Die anderen Merkmale von Hochbegabung.

Woran merken Hochbegabte, dass sie hochbegabt sind?
Es gibt ausfĂŒhrliche Listen mit Merkmalen von Hochbegabung anhand derer Lehrer oder Eltern beurteilen konnen, ob Kinder hochbegabt sind. Auf diesen Listen stehen intellektuelle FĂ€higkeiten wie MerkfĂ€higkeit, Detailwissen und ein großer Wortschatz. Daneben werden Eigenschaften genannt wie eine starke eigene Lernmotivation, ein ausgeprĂ€gter Gerechtigkeitssinn, kritisches Denken, KreativitĂ€t und Autonomie.
Doch wie ist es fĂŒr die Hochbegabten selbst – was weckt in ihnen den Verdacht, hochbegabt zu sein?

Alle Hochbegabten, mit denen ich bisher darĂŒber gesprochen habe, erzĂ€hlten mir,  dass sie ĂŒber viele Jahre – oft  sogar ĂŒber Jahrzehnte – das Vermuten hatten, mit ihnen sei etwas nicht in Ordnung. Sie fĂŒhlten sich auf negative Weise anders. “Wie ein Marsmensch”. “Ich hab es einfach nie geschafft, irgendetwas so zu tun, wie es von mir erwartet wurde”. “Ich war schrecklich einsam”. “Ich fĂŒhlte mich wie ein Versager”.
Auch wenn Hochbegabte dann endlich erfahren, was die Ursache ihres Andersseins ist, verĂ€ndert sich ihr Selbstbild  oft doch nur an der OberflĂ€che. Tief  im Inneren bleiben bei den meisten starke Selbstzweifel bestehen. Sie fragen sich immer noch, ob sie wohl “in Ordnung” sind, werden von SchuldgefĂŒhlen geplagt, machen sich VorwĂŒrfe und haben das GefĂŒhl zu versagen. Ich haber sogar Hochbegabte getroffen, die trotz  mehrerer Doktortitel noch unsicher waren, ob sie ihre Sache gut machten.

Woher kommt dieses negative Selbstbild? Ich vermute, es hat damit zu tun, dass Hochbegabten von ihrer Umgebung immer wieder signalisiert wird, dass sie lÀstig sind und UmstÀnde machen, Ruhe und Ordnung verstören, Zeit kosten und irritieren. Dass sie trotz guter Schulnoten nicht leisten, was von ihnen erwartet wird.
Gegen gute Schulnoten, gewonnene Wettbewerbe und eine hohe Lernmotivation hat natĂŒrlich keiner etwas einzuwenden. Doch diese Glanzleistungen werden nur im Paket geliefert – verbunden mit anderen Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft gar nicht so hoch im Kurs stehen.
Von hochbegabten Menschen wird nun oft der Spagat erwartet, nur einen Teil ihrer Hochbegabung zu leben. Den lÀstigen und umstÀndlichen Teil ihres Geistes sollen sie nur in den eigenen vier WÀnden ausleben und anderen damit so wenig wie möglich zur Last fallen.

In den nÀchsten Wochen möchte ich diese anderen Merkmale von Hochbegabung  ins Rampenlicht stellen und feiern, was so selten gefeiert wird. Mit dem wunderbaren PhÀnomen des Gedankensprungs werde ich die Reihe anfangen.

Und ĂŒbrigens: Spielen Sie Schach?

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Merkmale von Hochbegabten – 1. GedankensprĂŒnge

Ich bin  – wie viele Menschen – mit der Idee aufgewachsen, dass GedankensprĂŒnge etwas Schlechtes seien. Gedanken springen hin und her - divergentes DenkenLeerstellen im Denken galt es um jeden Preis zu vermeiden und ein Aufsatz war gut, wenn die Argumentation logisch aufgebaut war. Dasselbe galt fĂŒr Diskussionen, und wenn mich meine GesprĂ€chspartner  stutzig oder verwirrt ansahen, habe ich mir VorwĂŒrfe gemacht.  “Wieder nicht ordentlich gedacht!”.

Erst viel spĂ€ter habe ich mir das Wort Gedankensprung einmal genauer angehört. Springende Gedanken – ist das nicht etwas Großartiges? Gedanken, die Schritt ĂŒberschlagen und GrĂ€ben ĂŒberspringen können, die den Luftweg wĂ€hlen und sich von irdischen Hindernissen nicht lĂ€hmen lassen….

