Drei Missverständnisse übers Prokrastinieren, die deiner Kreativität schaden

Missverständnis 1: Prokrastinieren ist schlecht.

Als “Prokrastinieren” zum Modewort wurde, vor 10 Jahren oder so, da dachte ich: “Prima! Jetzt wächst endlich das Verständnis dafür, warum Aufschieben für die Kreativität wichtig ist”. Aber weit gefehlt. Fast sofort wurde das Wort falsch interpretiert (nämlich negativ), wurden Studien aus ihrem Zusammenhang gerissen und aus dem neutralen Begriff “Prokrastination” die “krankhafte Prokrastination” gemacht.

Seitdem erscheint so ungefähr täglich ein Artikel, in dem erklärt wird, wie wir das Prokrastinieren überwinden, überlisten, vermeiden und bekämpfen können. Die Welt titelt gar “Der Prokrastination entkommen” und verspricht zehn Tricks, mit denen wir nie wieder prokrastinieren werden. Und will der Kreativität damit wohl ein für alle mal den Garaus machen. (Solltest du dennoch auf den Link klicken, dann machst du das auf eigene Gefahr!)

Höchste Zeit, die Prokrastination zu rehabilitieren und zu erkennen, wie und wann das Aufschieben zur kreativen Kraft wird. Das ist zum Beispiel, wenn es dir beim Fokussieren hilft. Oder wenn es dafür sorgt, dass dein Geist sich im Leerlauf bewegt und die für die kreative Arbeit so wichtigen intuitiven Prozesse stattfinden können. Zu den guten Seiten der Prokrastination mache ich demnächst einen ausführlicheren Artikel. Darin wird es auch darum gehen, wie du erkennst, mit welcher Art Prokrastination du es zu tun hast. Von außen sehen die kreativitätsfördernde und die blockierte Prokrastination nämlich gleich aus.

Gutes und böses Prokrastinieren sehen gleich aus.

Prokrastinieren kann die Kreativität fördern oder ein Zeichen von Blockaden sein. (Illustration von Nathalie Bromberger)

Missverständnis 2: Wenn du dich beim Prokrastinieren ertappst, musst du dich zum Weitermachen zwingen.

Dieses Missverständnis ist für Kreative eine Katastrophe. Erstens schüttest du damit sozusagen das Kind mit dem Bade aus. Schließlich kannst du jetzt auch die guten Arten des Aufschiebens nicht mehr nutzen. Sobald du dich beim Prokrastinieren ertappst, rufen die kleinen Leistungsdrückerchen in deinem Gehirn: “Igitt, hier wird nicht gearbeitet”. Du fühlst dich schuldig, undiszipliert oder faul und versuchst dich zum Weiterarbeiten zu zwingen. Statt zu überlegen, ob es vielleicht einen guten Grund für dein Aufschieben gibt. So schwächst du deinen kreativen Prozess nicht nur,  im schlimmsten Fall kannst du ihn dadurch ganz verhindern. Und wenn du alle Prokrastinier-Neigungen gleich unterdrückst, lernst du auch nicht, woran du das gute Aufschieben erkennen kannst. Oder in welchen Situationen du es brauchst und wie du es am besten nutzen kannst.

Zweitens ist dieser Ratschlag auch in allen anderen Fällen Quatsch. Denn auch dann, wenn du  prokrastinierst, weil es in deinem kreativen Prozess gerade nicht so rund läuft, hat es keinen Sinn, dich zum Weitermachen zu zwingen. Mag sein, dass du mit Disziplin noch ein Stückchen vorwärts kommst, aber dann werden dich die Blockaden höchstwahrscheinlich wieder einholen. Das Prokrastinieren an sich ist nämlich gar nicht das Problem. Und damit wären wir auch schon beim nächsten Missverständnis:

Kreative versucht vor den Blockaden wegzulaufen

Es hat keinen Zweck vor den kreativen Blockaden wegzulaufen – sie halten Schritt mit allem, was du tust. (Illustration von Nathalie Bromberger)

Missverständnis 3: Prokrastinieren ist die Ursache von kreativen Blockaden

Das ist großer Unsinn! Das Aufschieben ist nicht die Ursache dafür, dass deine kreativen Säfte nicht strömen wollen. Sondern immer nur ein Symptom von tiefer liegenden kreativen Blockaden. Hinter dem Prokrastinieren liegen Ängste oder Zweifel. Sie sind es, deine kreativen Impulse behindern. “Trotzdem weitermachen” ist darum auch keine Option. Denn so ein Arbeiten unter Zwang klappt vielleicht, wenn es um die Steuererklärung oder ums Unkrautjäten geht. Aber beim kreativen Prozess brauchst du deine innersten Kräfte, Herz und Verstand, das was dir auf der Seele und unter den Nägeln brennt. Du kannst deinen Verstand nicht auf Null setzen und sagen: “Ich hasse Gartenarbeit, aber da muss ich durch”. Oder dich zum mechanischen Ausfüllen der Felder im Elster-Formular füllen. Solche Methoden helfen bei Arbeiten, bei denen wir uns zeitweise zum Roboter machen können. Und es mag sein, dass es schon Roboter gibt, die ein Foto nachzeichnen oder ein bisschen übersetzen können. Aber zu echter Kreativität ist nur der fähig, der fühlen kann und mit seinem ganzen Wesen bei der Sache ist.

