Die anderen Merkmale von Hochbegabung.

Woran merken Hochbegabte, dass sie hochbegabt sind?
Es gibt ausf├╝hrliche Listen mit Merkmalen von Hochbegabung anhand derer Lehrer oder Eltern beurteilen konnen, ob Kinder hochbegabt sind. Auf diesen Listen stehen intellektuelle F├Ąhigkeiten wie Merkf├Ąhigkeit, Detailwissen und ein gro├čer Wortschatz. Daneben werden Eigenschaften genannt wie eine starke eigene Lernmotivation, ein ausgepr├Ągter Gerechtigkeitssinn, kritisches Denken, Kreativit├Ąt und Autonomie.
Doch wie ist es f├╝r die Hochbegabten selbst – was weckt in ihnen den Verdacht, hochbegabt zu sein?

Alle Hochbegabten, mit denen ich bisher dar├╝ber gesprochen habe, erz├Ąhlten mir,┬á dass sie ├╝ber viele Jahre – oft┬á sogar ├╝ber Jahrzehnte – das Vermuten hatten, mit ihnen sei etwas nicht in Ordnung. Sie f├╝hlten sich auf negative Weise anders. “Wie ein Marsmensch”. “Ich hab es einfach nie geschafft, irgendetwas so zu tun, wie es von mir erwartet wurde”. “Ich war schrecklich einsam”. “Ich f├╝hlte mich wie ein Versager”.
Auch wenn Hochbegabte dann endlich erfahren, was die Ursache ihres Andersseins ist, ver├Ąndert sich ihr Selbstbild┬á oft doch nur an der Oberfl├Ąche. Tief┬á im Inneren bleiben bei den meisten starke Selbstzweifel bestehen. Sie fragen sich immer noch, ob sie wohl “in Ordnung” sind, werden von Schuldgef├╝hlen geplagt, machen sich Vorw├╝rfe und haben das Gef├╝hl zu versagen. Ich haber sogar Hochbegabte getroffen, die trotz┬á mehrerer Doktortitel noch unsicher waren, ob sie ihre Sache gut machten.

Woher kommt dieses negative Selbstbild? Ich vermute, es hat damit zu tun, dass Hochbegabten von ihrer Umgebung immer wieder signalisiert wird, dass sie l├Ąstig sind und Umst├Ąnde machen, Ruhe und Ordnung verst├Âren, Zeit kosten und irritieren. Dass sie trotz guter Schulnoten nicht leisten, was von ihnen erwartet wird.
Gegen gute Schulnoten, gewonnene Wettbewerbe und eine hohe Lernmotivation hat nat├╝rlich keiner etwas einzuwenden. Doch diese Glanzleistungen werden nur im Paket geliefert – verbunden mit anderen Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft gar nicht so hoch im Kurs stehen.
Von hochbegabten Menschen wird nun oft der Spagat erwartet, nur einen Teil ihrer Hochbegabung zu leben. Den l├Ąstigen und umst├Ąndlichen Teil ihres Geistes sollen sie nur in den eigenen vier W├Ąnden ausleben und anderen damit so wenig wie m├Âglich zur Last fallen.

In den n├Ąchsten Wochen m├Âchte ich diese anderen Merkmale von Hochbegabung┬á ins Rampenlicht stellen und feiern, was so selten gefeiert wird. Mit dem wunderbaren Ph├Ąnomen des Gedankensprungs werde ich die Reihe anfangen.

Und ├╝brigens: Spielen Sie Schach?

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Merkmale von Hochbegabten – 1. Gedankenspr├╝nge

Ich bin┬á – wie viele Menschen – mit der Idee aufgewachsen, dass Gedankenspr├╝nge etwas Schlechtes seien. Gedanken springen hin und her - divergentes DenkenLeerstellen im Denken galt es um jeden Preis zu vermeiden und ein Aufsatz war gut, wenn die Argumentation logisch aufgebaut war. Dasselbe galt f├╝r Diskussionen, und wenn mich meine Gespr├Ąchspartner┬á stutzig oder verwirrt ansahen, habe ich mir Vorw├╝rfe gemacht.┬á “Wieder nicht ordentlich gedacht!”.

Erst viel sp├Ąter habe ich mir das Wort Gedankensprung einmal genauer angeh├Ârt. Springende Gedanken – ist das nicht etwas Gro├čartiges? Gedanken, die Schritt ├╝berschlagen und Gr├Ąben ├╝berspringen k├Ânnen, die den Luftweg w├Ąhlen und sich von irdischen Hindernissen nicht l├Ąhmen lassen….

