Die anderen Merkmale von Hochbegabung.

Woran merken Hochbegabte, dass sie hochbegabt sind?
Es gibt ausführliche Listen mit Merkmalen von Hochbegabung anhand derer Lehrer oder Eltern beurteilen konnen, ob Kinder hochbegabt sind. Auf diesen Listen stehen intellektuelle Fähigkeiten wie Merkfähigkeit, Detailwissen und ein großer Wortschatz. Daneben werden Eigenschaften genannt wie eine starke eigene Lernmotivation, ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, kritisches Denken, Kreativität und Autonomie.
Doch wie ist es für die Hochbegabten selbst – was weckt in ihnen den Verdacht, hochbegabt zu sein?

Alle Hochbegabten, mit denen ich bisher darüber gesprochen habe, erzählten mir,  dass sie über viele Jahre – oft  sogar über Jahrzehnte – das Vermuten hatten, mit ihnen sei etwas nicht in Ordnung. Sie fühlten sich auf negative Weise anders. “Wie ein Marsmensch”. “Ich hab es einfach nie geschafft, irgendetwas so zu tun, wie es von mir erwartet wurde”. “Ich war schrecklich einsam”. “Ich fühlte mich wie ein Versager”.
Auch wenn Hochbegabte dann endlich erfahren, was die Ursache ihres Andersseins ist, verändert sich ihr Selbstbild  oft doch nur an der Oberfläche. Tief  im Inneren bleiben bei den meisten starke Selbstzweifel bestehen. Sie fragen sich immer noch, ob sie wohl “in Ordnung” sind, werden von Schuldgefühlen geplagt, machen sich Vorwürfe und haben das Gefühl zu versagen. Ich haber sogar Hochbegabte getroffen, die trotz  mehrerer Doktortitel noch unsicher waren, ob sie ihre Sache gut machten.

Woher kommt dieses negative Selbstbild? Ich vermute, es hat damit zu tun, dass Hochbegabten von ihrer Umgebung immer wieder signalisiert wird, dass sie lästig sind und Umstände machen, Ruhe und Ordnung verstören, Zeit kosten und irritieren. Dass sie trotz guter Schulnoten nicht leisten, was von ihnen erwartet wird.
Gegen gute Schulnoten, gewonnene Wettbewerbe und eine hohe Lernmotivation hat natürlich keiner etwas einzuwenden. Doch diese Glanzleistungen werden nur im Paket geliefert – verbunden mit anderen Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft gar nicht so hoch im Kurs stehen.
Von hochbegabten Menschen wird nun oft der Spagat erwartet, nur einen Teil ihrer Hochbegabung zu leben. Den lästigen und umständlichen Teil ihres Geistes sollen sie nur in den eigenen vier Wänden ausleben und anderen damit so wenig wie möglich zur Last fallen.

In den nächsten Wochen möchte ich diese anderen Merkmale von Hochbegabung  ins Rampenlicht stellen und feiern, was so selten gefeiert wird. Mit dem wunderbaren Phänomen des Gedankensprungs werde ich die Reihe anfangen.

Und übrigens: Spielen Sie Schach?

Merkmale von Hochbegabten – 1. Gedankensprünge

Ich bin  – wie viele Menschen – mit der Idee aufgewachsen, dass Gedankensprünge etwas Schlechtes seien. Gedanken springen hin und her - divergentes DenkenLeerstellen im Denken galt es um jeden Preis zu vermeiden und ein Aufsatz war gut, wenn die Argumentation logisch aufgebaut war. Dasselbe galt für Diskussionen, und wenn mich meine Gesprächspartner  stutzig oder verwirrt ansahen, habe ich mir Vorwürfe gemacht.  “Wieder nicht ordentlich gedacht!”.

Erst viel später habe ich mir das Wort Gedankensprung einmal genauer angehört. Springende Gedanken – ist das nicht etwas Großartiges? Gedanken, die Schritt überschlagen und Gräben überspringen können, die den Luftweg wählen und sich von irdischen Hindernissen nicht lähmen lassen….