Warum springen die Gedanken von hochbegabten und kreativen Menschen? Weil wir sie springen lassen! Wir lassen sie an der langen Leine und machen es so möglich, dass unser Denken sich zum Teil von der Intuition leiten lĂ€sst. Wir arbeiten nicht nur mit der linken HirnhĂ€lfte, sondern lassen beide HirnhĂ€ltften zusammenarbeiten. Gedanken, die in Worte gefasst sind, werden durch Bilder, GefĂŒhle, Sinneswahrnehmungen ergĂ€nzt. Wir bearbeiten das Thema, das uns beschĂ€ftigt, sowohl bewusst-logisch als auch unbewusst-intuitiv. In diesem Zusammenspiel – Kennzeichen von kreativem Flow – liegt die Gabe begrĂŒndet, neue Lösungen zu finden, bisher Unvereinbares verbinden zu können, Wege aus dem Labyrinth zu finden.

Weil ich keinen Respekt vor GedankensprĂŒngen hatte, konnte ich frĂŒher auch die Rolle des Pferdes beim Schachspiels nicht wertschĂ€tzen. Unlogisch und kompliziert fand ich seine Art zu springen. Heute weiß ich, dass das Pferd nicht um die Ecke springt um uns zu verwirren oder weil es ungeschickt ist. Mit seinen SprĂŒngen kommt es an Stellen, die fĂŒr andere Figuren unerreichbar sind und findet Wege und Angriffspunkte, an die der Gegner nicht denkt.
Kein Wunder, dass viele Menschen Gedanken-SprĂŒnge als beunruhigend erfahren. Dass die logisch-ĂŒbersichtliche Art GesprĂ€che zu fĂŒhren – ohne Leerstellen und ZickzacksprĂŒnge – in unserer Kultur zum Maßstab gemacht wurde.

Hochbegabte lernen frĂŒh, sich an die AnsprĂŒche der Umgebung anzupassen und ihr Denken in Zaum zu halten. Umso befreiender erfahren sie dann die seltenen Momente, wenn sie “unter Springern” sind. Wenn die Angst vor der Unsicherheit, vor Unlogischem und Unbekannten abwesend ist und frei in alle Himmelsrichtungen ausgeflogen werden kann.

Solche Momente sind nicht nur schön  – sie sind lebensnotwendig. Denn wer seine Gedanken zu oft an Fesseln legt, der weiß irgendwann nicht mehr, wer er denn ist. Denken ist nicht etwas, das wir tun oder lassen können; es ist unsere Art zu sein und uns lebendig zu fĂŒhlen.

 

Bis bald! Nathalie

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Die anderen Merkmale von Hochbegabung 2: Top-down im Turbotempo

Bevor sie begreifen, dass sie schnell denken, machen viele Hochbegabte eine andere Erfahrung, die mit dem top-down Lernen zu tun hat: sie merken, dass sie die Neigung haben andere zu unterbrechen. Manche geben ihrer Neigung nach, andere halten sich mit viel MĂŒhe zurĂŒck. Beide werfen sich vor, sie seien ungeduldig und unhöflich. Den anderen aussprechen zu lassen gilt schließlich als eine selbstverstĂ€ndliche Grundregel unserers Miteinanders.

Auch hier kommt fĂŒr viele Hochbegabte das Aha-Erlebnis, wenn sie endlich Menschen begegnen, die Ă€hnlich sind. Die auch schon nach drei Wörtern wissen worauf der andere hinaus will. Die auch dazu neigen andere zu unterbrechen. Mehr noch: die sich daran nicht stören, sondern sich an dem Turbotempo solcher GesprĂ€che freuen.

“Das Buch von dem Architekten…”
“mir gefĂ€llt das andere besser, das wo…”
“genau und er widerspricht sich darin…”
“wie die Californierin…”
“ich glaube es könnte trotzdem klappen…”
“hast du von dem Versuch in Holland gelesen..”
“dass der gescheitert ist bedeutet ja nicht..”
“genau!”.

LĂŒcken scheint dieses GesprĂ€ch nur dann zu haben, wenn man eine chronologische der-Reihe-nach-und-Schritt-fĂŒr-Schritt-Denkweise hat. Wer aber top-down denkt, wie viele Hochbegabte, nĂ€mlich vom Abstrakten zum Konkreten, in großen Linien und wer oft auf Metaniveau reist, der kann viele dieser kleinen Schritte ĂŒberschlagen. In so einem GesprĂ€ch genĂŒgen dann oft minimale Hinweise, um zu begreifen, in welche Richtung der andere denkt.