Warum springen die Gedanken von hochbegabten und kreativen Menschen? Weil wir sie springen lassen! Wir lassen sie an der langen Leine und machen es so m├Âglich, dass unser Denken sich zum Teil von der Intuition leiten l├Ąsst. Wir arbeiten nicht nur mit der linken Hirnh├Ąlfte, sondern lassen beide Hirnh├Ąltften zusammenarbeiten. Gedanken, die in Worte gefasst sind, werden durch Bilder, Gef├╝hle, Sinneswahrnehmungen erg├Ąnzt. Wir bearbeiten das Thema, das uns besch├Ąftigt, sowohl bewusst-logisch als auch unbewusst-intuitiv. In diesem Zusammenspiel – Kennzeichen von kreativem Flow – liegt die Gabe begr├╝ndet, neue L├Âsungen zu finden, bisher Unvereinbares verbinden zu k├Ânnen, Wege aus dem Labyrinth zu finden.

Weil ich keinen Respekt vor Gedankenspr├╝ngen hatte, konnte ich fr├╝her auch die Rolle des Pferdes beim Schachspiels nicht wertsch├Ątzen. Unlogisch und kompliziert fand ich seine Art zu springen. Heute wei├č ich, dass das Pferd nicht um die Ecke springt um uns zu verwirren oder weil es ungeschickt ist. Mit seinen Spr├╝ngen kommt es an Stellen, die f├╝r andere Figuren unerreichbar sind und findet Wege und Angriffspunkte, an die der Gegner nicht denkt.
Kein Wunder, dass viele Menschen Gedanken-Spr├╝nge als beunruhigend erfahren. Dass die logisch-├╝bersichtliche Art Gespr├Ąche zu f├╝hren – ohne Leerstellen und Zickzackspr├╝nge – in unserer Kultur zum Ma├čstab gemacht wurde.

Hochbegabte lernen fr├╝h, sich an die Anspr├╝che der Umgebung anzupassen und ihr Denken in Zaum zu halten. Umso befreiender erfahren sie dann die seltenen Momente, wenn sie “unter Springern” sind. Wenn die Angst vor der Unsicherheit, vor Unlogischem und Unbekannten abwesend ist und frei in alle Himmelsrichtungen ausgeflogen werden kann.

Solche Momente sind nicht nur sch├Ân┬á – sie sind lebensnotwendig. Denn wer seine Gedanken zu oft an Fesseln legt, der wei├č irgendwann nicht mehr, wer er denn ist. Denken ist nicht etwas, das wir tun oder lassen k├Ânnen; es ist unsere Art zu sein und uns lebendig zu f├╝hlen.

 

Bis bald! Nathalie

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Die anderen Merkmale von Hochbegabung 2: Top-down im Turbotempo

Bevor sie begreifen, dass sie schnell denken, machen viele Hochbegabte eine andere Erfahrung, die mit dem top-down Lernen zu tun hat: sie merken, dass sie die Neigung haben andere zu unterbrechen. Manche geben ihrer Neigung nach, andere halten sich mit viel M├╝he zur├╝ck. Beide werfen sich vor, sie seien ungeduldig und unh├Âflich. Den anderen aussprechen zu lassen gilt schlie├člich als eine selbstverst├Ąndliche Grundregel unserers Miteinanders.

Auch hier kommt f├╝r viele Hochbegabte das Aha-Erlebnis, wenn sie endlich Menschen begegnen, die ├Ąhnlich sind. Die auch schon nach drei W├Ârtern wissen worauf der andere hinaus will. Die auch dazu neigen andere zu unterbrechen. Mehr noch: die sich daran nicht st├Âren, sondern sich an dem Turbotempo solcher Gespr├Ąche freuen.

“Das Buch von dem Architekten…”
“mir gef├Ąllt das andere besser, das wo…”
“genau und er widerspricht sich darin…”
“wie die Californierin…”
“ich glaube es k├Ânnte trotzdem klappen…”
“hast du von dem Versuch in Holland gelesen..”
“dass der gescheitert ist bedeutet ja nicht..”
“genau!”.

L├╝cken scheint dieses Gespr├Ąch nur dann zu haben, wenn man eine chronologische der-Reihe-nach-und-Schritt-f├╝r-Schritt-Denkweise hat. Wer aber top-down denkt, wie viele Hochbegabte, n├Ąmlich vom Abstrakten zum Konkreten, in gro├čen Linien und wer oft auf Metaniveau reist, der kann viele dieser kleinen Schritte ├╝berschlagen. In so einem Gespr├Ąch gen├╝gen dann oft minimale Hinweise, um zu begreifen, in welche Richtung der andere denkt.