Warum springen die Gedanken von hochbegabten und kreativen Menschen? Weil wir sie springen lassen! Wir lassen sie an der langen Leine und machen es so möglich, dass unser Denken sich zum Teil von der Intuition leiten lässt. Wir arbeiten nicht nur mit der linken Hirnhälfte, sondern lassen beide Hirnhältften zusammenarbeiten. Gedanken, die in Worte gefasst sind, werden durch Bilder, Gefühle, Sinneswahrnehmungen ergänzt. Wir bearbeiten das Thema, das uns beschäftigt, sowohl bewusst-logisch als auch unbewusst-intuitiv. In diesem Zusammenspiel – Kennzeichen von kreativem Flow – liegt die Gabe begründet, neue Lösungen zu finden, bisher Unvereinbares verbinden zu können, Wege aus dem Labyrinth zu finden.

Weil ich keinen Respekt vor Gedankensprüngen hatte, konnte ich früher auch die Rolle des Pferdes beim Schachspiels nicht wertschätzen. Unlogisch und kompliziert fand ich seine Art zu springen. Heute weiß ich, dass das Pferd nicht um die Ecke springt um uns zu verwirren oder weil es ungeschickt ist. Mit seinen Sprüngen kommt es an Stellen, die für andere Figuren unerreichbar sind und findet Wege und Angriffspunkte, an die der Gegner nicht denkt.
Kein Wunder, dass viele Menschen Gedanken-Sprünge als beunruhigend erfahren. Dass die logisch-übersichtliche Art Gespräche zu führen – ohne Leerstellen und Zickzacksprünge – in unserer Kultur zum Maßstab gemacht wurde.

Hochbegabte lernen früh, sich an die Ansprüche der Umgebung anzupassen und ihr Denken in Zaum zu halten. Umso befreiender erfahren sie dann die seltenen Momente, wenn sie “unter Springern” sind. Wenn die Angst vor der Unsicherheit, vor Unlogischem und Unbekannten abwesend ist und frei in alle Himmelsrichtungen ausgeflogen werden kann.

Solche Momente sind nicht nur schön  – sie sind lebensnotwendig. Denn wer seine Gedanken zu oft an Fesseln legt, der weiß irgendwann nicht mehr, wer er denn ist. Denken ist nicht etwas, das wir tun oder lassen können; es ist unsere Art zu sein und uns lebendig zu fühlen.

 

Bis bald! Nathalie

Die anderen Merkmale von Hochbegabung 2: Top-down im Turbotempo

Bevor sie begreifen, dass sie schnell denken, machen viele Hochbegabte eine andere Erfahrung, die mit dem top-down Lernen zu tun hat: sie merken, dass sie die Neigung haben andere zu unterbrechen. Manche geben ihrer Neigung nach, andere halten sich mit viel Mühe zurück. Beide werfen sich vor, sie seien ungeduldig und unhöflich. Den anderen aussprechen zu lassen gilt schließlich als eine selbstverständliche Grundregel unserers Miteinanders.

Auch hier kommt für viele Hochbegabte das Aha-Erlebnis, wenn sie endlich Menschen begegnen, die ähnlich sind. Die auch schon nach drei Wörtern wissen worauf der andere hinaus will. Die auch dazu neigen andere zu unterbrechen. Mehr noch: die sich daran nicht stören, sondern sich an dem Turbotempo solcher Gespräche freuen.

“Das Buch von dem Architekten…”
“mir gefällt das andere besser, das wo…”
“genau und er widerspricht sich darin…”
“wie die Californierin…”
“ich glaube es könnte trotzdem klappen…”
“hast du von dem Versuch in Holland gelesen..”
“dass der gescheitert ist bedeutet ja nicht..”
“genau!”.

Lücken scheint dieses Gespräch nur dann zu haben, wenn man eine chronologische der-Reihe-nach-und-Schritt-für-Schritt-Denkweise hat. Wer aber top-down denkt, wie viele Hochbegabte, nämlich vom Abstrakten zum Konkreten, in großen Linien und wer oft auf Metaniveau reist, der kann viele dieser kleinen Schritte überschlagen. In so einem Gespräch genügen dann oft minimale Hinweise, um zu begreifen, in welche Richtung der andere denkt.