Werden solche In-großen-Linien-Denker zum schrittweisen Denken gezwungen, laufen sie nicht nur Gefahr einem akuten Ungeduldsinfarkt zu erliegen, sondern verlieren auch den Überblick. Denn ihnen sind die kleinen Zwischenschritte oft gar nicht deutlich und sie verirren sich dann in den Fakten, die dabei prĂ€sentiert werden. Schlechte Resultate bei Rechenaufgaben, Multiple Choice Tests und mĂŒndlichen PrĂŒfungen können hiermit zu tun haben. Statt der eigenen Logik zu folgen, lassen sie sich von ihren Denkwegen abbringen. Versuchen ihren Gedanken das top-down zu verbieten und schneiden ihnen damit die FlĂŒgel ab.

Darum ist es so wichtig, dass Hochbegabte – am besten schon in jungen Jahren – ihren Denkstil entdecken und darĂŒber kommunizieren lernen. Wieviel Energie lĂ€uft sonst ins Leere, wie viele Gedanken werden nicht gedacht! Und wie viele wunderbare Denker fangen sonst an ihrer eigenen DenkfĂ€higkeit zu zweifeln an!

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Die anderen Merkmale von Hochbegabung 3: Hochsensibel

Schneiden Sie auch die Etiketten aus Ihren T-Shirts?  Verwenden Sie nur geruchsneutrale Shampoos? Oder wird Ihnen vielleicht schlecht, wenn Sie kĂŒnstlich aromatisiertes Erdbeereis riechen? Viele Hochbegabte sind hochsensibel und gehen mit geschĂ€rften Sinnesorganen durch das Leben. Ihre Antennen sind feiner abgstimmt, und dadurch nehmen sie Dinge wahr, die fĂŒr andere unter der Toleranzschwelle liegen.
Das grelle Licht der Lampen im BĂŒro, die GeschmacksverstĂ€rker im Kantinenessen, das Ticken der Wanduhr oder der Plastik-Geruch des neuen Teppichbodens können ihnen schwer zusetzen. Doch wer ĂŒber solche Kleinigkeiten klagt, der wird von seiner Umgebung schnell als ĂŒbertrieben empfindlich eingeschĂ€tzt. Und empfindlich sein hat – wie so viele andere Eigenschaften, die mit Hochbegabung einher gehen, einen negativen Unterton in unserer Gesellschaft. Eine gewisse Unempfindlichkeit wird als Reife gesehen. Eine Naht in der Socke – da was muss man als Erwachsener doch drĂŒber stehen!

Wenige Ausnahmen gibt es: Von einem berĂŒhmten Musiker wird nicht erwartet, dass er sein feines Gehör KlĂ€ngen aussetzt, die ihn irritieren. Einem Sternekoch nimmt man ab, dass ihm ĂŒbel wĂŒrde, wenn er in der Schulkantine essen mĂŒsste. Aber solche Empfindlichkeiten dĂŒrfen nur die zeigen, die es schon zu etwas gebracht haben.
Das Kind aber, das hochsensibel ist und ĂŒber den GerĂ€uschpegel im Klassenraum klagt oder dass sich weigert, den stinkenden Tafelschwamm anzufassen, wird selten ernst genommen. Es soll sich nicht anstellen, soll sich an die Reize gewöhnen, die Überreizung hinnehmen. Hinter dieser PĂ€dagogik scheint die Hoffnung zu stehen, dass auf die Dauer – eben als Zeichen der Reife – eine gewisse Abstumpfung eintritt. Dass die Überempfindlichkeit vorrĂŒbergeht. Wir signalisieren diesen Kindern, dass es schlecht ist hochsensibel zu sein, dass sie ihre Sinne auf das normale Maß zurĂŒckschrauben, sich vor dem, was ihre Antennen wahrnehmen abschließen und ihrer eigenen Empfindlichkeit nicht vertrauen sollen.
Wem man nicht zugesteht, ĂŒber kratzende Etiketten zu klagen, dem hat man den Zweifel an der eigenen Wahrnehmung eingeimpft. Kein Wunder, dass so viele hochbegabte Erwachsene Schwierigkeiten haben, ihren eigenen Sinnen zu vertrauen, ihrem Körper zu glauben, ihrer Intuition zu folgen!!!