Werden solche In-gro├čen-Linien-Denker zum schrittweisen Denken gezwungen, laufen sie nicht nur Gefahr einem akuten Ungeduldsinfarkt zu erliegen, sondern verlieren auch den ├ťberblick. Denn ihnen sind die kleinen Zwischenschritte oft gar nicht deutlich und sie verirren sich dann in den Fakten, die dabei pr├Ąsentiert werden. Schlechte Resultate bei Rechenaufgaben, Multiple Choice Tests und m├╝ndlichen Pr├╝fungen k├Ânnen hiermit zu tun haben. Statt der eigenen Logik zu folgen, lassen sie sich von ihren Denkwegen abbringen. Versuchen ihren Gedanken das top-down zu verbieten und schneiden ihnen damit die Fl├╝gel ab.

Darum ist es so wichtig, dass Hochbegabte – am besten schon in jungen Jahren – ihren Denkstil entdecken und dar├╝ber kommunizieren lernen. Wieviel Energie l├Ąuft sonst ins Leere, wie viele Gedanken werden nicht gedacht! Und wie viele wunderbare Denker fangen sonst an ihrer eigenen Denkf├Ąhigkeit zu zweifeln an!

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Die anderen Merkmale von Hochbegabung 3: Hochsensibel

Schneiden Sie auch die Etiketten aus Ihren T-Shirts?┬á Verwenden Sie nur geruchsneutrale Shampoos? Oder wird Ihnen vielleicht schlecht, wenn Sie k├╝nstlich aromatisiertes Erdbeereis riechen? Viele Hochbegabte sind hochsensibel und gehen mit gesch├Ąrften Sinnesorganen durch das Leben. Ihre Antennen sind feiner abgstimmt, und dadurch nehmen sie Dinge wahr, die f├╝r andere unter der Toleranzschwelle liegen.
Das grelle Licht der Lampen im B├╝ro, die Geschmacksverst├Ąrker im Kantinenessen, das Ticken der Wanduhr oder der Plastik-Geruch des neuen Teppichbodens k├Ânnen ihnen schwer zusetzen. Doch wer ├╝ber solche Kleinigkeiten klagt, der wird von seiner Umgebung schnell als ├╝bertrieben empfindlich eingesch├Ątzt. Und empfindlich sein hat – wie so viele andere Eigenschaften, die mit Hochbegabung einher gehen, einen negativen Unterton in unserer Gesellschaft. Eine gewisse Unempfindlichkeit wird als Reife gesehen. Eine Naht in der Socke – da was muss man als Erwachsener doch dr├╝ber stehen!

Wenige Ausnahmen gibt es: Von einem ber├╝hmten Musiker wird nicht erwartet, dass er sein feines Geh├Âr Kl├Ąngen aussetzt, die ihn irritieren. Einem Sternekoch nimmt man ab, dass ihm ├╝bel w├╝rde, wenn er in der Schulkantine essen m├╝sste. Aber solche Empfindlichkeiten d├╝rfen nur die zeigen, die es schon zu etwas gebracht haben.
Das Kind aber, das hochsensibel ist und ├╝ber den Ger├Ąuschpegel im Klassenraum klagt oder dass sich weigert, den stinkenden Tafelschwamm anzufassen, wird selten ernst genommen. Es soll sich nicht anstellen, soll sich an die Reize gew├Âhnen, die ├ťberreizung hinnehmen. Hinter dieser P├Ądagogik scheint die Hoffnung zu stehen, dass auf die Dauer – eben als Zeichen der Reife – eine gewisse Abstumpfung eintritt. Dass die ├ťberempfindlichkeit vorr├╝bergeht. Wir signalisieren diesen Kindern, dass es schlecht ist hochsensibel zu sein, dass sie ihre Sinne auf das normale Ma├č zur├╝ckschrauben, sich vor dem, was ihre Antennen wahrnehmen abschlie├čen und ihrer eigenen Empfindlichkeit nicht vertrauen sollen.
Wem man nicht zugesteht, ├╝ber kratzende Etiketten zu klagen, dem hat man den Zweifel an der eigenen Wahrnehmung eingeimpft. Kein Wunder, dass so viele hochbegabte Erwachsene Schwierigkeiten haben, ihren eigenen Sinnen zu vertrauen, ihrem K├Ârper zu glauben, ihrer Intuition zu folgen!!!