Werden solche In-großen-Linien-Denker zum schrittweisen Denken gezwungen, laufen sie nicht nur Gefahr einem akuten Ungeduldsinfarkt zu erliegen, sondern verlieren auch den Überblick. Denn ihnen sind die kleinen Zwischenschritte oft gar nicht deutlich und sie verirren sich dann in den Fakten, die dabei präsentiert werden. Schlechte Resultate bei Rechenaufgaben, Multiple Choice Tests und mündlichen Prüfungen können hiermit zu tun haben. Statt der eigenen Logik zu folgen, lassen sie sich von ihren Denkwegen abbringen. Versuchen ihren Gedanken das top-down zu verbieten und schneiden ihnen damit die Flügel ab.

Darum ist es so wichtig, dass Hochbegabte – am besten schon in jungen Jahren – ihren Denkstil entdecken und darüber kommunizieren lernen. Wieviel Energie läuft sonst ins Leere, wie viele Gedanken werden nicht gedacht! Und wie viele wunderbare Denker fangen sonst an ihrer eigenen Denkfähigkeit zu zweifeln an!

Die anderen Merkmale von Hochbegabung 3: Hochsensibel

Schneiden Sie auch die Etiketten aus Ihren T-Shirts?  Verwenden Sie nur geruchsneutrale Shampoos? Oder wird Ihnen vielleicht schlecht, wenn Sie künstlich aromatisiertes Erdbeereis riechen? Viele Hochbegabte sind hochsensibel und gehen mit geschärften Sinnesorganen durch das Leben. Ihre Antennen sind feiner abgstimmt, und dadurch nehmen sie Dinge wahr, die für andere unter der Toleranzschwelle liegen.
Das grelle Licht der Lampen im Büro, die Geschmacksverstärker im Kantinenessen, das Ticken der Wanduhr oder der Plastik-Geruch des neuen Teppichbodens können ihnen schwer zusetzen. Doch wer über solche Kleinigkeiten klagt, der wird von seiner Umgebung schnell als übertrieben empfindlich eingeschätzt. Und empfindlich sein hat – wie so viele andere Eigenschaften, die mit Hochbegabung einher gehen, einen negativen Unterton in unserer Gesellschaft. Eine gewisse Unempfindlichkeit wird als Reife gesehen. Eine Naht in der Socke – da was muss man als Erwachsener doch drüber stehen!

Wenige Ausnahmen gibt es: Von einem berühmten Musiker wird nicht erwartet, dass er sein feines Gehör Klängen aussetzt, die ihn irritieren. Einem Sternekoch nimmt man ab, dass ihm übel würde, wenn er in der Schulkantine essen müsste. Aber solche Empfindlichkeiten dürfen nur die zeigen, die es schon zu etwas gebracht haben.
Das Kind aber, das hochsensibel ist und über den Geräuschpegel im Klassenraum klagt oder dass sich weigert, den stinkenden Tafelschwamm anzufassen, wird selten ernst genommen. Es soll sich nicht anstellen, soll sich an die Reize gewöhnen, die Überreizung hinnehmen. Hinter dieser Pädagogik scheint die Hoffnung zu stehen, dass auf die Dauer – eben als Zeichen der Reife – eine gewisse Abstumpfung eintritt. Dass die Überempfindlichkeit vorrübergeht. Wir signalisieren diesen Kindern, dass es schlecht ist hochsensibel zu sein, dass sie ihre Sinne auf das normale Maß zurückschrauben, sich vor dem, was ihre Antennen wahrnehmen abschließen und ihrer eigenen Empfindlichkeit nicht vertrauen sollen.
Wem man nicht zugesteht, über kratzende Etiketten zu klagen, dem hat man den Zweifel an der eigenen Wahrnehmung eingeimpft. Kein Wunder, dass so viele hochbegabte Erwachsene Schwierigkeiten haben, ihren eigenen Sinnen zu vertrauen, ihrem Körper zu glauben, ihrer Intuition zu folgen!!!