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Die anderen Merkmale von Hochbegabung 4: Gerechtigkeitssinn und altkluge Moral

Die besondere Empfindsamkeit Hochbegabter betrifft nicht nur die Sinnesorgane – sie haben oft auch eine besonders fein eingestellte Antenne fĂŒr soziale Beziehungen, fĂŒr Nuancen und Untertöne in GesprĂ€chen. Auch entwickeln viele Hochbegabte schon in jungem Alter deutliche moralische Werte und einen starken Gerechtigkeitssinn. Nicht selten kann man dann schon bei GrundschĂŒlern moralischen Überlegungen begegnen, die dem postkonventionellen Stadium von Kohlberg zuzuordnen sind – ich zitiere hier aus den wunderbaren ArbeitsblĂ€ttern von Werner Stangl:

“Menschen die dieses Niveau erreichen (in der Regel Erwachsene, im Ausnahmefall Jugendliche) eignen sich moralische Normen, Werte und Prinzipien an, die ĂŒber ihre eigenen Gruppen und der Gesellschaft hinaus gĂŒltig sind, und handeln in autonomer Verantwortung danach. Das Individuum kann hier zum ersten Mal eine Perspektive annehmen, die ihm erlaubt, sich von Bedingungen gegebener sozialer Ordnungen freimachen zu können und ist nun in der Lage bestehende Regeln zu hinterfragen. Es unterscheidet zwischen Heteronomie und Autonomie, Partikularem und Universalem und leidet an SchuldgefĂŒhlen, wenn es seine universalen Prinzipien verletzt hat”.

Diese Kinder erkennen weder Gruppennormen noch AutoritĂ€ten fraglos an, werden oft spontan und ganz aus sich selbst zu TierschĂŒtzern und Vegetariern, sie fangen an zu heulen, wenn sie Unrecht in irgendeiner Form begegnen – wenn sie Mobbing in der Klasse beobachten, ungerechtes Verhalten von Lehrern oder Bilder von geschlachteten Robben sehen.
Unter Altersgenossen fĂŒhrt diese Reife oft zu MissverstĂ€ndnissen und Einsamkeit. Denn wenige Gleichaltrige können die Dringlichkeit verstehen, mit der die jungen Moralisten ihre Werte und Überzeugungen vertreten. Sogar Lehrer und andere Erwachsene finden es oft befremdlich und unnatĂŒrlich, wenn junge Kinder schon deutliche Überzeugungen haben. Altklug ist ein Wort, das dabei oft verwendet wird – und es ist ja auch sehr zutreffend, denn diese Kinder sind klug auf eine Weise, die andere erst in hohem Alter erreichen. Oder gar nicht. Leider entwickeln manche Menschen ja nie einen ausgereiften Gerechtigkeitssinn.
Typisch fĂŒr unsere Kultur ist nur wieder, dass dieses wunderbare Wort eine negative Bedeutung bekommen hat. Genau wie Idealist, Hansdampf in allen Gassen und Weltverbesserer.
Dazu bald mehr.

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MORALISCHEENTWICKLUNG/KohlbergStufen.shtml

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Merkmale von Hochbegabung – 5. Weltverbesser-Drang und VisionĂ€rer Geist

Letztes Mal hatte ich in dieser Serie ĂŒber den Gerechtigkeitssinn geschrieben, durch den hochbegabte Kinder auffallen. Ein Sinn ist eine Antenne, die FĂ€higkeit etwas wahrzunehmen. Auf Dauer ist dieses passive Aufnehmen aber nicht genug. Es fĂŒhrt ganz automatisch zum BedĂŒrfnis etwas zu unternehmen, zu handeln, die Welt zu verbessern.
Schon wieder Worte aus dem Lexikon der Hochbegabung, die in unserer Kultur negativ besetzt sind:
“Weltverbesserer” oder “Idealist” – mit diesen Begriffen kann man sich bei uns nicht schmĂŒcken.

Schon frĂŒh lernen Kinder und Jugendliche, von Altersgenossen, Eltern und Lehrern, dass es peinlich, lĂ€cherlich, ĂŒbertrieben, störend oder bemitleidenswert ist, sich fĂŒr eine Sache zu ereifern. Dass Visionen nur Hirngespinste sind. Revolutionen nur AufruhrsĂ€hen und Idealismus schon fast eine Krankheit. Diese UmgebungseinflĂŒsse fĂŒhren dazu, dass viele Hochbegabte, junge wie alte, ihren Weltverbesserdrang auch selbst als lĂ€cherlich erfahren und soweit wie möglich zu unterdrĂŒcken versuchen.
Dadurch entstehen oft massive OhnmachtsgefĂŒhle, gepaart mit SchuldgefĂŒhlen und Selbstzweifeln. Der/die Hochbegabte hat das GefĂŒhl, Verrat an den eigenen Werten und Möglichkeiten zu ĂŒben, sieht jedoch oftmals keinen Weg, aktiv zu werden. Dazu kommen starke EinsamkeitsgefĂŒhle – es fehlt die unterstĂŒtzende und ermutigende Umgebung. Ein Teufelskreis entsteht, der zu immer stĂ€rken OhnmachtsgefĂŒhlen und Selbstzweifeln fĂŒhrt.  Depressive Stimmungen können hier ihre Ursache haben.