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Die anderen Merkmale von Hochbegabung 4: Gerechtigkeitssinn und altkluge Moral

Die besondere Empfindsamkeit Hochbegabter betrifft nicht nur die Sinnesorgane – sie haben oft auch eine besonders fein eingestellte Antenne f├╝r soziale Beziehungen, f├╝r Nuancen und Untert├Âne in Gespr├Ąchen. Auch entwickeln viele Hochbegabte schon in jungem Alter deutliche moralische Werte und einen starken Gerechtigkeitssinn. Nicht selten kann man dann schon bei Grundsch├╝lern moralischen ├ťberlegungen begegnen, die dem postkonventionellen Stadium von Kohlberg zuzuordnen sind – ich zitiere hier aus den wunderbaren Arbeitsbl├Ąttern von Werner Stangl:

“Menschen die dieses Niveau erreichen (in der Regel Erwachsene, im Ausnahmefall Jugendliche) eignen sich moralische Normen, Werte und Prinzipien an, die ├╝ber ihre eigenen Gruppen und der Gesellschaft hinaus g├╝ltig sind, und handeln in autonomer Verantwortung danach. Das Individuum kann hier zum ersten Mal eine Perspektive annehmen, die ihm erlaubt, sich von Bedingungen gegebener sozialer Ordnungen freimachen zu k├Ânnen und ist nun in der Lage bestehende Regeln zu hinterfragen. Es unterscheidet zwischen Heteronomie und Autonomie, Partikularem und Universalem und leidet an Schuldgef├╝hlen, wenn es seine universalen Prinzipien verletzt hat”.

Diese Kinder erkennen weder Gruppennormen noch Autorit├Ąten fraglos an, werden oft spontan und ganz aus sich selbst zu Tiersch├╝tzern und Vegetariern, sie fangen an zu heulen, wenn sie Unrecht in irgendeiner Form begegnen – wenn sie Mobbing in der Klasse beobachten, ungerechtes Verhalten von Lehrern oder Bilder von geschlachteten Robben sehen.
Unter Altersgenossen f├╝hrt diese Reife oft zu Missverst├Ąndnissen und Einsamkeit. Denn wenige Gleichaltrige k├Ânnen die Dringlichkeit verstehen, mit der die jungen Moralisten ihre Werte und ├ťberzeugungen vertreten. Sogar Lehrer und andere Erwachsene finden es oft befremdlich und unnat├╝rlich, wenn junge Kinder schon deutliche ├ťberzeugungen haben. Altklug ist ein Wort, das dabei oft verwendet wird – und es ist ja auch sehr zutreffend, denn diese Kinder sind klug auf eine Weise, die andere erst in hohem Alter erreichen. Oder gar nicht. Leider entwickeln manche Menschen ja nie einen ausgereiften Gerechtigkeitssinn.
Typisch f├╝r unsere Kultur ist nur wieder, dass dieses wunderbare Wort eine negative Bedeutung bekommen hat. Genau wie Idealist, Hansdampf in allen Gassen und Weltverbesserer.
Dazu bald mehr.

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MORALISCHEENTWICKLUNG/KohlbergStufen.shtml

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Merkmale von Hochbegabung – 5. Weltverbesser-Drang und Vision├Ąrer Geist

Letztes Mal hatte ich in dieser Serie ├╝ber den Gerechtigkeitssinn geschrieben, durch den hochbegabte Kinder auffallen. Ein Sinn ist eine Antenne, die F├Ąhigkeit etwas wahrzunehmen. Auf Dauer ist dieses passive Aufnehmen aber nicht genug. Es f├╝hrt ganz automatisch zum Bed├╝rfnis etwas zu unternehmen, zu handeln, die Welt zu verbessern.
Schon wieder Worte aus dem Lexikon der Hochbegabung, die in unserer Kultur negativ besetzt sind:
“Weltverbesserer” oder “Idealist” – mit diesen Begriffen kann man sich bei uns nicht schm├╝cken.

Schon fr├╝h lernen Kinder und Jugendliche, von Altersgenossen, Eltern und Lehrern, dass es peinlich, l├Ącherlich, ├╝bertrieben, st├Ârend oder bemitleidenswert ist, sich f├╝r eine Sache zu ereifern. Dass Visionen nur Hirngespinste sind. Revolutionen nur Aufruhrs├Ąhen und Idealismus schon fast eine Krankheit. Diese Umgebungseinfl├╝sse f├╝hren dazu, dass viele Hochbegabte, junge wie alte, ihren Weltverbesserdrang auch selbst als l├Ącherlich erfahren und soweit wie m├Âglich zu unterdr├╝cken versuchen.
Dadurch entstehen oft massive Ohnmachtsgef├╝hle, gepaart mit Schuldgef├╝hlen und Selbstzweifeln. Der/die Hochbegabte hat das Gef├╝hl, Verrat an den eigenen Werten und M├Âglichkeiten zu ├╝ben, sieht jedoch oftmals keinen Weg, aktiv zu werden. Dazu kommen starke Einsamkeitsgef├╝hle – es fehlt die unterst├╝tzende und ermutigende Umgebung. Ein Teufelskreis entsteht, der zu immer st├Ąrken Ohnmachtsgef├╝hlen und Selbstzweifeln f├╝hrt.┬á Depressive Stimmungen k├Ânnen hier ihre Ursache haben.