Die anderen Merkmale von Hochbegabung 4: Gerechtigkeitssinn und altkluge Moral

Die besondere Empfindsamkeit Hochbegabter betrifft nicht nur die Sinnesorgane – sie haben oft auch eine besonders fein eingestellte Antenne für soziale Beziehungen, für Nuancen und Untertöne in Gesprächen. Auch entwickeln viele Hochbegabte schon in jungem Alter deutliche moralische Werte und einen starken Gerechtigkeitssinn. Nicht selten kann man dann schon bei Grundschülern moralischen Überlegungen begegnen, die dem postkonventionellen Stadium von Kohlberg zuzuordnen sind – ich zitiere hier aus den wunderbaren Arbeitsblättern von Werner Stangl:

“Menschen die dieses Niveau erreichen (in der Regel Erwachsene, im Ausnahmefall Jugendliche) eignen sich moralische Normen, Werte und Prinzipien an, die über ihre eigenen Gruppen und der Gesellschaft hinaus gültig sind, und handeln in autonomer Verantwortung danach. Das Individuum kann hier zum ersten Mal eine Perspektive annehmen, die ihm erlaubt, sich von Bedingungen gegebener sozialer Ordnungen freimachen zu können und ist nun in der Lage bestehende Regeln zu hinterfragen. Es unterscheidet zwischen Heteronomie und Autonomie, Partikularem und Universalem und leidet an Schuldgefühlen, wenn es seine universalen Prinzipien verletzt hat”.

Diese Kinder erkennen weder Gruppennormen noch Autoritäten fraglos an, werden oft spontan und ganz aus sich selbst zu Tierschützern und Vegetariern, sie fangen an zu heulen, wenn sie Unrecht in irgendeiner Form begegnen – wenn sie Mobbing in der Klasse beobachten, ungerechtes Verhalten von Lehrern oder Bilder von geschlachteten Robben sehen.
Unter Altersgenossen führt diese Reife oft zu Missverständnissen und Einsamkeit. Denn wenige Gleichaltrige können die Dringlichkeit verstehen, mit der die jungen Moralisten ihre Werte und Überzeugungen vertreten. Sogar Lehrer und andere Erwachsene finden es oft befremdlich und unnatürlich, wenn junge Kinder schon deutliche Überzeugungen haben. Altklug ist ein Wort, das dabei oft verwendet wird – und es ist ja auch sehr zutreffend, denn diese Kinder sind klug auf eine Weise, die andere erst in hohem Alter erreichen. Oder gar nicht. Leider entwickeln manche Menschen ja nie einen ausgereiften Gerechtigkeitssinn.
Typisch für unsere Kultur ist nur wieder, dass dieses wunderbare Wort eine negative Bedeutung bekommen hat. Genau wie Idealist, Hansdampf in allen Gassen und Weltverbesserer.
Dazu bald mehr.

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MORALISCHEENTWICKLUNG/KohlbergStufen.shtml

Merkmale von Hochbegabung – 5. Weltverbesser-Drang und Visionärer Geist

Letztes Mal hatte ich in dieser Serie über den Gerechtigkeitssinn geschrieben, durch den hochbegabte Kinder auffallen. Ein Sinn ist eine Antenne, die Fähigkeit etwas wahrzunehmen. Auf Dauer ist dieses passive Aufnehmen aber nicht genug. Es führt ganz automatisch zum Bedürfnis etwas zu unternehmen, zu handeln, die Welt zu verbessern.
Schon wieder Worte aus dem Lexikon der Hochbegabung, die in unserer Kultur negativ besetzt sind:
“Weltverbesserer” oder “Idealist” – mit diesen Begriffen kann man sich bei uns nicht schmücken.

Schon früh lernen Kinder und Jugendliche, von Altersgenossen, Eltern und Lehrern, dass es peinlich, lächerlich, übertrieben, störend oder bemitleidenswert ist, sich für eine Sache zu ereifern. Dass Visionen nur Hirngespinste sind. Revolutionen nur Aufruhrsähen und Idealismus schon fast eine Krankheit. Diese Umgebungseinflüsse führen dazu, dass viele Hochbegabte, junge wie alte, ihren Weltverbesserdrang auch selbst als lächerlich erfahren und soweit wie möglich zu unterdrücken versuchen.
Dadurch entstehen oft massive Ohnmachtsgefühle, gepaart mit Schuldgefühlen und Selbstzweifeln. Der/die Hochbegabte hat das Gefühl, Verrat an den eigenen Werten und Möglichkeiten zu üben, sieht jedoch oftmals keinen Weg, aktiv zu werden. Dazu kommen starke Einsamkeitsgefühle – es fehlt die unterstützende und ermutigende Umgebung. Ein Teufelskreis entsteht, der zu immer stärken Ohnmachtsgefühlen und Selbstzweifeln führt.  Depressive Stimmungen können hier ihre Ursache haben.