Anderen gelingt es nicht, den Weltverbesserdrang zu unterdrĂŒcken. Sie versuchen es, aber in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden bricht er wie ein Geysir aus, zeigt sich als Wutausbruch oder auf andere Art verzerrtem Verhalten. Es folgt Scham. “Warum konnte ich wieder meinen Mund nicht halten”. “Warum muss ich immer aus dem Rahmen fallen”…

In beiden FĂ€llen schĂ€men sich die hochbegabten SchĂŒler und Erwachsenen schließlich fĂŒr genau das, was ihre grĂ¶ĂŸte Gabe und fĂŒr unsere Gesellschaft wichtigstes Gut ist.
Gibt es Schöneres und Wichtigers als Menschen, die den Drang fĂŒhlen, die Welt zu verbessern, sich fĂŒr das Gute einzusetzen und solidarisch mit SchwĂ€cheren zu sein?
Statt sie zu belĂ€cheln, sollten Lehrer und Erzieher diese FĂ€higkeiten ernstnehmen und fördern. Warum gibt es noch keine Weltverbesser-Akademie? Warum werden SchĂŒler mit ausgeprĂ€gtem Gerechtigkeitssinn nicht ebenso gefördert wie gute Fußballspieler? Warum lassen wir sie allein, statt sie zu ermutigen und tatkrĂ€ftig ihrem Beispiel zu folgen?

Mein Weltverbesserdrang diese Woche: die Aktionen von 350.org zu unterstĂŒtzen.

Mein Idol zur Zeit: PrĂ€sident Nasheed von den Malediven, weil er mit seiner wunderbaren Rede und tatkrĂ€ftigem Handeln gezeigt hat, dass er einer der wenigen Politiker ist, die in der Lage sind, den Weg aus der Klima-Krise zu leiten – wenn wir ihn lassen.

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Merkmale von Hochbegabung 5.2.: Kann man Weltverbesserdrang messen?

Hochbegabung ist mehr als ein hoher IQ. Und auffallen tun Hochbegabte – sich selbst und ihrer Umgebung – nur zum Teil wegen ihrer intelligenten Äußerungen. Viel heftiger werden oft die anderen Merkmale wahrgenommen, um die es in dieser Serie geht.
Das GefĂŒhl nicht begriffen zu werden und die anderen nicht zu begreifen, hat weniger mit der FĂ€higkeit zu tun, mathematische Formeln schnell zu erfassen oder in mehreren Sprachen denken zu können. Sondern damit, dass unterschiedliche Denkstile aufeinandertreffen. Was fĂŒr den einen ein Gedankensprung ist, erfĂ€hrt der andere als AbkĂŒrzung. Was fĂŒr den einen ein normales Tempo ist, wird fĂŒr den anderen zu einer nicht nachvollziehbaren Raserei. Und wenn der eine mit hochempfindlichen Antennen Unterströme oder Spannungen wahrnimmt, tut der andere das als Einbildung ab.

Warum bekommen diese wichtigen Merkmale so wenig Aufmerksamkeit? Weil wir sie (noch!) nicht messen können! KreativitĂ€t, SensitivitĂ€t, Motivation und Soziale Intelligenz sind bisher nicht in harten Kategorien oder Variabeln zu fassen. Darum besteht die Testung Hochbegabter noch immer vorwiegend aus einer Testung jener Intelligenz, die wir einigermaßen zuverlĂ€ssig messen können.

Aber warum ist die Testung ĂŒberhaupt von so großer Wichtigkeit? Warum definieren Hochbegabte sich auch selbst vor allem ĂŒber diese Tests und nicht ĂŒber jene Eigenschaften, die im Alltag oft noch relevanter sind?
Ich denke, dass es hierfĂŒr zwei GrĂŒnde gibt, die zusammenhĂ€ngen:
Erstens weil das Testergebnis leider oft der einzige Weg ist, fĂŒr ein hochbegabtes Kind Förderung durchzusetzen.
Und zweitens weil viele Hochbegabte im Laufe ihres Lebens unsicher geworden sind, an ihren eigenen FĂ€higkeiten zu zweifeln gelernt haben und sich fragen, ob sie verrĂŒckt sind. (Denn wenn alle anderen anders sind – dann muss ich ja wohl verrĂŒckt sein!)