Anderen gelingt es nicht, den Weltverbesserdrang zu unterdr├╝cken. Sie versuchen es, aber in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden bricht er wie ein Geysir aus, zeigt sich als Wutausbruch oder auf andere Art verzerrtem Verhalten. Es folgt Scham. “Warum konnte ich wieder meinen Mund nicht halten”. “Warum muss ich immer aus dem Rahmen fallen”…

In beiden F├Ąllen sch├Ąmen sich die hochbegabten Sch├╝ler und Erwachsenen schlie├člich f├╝r genau das, was ihre gr├Â├čte Gabe und f├╝r unsere Gesellschaft wichtigstes Gut ist.
Gibt es Sch├Âneres und Wichtigers als Menschen, die den Drang f├╝hlen, die Welt zu verbessern, sich f├╝r das Gute einzusetzen und solidarisch mit Schw├Ącheren zu sein?
Statt sie zu bel├Ącheln, sollten Lehrer und Erzieher diese F├Ąhigkeiten ernstnehmen und f├Ârdern. Warum gibt es noch keine Weltverbesser-Akademie? Warum werden Sch├╝ler mit ausgepr├Ągtem Gerechtigkeitssinn nicht ebenso gef├Ârdert wie gute Fu├čballspieler? Warum lassen wir sie allein, statt sie zu ermutigen und tatkr├Ąftig ihrem Beispiel zu folgen?

Mein Weltverbesserdrang diese Woche: die Aktionen von 350.org zu unterst├╝tzen.

Mein Idol zur Zeit: Pr├Ąsident Nasheed von den Malediven, weil er mit seiner wunderbaren Rede und tatkr├Ąftigem Handeln gezeigt hat, dass er einer der wenigen Politiker ist, die in der Lage sind, den Weg aus der Klima-Krise zu leiten – wenn wir ihn lassen.

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Merkmale von Hochbegabung 5.2.: Kann man Weltverbesserdrang messen?

Hochbegabung ist mehr als ein hoher IQ. Und auffallen tun Hochbegabte – sich selbst und ihrer Umgebung – nur zum Teil wegen ihrer intelligenten ├äu├čerungen. Viel heftiger werden oft die anderen Merkmale wahrgenommen, um die es in dieser Serie geht.
Das Gef├╝hl nicht begriffen zu werden und die anderen nicht zu begreifen, hat weniger mit der F├Ąhigkeit zu tun, mathematische Formeln schnell zu erfassen oder in mehreren Sprachen denken zu k├Ânnen. Sondern damit, dass unterschiedliche Denkstile aufeinandertreffen. Was f├╝r den einen ein Gedankensprung ist, erf├Ąhrt der andere als Abk├╝rzung. Was f├╝r den einen ein normales Tempo ist, wird f├╝r den anderen zu einer nicht nachvollziehbaren Raserei. Und wenn der eine mit hochempfindlichen Antennen Unterstr├Âme oder Spannungen wahrnimmt, tut der andere das als Einbildung ab.

Warum bekommen diese wichtigen Merkmale so wenig Aufmerksamkeit? Weil wir sie (noch!) nicht messen k├Ânnen! Kreativit├Ąt, Sensitivit├Ąt, Motivation und Soziale Intelligenz sind bisher nicht in harten Kategorien oder Variabeln zu fassen. Darum besteht die Testung Hochbegabter noch immer vorwiegend aus einer Testung jener Intelligenz, die wir einigerma├čen zuverl├Ąssig messen k├Ânnen.

Aber warum ist die Testung ├╝berhaupt von so gro├čer Wichtigkeit? Warum definieren Hochbegabte sich auch selbst vor allem ├╝ber diese Tests und nicht ├╝ber jene Eigenschaften, die im Alltag oft noch relevanter sind?
Ich denke, dass es hierf├╝r zwei Gr├╝nde gibt, die zusammenh├Ąngen:
Erstens weil das Testergebnis leider oft der einzige Weg ist, f├╝r ein hochbegabtes Kind F├Ârderung durchzusetzen.
Und zweitens weil viele Hochbegabte im Laufe ihres Lebens unsicher geworden sind, an ihren eigenen F├Ąhigkeiten zu zweifeln gelernt haben und sich fragen, ob sie verr├╝ckt sind. (Denn wenn alle anderen anders sind – dann muss ich ja wohl verr├╝ckt sein!)

