhe: Sie können sich nur formen, wenn ich innerlich in die Tiefe gehen kann.

Doch zurück in die Kate. Jetzt, wo ich die Ruhe eingeladen hatte, nahm mein kreatives Wesen sich, was ich ihr so lange verwehrt hatte. Sie sprühte und sprudelte und ich wurde von einer Kreativlawine überrollt. So nenne ich es, wenn ganz viel gleichzeitig kommt: All das, was sich in Monaten aufgespart und angesammelt hatte. Was sich in den hektischen Zeiten nicht hatte entfalten konnte und jetzt auf Verarbeitung wartete. Was zu komplex war, um nebenher zu bewältigen, den ganzen Kopf und Körper brauchte. Jetzt, wo Zeit und Raum, wo Ruhe da war, sprang das alles an die Luft. Es sprang so reichlich, dass ich meinen 2-Wochen-Rückzug einfach verlängern musste.

Chaos gehoert zum kreativen Prozess

3. Das böse Online?

War es wirklich die Abstinenz vom Netz, die meine Kreativlawine ausgelöst hat? Sie hat sicher geholfen, die einzige Ursache war sie aber nicht. Ich glaube, facebook und andere Online-Medien sind tatsächlich ruhestörender als analoge Medien*. Denn wenn ich facebook öffne, um zu lesen, was Freundin X oder Kollegin Y gerade macht, begegne ich, ohne es zu wollen, auch sehr viel anderen Informationen. Es ist nur schwer zu dosieren und nur schwer zu beeinflussen, was genau ich mir an Inspiration reinziehe, wenn ich zehn Minuten online bin. Gehe ich zehn Minuten in die Bücherei oder durch die Stadt, begegnet mir zwar auch vieles, aber ich kann das selbst mehr beeinflussen. Vor allem kann ich es intuitiv beeinflussen: Im Buchladen zieht es mich intuitiv in die Ecke mit den Reiseberichten und ich ignoriere den Tisch mit den Biografien. Im Museum entscheidet mein Bauchgefühl, dass ich mir heute nur drei Gemälde anschaue und den Raum mit den Skulpturen auslasse. Oder in einem Raum voller Monitore zieht es mich nur zu dem einen Video von Ulay, das mich noch Jahre später inspirieren wird, die anderen fallen mir gar nicht auf. Auch bei facebook und instragram bewege ich mich mit dem Bauchgefühl vorwärts, aber weil es die Nachrichten dort nur anhand von Bildern und Worten beurteilen kann, bekommt es nur wenige Informationen. Zudem muss es sich online oft viel schneller entscheiden. Klack, klack, klack schießen die Bilder in der Timeline vorbei, zu schnell oft, um wegzuschauen. Im Buchladen ist das einfacher. Dort kann ich mich erst mal zögernd im Raum umschauen, meinem Bauchgefühl Zeit geben, alle ersten Eindrücke zu verarbeiten, bevor es dann in eine Richtung geht. Ich möchte in Zukunft bewusster entscheiden, wann ich online gehe – nicht gleich morgens zum Beispiel, lieber nach der Arbeit an meinen kreativen Projekten. Und ich werde versuchen, auch online mehr auf mein Bauchgefühl zu achten.

Dennoch sind die sozialen Medien nicht die Ursache meines Problems. Denn  vor vielen Jahren, um 2005 hatte ich schon mal dasselbe Problem – obwohl ich damals noch kaum online war.

4. Über-Inspiration

Bevor wir 2006 aus Den Haag nach Schönwalde zogen, hatte ich auch eine Phase, in der ich unter einem Zuviel an Inspiration litt. In der intensiven kulturellen Umgebung der niederländischen “Randstad” gab es soviel zu entdecken, dass ich mich in Gedanken zerriss. Ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie schnell neue Läden, Galerien, soziale Initiativen aus der Luft schossen. Weil ich alles interessant fand, ließ ich mich andauernd von den neuen Ideen mitreißen. So kam ich nicht mehr dazu, all die Informationen zu verarbeiten, geschweige denn meine eigenen Ideen weiterzuentwickeln.  Damals wirkte der Umzug aufs Land Wunder. In der kulturellen Ödnis Ostholsteins, tagaus, tagein nur von Natur umgeben, konnte ich gar nicht anders, als mich mit meinen eigenen Ideen beschäftigen. Natürlich fehlte mir dort dann nach einer Weile etwas anderes, das für Kreative wichtig ist: eine Umgebung, in der kreative Projekte gedeihen können und der Austausch mit Weggefährten. (Dem Internet sei Dank konnte ich diese Bedürfnisse per Skype, facebook und Online-Netzwerken befriedigen, sonst hätte ich schon viel früher wieder in die Stadt ziehen müssen).