Diese beiden GrĂŒnde hĂ€ngen zusammen und sorgen fĂŒr einen Teufelskreis:
Weil die Hochbegabung sonst nicht anerkannt wird, lassen die Eltern das Kind testen – mit einem Test, der nur einen kleinen Teil des komplexen PhĂ€nomens Hochbegabung misst.
Das Kind identifiziert sich mit dem Testergebnis und stellt beruhigt fest, dass es nicht verrĂŒckt, sondern intelligent ist. Die Lehrer geben dem Kind ein paar extra Matheaufgaben und meinen, das Problem damit aus der Welt geschafft zu haben.
Weil die “Nebenwirkungen” von Hochbegabung nicht angesprochen werden, weil dem Kind nicht mitgeteilt wird, dass hohe Intelligenz mit anderen Eigenschaften verbunden ist, fĂ€ngt es an sich zu wundern. Bin ich vielleicht verrĂŒckt? Wenn ich wirklich hochbegabt wĂ€re, dann mĂŒsste ich doch besonderes leisten. Dann mĂŒsste ich doch ganz wunderbar mit anderen Menschen umgehen können, mich ihnen begreiflich machen können, meine Gedanken logisch und ohne SprĂŒnge mitteilen können?

So entstehen die Zweifel am eigenen Denken, an den eigenen FĂ€higkeiten, mit denen so viele Hochbegabte durchs Leben gehen. Erst wenn das ganze Paket, das ganze komplexe PhĂ€nomen Hochbegabung gesehen wird, wenn Lehrer ihre hochbegabten SchĂŒler mit alle ihren – manchmal auch lĂ€stigen – Eigenschaften annehmen und fördern, dann erst entsteht der offene und sichere Raum, in dem Begabung sich wirklich entfalten kann.

Mit diesem langen und etwas umstĂ€ndlichen PlĂ€doyer wollte ich eigentlich nur einen Buchtip vorbereiten. Und weil das Buch mehr verdient als in der letzten Zeile erwĂ€hnt zu werden, stoppe ich hier – und gebe dem Buch seinen eigenen Post.

 

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Die anderen Merkmale von Hochbegabung 6: Innere Motivation

Zu keinem Merkmal von Hochbegabung fĂ€llt mir so wenig ein wie zur besonderen Motivation der Hochbegabten. Das liegt wohl daran, dass ich dieses Merkmal so selbstverstĂ€ndlich finde, so deutlich – inzwischen habe ich das GefĂŒhl, Hochbegabte zuerst und vor allem daran zu erkennen: dass sie mit einer starken eigenen Motivation durchs Leben gehen. Das gilt fĂŒr VierjĂ€hrige, fĂŒr Jugendliche und fĂŒr Erwachsene gleichermaßen.

Besonders ist die Motivation bei Hochbegabten, weil sie von innen kommt. Weder Geld noch Status können Hochbegabte so richtig in Fahrt bringen (auch wenn sich sich manchmal fĂŒr eine Weile durch das eine oder andere verfĂŒhren lassen können). Viel wichtiger ist das Eigene Thema, der Innere Drang, die Vision. Damit werden sie morgens wach und gehen sie abends wieder ins Bett – auch wenn sie sich oft selbst nicht klar sind, was genau dieses Thema, dieser Drang, diese Vision ist. Denn gerade weil es nicht eine vorverpackte Motivation ist, keine Vision “von der Stange”, sondern eine ganz persönliche Triebfeder, dauert es oft lange, bis die Hochbegabten erkennen was genau sie treibt.

Oft braucht es Umwege und Experimente, werden hier und da Berufe ausprobiert, Firmen oder Verlage gegrĂŒndet, mal in die Politik, die Kunst oder die Philosophie hineingeschnuppert. Dann wieder wird ganz pragmatisch versucht sich jetzt endlich fĂŒr irgendwas zu entscheiden und dabei zu bleiben und basta – nur um kurz darauf zu merken, dass solche drastischen Methoden höchstens zu Burn-Out oder Depression fĂŒhren, den inneren Drang aber nicht wirklich stillen können.
Und dann geht es wieder auf die Suche und oft ist sie gerade dann erfolgreich, wenn man nicht mehr so krampfhaft nach einem Thema sucht, sondern sich damit abfindet, dass man ein facettenreicher Mensch, ein Mensch mit vielen Talenten ist. Und sich endlich erlaubt vieles gleichzeitig zu tun, alles ein bisschen, mal hier mal da und die Experimentierfreude nicht einzuschrÀnken.