Diese beiden Gr├╝nde h├Ąngen zusammen und sorgen f├╝r einen Teufelskreis:
Weil die Hochbegabung sonst nicht anerkannt wird, lassen die Eltern das Kind testen – mit einem Test, der nur einen kleinen Teil des komplexen Ph├Ąnomens Hochbegabung misst.
Das Kind identifiziert sich mit dem Testergebnis und stellt beruhigt fest, dass es nicht verr├╝ckt, sondern intelligent ist. Die Lehrer geben dem Kind ein paar extra Matheaufgaben und meinen, das Problem damit aus der Welt geschafft zu haben.
Weil die “Nebenwirkungen” von Hochbegabung nicht angesprochen werden, weil dem Kind nicht mitgeteilt wird, dass hohe Intelligenz mit anderen Eigenschaften verbunden ist, f├Ąngt es an sich zu wundern. Bin ich vielleicht verr├╝ckt? Wenn ich wirklich hochbegabt w├Ąre, dann m├╝sste ich doch besonderes leisten. Dann m├╝sste ich doch ganz wunderbar mit anderen Menschen umgehen k├Ânnen, mich ihnen begreiflich machen k├Ânnen, meine Gedanken logisch und ohne Spr├╝nge mitteilen k├Ânnen?

So entstehen die Zweifel am eigenen Denken, an den eigenen F├Ąhigkeiten, mit denen so viele Hochbegabte durchs Leben gehen. Erst wenn das ganze Paket, das ganze komplexe Ph├Ąnomen Hochbegabung gesehen wird, wenn Lehrer ihre hochbegabten Sch├╝ler mit alle ihren – manchmal auch l├Ąstigen – Eigenschaften annehmen und f├Ârdern, dann erst entsteht der offene und sichere Raum, in dem Begabung sich wirklich entfalten kann.

Mit diesem langen und etwas umst├Ąndlichen Pl├Ądoyer wollte ich eigentlich nur einen Buchtip vorbereiten. Und weil das Buch mehr verdient als in der letzten Zeile erw├Ąhnt zu werden, stoppe ich hier – und gebe dem Buch seinen eigenen Post.

 

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Die anderen Merkmale von Hochbegabung 6: Innere Motivation

Zu keinem Merkmal von Hochbegabung f├Ąllt mir so wenig ein wie zur besonderen Motivation der Hochbegabten. Das liegt wohl daran, dass ich dieses Merkmal so selbstverst├Ąndlich finde, so deutlich – inzwischen habe ich das Gef├╝hl, Hochbegabte zuerst und vor allem daran zu erkennen: dass sie mit einer starken eigenen Motivation durchs Leben gehen. Das gilt f├╝r Vierj├Ąhrige, f├╝r Jugendliche und f├╝r Erwachsene gleicherma├čen.

Besonders ist die Motivation bei Hochbegabten, weil sie von innen kommt. Weder Geld noch Status k├Ânnen Hochbegabte so richtig in Fahrt bringen (auch wenn sich sich manchmal f├╝r eine Weile durch das eine oder andere verf├╝hren lassen k├Ânnen). Viel wichtiger ist das Eigene Thema, der Innere Drang, die Vision. Damit werden sie morgens wach und gehen sie abends wieder ins Bett – auch wenn sie sich oft selbst nicht klar sind, was genau dieses Thema, dieser Drang, diese Vision ist. Denn gerade weil es nicht eine vorverpackte Motivation ist, keine Vision “von der Stange”, sondern eine ganz pers├Ânliche Triebfeder, dauert es oft lange, bis die Hochbegabten erkennen was genau sie treibt.

Oft braucht es Umwege und Experimente, werden hier und da Berufe ausprobiert, Firmen oder Verlage gegr├╝ndet, mal in die Politik, die Kunst oder die Philosophie hineingeschnuppert. Dann wieder wird ganz pragmatisch versucht sich jetzt endlich f├╝r irgendwas zu entscheiden und dabei zu bleiben und basta – nur um kurz darauf zu merken, dass solche drastischen Methoden h├Âchstens zu Burn-Out oder Depression f├╝hren, den inneren Drang aber nicht wirklich stillen k├Ânnen.
Und dann geht es wieder auf die Suche und oft ist sie gerade dann erfolgreich, wenn man nicht mehr so krampfhaft nach einem Thema sucht, sondern sich damit abfindet, dass man ein facettenreicher Mensch, ein Mensch mit vielen Talenten ist. Und sich endlich erlaubt vieles gleichzeitig zu tun, alles ein bisschen, mal hier mal da und die Experimentierfreude nicht einzuschr├Ąnken.