Wenn du dich beim Aufschieben ertappst, dann gibt es nur eine sinnvolle Reaktion: Dir anzuschauen, was da gerade in dir passiert. Wo du dich im kreativen Prozess befindest. Ob es gut ist, dass du jetzt noch nicht weitermachst. Und es also gut ist, das Aufschieben zuzulassen, es vielleicht sogar noch bewusster zu machen. Oder ob du das Arbeiten vor dir her schiebst, weil dir die Lust oder der Mut fehlt. Weil du an deinen Fähigkeiten oder Ideen zweifelst oder von Ängsten gehindert wirst.  Und falls das so ist: Wie du mit diesen Zweifeln und Ängsten umgehen kannst. Prokrastinieren kann auch hier eine wichtige Funktion haben: Es weist dich darauf hin, dass dir der kreative Kraftstoff fehlt. Und dass du dir die Zeit nehmen solltest,  dich wieder aufzuladen.

Kreative fliegt zur Tankstelle

Prokrastinieren kann auch ein Zeichen dafür sein, dass du deine kreative Energie auftanken musst. (Illustration von Nathalie Bromberger)

Kleiner Grundkurs Prokrastination

Kurz und gut, höchste Zeit, das Prokrastinieren zu rehablitieren und uns genauer anzuschauen, was dahinter steckt. Darum erscheint hier in den nächsten Wochen ein Serie mit Tipps und kleinen Workshops zu den verschiedenen Aspekten des Prokrastinierens:

 Teil 1 bis 3  handelt davon, auf welche Aufgaben das Aufschieben bei der kreativen Arbeit hat. Wie du erkennst, ob dein kreativer Prozess stockt oder fließt und ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist, deine Bleistifte zu zählen oder besser eine andere Prokrastiniermethode wählst.

Teil 1: Prokrastinieren hilft Fokussieren

 

Zeitung trifft Bauch

Bildausschnitt CollageKreative Einladung

Ich liebe es, Bücher oder die Zeitung zu übermalen. Für mich ist das eine der effektivsten Kreativitätstechniken und Befreiungstools. Vor allem, wenn der Untergrund hässlich ist. Prima funktionieren auch Reklameflyer oder Müslischachteln. Denn wenn ich auf hässlichem Untergrund male, habe ich keine Angst: Alles, was ich  mache, kann nur besser sei, als der Status Quo.

Außerdem nehme ich mir vor, die Seite anschließend wegzuwerfen. Einerseits, wei ich beim besten Willen nicht all mein Gekritzel aufheben kann. Vor allem aber, weil ich so verhindere, dass sich beim Kritzeln plötzlich Ansprüche entwickeln. Wenn beim Kritzeln nämlich etwas entsteht, das mir gefällt, bekomme ich nämlich oft Angst, dieses Schöne zu zerstören. Wenn ich weiß, dass das, was ich mache, am Ende doch im Mülleimer landet, verschwindet diese Angst.  (Wie wichtig es sein kann, ohne Ziel und ohne ästhetische Ansprüche zu arbeiten, habe ich in meiner Ode an den kreativen Kuhfladen beschrieben. ) Und mir fällt gerade ein, dass Eric Maisel hierzu auch Wunderbares geschrieben hat, das muss ich demnächst mal rauskramen.Bildausschnitt Urwald

Aber zurück zur Zeitung: Noch ein Grund, warum ich gerne auf Zeitung oder Flyern male ist,  dass die Worte und Bilder auf dem Untergrund mein Unterbewusstsein zu Assoziationen verlocken. Wenn ich anfange, denke ich oft, eine besonders langweilige Zeitungsseite erwischt zu haben (dieses mal sogar eine besonders gruselige, denn unten stand, wie ich erst beim Arbeiten entdeckte, ein Artikel über die NSU). Aber wenn ich dann loslege, tauchen auf einer scheinbar uninteressanten Seite dann oft ganz wunderbare Worte auf. Vielleicht hatte mein Unterbewusstes sie schon beim Auswählen der Seite entdeckt? Und deshalb bei dieser Seite laut “Hier” gerufen, weil das Thema gerade passte?

Wie auch immer – es macht Spaß und macht locker.

Wenn du es noch nie probiert hast, so könntest du vorgehen:

Bild einer übermalten Zeitung

Erst eine willkürliche Seite der Zeitung mit weißer Farbe übermalen. Dabei Wörter und Bilder, die dich anlächeln, freilassen.

Collage mit Zeitungspapier und Stückchen Flyer

Dann aus einem Reklameflyer (hier H&M, den ich leider immer vergesse abzubestellen), bunte Stücken reißen und ohne lange nachzudenken auf der Seite aufkleben.

Mit Kreide kritzeln

Dann mit Kreide oder anderen Farben drauflos kritzeln.

Mit Tusche bemalte Zeitungsseite

Jetzt kann es richtig loslegen. Auf diesem präparierten Untergrund kannst du mit schwarzer Farbe oder Tusche deinem Pinsel freien Lauf lassen und wild drauflos schreiben oder malen. Ich finde es immer wieder bezaubernd, wie dabei genau die Themen hervorkommen, die gerade wichtig sind. Vor allem Blockaden im kreativen Prozess thematisieren sich hierbei gerne.

Bei mir war es (mal wieder), dass ich mir mehr Raum zum Spielen und  Entdecken geben will. Ein Thema, das immer wieder auftauscht, wenn ich, wie zur Zeit, an einem dickeren Buch arbeite. Ich habe dann die Neigung, zu viel zu planen und dem kreativen Prozess damit die Luft abzudrücken. Und voila: Kaum hatte ich mir das bewusst gemacht, fing alles wieder zu fließen an.  Wow, flow.