Wer sich erlaubt so offen und entdeckend seinen Ideen zu folgen, der wird merken, dass sie sich mehr und mehr kristallisieren. All die Ideen und WĂŒnsche sind nicht zusammenhanglos, nicht zufĂ€llig. Schließlich entstammen sie einer einzigen Quelle, einer Persönlichkeit, einer ganz einzigartigen Sicht auf die Welt: deiner.
Nun ist gerade das etwas, das wir in unserer Kultur nicht lernen: die eigene Weltsicht wertzuschÀtzen. Wir stopfen uns mit Fakten und Formeln zu, wir zweifeln, kritisieren, reflektieren und wir beherrschen die hohe Kunst des Relativierens. Aber uns selbst zuzuhören, unserer eigenen Wahrheit zu glauben darin werden wir nicht geschult.

Neulich las ich wieder mal in Thomas G. Wests  großartigem Buch ĂŒber das Visuelle Denken. Darin beschreibt er  Genies wie Einstein, Da Vinci und Faraday. Diese Genies hatten alle besondere Wahrnehmungsweisen, eigenartige Lernstile und FĂ€higkeiten – vom Stottern, ĂŒber BeidhĂ€ndigkeit bis zur FĂ€higkeit elektrische Strahlungen visuell wahrzunehmen. Wests Buch macht deutlich, dass die beschriebenen Denker nicht trotz ihrer Eigenheiten sondern gerade deswegen zu besonderen Entdeckungen kamen.
Nur wer zu seiner Besonderheit steht, sie entdecken und leben kann, kann auch die eigenen besondere Möglichkeiten und Begabungen wahrmachen. Es ist darum nicht genug, wenn wir hochbegabten Kindern und Jugendlichen Matheaufgaben anbieten oder sie zu Schreibwettbewerben schicken. Sie brauchen eine Umgebung, in der sie ihre Eigenheiten wertschÀtzen können, mit ihren Möglichkeiten und Begabungen experimentieren können und ihre ganz persönliche Vision und Motivation finden können.
Erwachsene Hochbegabte brauchen das ĂŒbrigens auch!

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Merkmale von Hochbegabung: 7. Tausend Interessen, tausend Projekte

Hochbegabte (und Hochkreative!) sind enorm neugierig, finden die unterschiedlichsten Themen und AktivitÀten interessant und haben eine ellenlange To-do-Liste.
Diese breite Orientierung und Offenheit hat einerseits mit ihren vielen und fein abgestimmten Antennen zu tun (sie Merkmal 3: SensitivitÀt), aber auch mit KreativitÀt und KomplexitÀt, Merkmale auf die ich in dieser Serie noch eingehen werde.

Nun ist es aber auch in diesem Fall wieder so, dass dieses besondere Merkmal Hochbegabter in unserer Kultur nicht gerade hochgeschĂ€tzt wird. Drei oder vier Interessengebiete stehen recht nett im Bewerbungsbrief, wer mehr aufschreibt lĂ€uft schon Gefahr als ein Mensch eingeschĂ€tzt zu werden, der sich nicht entscheiden kann. Und Sich-Nicht-Entscheiden-Können ist Ă€ußerst verwerflich. Wer sich nicht entscheiden kann ist womöglich unentschlossen oder zögerlich, oder er hat den Ernst des Lebens noch nicht begriffen, nĂ€mlich, dass man im Leben nunmal nicht alles machen kann, was einem Spaß macht und dass man sich nunmal entscheiden muss und dass es alles kein Zuckerschlecken ist und dass man irgendwann ja auch mal zur Sache kommen und NĂ€geln mit Köpfen machen muss und bloß nicht ewig herumexperimentieren ohne dass etwas NĂŒtzliches dabei herauskommt.

Diese Botschaften werden hochbegabten Kindern schon frĂŒh vermittelt, mal mehr mal weniger subtil.
Du kannst dich immer noch nicht fĂŒr ein Thema bei deinem Referat entscheiden? Nun mach aber mal!
Dein Aufsatz ist viel zu lang, weil du so viele unterschiedliche Themen angeschnitten hast – schlecht!
Du möchtest Jonglieren lernen? – letztes Jahr wolltest du Chinesisch lernen und du hast gerade erst mit Gitarrespielen angefangen – jetzt bleib endlich mal bei einer Sache!!!