Anderen gelingt es nicht, den Weltverbesserdrang zu unterdrücken. Sie versuchen es, aber in regelmäßigen Abständen bricht er wie ein Geysir aus, zeigt sich als Wutausbruch oder auf andere Art verzerrtem Verhalten. Es folgt Scham. “Warum konnte ich wieder meinen Mund nicht halten”. “Warum muss ich immer aus dem Rahmen fallen”…

In beiden Fällen schämen sich die hochbegabten Schüler und Erwachsenen schließlich für genau das, was ihre größte Gabe und für unsere Gesellschaft wichtigstes Gut ist.
Gibt es Schöneres und Wichtigers als Menschen, die den Drang fühlen, die Welt zu verbessern, sich für das Gute einzusetzen und solidarisch mit Schwächeren zu sein?
Statt sie zu belächeln, sollten Lehrer und Erzieher diese Fähigkeiten ernstnehmen und fördern. Warum gibt es noch keine Weltverbesser-Akademie? Warum werden Schüler mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn nicht ebenso gefördert wie gute Fußballspieler? Warum lassen wir sie allein, statt sie zu ermutigen und tatkräftig ihrem Beispiel zu folgen?

Mein Weltverbesserdrang diese Woche: die Aktionen von 350.org zu unterstützen.

Mein Idol zur Zeit: Präsident Nasheed von den Malediven, weil er mit seiner wunderbaren Rede und tatkräftigem Handeln gezeigt hat, dass er einer der wenigen Politiker ist, die in der Lage sind, den Weg aus der Klima-Krise zu leiten – wenn wir ihn lassen.

Merkmale von Hochbegabung 5.2.: Kann man Weltverbesserdrang messen?

Hochbegabung ist mehr als ein hoher IQ. Und auffallen tun Hochbegabte – sich selbst und ihrer Umgebung – nur zum Teil wegen ihrer intelligenten Äußerungen. Viel heftiger werden oft die anderen Merkmale wahrgenommen, um die es in dieser Serie geht.
Das Gefühl nicht begriffen zu werden und die anderen nicht zu begreifen, hat weniger mit der Fähigkeit zu tun, mathematische Formeln schnell zu erfassen oder in mehreren Sprachen denken zu können. Sondern damit, dass unterschiedliche Denkstile aufeinandertreffen. Was für den einen ein Gedankensprung ist, erfährt der andere als Abkürzung. Was für den einen ein normales Tempo ist, wird für den anderen zu einer nicht nachvollziehbaren Raserei. Und wenn der eine mit hochempfindlichen Antennen Unterströme oder Spannungen wahrnimmt, tut der andere das als Einbildung ab.

Warum bekommen diese wichtigen Merkmale so wenig Aufmerksamkeit? Weil wir sie (noch!) nicht messen können! Kreativität, Sensitivität, Motivation und Soziale Intelligenz sind bisher nicht in harten Kategorien oder Variabeln zu fassen. Darum besteht die Testung Hochbegabter noch immer vorwiegend aus einer Testung jener Intelligenz, die wir einigermaßen zuverlässig messen können.

Aber warum ist die Testung überhaupt von so großer Wichtigkeit? Warum definieren Hochbegabte sich auch selbst vor allem über diese Tests und nicht über jene Eigenschaften, die im Alltag oft noch relevanter sind?
Ich denke, dass es hierfür zwei Gründe gibt, die zusammenhängen:
Erstens weil das Testergebnis leider oft der einzige Weg ist, für ein hochbegabtes Kind Förderung durchzusetzen.
Und zweitens weil viele Hochbegabte im Laufe ihres Lebens unsicher geworden sind, an ihren eigenen Fähigkeiten zu zweifeln gelernt haben und sich fragen, ob sie verrückt sind. (Denn wenn alle anderen anders sind – dann muss ich ja wohl verrückt sein!)