Wer sich erlaubt so offen und entdeckend seinen Ideen zu folgen, der wird merken, dass sie sich mehr und mehr kristallisieren. All die Ideen und W├╝nsche sind nicht zusammenhanglos, nicht zuf├Ąllig. Schlie├člich entstammen sie einer einzigen Quelle, einer Pers├Ânlichkeit, einer ganz einzigartigen Sicht auf die Welt: deiner.
Nun ist gerade das etwas, das wir in unserer Kultur nicht lernen: die eigene Weltsicht wertzusch├Ątzen. Wir stopfen uns mit Fakten und Formeln zu, wir zweifeln, kritisieren, reflektieren und wir beherrschen die hohe Kunst des Relativierens. Aber uns selbst zuzuh├Âren, unserer eigenen Wahrheit zu glauben darin werden wir nicht geschult.

Neulich las ich wieder mal in Thomas G. Wests┬á gro├čartigem Buch ├╝ber das Visuelle Denken. Darin beschreibt er┬á Genies wie Einstein, Da Vinci und Faraday. Diese Genies hatten alle besondere Wahrnehmungsweisen, eigenartige Lernstile und F├Ąhigkeiten – vom Stottern, ├╝ber Beidh├Ąndigkeit bis zur F├Ąhigkeit elektrische Strahlungen visuell wahrzunehmen. Wests Buch macht deutlich, dass die beschriebenen Denker nicht trotz ihrer Eigenheiten sondern gerade deswegen zu besonderen Entdeckungen kamen.
Nur wer zu seiner Besonderheit steht, sie entdecken und leben kann, kann auch die eigenen besondere M├Âglichkeiten und Begabungen wahrmachen. Es ist darum nicht genug, wenn wir hochbegabten Kindern und Jugendlichen Matheaufgaben anbieten oder sie zu Schreibwettbewerben schicken. Sie brauchen eine Umgebung, in der sie ihre Eigenheiten wertsch├Ątzen k├Ânnen, mit ihren M├Âglichkeiten und Begabungen experimentieren k├Ânnen und ihre ganz pers├Ânliche Vision und Motivation finden k├Ânnen.
Erwachsene Hochbegabte brauchen das ├╝brigens auch!

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Merkmale von Hochbegabung: 7. Tausend Interessen, tausend Projekte

Hochbegabte (und Hochkreative!) sind enorm neugierig, finden die unterschiedlichsten Themen und Aktivit├Ąten interessant und haben eine ellenlange To-do-Liste.
Diese breite Orientierung und Offenheit hat einerseits mit ihren vielen und fein abgestimmten Antennen zu tun (sie Merkmal 3: Sensitivit├Ąt), aber auch mit Kreativit├Ąt und Komplexit├Ąt, Merkmale auf die ich in dieser Serie noch eingehen werde.

Nun ist es aber auch in diesem Fall wieder so, dass dieses besondere Merkmal Hochbegabter in unserer Kultur nicht gerade hochgesch├Ątzt wird. Drei oder vier Interessengebiete stehen recht nett im Bewerbungsbrief, wer mehr aufschreibt l├Ąuft schon Gefahr als ein Mensch eingesch├Ątzt zu werden, der sich nicht entscheiden kann. Und Sich-Nicht-Entscheiden-K├Ânnen ist ├Ąu├čerst verwerflich. Wer sich nicht entscheiden kann ist wom├Âglich unentschlossen oder z├Âgerlich, oder er hat den Ernst des Lebens noch nicht begriffen, n├Ąmlich, dass man im Leben nunmal nicht alles machen kann, was einem Spa├č macht und dass man sich nunmal entscheiden muss und dass es alles kein Zuckerschlecken ist und dass man irgendwann ja auch mal zur Sache kommen und N├Ągeln mit K├Âpfen machen muss und blo├č nicht ewig herumexperimentieren ohne dass etwas N├╝tzliches dabei herauskommt.

Diese Botschaften werden hochbegabten Kindern schon fr├╝h vermittelt, mal mehr mal weniger subtil.
Du kannst dich immer noch nicht f├╝r ein Thema bei deinem Referat entscheiden? Nun mach aber mal!
Dein Aufsatz ist viel zu lang, weil du so viele unterschiedliche Themen angeschnitten hast – schlecht!
Du m├Âchtest Jonglieren lernen? – letztes Jahr wolltest du Chinesisch lernen und du hast gerade erst mit Gitarrespielen angefangen – jetzt bleib endlich mal bei einer Sache!!!