Erst sind es Eltern und, spĂ€ter Freunde und Bekannte, die den Tausendsassa darauf weisen, dass er ihnen mit seinen wechselnden Interessen, StudienfĂ€chern oder Berufen auf den Nerv geht. Sie erfahren es als eine Belastung, dass sie sich immer wieder auf neue enthusiastisch vorgetragene Projekte einlassen mĂŒssen nur um – gerade wenn sie endlich verstanden haben um was es dabei geht – festzustellen dass das Projekt schon lĂ€ngst wieder vorbei ist. Jetzt ist etwas ganz anderes angesagt, und das wird auch wieder mit jener 100% Begeisterung vorgetragen.

Warum sind Tausendsassas so lÀstig und nervtötend?
Weil es schwer ist sie einzuordnen und sich von ihnen ein Bild zu machen. Statt eines normalen Photos brĂ€uchte man hier schon so wunderbare Abbildungen, wie es sie in Harry Potters Zauberwelt gibt – Bilder, auf denen die Figuren sich bewegen und verĂ€ndern können.

Doch dies ist nur die halbe Antwort. Denn die Begeisterung, die der Tausendsassa fĂŒr jedes seiner Projekte aufbringt, ist vielen Leuten an sich schon suspekt. Wahrscheinlich, weil sie sich selbst nie zu solchem Engagement verleiten lassen. Und wenn ein anderer es kann – bedeutet das nicht, dass mir etwas abgeht? Der Tausendsassa scheint vor Begeisterung FlĂŒgel zu bekommen, das GlĂŒck ĂŒber seine Neuentdeckung strömt ihm geradezu aus den Poren und er legt eine schier unerschöpfliche Energie an den Tag. Wem solche Energieströme und Begeisterungswellen unbekannt sind, in dem muss sich wohl der Verdacht regen, dass dem eigenen Leben etwas Wichtiges fehlt.
Doch niemand fĂŒhlt sich gern unvollstĂ€ndig. Neid ist kein schönes GefĂŒhl und wird meist schnell umgewandelt: statt sich dieselbe BegeisterungsfĂ€higkeit, zu wĂŒnschen werden Begeisterung, Wandelbarkeit und Vielseitigkeit an sich fĂŒr suspekt erklĂ€rt. Die Lebendigkeit des Tausendsassas – denn genau darum handelt es sich – wird lĂ€cherlich gemacht, als dumm, ungeschickt, kindlich, verrĂŒckt oder naiv dargestellt.

Dies geht an jungen wie erwachsenen Tausendassas nicht ohne Spuren vorbei. Selbstzweifel, SchuldgefĂŒhle, Depressionen, das GefĂŒhl ein Versager zu sein und tausenderlei SelbstvorwĂŒrfe sind die Folge. Diese GefĂŒhle stehen bei vielen Hochbegabten in einem fortwĂ€hrenden Widerstreit mit ihrer BegeisterungsfĂ€higkeit. Die Lebendigkeit droht immer wieder im Keim erstickt, an der Wurzel betĂ€ubt zu werden.
Und die SchuldgefĂŒhle, selten bewusst bearbeitet, öfter ein ganzes Leben klaglos mitgeschleppt, fĂŒhren dazu, dass hochbegabte Erwachsene nur sehr bescheiden und zurĂŒckhaltend auftreten. Dass sie fĂŒr sich und ihre hochbegabten Kinder nur sehr bescheidene Forderungen stellen:
Ein zusÀtzliches Arbeitsblatt in Mathe oder nachmittags ein paar Experimente.  Statt: Eine Schule, in der Kinder lebendig sein können, begeistert und an ihren 1000 selbstgewÀhlten Projekten arbeiten können.
Eine ruhige Nische, in der ich vor mich hinarbeiten kann, ohne dass es jemanden stört. Statt: Eine Arbeitsumgebung, die mich inspiriert und in der meine FÀhigkeiten gesehen und geschÀtzt werden.

Kurzum: es geht darum selbstbewusst aufzutreten, sich nicht lĂ€nger zurĂŒckhalten zu lassen.
Dazu braucht es:
– Austausch mit anderen Hochbegabten und Hochkreativen
– Experimentierfelder, RĂ€ume in denen die Begeisterung und Lebendigkeit der Tausendsassas sich entfalten kann und erfahrbar wird, dass man mal so richtig loslegen und lostrĂ€umen kann – ohne dass dadurch irgendwas “kaputtgeht”
– Öffentlichkeitsarbeit, die nicht taktiert und sich arrangiert, sondern lauthals und deutlich fordert.

Tausendsassas dieser Erde vereinigt euch und traut euch den Anderen mal so richtig auf den Nerv zu gehen!

Praktische Tips fĂŒr Tausendsassas in Barbara Shers Scannerbuch:
http://begabung.blogspot.com/2009/07/sind-sie-auch-ein-scanner.html

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