Diese beiden Gründe hängen zusammen und sorgen für einen Teufelskreis:
Weil die Hochbegabung sonst nicht anerkannt wird, lassen die Eltern das Kind testen – mit einem Test, der nur einen kleinen Teil des komplexen Phänomens Hochbegabung misst.
Das Kind identifiziert sich mit dem Testergebnis und stellt beruhigt fest, dass es nicht verrückt, sondern intelligent ist. Die Lehrer geben dem Kind ein paar extra Matheaufgaben und meinen, das Problem damit aus der Welt geschafft zu haben.
Weil die “Nebenwirkungen” von Hochbegabung nicht angesprochen werden, weil dem Kind nicht mitgeteilt wird, dass hohe Intelligenz mit anderen Eigenschaften verbunden ist, fängt es an sich zu wundern. Bin ich vielleicht verrückt? Wenn ich wirklich hochbegabt wäre, dann müsste ich doch besonderes leisten. Dann müsste ich doch ganz wunderbar mit anderen Menschen umgehen können, mich ihnen begreiflich machen können, meine Gedanken logisch und ohne Sprünge mitteilen können?

So entstehen die Zweifel am eigenen Denken, an den eigenen Fähigkeiten, mit denen so viele Hochbegabte durchs Leben gehen. Erst wenn das ganze Paket, das ganze komplexe Phänomen Hochbegabung gesehen wird, wenn Lehrer ihre hochbegabten Schüler mit alle ihren – manchmal auch lästigen – Eigenschaften annehmen und fördern, dann erst entsteht der offene und sichere Raum, in dem Begabung sich wirklich entfalten kann.

Mit diesem langen und etwas umständlichen Plädoyer wollte ich eigentlich nur einen Buchtip vorbereiten. Und weil das Buch mehr verdient als in der letzten Zeile erwähnt zu werden, stoppe ich hier – und gebe dem Buch seinen eigenen Post.

 

Die anderen Merkmale von Hochbegabung 6: Innere Motivation

Zu keinem Merkmal von Hochbegabung fällt mir so wenig ein wie zur besonderen Motivation der Hochbegabten. Das liegt wohl daran, dass ich dieses Merkmal so selbstverständlich finde, so deutlich – inzwischen habe ich das Gefühl, Hochbegabte zuerst und vor allem daran zu erkennen: dass sie mit einer starken eigenen Motivation durchs Leben gehen. Das gilt für Vierjährige, für Jugendliche und für Erwachsene gleichermaßen.

Besonders ist die Motivation bei Hochbegabten, weil sie von innen kommt. Weder Geld noch Status können Hochbegabte so richtig in Fahrt bringen (auch wenn sich sich manchmal für eine Weile durch das eine oder andere verführen lassen können). Viel wichtiger ist das Eigene Thema, der Innere Drang, die Vision. Damit werden sie morgens wach und gehen sie abends wieder ins Bett – auch wenn sie sich oft selbst nicht klar sind, was genau dieses Thema, dieser Drang, diese Vision ist. Denn gerade weil es nicht eine vorverpackte Motivation ist, keine Vision “von der Stange”, sondern eine ganz persönliche Triebfeder, dauert es oft lange, bis die Hochbegabten erkennen was genau sie treibt.

Oft braucht es Umwege und Experimente, werden hier und da Berufe ausprobiert, Firmen oder Verlage gegründet, mal in die Politik, die Kunst oder die Philosophie hineingeschnuppert. Dann wieder wird ganz pragmatisch versucht sich jetzt endlich für irgendwas zu entscheiden und dabei zu bleiben und basta – nur um kurz darauf zu merken, dass solche drastischen Methoden höchstens zu Burn-Out oder Depression führen, den inneren Drang aber nicht wirklich stillen können.
Und dann geht es wieder auf die Suche und oft ist sie gerade dann erfolgreich, wenn man nicht mehr so krampfhaft nach einem Thema sucht, sondern sich damit abfindet, dass man ein facettenreicher Mensch, ein Mensch mit vielen Talenten ist. Und sich endlich erlaubt vieles gleichzeitig zu tun, alles ein bisschen, mal hier mal da und die Experimentierfreude nicht einzuschränken.