Jetzt wohne ich seit fast anderthalb Jahren wieder in der Stadt und ich liebe es. Ich liebe die bunte, multikulturelle, kreative Umgebung, genieße jeden Tag, die Vielseitigkeit dieser Stadt. Kaum trete ich aus dem Haus, bin ich auf dem Campus der Fachhochschule, mehr als 100 Nationen Studenten lernen hier und jeden Tag  entdecke ich hier etwas Neues: Umfragen, Plakate, Einladungen zu Podiumsdiskussionen. So sehr mir die Ruhe in Holstein gut getan hat, ich war mir auch sehr bewusst davon, dass ich nie wieder in einer solchen weißen Monokultur leben will. Gleichzeitig bin ich nun aber auch wieder in einer Umgebung, in der ich von Inspiration überfallen werde. Anders als 2005 weiß ich jetzt aber, wie ich mich vor Über-Inspiration schützen  und meinen eigenen Ideen Raum zur Entfaltung geben kann: Ich brauche Leerlauf.

5. Gang raus

Kreativität besteht aus einem Wechselspiel aus Offenheit und Rückzug, Fokus und Leerlauf. Wenn ich offen in die Welt schaue, sammle ich einen Teil des Materials für meinen Arbeit. Der andere Teil des Materials kommt aus mir: Es sind meine eigenen Wahrnehmungen und Gefühle. Beides bildet zusammen den Schatz, aus dem Kreatives entstehen kann. Doch damit sich das Neue formen kann, brauchen wir Leere. Leere im Kopf. In solchen Phasen brauchen wir vor allem eine Ideen-und-Meinungen-Abstinenz. Damit ich meine eigenen Ideen hören kann, muss ich mich eine Weile vor den Ideen von anderen verschließen. Ich weiß erst mal genug, brauch keine neuen Infos, sondern muss all der schon gesammelten Inspiration und den schon gesammelten Erfahrungen jetzt endlich Raum und Zeit geben, sich zu setzen. Dafür brauche ich Zeit, in der meGang raus nehmen - Kreativer arbeitenine inneren Prozesse sich im Leerlauf bewegen können. Es hilft mir, meinen Kopf dafür in meiner Fantasie mit einer richtigen Gangschaltung auszustatten und den Hebel bewusst auf “Leerlauf” zu schieben. Dabei mache ich mir klar, was es bedeuten würde, einen Gang einzulegen: Ein Gang gibt ein konkretes Ziel vor. Damit will ich etwas Bestimmtes erreichen und zwar in einer bestimmten Geschwindigkeit. Doch mit einer solchen Zielsetzung kann der Prozess in meinem Kopf sich nicht mehr frei entfalten, ihm ist eine Richtung vorgegeben. In anderen Momenten im kreativen Prozess bin ich froh, dass ich auch einen vierten Gang habe (Los jetzt Nathalie, du weißt genau, was du machen willst, also bring das jetzt auch aufs Papier) und mit Fokus an der Umsetzung meiner Ideen arbeiten kann.. Aber wenn ich noch nicht genau weiß, was ich will, was alles ins Buch soll, oder wenn ich während der Arbeit merke, dass mein Konzept nicht aufgeht, dann braucht der kreative Prozess Raum. Frei-Raum, ganz frei und ohne Ziel genau das zu untersuchen, was tief in mir auf Antworten wartet. Es sucht Antworten auf Fragen, die noch nicht in Worte gefasst werden können – wie sollte ich da eine Richtung vorgeben können?

Ich liege im Leerlauf-Modus auf dem Sofa und bereite eine Revolution vor

6. Leerlauf im Alltag

Ich glaube, ich brauche sowohl täglich (oder zumindest an jedem Tag, an dem ich kreativ arbeiten will) kürzere Leerlauf-Momente als auch hin und wieder eine längere Leerlauf-Phase, eine Woche am Bach oder ein Wochenende Wandern. Der tägliche Leerlauf braucht nicht lang zu sein, ich habe ein bisschen herum experimentiert und gemerkt, dass ich mit 20 Minuten schon sehr viel in mir lockern kann. Diese kurzen Leerlauf-Momente tun so gut, dass ich sie zu einer Routine machen will, mit der ich jede kreative Arbeitsphase anfange. Für mich heißt es jetzt wieder: Jeden Tag ein bisschen Leerlauf.

Damit diese Routine so richtig Spaß macht und ich nicht vergesse, warum sie wichtig ist und wie das mit dem Leerlauf funktioniert, bastle ich mir gerade etwas Schönes. Dazu bald mehr. Und Leerlauf-Wochen möchte ich jetzt fest in meinen Kalender einplanen. Dabei freue ich mich über Mit-LeerläuferInnen, die Kate bietet Raum für sechs Kreative, die Daten für die nächste Leerlauf-Woche stelle ich dann bald hier ein. Jetzt wo ich wieder weiß, wie ich mich im Alltag vor Über-Inspiration schützen kann, freue ich mich nämlich auch wieder auf den Online-Teil meines kreativen Lebens und werde sicher wieder viel hier zu finden sein.

*Ich möchte hier nicht auf die Hasskommentare und politische Hetze bei facebook eingehen. Einerseits, weil die in meiner eigenen Timeline zum Glück keine Rolle spielen (meine facebook Bubble ist offen, multikulti und kreativ, weil ich mich nur mit solchen Menschen vernetze). Andererseits, weil das Problem, das ich hier thematisiere, unabhängig davon existiert. Was die aktuelle politische Situation und die vielen rechten Pöbeleien für die Kreativität in der Welt bedeuten und wie wir mit Kreativität auf politische Probleme antworten können, ist aber ein wichtiges Thema, da komme ich demnächst noch drauf zurück.