Erst sind es Eltern und, sp├Ąter Freunde und Bekannte, die den Tausendsassa darauf weisen, dass er ihnen mit seinen wechselnden Interessen, Studienf├Ąchern oder Berufen auf den Nerv geht. Sie erfahren es als eine Belastung, dass sie sich immer wieder auf neue enthusiastisch vorgetragene Projekte einlassen m├╝ssen nur um – gerade wenn sie endlich verstanden haben um was es dabei geht – festzustellen dass das Projekt schon l├Ąngst wieder vorbei ist. Jetzt ist etwas ganz anderes angesagt, und das wird auch wieder mit jener 100% Begeisterung vorgetragen.

Warum sind Tausendsassas so l├Ąstig und nervt├Âtend?
Weil es schwer ist sie einzuordnen und sich von ihnen ein Bild zu machen. Statt eines normalen Photos br├Ąuchte man hier schon so wunderbare Abbildungen, wie es sie in Harry Potters Zauberwelt gibt – Bilder, auf denen die Figuren sich bewegen und ver├Ąndern k├Ânnen.

Doch dies ist nur die halbe Antwort. Denn die Begeisterung, die der Tausendsassa f├╝r jedes seiner Projekte aufbringt, ist vielen Leuten an sich schon suspekt. Wahrscheinlich, weil sie sich selbst nie zu solchem Engagement verleiten lassen. Und wenn ein anderer es kann – bedeutet das nicht, dass mir etwas abgeht? Der Tausendsassa scheint vor Begeisterung Fl├╝gel zu bekommen, das Gl├╝ck ├╝ber seine Neuentdeckung str├Âmt ihm geradezu aus den Poren und er legt eine schier unersch├Âpfliche Energie an den Tag. Wem solche Energiestr├Âme und Begeisterungswellen unbekannt sind, in dem muss sich wohl der Verdacht regen, dass dem eigenen Leben etwas Wichtiges fehlt.
Doch niemand f├╝hlt sich gern unvollst├Ąndig. Neid ist kein sch├Ânes Gef├╝hl und wird meist schnell umgewandelt: statt sich dieselbe Begeisterungsf├Ąhigkeit, zu w├╝nschen werden Begeisterung, Wandelbarkeit und Vielseitigkeit an sich f├╝r suspekt erkl├Ąrt. Die Lebendigkeit des Tausendsassas – denn genau darum handelt es sich – wird l├Ącherlich gemacht, als dumm, ungeschickt, kindlich, verr├╝ckt oder naiv dargestellt.

Dies geht an jungen wie erwachsenen Tausendassas nicht ohne Spuren vorbei. Selbstzweifel, Schuldgef├╝hle, Depressionen, das Gef├╝hl ein Versager zu sein und tausenderlei Selbstvorw├╝rfe sind die Folge. Diese Gef├╝hle stehen bei vielen Hochbegabten in einem fortw├Ąhrenden Widerstreit mit ihrer Begeisterungsf├Ąhigkeit. Die Lebendigkeit droht immer wieder im Keim erstickt, an der Wurzel bet├Ąubt zu werden.
Und die Schuldgef├╝hle, selten bewusst bearbeitet, ├Âfter ein ganzes Leben klaglos mitgeschleppt, f├╝hren dazu, dass hochbegabte Erwachsene nur sehr bescheiden und zur├╝ckhaltend auftreten. Dass sie f├╝r sich und ihre hochbegabten Kinder nur sehr bescheidene Forderungen stellen:
Ein zus├Ątzliches Arbeitsblatt in Mathe oder nachmittags ein paar Experimente.┬á Statt: Eine Schule, in der Kinder lebendig sein k├Ânnen, begeistert und an ihren 1000 selbstgew├Ąhlten Projekten arbeiten k├Ânnen.
Eine ruhige Nische, in der ich vor mich hinarbeiten kann, ohne dass es jemanden st├Ârt. Statt: Eine Arbeitsumgebung, die mich inspiriert und in der meine F├Ąhigkeiten gesehen und gesch├Ątzt werden.

Kurzum: es geht darum selbstbewusst aufzutreten, sich nicht l├Ąnger zur├╝ckhalten zu lassen.
Dazu braucht es:
– Austausch mit anderen Hochbegabten und Hochkreativen
– Experimentierfelder, R├Ąume in denen die Begeisterung und Lebendigkeit der Tausendsassas sich entfalten kann und erfahrbar wird, dass man mal so richtig loslegen und lostr├Ąumen kann – ohne dass dadurch irgendwas “kaputtgeht”
– ├ľffentlichkeitsarbeit, die nicht taktiert und sich arrangiert, sondern lauthals und deutlich fordert.

Tausendsassas dieser Erde vereinigt euch und traut euch den Anderen mal so richtig auf den Nerv zu gehen!

Praktische Tips f├╝r Tausendsassas in Barbara Shers Scannerbuch:
http://begabung.blogspot.com/2009/07/sind-sie-auch-ein-scanner.html

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