Wer sich erlaubt so offen und entdeckend seinen Ideen zu folgen, der wird merken, dass sie sich mehr und mehr kristallisieren. All die Ideen und Wünsche sind nicht zusammenhanglos, nicht zufällig. Schließlich entstammen sie einer einzigen Quelle, einer Persönlichkeit, einer ganz einzigartigen Sicht auf die Welt: deiner.
Nun ist gerade das etwas, das wir in unserer Kultur nicht lernen: die eigene Weltsicht wertzuschätzen. Wir stopfen uns mit Fakten und Formeln zu, wir zweifeln, kritisieren, reflektieren und wir beherrschen die hohe Kunst des Relativierens. Aber uns selbst zuzuhören, unserer eigenen Wahrheit zu glauben darin werden wir nicht geschult.

Neulich las ich wieder mal in Thomas G. Wests  großartigem Buch über das Visuelle Denken. Darin beschreibt er  Genies wie Einstein, Da Vinci und Faraday. Diese Genies hatten alle besondere Wahrnehmungsweisen, eigenartige Lernstile und Fähigkeiten – vom Stottern, über Beidhändigkeit bis zur Fähigkeit elektrische Strahlungen visuell wahrzunehmen. Wests Buch macht deutlich, dass die beschriebenen Denker nicht trotz ihrer Eigenheiten sondern gerade deswegen zu besonderen Entdeckungen kamen.
Nur wer zu seiner Besonderheit steht, sie entdecken und leben kann, kann auch die eigenen besondere Möglichkeiten und Begabungen wahrmachen. Es ist darum nicht genug, wenn wir hochbegabten Kindern und Jugendlichen Matheaufgaben anbieten oder sie zu Schreibwettbewerben schicken. Sie brauchen eine Umgebung, in der sie ihre Eigenheiten wertschätzen können, mit ihren Möglichkeiten und Begabungen experimentieren können und ihre ganz persönliche Vision und Motivation finden können.
Erwachsene Hochbegabte brauchen das übrigens auch!

Merkmale von Hochbegabung: 7. Tausend Interessen, tausend Projekte

Hochbegabte (und Hochkreative!) sind enorm neugierig, finden die unterschiedlichsten Themen und Aktivitäten interessant und haben eine ellenlange To-do-Liste.
Diese breite Orientierung und Offenheit hat einerseits mit ihren vielen und fein abgestimmten Antennen zu tun (sie Merkmal 3: Sensitivität), aber auch mit Kreativität und Komplexität, Merkmale auf die ich in dieser Serie noch eingehen werde.

Nun ist es aber auch in diesem Fall wieder so, dass dieses besondere Merkmal Hochbegabter in unserer Kultur nicht gerade hochgeschätzt wird. Drei oder vier Interessengebiete stehen recht nett im Bewerbungsbrief, wer mehr aufschreibt läuft schon Gefahr als ein Mensch eingeschätzt zu werden, der sich nicht entscheiden kann. Und Sich-Nicht-Entscheiden-Können ist äußerst verwerflich. Wer sich nicht entscheiden kann ist womöglich unentschlossen oder zögerlich, oder er hat den Ernst des Lebens noch nicht begriffen, nämlich, dass man im Leben nunmal nicht alles machen kann, was einem Spaß macht und dass man sich nunmal entscheiden muss und dass es alles kein Zuckerschlecken ist und dass man irgendwann ja auch mal zur Sache kommen und Nägeln mit Köpfen machen muss und bloß nicht ewig herumexperimentieren ohne dass etwas Nützliches dabei herauskommt.

Diese Botschaften werden hochbegabten Kindern schon früh vermittelt, mal mehr mal weniger subtil.
Du kannst dich immer noch nicht für ein Thema bei deinem Referat entscheiden? Nun mach aber mal!
Dein Aufsatz ist viel zu lang, weil du so viele unterschiedliche Themen angeschnitten hast – schlecht!
Du möchtest Jonglieren lernen? – letztes Jahr wolltest du Chinesisch lernen und du hast gerade erst mit Gitarrespielen angefangen – jetzt bleib endlich mal bei einer Sache!!!

Erst sind es Eltern und, später Freunde und Bekannte, die den Tausendsassa darauf weisen, dass er ihnen mit seinen wechselnden Interessen, Studienfächern oder Berufen auf den Nerv geht. Sie erfahren es als eine Belastung, dass sie sich immer wieder auf neue enthusiastisch vorgetragene Projekte einlassen müssen nur um – gerade wenn sie endlich verstanden haben um was es dabei geht – festzustellen dass das Projekt schon längst wieder vorbei ist. Jetzt ist etwas ganz anderes angesagt, und das wird auch wieder mit jener 100% Begeisterung vorgetragen.

Warum sind Tausendsassas so lästig und nervtötend?
Weil es schwer ist sie einzuordnen und sich von ihnen ein Bild zu machen. Statt eines normalen Photos bräuchte man hier schon so wunderbare Abbildungen, wie es sie in Harry Potters Zauberwelt gibt – Bilder, auf denen die Figuren sich bewegen und verändern können.

Doch dies ist nur die halbe Antwort. Denn die Begeisterung, die der Tausendsassa für jedes seiner Projekte aufbringt, ist vielen Leuten an sich schon suspekt. Wahrscheinlich, weil sie sich selbst nie zu solchem Engagement verleiten lassen. Und wenn ein anderer es kann – bedeutet das nicht, dass mir etwas abgeht? Der Tausendsassa scheint vor Begeisterung Flügel zu bekommen, das Glück über seine Neuentdeckung strömt ihm geradezu aus den Poren und er legt eine schier unerschöpfliche Energie an den Tag. Wem solche Energieströme und Begeisterungswellen unbekannt sind, in dem muss sich wohl der Verdacht regen, dass dem eigenen Leben etwas Wichtiges fehlt.
Doch niemand fühlt sich gern unvollständig. Neid ist kein schönes Gefühl und wird meist schnell umgewandelt: statt sich dieselbe Begeisterungsfähigkeit, zu wünschen werden Begeisterung, Wandelbarkeit und Vielseitigkeit an sich für suspekt erklärt. Die Lebendigkeit des Tausendsassas – denn genau darum handelt es sich – wird lächerlich gemacht, als dumm, ungeschickt, kindlich, verrückt oder naiv dargestellt.

Dies geht an jungen wie erwachsenen Tausendassas nicht ohne Spuren vorbei. Selbstzweifel, Schuldgefühle, Depressionen, das Gefühl ein Versager zu sein und tausenderlei Selbstvorwürfe sind die Folge. Diese Gefühle stehen bei vielen Hochbegabten in einem fortwährenden Widerstreit mit ihrer Begeisterungsfähigkeit. Die Lebendigkeit droht immer wieder im Keim erstickt, an der Wurzel betäubt zu werden.
Und die Schuldgefühle, selten bewusst bearbeitet, öfter ein ganzes Leben klaglos mitgeschleppt, führen dazu, dass hochbegabte Erwachsene nur sehr bescheiden und zurückhaltend auftreten. Dass sie für sich und ihre hochbegabten Kinder nur sehr bescheidene Forderungen stellen:
Ein zusätzliches Arbeitsblatt in Mathe oder nachmittags ein paar Experimente.  Statt: Eine Schule, in der Kinder lebendig sein können, begeistert und an ihren 1000 selbstgewählten Projekten arbeiten können.
Eine ruhige Nische, in der ich vor mich hinarbeiten kann, ohne dass es jemanden stört. Statt: Eine Arbeitsumgebung, die mich inspiriert und in der meine Fähigkeiten gesehen und geschätzt werden.

Kurzum: es geht darum selbstbewusst aufzutreten, sich nicht länger zurückhalten zu lassen.
Dazu braucht es:
– Austausch mit anderen Hochbegabten und Hochkreativen
– Experimentierfelder, Räume in denen die Begeisterung und Lebendigkeit der Tausendsassas sich entfalten kann und erfahrbar wird, dass man mal so richtig loslegen und losträumen kann – ohne dass dadurch irgendwas “kaputtgeht”
– Öffentlichkeitsarbeit, die nicht taktiert und sich arrangiert, sondern lauthals und deutlich fordert.

Tausendsassas dieser Erde vereinigt euch und traut euch den Anderen mal so richtig auf den Nerv zu gehen!

Praktische Tips für Tausendsassas in Barbara Shers Scannerbuch:
http://begabung.blogspot.com/2009/07/sind-sie-auch-ein-scanner.html